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Über mein Schreiben

Das Logo von women & arts: Dunkellila Schrift auf helllila Grund. Um das Wort "arts" liegt ein orangefarbener Kreis.

Der lange Weg zurück nach vorn.

Mit metaphorischen Sonnenblumen, Sätzen, die wie Süßigkeiten schmecken, einem Tonband, dem es die Sprache verschlug und einer Cannabis-Anfrage, die alles veränderte.


Dieser Beitrag ist Teil des Sammelband-Schreibaufrufs “Über mein Schreiben” der vom 13. bis 30. Juni 2026 lief. Zum ursprünglichen Schreibaufruf geht es hier entlang. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Den Artikel mit allen gesammelten Beiträgen versende ich Anfang Juli.

Miriam sitzt auf dem Sofa und blickt nach oben.

Meinen ersten Roman schrieb ich mit 14.

Ich hatte noch keinen eigenen Laptop und schrieb an dem großen Tower-PC, der auf einem wackeligen roten Wägelchen in einer Ecke des Wohnzimmers stand. Es störte mich nicht oder nur kaum, wenn zwischen meinen Beinen meine kleinen Geschwister herumturnten. Mein Kopf verschwand beim Schreiben vollständig im klobigen Bildschirm, mein Herz pochte im Rhythmus des blinken Cursors; meine Beine brauchte ich dafür nicht, die konnten meine Geschwister ruhig haben.

Zu der Geschichte inspiriert hatte mich meine erste große Liebe. Ein Italiener aus Umbrien, aus dem Dorf meiner Mutter, den ich nach den Sommerferien meinen ersten festen Freund nennen durfte. Eine Fernbeziehung, nun ja. Aber wir schrieben uns Briefe, eine ganze Weile lang. Und was für welche.

Ich hatte die Handlung für meinen Roman im Voraus akribisch geplant. Es gab ein schönes Mädchen, einen unangenehmen älteren Herrn mit unlauteren Heiratsplänen, einen gutaussehenden jungen Italiener, eine Flucht, einen großen, dunklen Wald.

Im ursprünglichen Handlungsverlauf gab es außerdem eine Räuberbande und eine Entführung. Diese schaffte es allerdings nicht ins Buch – ich kürzte die Handlung beim Schreiben dramatisch ab, um endlich fertig zu werden.

Dann ging ich mit meiner Word-Datei auf einem Stick zum Copyshop und ließ drei Exemplare drucken und binden.

Auf den Titel war ich besonders stolz, denn er enthielt eine Metapher: Sonnenblumen.

Meine Protagonisten ließen in dunklen Zeiten die Köpfe hängen, doch als am Ende die Sonne schien, blühten sie auf.

Es war ein fein ausgeklügeltes Leitmotiv und ich gab die Geschichte meinen Eltern zu lesen. Sonst fiel mir niemand ein, den die Geschichte hätte interessieren können. Meine Altersgenossen hatten mit 14 ganz andere Dinge im Kopf.

Ich stellte meinen Roman, der stolze 80 Seiten zählte, zu meinen Bücherschätzen ins Regal, wo er sich definitiv in guter Gesellschaft befand.

Und blieb dann trotz des Zuspruchs meiner Eltern mit einem Gefühl der Leere zurück.

Meinen zweiten Roman schrieb ich mit 16.

200 Seiten, psychologisch weit ausgeklügelter. Die Hauptperson: ein 40-jähriger Deutscher, der täglich zwischen Wohnung, Tiefgarage und Büro pendelt, ohne einmal mit der Außenwelt in Berührung zu kommen. Und der sich dann überraschend auf die Beziehung mit einer überforderten Witwe und Mutter von drei Kindern einlässt.

Auch dieses Buch fand seinen Weg in den Copyshop und in die Hände meiner Eltern. Außerdem gab ich es meinem Deutschlehrer, der große Stücke auf mich hielt. Ich bat ihn, es zu lesen und mir Feedback zu geben.

Er nahm sich eine Woche Zeit und gab mir dann einen Brief mit, in dem er sich mit freundlichen Worten einer Bewertung enthielt. Ich solle auf jeden Fall weitermachen, schrieb er.

Ich konnte sein Bemühen, mich nicht zu kränken, aus den Zeilen überdeutlich heraushören. Und doch war es für mich eine niederschmetternde Kritik. Hätte es ihm gefallen, hätte er es gesagt.

Ich gab das Buch noch einigen wenigen ausgewählten Freunden. Ich erntete Zuspruch. Und fühlte mich trotzdem leer.

Ich schrieb lange Zeit nicht mehr.

Dafür las ich, und kaute gelungene Sätze wie Süßigkeiten.

Mich faszinierten die Dialoge bei Dostojewski. Ich verschlang “Der Idiot” und “Die Brüder Karamasow”. Dann “Stiller” von Max Frisch. “Siddharta”, “Narziss und Goldmund”, “Das Glasperlenspiel” von Hermann Hesse – alles, was bei meinen Eltern im Bücherregal stand. Ich verstand diese Bücher nicht. Aber das brauchte ich auch nicht. Ich schmeckte ihre Sprache, ihren Klang.

Zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt, dass Bücher nichts zu sagen haben müssen, solange sie so klingen.

Ich studierte Literaturwissenschaft.

Wenn ich auf dem Weg zur Uni oben im Doppeldecker saß, knapp unter den Baumwipfeln blühender Kastanienbäume, und die Straße weit unter mir vorbeiziehen sah, lief in mir ein Tonband aus Beobachtungen und Sätzen, einer schöner als der andere. Es blieben Sätze.

Am Institut meines Fachbereichs sagte die Sekretärin mit ihrem hinreißenden französischen Akzent, dass sie Prousts Sprache förmlich schmecken könne. Sie genieße jeden einzelnen Satz, lasse ihn sich auf der Zunge zergehen.

Da wusste ich, dass ich am richtigen Ort bin.

Doch ich schrieb nicht.

Ich schrieb nicht, als ich meinen Mann kennenlernte. Als wir eine Familie gründeten. Als die Kinder kamen. Als ich das Studium abschloss.

Ich schrieb nicht, denn mein Alltag war keine endlose Weite aus Zeit mehr, wie es in meiner Jugend gewesen war.

Ich schrieb nicht, weil die Schwangerschaften, Infekte und all das, was es im Leben mit Kindern jeden Tag zu bedenken gab, einen Schleier aus dichtem Nebel durch mein Gehirn gezogen hatten; undurchdringlich für meine Fantasie.

Ich schrieb nicht, weil ich ahnte, dass mein Schreiben meinen gestiegenen Ansprüchen nicht gerecht werden würde.

Manchmal saß ich auf dem Fußboden im Kinderzimmer, in einem trüben Teich voller Spielzeug, ein Baby auf dem Schoß, ein Kleinkind direkt neben mir, ein weiteres eine Armlänge von mir entfernt, schloss die Augen und horchte. Es war nicht so, dass ich mein inneres Tonband durch das Kindergeplapper nicht hätte hören können. Doch es lief nicht mehr.

In mir war es still.

Und dann erreichte mich die Cannabis-Anfrage.

Nie, niemals hätte die Gourmet-Literatin mit dem ausgehungerten Gaumen, die seit Jahren nichts gelesen hatte als die unzähligen Bachelor- und Masterarbeiten ihres gesamten Freundeskreises, es für möglich gehalten, dass sie ausgerechnet etwas so Profanes zurück zum Schreiben bringen würde: Marketing.

Doch genau so war es.

Eine Firma, die CBD-Gras verkaufte, brauchte jemanden für ihre Website-Texte und ihre Social-Media-Accounts. Die perfekte Kandidatin: Eine junge Mutter, die nach einem kurzen Ausflug in StudiVZ Jahre zuvor beschlossen hatte, dass Social Media nichts für sie war.

Offensichtlich waren wir beide verzweifelt.

Ich arbeitete an unserem Esstisch, das Macbook umringt von Büchern mit großformatig abgebildeten Hanfblättern darauf – Bücher, die ich nach Feierabend verkehrtherum ins Regal stellte, mit der offenen Seite nach vorne, damit die Titel unsere Gäste nicht verwirrten.

Vor meinen Kindern konnte ich sie nicht verstecken. Mama, schreibst du wieder über Cannabis? Das neue Wort war erstaunlich schnell in ihren aktiven Wortschatz eingegangen.

Ich schrieb Rezepte für CBD-Kuchen und CBD-Kekse und CBD-Öl und CBD-Butter und CBD-Kaffee. Ich erklärte, wie man CBD-Gras auf einem Ofenblech decarboxyliert, Hanfpflanzen auf dem Balkon anbaut und welches Hydroponik-Pflanzsystem sich dafür am besten eignete.

Es war nicht ganz meine Welt. Aber ich schrieb. Endlich wieder.

Und als dann diverse Kriege, Wirtschaftskrisen und Künstliche Intelligenzen anrollten und ich meinen Job verlor, hatte sich in meinem Hirn bereits die verrostete Kruste in großen Brocken zu lösen begonnen.

Ich hatte etwas verloren.

Meinen Dünkel.

Im Marketing lernte ich, dass die wirkungsvollsten Texte einfach sind.

Wenn ich jetzt schrieb, zaghaft, für mich und eine Handvoll Abonnenten in meinem ersten eigenen kleinen Newsletter, strebte ich nicht nach komplizierter Raffinesse. Sondern nach Selbstausdruck, in einfacher Form, gut verständlich für meine Leser.

Ich entschlackte meine Sätze. Ich gewöhnte mich ans Redigieren. Ans Löschen, Umstellen und Rausschmeißen.

Ich schrieb über Bücher. Gab Empfehlungen, teilte meine Gedanken zu Kreativität und Kunst. Ich versuchte mich als Journalistin, schrieb ein paar Artikel für ein Onlineportal. Und fing an, die Geschichten zu entdecken, die sich in den Ritzen des Alltags versteckten, überall, direkt vor meinen Augen. Sie waren wie reife Früchte, die überall wuchsen. An der Bushaltestelle, in der U-Bahn, in der Schlange an der Supermarktkasse. Ich fing an, sie einzusammeln.

Und dann irgendwann, an einem Tag, der so gewöhnlich war wie ein Tag nur sein konnte, ein Tag, an den ich mich nicht erinnere, den ich mir nicht im Kalender anmalte und über den ich nicht in meinem Tagebuch schrieb – an irgendeinem solchen Tag kam in mir wieder etwas in Gang. Das Tonband im Inneren, es lief wieder.

Es war das Tonband von früher, doch die Sätze, die ich es sagen hörte, waren aus einem anderen Material gewebt. Sie bestanden nicht mehr nur aus Klang, sie waren gesättigt mit Wirklichkeit.

Meine erste Kurzgeschichte entstand: In Pizzone darf man nicht hupen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Eine Erzählung über weibliche Wut, geschöpft aus der Tiefe meiner eigenen Erfahrungen.

Dann die zweite. Vergänglicher Ruhm (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Über die Träume einer jungen Frau, die mit ihrem religiösen Umfeld kollidieren.

Ich schickte sie hinaus in die Welt. Und dieses Mal blieb ich nicht allein zurück. Es gab ein Echo, das mich fand. Ein Echo aus vielen unterschiedlichen Stimmen.

Schreiben ist wie in der Mitte auf einer Wippe stehen. An ihren beiden Enden sitzen Kreativität und Handwerk. Meine Aufgabe ist es, die Wippe in Bewegung zu halten.

Kreativität nach oben: das Schreiben sich frei und ungezügelt entwickeln lassen. Keine Ansprüche. Spielen, probieren, erkunden. Herumblödeln, rumkaspern, übertreiben. Kühn behaupten. Dick auftragen.

Handwerk nach oben: Struktur lernen, Plot planen, Figuren analysieren. Lesen, lesen, lesen und verstehen, wie die Vorbilder es machen. Feedback einholen, überarbeiten, verfeinern, umstellen. Redigieren, löschen, streichen. Sentimentalitäten beiseiteschieben, Tränen laufenlassen und wegwischen. Üben.

Dazwischen, als treibende Kraft, ich, mit allem was ich bin, kann, weiß, erlebe, möchte.

Meine Sprache soll fließen wie Wasser. Mühelos, wie ein Bach dahinplätschert.

Damit sie das kann, arbeite ich an meinem Handwerk, Tag für Tag.

Denn ich möchte so gut werden wie Joan Didion. Mindestens. Darüber habe ich ja bereits geschrieben. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Alles Liebe

Miriam

❤️

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