Newsletter #4 / Bienen im Schlüppi
Zwei Boomer überwintern am anderen Ende der Welt

Hola Amigas und Amigos!
Endlich. Wir sind auf der Bienenfarm im Süden Chiles angekommen. Unsere Hosts Pia und Vito sind ein paar Jahre älter als wir und machen seit 2008 Honig. Vito hat sein Hobby Imkern damals zum Beruf gemacht. Denn die Zeitung, für die er als Fotojournalist gearbeitet hat, wurde aufgekauft und die Belegschaft vor die Tür gesetzt. Kennt man irgendwoher. Mit Ende 50 stand Vito vor der Frage: Im Früher schwelgen und bitter werden oder den besten Honig von Chile machen. Seither hat er 3 Medaillen gewonnen.
War das alles so einfach, wie es klingt? Natürlich nicht. In Patagonien ist´s wie in der Uckermark. Die Einheimischen haben auf die Klugscheißer aus der Stadt nicht gewartet. Die Kulturen klatschen aneinander, das Land wird teurer, das Miteinander will eingeübt sein. Genau darum geht es in unserer Podcast-Bonusfolge für steady-Abonnenten.
Die Farm liegt nahe des 600-Seelen-Ortes Puelo, die Gegend ist atemberaubend, der Tourismus überschaubar. Die letzten 3o Kilometer führen über eine Schotterstraße. Vito hat ein Drittel seines Grundstücks der staatlich geförderten Wiederaufforstung vermacht und sich damit bewußt gegen ökonomisches Nutzen entschieden. Nur am Rande: Der Kahlschlag ist kein Thema von Soja-Riesen in Brasilien. Schon die deutschen Siedler haben sich vor 150 Jahren in Chile wie die Axt im Regenwald aufgeführt und heftig gebrandrodet. Da hier vieles schnell wächst, sind einige der 3000 Setzlinge ordentlich in die Höhe geschossen und bilden mit dem Altbestand einen dichten Wald , durch den Besucher wie durch eine Kathedrale laufen und viel über Coihue, Canelo, Murta oder Arrayan lernen.
Für unsere Steady-Mitglieder gibt es einen zufällig entstandenen, künstlerisch mäßig wertvollen Film von 45 Minuten, der Vito, Hajo und eine unablässig schwingende Machete im Urwald zeigt.
1. Gefühlt: Gilt der Placebo-Effekt eigentlich auch für Insekten? Also reicht die Anwesenheit von reichlich Krabbelvieh oder heftiges Summen, dass der Mensch umgehend Juckreiz oder Stiche verspürt? Bei Suse war es so. Gerade noch saßen wir einträchtig zwischen Himbeerstacheln neben den Bienenstöcken und podcasteten pflückend (oder umgekehrt), da schoss sie quiekend empor. Der Mann im Strauch nahm umgehend eine gründliche Leibesvisitation vor und befahl ausnahmsweise ohne Eigeninteresse „Zieh dich aus!”. Die Hundedame wandte derweil peinlich berührt dass haarige Haupt ab. Strip im Strauch, sowas hatte Leia noch nie gesehen. Richtig was los an unserem ersten Tag auf dem Land. Die gute Nachricht: Es handelte sich um eine Placebo-Biene. Mehr in Folge 4 des regulären Podcasts.
2. Gestochen: Zu unseren ersten Aufgaben als Oldie-Volunteers gehört das Beseitigen der vielen stacheligen Disteln von den Weiden. Mögen die Schafe nicht. Jetzt kann man zur chemische Keule greifen oder ein Humanherbizid namens Hajo einsetzen. Im deluxe-Newsletter gibt´s eine heroische Fotosammlung.
3. Gewohnt: Untergebracht sind wir im ehemaligen Jugendzimmer. Zum Glück kein Etagenbett, dafür kaum Platz und zwei unterschiedlich hohe Bettgestelle. Marie Kondo wäre begeistert. Für unsere Steady-Community öffnen wir unser Schlafzimmer.
4. Geschwelgt: Bei Fidel und Julia, den Nachbarn, waren wir zum Essen eingeladen. Es gab angeblich wilden Lachs aus dem Ofen mit dick was drauf. Was wohl? Genau. Käse. Und ordentlich Schinken drunter. Julia kommt aus Kuba und hat in Havannas legendärer Boxschule unter anderem für Schwergewichtslegende Félix Sávon gekocht, der eine seiner drei Goldmedaillen 1992 in Barcelona gewann, wo Hajo ihn gesehen hat.
5. Gewwooft: Weil so viele fragen, wie wir an den Kontakt mit Pia und Vito gekommen sind? Ganz einfach. Wir haben gewwoofert. Paul, unser Sohn, war vor zwölf Jahren als Wwoofer in Neuseeland unterwegs. Er meinte, wir sollten doch mal auf Wwoof (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).net schauen. Dort findet man weltweit Farmen, die Kost, Logis und meist Famileinanschluß gegen Mitarbeit anbieten, ob drei Tage oder drei Monate, ob Elefantenbabys in Thailand (auf hundert Jahre ausgebucht), Permakultur in Dänemark (immer was frei) oder Honig in Chile (durchaus gefragt). Eine absolute WinWin-Situation: Sprache und Fertigkeiten lernen, was Sinnvolles tun statt Daydrinking am Pool, vor allem aber ein Land von innen kapieren statt Tripadvisor-Stationen abzufahren. Für alle, die das Konzept von Erschöpfungsarbeit und Erholungsurlaub ohnehin anzweifeln. Wir werden weiterwwoofern, soviel ist schon mal klar.
6. Gekämpft: Himbeersträucher. Disteln, Bienenschwärme und mit der Machete durch den Dschungel. Wir schlagen uns meistens gut, um abends oft herrlich müde ins Bett zu plumpsen. Dass die Arbeit auf einer Farm vielseitig und durchaus auch muskelkaterfördernd sein kann, das ahnten wir. Dass auch unangenehme Jobs wie Komposttoilette dabei sind, gehört dazu und fügt dem inneren Dämonenzoo ein paar neue Exemplare hinzu. Aber dass so viele Zipperlein, von Rücken bis Schlaf, plötzlich verschwinden, dass man kaum Gedanken an Ernährung, Körpergewicht oder Styling verliert, das kam unerwartet und ist extrem erholsam. Dance with the Balance, Stupido.
Vielen Dank fürs Lesen und einen herzlichen Gruß an unsere UnterstützerInnen, die jetzt weiterlesen dürfen.
Herzlichst, Suse und Hajo
PS. Zum Schluss noch etwas Eigenwerbung: Suse ist mit ihrer Eulenpost jetzt auch zu Steady umgezogen. In ihrem Newsletter gehts um Psychologie und Naturtherapie, Waldwissen und Coaching sowie die Termine für ihre Waldtage und Waldcoaching Seminare in der ersten Hälfte des neuen Jahres.
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