Ich habe die Seiten gewechselt.

Fünf Jahre lang habe ich das Media Innovation Lab (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der Wiener Zeitung geleitet und Förderprogramme aufgebaut, die jungen Medienunternehmen in Wien und Österreich eine Chance geben. Diese Woche schreibe ich die erste Ausgabe als hauptberufliche Herausgeberin des Wiener Flaneur.
Es wird Zeit.
Seit Jahren und seit der Gründung des “Flâneur” stelle ich mir dieselbe Frage: Was können wir als Medienmacher*innen tun, damit lokale Berichterstattung wirklich zugänglich ist — und wirklich spannend? Nicht trotz der Komplexität dieser Stadt, sondern wegen ihr.
Wenn du diesen Newsletter schon länger liest, hast du meine Experimente wahrscheinlich hier und da gespürt.
Was ich glaube: Es gibt einen anderen Weg, die Geschichten dieser Stadt zu erzählen. Einen, der die Realität nicht schönredet — aber trotzdem einen optimistischeren Blick wagt. Das bedeutet: das Rauschen der Schlagzeile beiseitelegen. Auf Initiativen schauen, die Lösungen versuchen. Nicht weil Kritik nichts bringt, sondern weil die Flut der Negativnachrichten etwas Gefährliches macht: Sie erzeugt das Gefühl der Hilflosigkeit. Und schlimmer noch — der Gleichgültigkeit.
Ich sage lieber: Wir setzen auf Optimismus. Nicht den seichten. Den nüchternen. Den, den auch Dirk Steffens in Hoffnungslos optimistisch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) meint: ein realistischer Blick auf die Herausforderungen — und dann tun, was möglich ist.
Wien hat unzählige Juwelen. Menschen, die sich für etwas einsetzen. Projekte, besondere Handwerke, Initiativen, die diese Stadt zu einer der lebenswertenswertesten der Welt gemacht haben — mit der gewohnten Prise Unfreundlichkeit, versteht sich. Das mit dem Positiven ginge sonst zu weit. Genau das will ich erzählen.
Heute schreibe ich diese Zeilen auf dem Weg nach Perugia — zum International Journalism Festival (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Seit Jahren wollte ich schon einmal hierher, zuhören, wie es anderen Lokalmedien gelingt. Das Festival ist das größte Medienevent Europas, dieses Jahr in seiner 20. Ausgabe, mit knapp 500 Sprechenden und rund 150 Sessions. Ich freue mich auf neue und alte Gesichter — und darauf, für den Flaneur den nächsten nachhaltig heißen Scheiß heimzubringen.
Was du vom Wiener Flaneur erwarten kannst:
Der Newsletter erscheint weiterhin jeden Sonntag. Auf Social Media starte ich eine große experimentelle Phase — das muss sein. Ich freue mich so halb darauf. Die Welt dort hat ihre eigenen Regeln, und ich werde sie vermutlich erst kennenlernen, während ich gegen sie verstoße. Die Printpublikationen werden wieder aufgenommen.
Der Flaneur war nie ein Medium von oben herab — er war immer ein Miteinander. Die Leser*innen sind Gesprächspartner*innen, nicht Publikum. Und zu diesem Miteinander gehört auch, auf Menschen hinzuweisen, die ähnliche Fragen stellen und ähnliche Wege gehen. Den Anfang machen Medienschaffende, die ich in den letzten Jahren kennenlernen durfte — und deren Arbeit ich dir wärmstens empfehle.
Inselmilieu

Immersive Reportagen über Wien. Was Inselmilieu macht, lässt sich schwer in eine Kategorie stecken — und das ist genau das Richtige. Ihre Arbeit zeigt, wie Journalismus in Augmented Reality übersetzt werden kann: Ein Beispiel ist der Artwalk in Favoriten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der den Bezirk auf eine Art erfahrbar macht, die man so noch nicht kannte. Oder diese Reportage über Hippies in der Lobau (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) — sehr schön. Sie arbeiten gerade an etwas, das ich noch nicht spoilern will. Behalte sie im Auge.
Kurious Magazine / sisigrant
sisigrant ist das Projekt von Iris Borovčnik und Andreas Fischer. Mit ihrem Podcast Im Museum haben sie während der Pandemie tausende Menschen im Audioformat durch Ausstellungen geführt. Heute widmen sie sich analogen Wiederentdeckungen: Es gibt einen Kurious Newsletter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), den ich sehr gerne lese, und das Magazin als Printprodukt.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Und dann ist da noch Die Sieben Todsünden — ein Hybrid-Projekt, das ich dir ausdrücklich empfehle. Kunsthistoriker Daniel Uchtmann trifft sieben Menschen, deren Leben mit einem der klassischen Laster in Verbindung steht, und stellt jede Begegnung einem Meisterwerk aus dem Kunsthistorischen Museum gegenüber. Das Ergebnis: ein Bildband und eine zehnseitige Audio-Dokumentation mit 3D-Sound und eigens komponierter Musik. Das Konzept ist so einfach wie radikal.
→ Zum Buchprojekt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) · Shop (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Business WTF
Iris und Andreas von sisigrant und ich haben auch einen gemeinsamen Podcast. In Business WTF reden wir über das Aufbauen von Medienunternehmen — ehrlich, manchmal naiv, aber immer näher dran an dem, was es wirklich bedeutet, so ein Projekt zum Leben zu erwecken. Für alle, die unsere Arbeit hinter den Kulissen erleben möchten.
→ Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Jeden Tag eine Einordnung von und mit Andreas Sator
Bekannt durch Erklär mir die Welt, hat Andreas auch einen Newsletter, den ich mehrmals die Woche lese. Täglich ein kurierter Blick auf das Weltgeschehen — aus seiner Perspektive, klar eingeordnet. Sehr empfehlenswert.
→ Zum Newsletter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
DER ACHTE
Elisabeth Huntsdorfer gründete ihre Zeitung für die Josefstadt kurz nach meinem ersten Projekt, dem Ottakringer Flâneur. Wir tauschen uns seitdem aus, wie hyperlokale Medien in Wien funktionieren können. Der Achte zeigt, wie lokale Berichterstattung auf Bezirksebene geht — mit einem Layout, das allein schon einen Blick wert ist. Wer sich im achten Bezirk aufhält: Augen offen halten und eine Printausgabe sichern. Hier geht es zur aktuellen Ausgabe von Der Achte.
https://www.derachte.at/wp-content/uploads/2026/02/klein_02_26_derAchte.pdf (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Zwischenbrücken
Bernhard Odenahl, ehemaliger Falter-Journalist und Leopoldstädter, berichtet aus dem 2. und 20. Bezirk. Lokale Investigativrecherche trifft auf geschichtliche Einblicke in das vergangene Wien. Ein erfrischender Spagat — und ein relativ frisches Projekt, dessen großer Fan ich jetzt schon bin.

→ zwischenbruecken.at (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Vielleicht entdeckst du mit diesem kleinen Ausschnitt aus der Wiener Indie-Medienwelt ein neues Projekt, das dir Freude bereitet. Was diese Woche noch in Wien los ist, erzähle ich dir jetzt.
LONG COLD SHADOW
Mittwoch, 15.04.2026
Uhrzeit: 19:00 Uhr
Ort: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Im dritten Teil der Filmreihe Long Cold Shadow, kuratiert von Martin Beck, treffen zwei Arbeiten aufeinander, die sich mit politischem Widerstand und medialer Darstellung beschäftigen: Agnès Vardas Black Panthers und The Murder of Fred Hampton.
Die Filme stammen aus einer Zeit, in der Kamera und politisches Geschehen kaum zu trennen waren – und stellen eine Frage, die heute wieder erstaunlich aktuell wirkt: Welche Rolle spielt das Bild in Momenten gesellschaftlicher Umbrüche?
Der Eintritt ist frei, ein Ticket muss vorab online reserviert werden. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Das Bellaria Kino öffnet wieder
Mit dem 17. April 2026 sind die Türen des lange Zeit vermissten Bellaria Kino wieder geöffnet. Das Programm ist vielversprechend! Gezeigt werden aktuelle Programmkino-Highlights im Original mit dt. Untertiteln und zeitlose Klassiker aus über 100 Jahren Filmgeschichte. Tickets können bis Anfang Mai nur per E-Mail reserviert werden. Non-Stop-Kinokarten gelten ab sofort jetzt auch hier. Welcome back, liebes Bellaria!
→ bellariakino.at (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
20 Jahre Critical Mass
Freitag, 17.04.2026
Uhrzeit: ab 16:30 Uhr (Start 17:00)
Ort: Schwarzenbergplatz → Donauinsel (SummerStation bei der Brigittenauer Brücke)

20 Jahre Critical Mass in Wien – und diesmal wird nicht nur gefahren, sondern gefeiert.
Seit 2006 rollt die monatliche Ausfahrt durch die Stadt und macht sichtbar, wie viele Menschen sich eigentlich schon jetzt auf zwei Rädern bewegen. Was als kleines Grüppchen begonnen hat, ist längst zu einer der größten wiederkehrenden Aktionen für die Verkehrswende geworden – mit bis zu 2.000 Teilnehmer*innen.
Zum Jubiläum gibt’s einen großen Partyride quer durch Wien, gefolgt von einem Konzert auf der Donauinsel. Auf der Bühne stehen unter anderem Black SunZet, Flonky Chonks und Jenna Ham.
Eine dieser Abende, an denen Stadt plötzlich anders funktioniert: lauter, langsamer, gemeinsamer.
Bis zur nächsten Ausgabe wünsche ich dir eine gute Zeit!
Liebe Grüße,
Alexandra Folwarski
Herausgeberin Wiener Flâneur