Wieviel Carearbeit muss mann eigentlich selbst geleistet haben, um nachvollziehen zu können, was alles dahintersteckt? Ersetzt Empathie Wissen? Und haben Politiker genug Empathie, um ihr fehlendes Care-Wissen auszugleichen?
Gustave Flaubert, Schriftsteller des 19. Jahrundert, meinte sinngemäß, man müsse kein Spiegelei in der Pfanne sein, um über ein Spiegelei in der Pfanne zu schreiben. Ein Satz, wie gemacht für Männer, die über alles schreiben – und nie gefragt werden, wer eigentlich die Pfanne abspült.
Aber auf meinem Weg zur Journalistin und Autorin habe ich ihm das geglaubt. Klar kann man über alles gut und anschaulich schreiben, bin ja schließlich empathisch, kann mich einfühlen in andere Lebenslagen und so, durch Recherche die Situation erfassen, von innen heraus, ja ja…
Und dann wurde ich Mutter.

Und dann wurde ich Mutter. Und hatte fortan Job und Privates in Einklang zu bringen. Aber “… unauffällig bitte, ohne viel drüber zu sprechen, nicht so verkrampft, streng dich ein bisschen an, dann klappt das, wer will, kann auch…”.
Und so kamen Themen wie Carearbeit, Familienarbeit, Rabenmütter, Kinderrechte, Frauenrechte, Gleichstellung, die Vereinbarkeits-Utopie … in mein Leben und in mein Schreiben.
Und Flaubert?
Hat so was von keine Ahnung! Tatsächlich glaube ich ihm heute kein Wort mehr. Okay, wenn es um unterhaltsame Literatur geht … – geschenkt. Aber Gleichstellungsthemen und die Situation von Frauen zum Beispiel? Man muss kein Spiegelei in der Pfanne sein, um …? Echt jetzt? Von Flaubert ist zum Beispiel auch der folgende Absatz:
Die Frauen haben keine Vorstellung vom Recht. Die Besten haben keine Skrupel, an Türen zu lauschen, Briefe zu öffnen, zu tausend kleinen Betrügereien zu raten und sie zu verüben, etc.
Reicht eigentlich, oder? Nagut, bisschen noch:
„Die Frauen haben keine Vorstellung vom Recht. […] All das kommt von ihrem Organ. Wo der Mann etwas Erhabenes hat, haben sie ein Loch! Dieses Erhabene ist die Vernunft, die Ordnung, die Wissenschaft, der Phallus Sonnenplanet, und das Loch, das ist die Nacht, das Feuchte, das Unklare.“
So viel also zur Einfühlsamkeit Flauberts. Bei Spiegeleiern mag es ihm ja noch gelungen sein, aber bei Frauen und ihren Rechten… man ahnt, seine „Erkenntnisse“ hat er bei After-Work-Drinks einer literarischen Herrenrunde gesammelt.
Für welche Fälle also genügt es, sich eine Situation vorzustellen? Funktioniert das in der Gleichstellungsthematik? Bei Flaubert nicht. Bei My-body-my-choice auch eher selten. Das Wissen vermittelt sich übers Fühlen - absurd und eigentlich nicht tragbar. Männer werden meist erst zu Feministen, wenn sie eine Tochter bekommen oder eine ihnen sonst nahestehende Frau großes Unrecht erfahren hat. Erst dann nähern sie sich dem Spiegelei in der Pfanne. Und privilegierten Frauen geht es nicht anders: Sheryl Sandberg, bis 2022 COO von Facebook/Meta und damit eine der mächtigsten Frauen im Tech-Business, hatte ja eine ähnlich Eingebung – aber auch erst, nachdem sie selbst in der Pfanne lag. Die Autorin des Buchs ‘Lean In’ (frei übersetzt: Musst dich eben anstrengen, dann klappt’s auch”), schrieb 2016 zum Muttertag auf Facebook:
„I did not really get how hard it is to succeed at work when you are overwhelmed at home.“ — @SherylSandberg https://t.co/ThGn0CbTfW (Abre numa nova janela)
„Mir war nicht wirklich klar, wie schwer es ist, im Beruf erfolgreich zu sein, wenn man zu Hause völlig überfordert ist.“
Klingt banal, ist es aber nicht – oder besser gesagt: banal ist nur, dass es so banal klingt. Erst wenn wir selbst am Limit sind, erkennen wir, wie kaputt das System ist, das uns ständig Höchstleistungen abverlangt und gleichzeitig erwartet, dass wir unbezahlte Care-Arbeit wie Nebenjob und Hobby gleichzeitig stemmen. Millionen Frauen stolpern deshalb über Strukturen, die mit winzigen Mitteln zur „Chancengleichheit“ abgeschafft werden sollen, dabei sind sie eine unüberwindbare Hürde für alle, die von der Gesellschaft verbraten werden zwischen Job und Care.
Wie bitter, dass Einsicht so oft erst im eigenen Schmerz entsteht, wenn eins in die Pfanne gehauen wurde, weil unser System Empathie systematisch verlernt und Privilegien als Schutzschild missbraucht. Und das wird auch so bleiben, solange wir Menschen Mikrofone geben und Gehör schenken, die Empathie als Schwäche definieren, wie Elon Musk es tat. Was also bedeutet diese Erkenntnis für politische Entscheidungen, für Fragen zur Familienpolitik? Wieviel Spiegelei in der Pfanne muss ein Politiker erlebt haben, um die richtigen Forderungen zu stellen, um sich für die für Spiegeleier relevanten Änderungen einsetzen zu können? In der aktuellen Debatte um Gewalt gegen Frauen zeigt sich: mann kann sich ohne Scham auf eine Bühne stellen und das Problem beklagen, und quasi gleichzeitig die Gelder für jene kürzen, die es betrifft.
Die Flauberts von heute
Es genügt eben einfach nicht, auch “eine” zu haben, wenn man über Frauen und ihre Rechte zu entscheiden hat. Friedrich Merz glaubt, für seine Kompetenz als Koch würde schon ausreichen, mal ein Spiegelei gegessen zu haben. Er maßt sich an, nachfühlen zu können, wie es Frauen angesichts des “Stadtbildes” geht und bildet sich tatsächlich ein, unsere Sorge vor Übergriffen hätte mit der Herkunft und nicht mit dem Geschlecht unseres Gegenübers zu tun? Als ob zwei Eier für die Fähigkeit der Perspektivübernahme schon reichten. Er glaubt tatsächlich, dass ihm seine Töchter alleine durch ihre Existenz, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl irgendwie rübergebeamt, ohne Worte transferiert hätten?
Es ist unerträglich, wenn Politiker sich nur für Themen interessieren, die sie selbst unmittelbar betreffen. Wer einen Privatflieger nutzt, findet das Deutschlandticket für 63 Euro vermutlich günstig, findet „zehn Euro Praxisgebühr pro Quartal zumutbar” (Andreas Gassen, Vertreter der Vertragsärzte), wer eine Frau hat, die ihm den Rücken freihält, glaubt, dass Alleinerziehende mehr finanziellen Anreiz bräuchten, damit sie mehr Erwerbsarbeit übernehmen. Und wer Politiker und Mann ist und kein Kind geboren hat, lässt sich eben in einer öffentlichen Fernsehsendung überraschen, dass es da ein Problem gibt mit der Lage der Hebammen! Prekäre Situation? Nie gehört? Berufsaufgabe, weil ihnen die Existenzgrundlage wegbricht durch den neuen Hebammenhilfevertrag? Ländliche Regionen schon jetzt ohne Hebammen?
“Das Problem kenne ich bisher nicht.”
sagt der Friedrich doch vergangene Woche öffentlich, ungeniert ins Mikrofon, als Kerstin Winkel, freiberufliche Hebamme, ihn aus dem Publikum der ARD Arena fragt, was er für die Hebammen zu tun gedenke: “Das Problem kenne ich bisher nicht.” Aber hey, wäre er ein Spiegelei, und wären es die Männer, die Kinder gebähren…
Ich wünschte, viel mehr unserer überwiegend männlichen Politiker würden mal mit dem Spiegelei in die Pfanne steigen, um nachzuempfinden, wie das ist: wie die Gleichstellungsdebatte und die Familienpolitik sich im Alltag auswirkt, wo zwischen Kita-Schluss, Deadline, Mental Load und Krankenkassen-Hotline die Frauenrechte irgendwo verdampfen. Und nein, ich meine damit weder die zwei Vätermonate, auch nicht ein bisschen Vaterschaftsfreistellung nach der Geburt oder den einen Tag pro Woche, an dem er die Tochter von der Kita abholt. Das genügt einfach nicht! Um all das wirklich nachspüren und nachvollziehen zu können, muss die Pfanne schon ein bisschen heißer sein!
Wir fordern deshalb Empathie-Tests & Care-Praktika für Politiker!
Bunte Grüße
schicken
Sascha & Almut
PS. am 1. März 2026 ist Equal Care Day. Melde dich an zu unserem virtuellen Barcamp > mehr lesen … (Abre numa nova janela)
Hilf uns, diesen Newsletter fortzuführen:
Wenn Du unsere Texte gerne liest und daraus etwas mitnehmen kannst in Deinen bunten Alltag, dann freuen wir uns, wenn Du diesen Newsletter unterstützt, ihn abonnierst und Mitglied wirst. Du ermöglichst damit die Recherche für unsere nächsten Texte und damit die Fortsetzung der Reihe. - Danke!
Hier die 4 Abo-Varianten, mit denen Du Mitglied werden (Abre numa nova janela) kannst:
Im Türrahmen (3€/Monat)
Mit Küchenhocker (5€)
Platz am Küchentisch (7€)
Freie Sicht zum Herd (10€)
(Abre numa nova janela)Termine - Vorträge - RosaHellblauFalle-Salon:
Über unsere Vorträge, Fortbildungen und Projekte informieren wir über den wu2K-Newsletter (ca. 4x/Jahr): wu2k.de/newsletter
(Abre numa nova janela)Unsere Bücher können überall gekauft werden, wo es Bücher gibt, aber nur im Shop der Autorenwelt (Abre numa nova janela) bekommen Autor*innen einen Extraanteil vom Verkauf, ohne (!) dass sich der Preis für dich erhöht.