… aber wir möchten Sie als Speakerin anfragen zum Thema Care und dem Wert von Arbeit”.
Der folgende Text ist eine Antwort-Email, die ich damals zwar verschickt, mich aber nicht zu veröffentlichen getraut habe. Ich bin Freiberuflerin und angewiesen auf Vortragsanfragen, also will ich nicht “schwierig” rüberkommen, nicht ungemütlich und kritisch, sondern natürlich immer locker, flockig, unkompliziert. Ächz. 🤪
Aber jetzt fiel mir dieser Mailverkehr wieder ein; draufgebracht hat mich Mareice Kaiser mit ihrem Text “Ich arbeite für Geld” (Abre numa nova janela) . Ich möchte den zum Anlass nehmen, meine Erfahrungen zur mangelnden Wertschätzung der Expertise von Speaker*innen ebenfalls zu teilen. Danke dafür, @mareicares (Abre numa nova janela) !
Ich war für eine Konferenz angefragt worden,…
… um über Equal Care zu sprechen, also die Verteilung der CareArbeit, zur Definition von Arbeit und ihren Wert. Im Telefongespräch mit dem Veranstaltungsteam erfuhr ich: Honorare waren keine vorgesehen. Und so habe ich abgesagt, denn meine Zeit für Ehrenamt steckt in meinen Projekten Equal Care Day (Abre numa nova janela) und klische*esc e.V. (Abre numa nova janela), mehr ist nicht drin in einem 24Std Tag mit Familie und ohne geerbtem Privatjet ¯\_(ツ)_/¯ . Und ich kenne ja diese Art Anfragen schon. Ich hätte sie also wohl bald wieder vergessen, doch dann bekam ich nochmal Antwort:
“Schade, dass du nicht dabei sein kannst. Hast Du einen Vorschlag, wen wir stattdessen einladen könnten?”
Zum Rahmen sei erwähnt, dass rund 1.500 Teilnehmerinnen erwartet wurden, Tickets kosteten 350,- das Stück, Einnahmen also 525.000 Euro brutto - dazu das Sponsoring eines DAX-Konzerns, aber keine Honorare für die, die den Content liefern. Als Antwort auf die Nachfrage, ob ich nicht eine andere empfehlen möchte, die sich ausbeuten lässt, habe ich dann in einer langen Mail runtergeschrieben, was mich eine Nacht lang beschäftigt hatte:
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Hallo an das Team von xy,
[ … ] Eure Arbeit finde ich wichtig und richtig und halte es für notwendig, Frauen im Businessbereich zu vernetzen und dort auch über Themen wie Rollenbilder, Unconscious Bias, Equal Care und die verschiedenen Gender Gaps zu informieren! Und ich freue mich, dass Ihr auf mich gestoßen seid und mich dafür angefragt habt. Ich wäre gerne dabei, sage selten Nein bei diesem mir auch persönlich und privat wichtigen Thema, und ich würde es bedauern, wenn wir nicht doch noch zusammenfinden.
Nun geht es in meinen Keynotes um den Wert von Arbeit, um unsichtbare Arbeit und deren mangelnde Wertschätzung. Es ist also kein Zufall, dass auch das Darüber-Sprechen oft von jenen angefragt wird, denen selbst wenig Budget zugewiesen wird, weil auch ihr Aufgabenbereich entsprechend geringgeschätzt wird innerhalb ihrer Organisation (Gleichstellungsstellen, Pflegeverbände, Care-Organisationen…). Ich kann deshalb verstehen, wenn den Referent*innen für Events, die durch ein ehrenamtliches Team und/oder nur mit öffentlichen Fördergeldern veranstaltet werden, nichts oder nur rund €500,- bezahlt wird (das ist der Satz, der z.B. von Ministerien akzeptiert wird, wenn sie eine Veranstaltung fördern). Solche Veranstaltungen sind allerdings in der Regel umsonst oder die Ticketpreise liegen bei max. €30,-.
Doch Ihr verlangt Eintrittspreise im dreistelligen Bereich, seid "powered by xy", habt Geld für Räume, Werbung, Technik, Catering, aber die, die für Euch die Inhalte beisteuern, die das Programm tragen, und mit denen Ihr dann Werbung macht, Aufmerksamkeit gewinnt, ohne die Ihr die Tickets ja schlecht verkaufen könntet, die kommen gar nicht vor in der Budgetplanung?!
Mir ist klar, dass ich mit einer Mail Euer Veranstaltungskonzept nicht über den Haufen werfen kann, wäre aber dankbar, wenn Ihr gemeinsam mit mir diesen Systemfehler mal genauer unter die Lupe nehmt. Und es ist mir wichtig, an der Stelle, auf die Ironie der Situation hinzuweisen:
Sprich über den Wert von Arbeit, aber bitte ohne Honorar!
Wie kann es sein, dass Ihr mir Reichweite und Netzwerk anstelle einer fairen Bezahlung angeboten habt? Für den Caterer, der allen Teilnehmenden seine Visitenkarte geben kann, oder für die Kamerafrau vor Ort wäre das doch auch keine Währung, warum also für Eure Speaker*innen? Dazu kommt, dass das ausgerechnet bei einem Event passiert, das laut Website das Ziel hat "sich für die Gleichstellung von Frauen stark zu machen"? Ihr stabilisiert damit exakt das Systemproblem, das Ihr eigentlich mit meinem Input sichtbar machen wollt!
Equal Care gelingt nicht, wenn große Unternehmen sich im Bereich Gleichstellung und Frauennetzwerk positionieren, um dann von einem Setting zu profitieren, indem frau nicht (fair) bezahlt wird!
Wollt Ihr denn wirklich Teil dieses Missstandes sein und ihn weiter reproduzieren, oder wollt Ihr ihn angehen und zur Lösung beitragen mit bezahlten Keynotes wie der meinen?
Dankbar für einen weiteren Austausch dazu,
mit schönen Grüßen,
Almut
PS. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass mir daraufhin 500€ angeboten wurden.
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