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Das Bewusstsein des Menschen und der Maschine

Die Frage der Künstlichen Intelligenz ist aktueller denn je. Dies ist eine große Chance und gleichzeitig eine große Gefahr. Eine Gefahr ist es, wenn wir nicht wissen, was den Menschen von der Maschine unterscheidet. Eine große Chance ist es, wenn wir diesen Unterschied endlich verstehen. Dieser ist nämlich mitnichten klar.

»Die umwälzende Bedeutung der Kybernetik« liegt darin, »dass Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wir in der Vergangenheit ausschließlich lebendigem Fleisch und Blut zugeschrieben haben, auch unabhängig von solcher spezifischen Materialität realisiert werden können.« (Günther 1963, 117)

Der Mensch steht nun am Scheideweg, entweder sich selbst als Maschine zu verstehen und sich ganz dem Mechanismus auszuliefern, womit er im Vergleich zur Maschine seinen Marktwert mehr und mehr verlieren wird,

»oder aber ein neues schöpferisches Bild von sich zu entwickeln, indem er sich als so frei begreift, dass er die historische Notwendigkeit der Maschine furchtlos bejahen kann, weil er nie in Gefahr ist, von ihr verknechtet zu werden. (…) Die Automation als erster Vorgang in der Geschichte der Technik verheißt die Entmechanisierung des Menschen.« (ebd., 138)

Leonardo da Vinci: Der vitruvische Mann

Menschen lehnen diese Technik ab, weil sie sich selbst materialistisch-mechanistisch begreifen, selbst als materielles Ding objektivieren. Dann fühlt man sich von den Maschinen gekränkt. Dies ist aber mitnichten notwendig. Vielmehr zwingt dieser neue Sachverhalt der KI zur Akzeptanz unserer spirituellen Seite.

Die bisherige Wissenschaft und Technik hatte vorwiegend ein einziges Ziel: die Naturbeherrschung. Damit wurde ein instrumentelles und mechanistisches Weltbild kultiviert, das zwar diese technische Beherrschung und Verfügbarkeit der Natur ermöglicht, aber die besonderen Eigenschaften und Qualitäten des Menschen nicht berücksichtigt. Der Mensch wurde ebenso objektiviert und mechanisiert wie die Natur. Die KI, das künstliche Denken, zwingt die Menschen dazu, diesen Dingen auf den Grund zu gehen.

Wesentliches hat dazu bereits in den 1960er Jahren ein Computerforscher und Kybernetiker gesagt, der gleichzeitig hervorragend in Philosophie ausgebildet war und Kant, Hegel und die ganze philosophische Kunst studiert hatte: Gotthard Günther. In seinem bereits oben zitierten Buch Das Bewusstsein der Maschinen und in dem ebenfalls in dieser Buchausgabe erschienenen Artikel Die zweite Maschine hat er dazu die wesentlichen Aspekte zusammengefasst. Interessanterweise blickt er auf den Sachverhalt aus der Perspektive der Logik und verknüpft das mit spirituellen und theologischen Überlegungen. Dies führt zu einer durchaus ungewöhnlichen Mischung, die gleichwohl einen Rahmen bildet, der groß genug ist, um Maschinen zu erklären, die ohne mechanische Teile arbeiten und reine Gehirnfunktionen abbilden, nämlich Geräte zur Informationsverarbeitung, oder, wie wir heute sagen: Computer.

Es ist dabei durchaus erfrischend und erhellend zu sehen, wie ein begnadeter Forscher Anfang der 1960er Jahre über Maschinen spekuliert, die es zu dem Zeitpunkt noch nicht gab, die er aber postulierte und die heute im Jahre 2026 Realität geworden sind. Seine damaligen Vorhersagen sind heute eingetroffen. Wir können deshalb seinen grundlegenden logischen und philosophischen Überlegungen zum Verhältnis von Maschine und Bewusstsein umso mehr Vertrauen schenken. In der Tat ist das Bewusstsein sein Hauptthema, und seine Untersuchung geht dahin, wie Bewusstsein in der Maschine abgebildet werden kann – nicht direkt menschliches Bewusstsein im Sinne von Selbstbewusstsein, aber eine Eigenschaft, die strukturelle Ähnlichkeit mit menschlichem Bewusstsein hat.

Die vier logischen Ebenen der Sprache

»Für denjenigen Leser, der an diesem Grundproblem einer allgemeinen Theorie eines ›mechanical brain‹ näher interessiert ist, seien im Folgenden die vier logisch möglichen Sprach- und Ausdruckssysteme mitgeteilt. Man unterscheidet

1. Sprachen, in denen alle Ausdrucksvariablen einer und derselben semantischen Kategorie angehören;

2. Sprachen, in denen die Anzahl der die Variablen umfassenden Kategorien größer als 1, aber stets endlich ist;

3. Sprachen, in denen die Variablen zu unendlich vielen semantischen Kategorien gehören, wobei aber die Ordnung dieser Variablen eine im vornhinein gegebene natürliche Zahl nicht überschreitet, und schließlich

4. Sprachen, die Variablen beliebig hoher Ordnung enthalten.

(Vgl. Alfred Tarski, Der Wahrheitsbegriff in den formalisierten Sprachen. Studia Philosophica, Leopoli 1935, bes. S. 81).

Alle höher entwickelten Umgangssprachen, die Begriffe wie ›Ich‹ und ›Selbst‹ enthalten, gehören der vierten Sprachordnung an. Jede dieser Sprachordnungen ist relativ zu den niedereren eine Metasprache. Und man kann über eine Sprache nur in einer ihr übergeordneten Metasprache wissenschaftlich exakt sprechen. Auf dem Niveau des vierten Sprachtypus, der auch Universalsprache genannt wird, kann man über alles sprechen; allerdings mit der höchst beträchtlichen Einschränkung, daß man in der Logik, die diese Sprache beschreibt, Paradoxien und Antinomien in Kauf nehmen muß, wenn man über ›Tatbestände‹ spricht, deren Begriffe erst auf diesem Sprachniveau sich bilden. Solche Begriffe sind z. B. ›Ich‹ oder ›Selbstbewußtsein‹. Paradoxien aber sind nicht als technische Objekte konstruierbar.« (Günther 1963, 188 f.)

Diese vier Sprachebenen oder vier Arten von Sprachen unterscheiden sich durch zunehmende Komplexität. Es ist an dieser Stelle nicht möglich, formallogisch tiefer in die Erklärung dieser vier Ebenen einzusteigen. Für unsere Überlegungen ist die Tatsache wichtig, dass es diese unterschiedlichen Ebenen gibt. Die höchste Ebene ist die menschliche Sprache, die durch unser Selbstbewusstsein hervorgebracht wird.

Günther unterscheidet zudem im Bewusstsein zwei Ebenen:

  • einfach reflexives Bewusstsein

  • doppelt reflexives Bewusstsein (Selbstbewusstsein)

Einfach reflexives Bewusstsein

Immer, wenn es irgendwo Wissen gibt, gibt es auch Bewusstsein. Man ist sich einer bestimmten Sache bewusst. Ein Beispiel für einfach reflexives Bewusstsein ist der Autofahrer im Straßenverkehr. Es gibt bestimmte Verkehrsregeln, die auf Informationen beruhen, zum Beispiel bei einer roten Ampel zu halten und bei grünem Licht zu fahren. Die abstrakte Verkehrsvorschrift sagt: grünes Licht, jetzt fahren. Wenn aber die Kreuzung noch voll mit Autos steht, die den Weg blockieren, kann der Autofahrer nicht fahren. Er muss also das Informationsmaterial modifizieren und verarbeiten, um zu dem Schluss zu kommen: Ich kann nicht fahren. Für diese Informationsverarbeitung ist einfach reflexives Bewusstsein notwendig. Die Information und die Regel alleine, in diesem Fall das grüne Licht und die Verkehrsregel, reichen nicht, um alle Eventualitäten, die im Realen auftauchen können, abzudecken. Dies ist ein Beispiel für die unterschiedlichen Sprach- und Bewusstseinsebenen. Die Verkehrsregeln sind eine Sprache erster Stufe. Alle Ausdrucksvariablen gehören zur gleichen semantischen Kategorie. Der Autofahrer hat noch eine andere semantische Ebene, nämlich den tatsächlichen Straßenverkehr, und kann deswegen die Sprache erster Ordnung überschreiten und zu eigenständigen Schlüssen kommen, die außerhalb dieser ersten Sprachordnung, also außerhalb der Verkehrsregeln, liegen. Würde er diesen Verkehrsregeln nämlich sklavisch folgen, so müsste er bei Grün losfahren und mit dem vor ihm stehenden Auto kollidieren.

Im Bewusstsein reflektiert er auf die Objekte, etwa die anderen Autos, die mit ihm am Straßenverkehr teilnehmen, und verarbeitet die Information, um zu eigenen Schlüssen zu kommen. »Selbstproduktion von Information, gleichgültig, ob sie partiell oder total ist, aber setzt Bewusstsein voraus.« (Günther 1963, 187)

Doppelt reflexives Bewusstsein

Das doppelt reflexive Bewusstsein ist nicht einfaches Bewusstsein von etwas, sondern Bewusstsein seiner selbst: Selbstbewusstsein. Dieses Bewusstsein reflektiert eine Sache und den Reflektionsprozess selbst, nämlich dass es reflektiert. Selbstbewusstsein ist sich dessen bewusst, dass es bewusst ist. Dafür sind logische Begriffe wie ›Ich‹, ›Selbst‹ oder ›Selbstbewusstsein‹ notwendig. Diese Begriffe oder Worte gehören zur vierten Stufe der Sprache. Wie in dem obigen Zitat gesagt, kann man in dieser höchsten Sprachstufe über Dinge wie ›Selbst‹ oder ›Selbstbewusstsein‹ sprechen, aber es entstehen Paradoxien und Antinomien, also Widersprüche. Wir brauchen uns nicht darüber zu wundern, dass wir uns selbst nicht verstehen und immer wieder an der Frage scheitern, wer wir sind. Wir sind einfach logisch dazu nicht in der Lage. Unsere höchste Komplexitätstufe kann unseren Entstehungsprozess logisch nicht übersteigen. Das ist unmöglich. Dazu bräuchte es eine Sprachstufe fünfter Ordnung. Diese ist aber der Instanz vorbehalten, die uns erschaffen hat, was immer dieses sein möge: Gott, die Natur, das Unbekannte, der Faktor X.

Zumindest aber sind wir auf der vierten Sprachstufe dazu in der Lage, alle untergeordneten Sprachstufen zu durchdringen. Jede höhere Sprachordnung ist relativ zu der niederen eine Metasprache.

Das Maschinenbewusstsein

Die informationsverarbeitenden Maschinen, also die Computer und auf der aktuellen höchsten Entwicklungsstufe die sogenannte ›Künstliche Intelligenz‹, sind in der Lage, einfach reflexives Bewusstsein zu entwickeln. Sie können Informationen aufnehmen und verarbeiten und daraus neue Informationen erzeugen. Nehmen wir das Beispiel einer einfachen, mechanischen Maschine, etwa eines Heizkörperthermostats. Dieses Thermostat misst die Temperatur und schaltet die Heizung je nachdem an oder aus. Dies ist schon ein Beispiel eines Automaten, der ohne die direkte Steuerung des Menschen seine Aufgabe erfüllt. Er ist aber noch auf der mechanischen Ebene. Es gibt keine Reflexion und Weiterverarbeitung der Information. Es ist ein starres System. Ein Computer nun ist in der Lage, solche Informationen zu verarbeiten und in eine höhere Sprachordnung zu übersetzen. Er könnte zum Beispiel verschiedene Tageszeiten, Räume und Nutzungsabsichten unterscheiden. Nützlich ist hier die Unterscheidung in operative Einheiten und Steuereinheiten. Das Thermostat ist eine operative Funktion. Es gibt eine logische Verknüpfung zwischen der Raumtemperatur und der Aktivität des Heizkörpers. Wann immer eine bestimmte Temperatur erreicht ist, beginnt die Heizung zu heizen. Es ist eine einfache operative Einheit ohne Bewusstsein. Diese Arten von Maschinen gehören dem ersten Sprachtypus an.

Die Computer können nun viele dieser operativen Einheiten logisch verknüpfen und je nach Bedarf unterschiedliche Steuerungen vornehmen. Sie sind also Steuereinheiten auf der zweiten oder dritten Sprachstufe, die solche Operationen je nach logischen Vorgaben an- oder abschalten oder auch verändern können. Es zeigt sich, dass viele dieser operativen Einheiten, die als einfach reflexive Bewusstseinsfunktionen verstanden werden können, mechanisch wiederholt werden können. Dafür braucht es eine Maschinensprache. Die Computer besitzen die Fähigkeit für Gedächtnis, Lernfähigkeit, Mustererkennung sowie Entscheidungsfähigkeit, indem sie bestimmte arithmetische Routinen auswählen, sogenannte Algorithmen. Sie können diese abstrakten Begriffe schließlich in sinnvolle Handlungsroutinen umsetzen.

Die Maschinensprache muss logisch eine Stufe unter der Sprache des Programmierers sein. Der Mensch befindet sich auf der vierten Sprachstufe, auf der er die Maschinensprache konzipiert und darin den Computer programmiert. Diese Maschinensprache bewegt sich maximal auf der dritten Sprachstufe, d.h. es gibt unendlich viele semantische Kategorien (Anwendungsfelder), die aber eine endliche Zahl von Variablen haben (die Zeichen der Programmiersprache). Der Mensch legt fest, welche Variablen welche Funktion haben.

Der Mensch ist der Schöpfer des Computers, und der Computer ist sein Geschöpf. Man kann sich das analog vorstellen wie das Verhältnis von Gott zum Menschen. In diesem Fall ist Gott der Schöpfer und der Mensch ist das Geschöpf. Wir können als Menschen unseren Entstehungsprozess, d.h. woher wir kommen und wie wir geschaffen wurden, nicht wirklich verstehen. Dieser Schöpfungsprozess vollzieht sich, wie zuvor erwähnt, auf dieser fünften Sprachstufe, die man die Sprachstufe Gottes nennen könnte. Wir haben nicht die logische Kapazität, das zu verstehen. In gleicher Weise wird der Computer niemals die logische Kapazität haben, seinen eigenen Schöpfungsprozess, wie er geschaffen wurde, logisch zu übersteigen. Dazu bräuchte er die vierte Sprachstufe, die aber zu seiner Maschinensprache transzendent ist, also diese überschreitet. Der Mensch wird immer eine logische Stufe höher stehen als der Computer.

Das menschliche Bewusstsein

»Was allein unwiderleglich feststeht, ist, daß es nicht möglich ist und nie möglich sein wird, ein volles menschliches Selbstbewußtsein als Robotgehirn zu entwerfen. Und zwar aus dem folgenden Grunde: die Logik bzw. Mathematik, in der ein solcher ›mechanical brain‹ beschrieben wird, muß von einem höheren Sprachtypus sein als derjenige, den das Robotgehirn braucht, um seine Begriffe zu produzieren. In der Ausdrucksweise der symbolischen Logik: die Konstruktion eines Robots muß in einer Sprache erfolgen, die relativ zu der Sprache, in der ein Robot ›denkt‹, die Metasprache ist. Nun gibt es aber zu einer Sprache, die Begriffe wie ›Ich‹, ›Du‹ oder ›Selbst‹ als logisch relevante Ausdrücke enthält, keine Metasprache mehr. Eine solche Sprache ist von höchstmöglicher logischer Ordnung. Wenn also ein Konstrukteur versuchte, einem ›mechanical brain‹ die eben genannten Begriffe und damit ein Denken in einer Sprache höchstmöglicher Ordnung einzubilden, dann bliebe ihm keine Metasprache mehr, in der er ein solches Robotgehirn entwerfen könnte. Umgekehrt: reserviert der Konstrukteur einen solchen Sprachtypus für die Darstellung seines Entwurfes, dann kann er dem Entwurf selber nur ein niedereres Sprachniveau, in dem solche Worte (Begriffe) noch nicht auftreten, zuschreiben. Ein Gehirn aber, das den Begriff ›Selbstbewußtsein‹ prinzipiell nicht konzipieren und in seiner Sprache bilden kann, hat auch kein Selbstbewusstsein.

Es wird also nie möglich sein, einen Robot, der Selbstbewusstsein besitzt, zu konstruieren, weil ein Mechanical Brain, der Worte, wie ›Ich‹ und ›Selbst‹ gebrauchen kann und weiß, was sie bedeuten, eine Sprache spricht, zu der es keine Metasprache mehr gibt, in der sein technischer Entwurf vom Konstrukteur konzipiert werden könnte. Wenn beide die gleiche Sprache sprächen, dann wären Schöpfer und Geschöpf einander geistig ebenbürtig. Dies ist absurd.« (Günther 1963, 187 ff.)

Der Mensch hat also diese Fähigkeit des Selbstbewusstseins, d.h. der doppelten Reflexion. Alle Funktionen der einfachen Reflexionen, also das Bewusstsein von Objekten, können durch die kybernetischen Maschinen repliziert werden, aber die Selbstbewusstheit können diese Maschinen nicht erreichen – so jedenfalls der in Logik und Philosophie geschulte Gotthard Günther.

© Adobe Photostock

Die Maschinensprachen, etwa Python oder C++, sind bestimmte Definitionen, die vom Erfinder der Programmiersprache mehr oder weniger willkürlich gesetzt wurden – der sogenannte Quellcode – und von den ausführenden Programmierern verwendet werden, um die Computerprogramme zu schreiben. Innerhalb der Maschinensprache vollzieht sich dann die Aktivität der Maschine. Die menschliche Sprache ist dazu eine Metasprache, weil wir in unserer menschlichen Sprache die Definitionen festlegen, was bestimmte Befehle oder binäre Codes in der Maschinensprache bedeuten.

»Allgemein wird auch von konservativen Kybernetikern zugegeben, daß es theoretisch möglich ist, jede Bewußtseinsfunktion mechanisch zu wiederholen. Denn wenn die Funktionsweise eines Bewußtseinselements mechanisch interpretierbar ist, dann muß das gleiche auch von allen anderen gelten. Nur eine Fähigkeit, so wird einstimmig betont, wird man niemals konstruktiv duplizieren können! Es ist die schöpferische Tätigkeit des menschlichen Bewußtseins. Wozu wir hier bemerken wollen, daß spirituelle Produktivität vermutlich überhaupt keine Bewußtseinsfunktion ist und ausschließlich dem Bereich des ohnehin nicht reproduzierbaren Selbstbewusstseins angehört.« (ebd., 194f)

Auch wenn jede einzelne Bewusstseinsfunktion mechanisch reproduzierbar ist, sind dies insgesamt einzelne operative Einheiten, die noch kein Gesamtbild ergeben und damit auch keine höhere logische und sprachliche Ordnung erzeugen können. Das ist wie bei dem trojanischen Pferd. Obwohl in dem trojanischen Pferd viele Menschen sind, die Bewusstseinseinheiten darstellen, ist das Pferd selbst nicht bewusst. Um hier eine höhere Ordnung – also ein echtes Pferd in dem Fall – zu erreichen, braucht es eine höhere Bewusstseinsstufe bzw. sprachlogische Ordnung. Es ist nicht nur eine einfache additive Ansammlung von Bewusstseinseinheiten. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Bewusstsein bildet sich aus Informationen, die sich in einer sinnhaft modifizierten Weise auf sich selbst beziehen. Dadurch weiß dieses Bewusstsein von sich selbst. Die Informationen werden in einem logisch überlegenen System verarbeitet. Dadurch entsteht Selbstbewusstsein. Dieses Selbstbewusstsein ist das, was wir ›Ich‹ nennen. So hat Kant den berühmten Satz in der Kritik der reinen Vernunft gesagt: »Das: Ich denke, muss alle meine Vorstellungen begleiten können.« (Vgl. Günther, 197) Dies ist diese vierte logische Stufe, die Metaperspektive, die alles überblickt.

Es ist die besondere Fähigkeit des Menschen, dass er ein schöpferisches Bewusstsein hat. Der Mensch kann eigene, ursprüngliche und originale Ideen entwickeln, erfinden oder entdecken. Er kann auch initiale Anstöße für Ziele und Zwecke geben. Er hat eine Art von Selbstermächtigung oder Selbstbewusstsein, aus dem heraus er eigene neue Zwecke setzt. Dies kann eine KI nicht. Die KI kann nur das ausführen, was der Mensch ihr aufträgt, wenn auch in atemberaubender Virtuosität und Perfektion. Darin übertrifft sie den Menschen und wird immer besser werden. Aber die initiale Zündung wird immer von Menschen ausgehen.

Günther nennt dies hier »spirituelle Produktivität« und fragt sich, ob diese überhaupt eine Bewusstseinsfunktion ist. Materielle Produktivität im Sinne einer ausführenden Gewalt ist in dieser Ordnung eine Bewusstseinsfunktion, und zwar des einfach reflexiven Bewusstseins. Spirituelle Produktivität gehört aber ausschließlich dem Selbstbewusstsein an. Dieses ist nicht maschinell reproduzierbar, weil es in der vierten und höchsten Sprachstufe operiert. Die Sprache des Schöpfers kann nicht die gleiche wie die Maschinensprache sein. »Dann wären Schöpfer und Geschöpf einander geistig ebenbürtig. Dies ist absurd.« (s.o.) Die spirituelle Produktivität kann also nicht in die Maschine abgebildet werden. Mit anderen Worten: Die Maschine kann kein Autor oder Urheber von ursprünglichen Zwecken werden. Sie kann nur gesetzte Zwecke ausführen.

Der Unterschied von Mensch und Maschine

»Allgemein muß dazu bemerkt werden: Was hier für den Menschen gilt, gilt für ein Robotgehirn erst recht, wenn es Bewußtsein besitzen will. Nur ist das Ich im Fall des Robot aus dem Mechanismus in den Konstrukteur zurückverlegt. Er repräsentiert das „Ich" des Mechanismus. Ein sehr wesentliches Element der kybernetischen Theorie ist nämlich, daß die Konstruktionsideen des Ingenieurs, der den „mechanical brain" entwirft, mit dem Robot-Gehirn zusammen zwar kein physisches, wohl aber ein logisches System bilden.« (ebd., 197)

Das Robotergehirn bildet mit dem Konstrukteur ein logisches System! Das ist genau das, was mit der Aussage, dass die KI keine ursprünglichen Zwecke setzen kann, gemeint ist. Die KI hat ein Ich, aber das liegt im Konstrukteur beziehungsweise im Nutzer der Maschine. Die KI kann physisch unabhängig von dem Konstrukteur funktionieren, aber existentiallogisch bleibt sie mit ihm verbunden.

Es wird in den trivialen Interpretationen der KI oft die Angst geschürt, dass die KI sich von den Menschen unabhängig macht, sich über sie erhebt, sie bekämpft und womöglich ausrottet. Dies ist ein Kategorienfehler, der aber typisch für die instrumentelle Vernunft des kapitalistischen und materialistischen Menschen ist, der von seiner spirituellen Qualität entfremdet ist. Es wird in dieser Interpretation verschleiert, dass auch hinter der ausgefeiltesten und selbstständigsten KI immer noch Menschen stehen.

Wenn wir der Logik glauben können, wird es für die KI niemals möglich sein, in dem Sinne wie ein Mensch eigenständige und unabhängige kreative Ideen zu erzeugen. Und genau das ist der Unterschied zwischen dem Menschen und der Maschine. Der Mensch hat diese Agency, diese unabhängige, aus sich selbst schöpfende Aktivität, die auf seine emotionalen und spirituellen Bedürfnisse zurückgeht. Im Denken unterscheiden wir uns kaum von den Maschinen, aber in unserem Fühlen und Wollen unterscheiden wir uns sehr wohl. Mittlerweile wird von einigen Experten der KI auch die Fähigkeit des Fühlens zugeschrieben (Markus Gabriel: Ethische Intelligenz, Ullstein 2026; Amanda Askell, Spiegel 10/2026). Deshalb muss wohl besser von »spiritueller Produktivität« (Günther, 194, s. oben) gesprochen werden, um genau zu differenzieren, was uns von der KI unterscheidet.

In einem Gespräch des Autors mit ChatGPT über die Frage, was den Menschen von der Maschine unterscheidet, sagte die KI: »Menschen haben Ideen oft, weil sie etwas fühlen oder etwas verändern wollen – z. B. aus Neugier, Frust, Liebe, Ehrgeiz.« Der elementare Unterschied zwischen der KI und dem Menschen ist, dass der Mensch Leidenschaften und Gefühle hat und daraus bestimmte Wünsche und Ideen entstehen. Der Mensch ist als Folge dessen die treibende Kraft, das »innere Feuer« (ChatGPT), der Schöpfer oder die Schöpferin neuer Wirklichkeiten. Das kann die KI nicht. Sie ist nur eine ausführende Gehilfin. Menschen haben Ideen und Wünsche, die aus einem inneren Antrieb kommen. Sie wollen etwas. Sie treiben etwas voran, und das kommt aus entsprechenden Gefühlen, wie zum Beispiel Frust oder Ehrgeiz. Die KI hat keinen Frust, keinen Ehrgeiz. Sie hat keine derartigen primordialen Gefühle.

Die KI hat auch keine eigenen Ursprungsideen. Sie hat keine Absicht, keine Meinung, keinen eigenen motivationalen Antrieb. Ursachen für Motive und Antriebe sind immer wieder die Gefühle, z.B. wenn wir unzufrieden sind, oder wenn wir etwas wollen, was uns befriedigen würde. Alle diese Intentionen und Absichten sind der KI nicht innewohnend. (Das ganze Gespräch und eine philosophische Einordnung: Ronald Engert: Künstliche Intelligenz – Spiegel ohne Seele (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).)

https://steady.page/de/wissenschaft-und-spiritualitaet/posts/e53f4c5d-6c9c-44a9-aa3e-518009006d4a (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Die kybernetische Maschine wird demnach immer die Dienerin des Menschen sein. Das Problem ist, dass es böse Menschen gibt, die die Maschinen für ungute Zwecke nutzen, die anderen Menschen schaden. Je mehr wir ideologisch den Zusammenhang zwischen Konstrukteur/Nutzer und Maschine verschleiern und denken, die Maschine sei der Akteur, umso einfacher ist es für diese Menschen, unerkannt ihr Unwesen zu treiben. Wenn wir uns aber über die logischen Ordnungen, die erkenntnistheoretischen Prinzipien, die Bewusstseinskategorien und die spirituellen Grundlagen des Menschen bewusst sind, kann dieser Kategorienfehler nicht mehr passieren.

Es ist im Interesse der Herrschenden, diese Zusammenhänge zu verschleiern und die Untaten als die Schuld der Maschinen hinzustellen. Aufgeklärte und emanzipative Kräfte müssen sich deshalb über die echten Zusammenhänge philosophisch, technisch und spirituell klar sein und diese deutlich herausstellen, was hier mit diesem Artikel versucht wird. Insofern ist die philosophische Durchdringung dieser Zusammenhänge die ursprüngliche und erste emanzipative Handlung.

Aus all diesen Zusammenhängen ergibt sich die Antwort auf die Frage, was ein Mensch wirklich ist. Die Menschen sind die ursprünglichen Urheber:innen und Autor:innen, die Schöpfer:innen dieser Technik und dieser Kulturobjekte. Die KI mag zur Massenüberwachung der Bevölkerung dienen, aber den Befehl dazu gibt die Regierung. Die KI mag in der Lage sein, punktgenaue Werbung an die Verbraucher auszuspielen, aber die Programmierung dazu kommt von den Betreiber:innen der Werbeagentur (Google, Facebook etc.). KI mag eingesetzt werden, um in Kriegen Gesichtserkennung zu betreiben und daraus Entscheidungen über Bombenangriffe abzuleiten, aber beauftragt wird sie von den Befehlshabern der militärischen Streitkräfte. Dahinter stehen immer Menschen. Das darf niemals vergessen werden.

Der Mensch wiederum ist keine Maschine. Er ist keine mechanische Funktionseinheit. Er ist ein spirituelles Wesen. Ausschließlich diese spirituelle Produktivität und Agency unterscheidet uns von den Maschinen. Es sind immer die Menschen, die die Verantwortung tragen und die ihre Welt erschaffen. Wir können daraus die Hölle erschaffen oder das Paradies. Das ist unsere Entscheidung und wird es immer bleiben.

Sujet Philosophie

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