Liebe BOMLs,
zunächst die wichtige Information: es ist schon eine Folge zu Simon the Sorcerer: Origins eingesprochen worden. Aber nicht bei BOML, sondern an einem anderen Ort. Mit einer Person, die noch nicht bei BOML war. Wenn die Folge dort erschienen ist, wird sie mit etwas Abstand auch bei BOML eingestellt. Denn BOML ist für alle da.
Auf Bluesky folge ich einem ehemaligen Telltale-Mitarbeiter, und der empfahl ein narratives Spiel, von dem ich noch nie gehört hatte, das einen markanten visuellen Stil besitzt und die Fußball-WM-Qualifikation von Ecuador im Jahr 2001 behandelt. WTF? So was macht mich direkt neugierig, ich hab es spontan gekauft und durchgespielt.
Matt brauchte ich damit nicht zu kommen. Fußball, bä. Aber als ich Oliver Naujoks davon erzählte - ihr kennt ihn noch aus der Textadventure-Folge (Abre numa nova janela), hat er es sofort gekauft, weil er ja den ecuadorianischen Fußball genau verfolgt. Mehr noch, er kleidet sich sogar gelegentlich in Trikots der Vereine von Quito, wo das Spiel angesiedelt ist:

(Hier ein Witz über Werder Bremen einfügen, dass man dort in Norddeutschland offenbar lieber den südamerikanischen Fußball verfolgt.)
Despelote heißt dieses Spiel. Und ich will ein paar Takte dazu schreiben.
https://store.steampowered.com/app/2367820/despelote/ (Abre numa nova janela)Ich starte das Spiel und sehe einen Marktplatz mit einem Brunnen. Die Grafik gerastert, pixelig und besteht offenbar nur aus zwei Farben: blasses lila und orange. Die Szene ist krisselig, und man erkennt schnell, dass es sich um 3D-Grafik handelt. Aber auf dieser dreidimensionalen Umgebung sind weiße Tauben auf dem Boden, nur weiße Silhouetten.
Ein Ball fliegt ins Bild, rollt physikalisch halbwegs korrekt über den Boden, verscheucht die Tauben. Das Menü erscheint.
Ich starte das Spiel.
Wieder krisselige Grafik, aber diesmal den Anstoßkreis eines Fußballfeldes von oben. Dazu der Schriftzug: TINO TINI’S SOCCER 99’. Und unten: PRESS ANY BUTTON TO START. Ich drücke einen Knopf - und spiele ein altes Fußballspiel. Wer nun “Sensible Soccer” oder “Microprose Soccer” denkt, liegt nicht falsch, aber der Titel ist eindeutig eine Verneigung vor “Kick Off” von Dino Dini. Und das ist nun kein Minispiel, kein Fragment eines Spiels im Spiel, nein, es ist tatsächlich ein richtiges, funktionierendes Fußballspiel der alten Schule.
Und dann passiert etwas ganz subtil, was der erste Moment war, der mich begeistert hat.
Während ich noch meine weiße Spielfigur über den Bildschirm steuere, minutenlang ein Tor zu schießen versuche, höre ich einen Dialog einer Frau und und eines Mannes. Auf Spanisch. Und ihr Gespräch wird als Text in Sprechblasen eingeblendet. Sie reden über Juliáns Fußballbegeisterung und dass das ganze Land gerade verrückt auf Fußball ist.
Und dabei fährt die Kamera ganz langsam zurück. Der Spielbildschirm von SOCCER 99’ wird kleiner. Ich erkenne, dass es der Fernseher in einem Wohnzimmer ist. Meine Eltern haben über mich gesprochen. Sie kommen herein - beide nur weiße Silhouetten mit dicken, comichaftem Rand) schalten die Spielkonsole aus und wechseln das Bild auf dem TV zur Liveübertragung eines Fußballspiels. Es geht um die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea. Ecuador gewinnt und hat eine Chance, sich erstmals zu einer WM zu qualifizieren. Das Land steht Kopf.

Despelote ist kein großes Spiel. Nach höchstens zwei Stunden ist man durch. Es stellt keine spielerische Herausforderung. Lange Sequenzen kann man nur dem Erzähler zuhören und sich in dieser markanten Umgebung anschauen. Darf man sich als Julián frei bewegen, tut man das meistens in einem größeren Park in der Stadt Quito.
Julián (Cordero) ist auch der Name des Entwicklers, und das Spiel ist autobiografisch. Es ist ein slice of life, wie man diese Art von Spiel oft nennt. Ein Stück Alltag. In diesem Fall der Alltag einer Zeit, in der Ecuador monatelang im Fußballfieber war, geschildert aus der Perspektive eines Jungen. Im Park spielt man selbst Fußball, kickt Hütchen und Flaschen um, aber um diese Spielmechanik geht es nicht, man muss sie nicht meistern. Es geht auch nicht um Fußball an sich, sondern um das Leben in diesem Land zu exakt dieser Zeit. Die Geschichte springt immer zu den Tagen, an denen das nächste Spiel der Qualifikation stattfindet.

Es ist kein Spiel der Spannung und Dramatik, es ist auch kein ironisches Spiel, bei dem man grinsen muss. Nein, es ist ein Spiel, bei dem ich oft gelächelt habe, weil Cordero darin Szenen arrangiert, die gleichzeitig lebensnah und überhöht sind. Realistische, sich überlappende Dialoge, die man auch im Park belauschen kann. Die Grenzen zwischen dem Fernsehbild im Spiel und der Realität der abstrakten Umgebung vermischen sich und werden aufgelöst, gerahmt von Corderos eigenen eingesprochenen Kommentaren. Die Meta-Ebene wird gestreift, aber das ist kein Stanley Parable, da wird nicht über Spiele reflektiert, da werden die Mittel eines Videospiels genommen, um die eigene Kindheit poetisch zu destillieren.
Dachte ich im ersten Moment bei den Screenshots noch an Return of the Obra Dinn, an dem ich spielmechanisch abgeprallt bin, hat Despelote mich schnell für sich gewonnen. Ich habe zugehört, immer wieder gegen den Fußball getreten und viel gelächelt. Selbst wenn ich kein T-Shirt von Fußballvereinen aus Quito im Schrank habe.
Bis bald
Falko