Der MAGA-Influencer Charlie Kirk wurde ermordet – politische Gewalt ist eine enorme Gefahr für die Demokratie. Zu Recht wird dieser Mord breit verurteilt. Zum Beispiel schrieb (Abre numa nova janela) Barack Obama kurz nach dem Anschlag: “Wir wissen noch nicht, was die Person antrieb, die auf Charlie Kirk schoss und ihn tötete. Aber diese Form der abscheuliche Gewalt hat keinen Platz in unserer Demokratie. Michelle und ich werden für Charlies Familie heute beten, speziell für seine Frau Erika und ihre zwei jungen Kinder.” Der Philosoph Jan Skudlarek schrieb nun auch einen lesenswerten Essay mit dem Titel: “Empathie mit den Empathielosen?” (Abre numa nova janela) Er geht darin auf die politischen Positionen Charlie Kirks ein – der zum Beispiel eines der wichtigsten Gesetze zur Gleichstellung von Schwarzen in den USA als “riesigen Fehler (Abre numa nova janela)” bezeichnete oder über Empathie sagte (Abre numa nova janela): “Ich kann das Wort Empathie eigentlich nicht ausstehen. Ich denke, Empathie ist ein erfundener New-Age-Begriff, der viel Schaden anrichtet.” Skudlarek spricht an, wie wichtig es ist, die eigene Fähigkeit zu Mitgefühl zu bewahren. Und gleichzeitig muss Mitgefühl nicht bedeuten, dass man die Person verklärt oder ihre politische Sichtweisen anders einordnet/abschwächt - verglichen damit, wie sie waren. Ich persönlich glaube, eine aufgeklärte politische Debatte bedeutet auch, mit dieser Vielschichtigkeit leben zu können. Denn beides kann wahr sein: Charlie Kirk vertrat extreme Positionen, er äußerte sich oft verletzend oder herabsetzend über andere (und er passte damit sehr gut zum Kurs von Donald Trump). Und trotzdem ist es nichts anderes als abscheulich, wie Barack Obama sagt, dass er ermordet wurde. Beides kann wahr sein.
Und noch etwas: Mit Unbehagen beobachte ich, wie Charlie Kirks Debattierstil zum Teil glorifiziert wird. Etwa, wenn Ezra Klein schreibt (Abre numa nova janela): “Kirk was practicing politics in exactly the right way. He was showing up to campuses and talking with anyone who would talk to him. He was one of the era’s most effective practitioners of persuasion.” Etwas freier auf Deutsch übersetzt: “Kirk betrieb Politik auf die richtige Weise. Er erschien bei Universitäten und sprach mit allen, die bereit waren, mit ihm zu reden. Er gehörte zu den wirkungsvollsten Vertretern der Kunst der Überzeugung seiner Zeit.”
Doch Vorsicht: Solche Sätze blenden aus, wie Charlie Kirks Debattierstil genau aussah. Ja, er ging an Universitäten. Ja, er diskutierte gezielt mit Andersdenkenden. Sein Markenkern war, dass er polarisierte Debatten suchte und diese Clips dann hochlud. Sein Ziel des Debattierens war nicht, dass die USA näher zusammenrücken. Auf YouTube hat seine Organisation “Turning Point USA” viele Videos hochgeladen, sie tragen unter anderem Titel wie: “Charlie Kirk SHUTS DOWN 3 Arrogant College Students”. Also auf Deutsch etwas freier übersetzt: “Charlie Kirk WEIST 3 arrogante College-Studierende IN DIE SCHRANKEN”. Oder: “Charlie Kirk Takes On Naive College Liberals”. Auf Deutsch: “Charlie Kirk legt sich mit naiven Linken im College an.” Das Ziel solcher Diskussionen und Social-Media-Clips ist doch nicht, dass die USA näher zusammenrücken oder dass wir am Ende aufgeklärter aus der Debatte gehen. Charlie Kirk verbreitete streng-religiöse Ansichten und hinterließ Diskussionen, die das feindselige Klima in den USA weiter anheizten.
Hier etwa ein Ausschnitt aus solch einer Diskussion, der begeistert von extrem Gläubigen verbreitet wird: Kirk vertritt die Meinung, dass der Schwangerschaftsabbruch “schlimmer” wäre als der Holocaust (Abre numa nova janela), sogar “fast acht Mal schlimmer” als der Holocaust.
Der Guardian hat auch eine vielsagende Liste (Abre numa nova janela) gesammelt von Aussagen, die Charlie Kirk tätigte. Zum Beispiel an Taylor Swift gerichtet: “Reject feminism. Submit to your husband, Taylor. You’re not in charge.” Also auf Deutsch, Taylor Swift solle sich ihrem künftigen Ehemann unterwerfen. Auf X schrieb er erst vor kurzem: “Islam is the sword the left is using to slit the throat of America.” In diesem Fall behauptete er, dass die Linke den Islam einsetzen, um den USA den Hals abzuschneiden. Oder zur Debatte über trans Personen sagte er: “We need to have a Nuremberg-style trial for every gender-affirming clinic doctor. We need it immediately.” Also hier fordert er für Mediziner:innen, die geschlechtsangleichende Operationen für trans Personen durchführen, Prozesse wie in Nürnberg, wo zwischen 1945 und 1949 die Hauptkriegsverbrecher des Nationalsozialismus angeklagt wurden.
Der These “Charlie Kirk Was Practicing Politics the Right Way” kann ich nichts abgewinnen – da eben Kirk keine Antithese zur Spaltung in den USA darstellt, sondern ein Symbol oder Vertreter hiervon ist. Und immerhin gibt es in der “New York Times” mittlerweile auch einen lesenswerten Text, der dieser These widerspricht. Titel: “Charlie Kirk Didn’t Shy Away From Who He Was. We Shouldn’t Either. (Abre numa nova janela)” Kolumnist Jamelle Bouie erwähnt: Eine der ersten Sachen, mit denen Charlie Kirk bundesweit in den USA auffiel, war die “Professor Watchlist”. Zur Erklärung: Das ist eine Liste, auf denen Professorinnen und Professoren, Vortragende und andere Akademiker:innen an den Pranger gestellt werden, die den Vorstellungen rechter Studierender nicht entsprechen. Und es kam vor, dass Betroffene Drohungen und Hassnachrichten erhielten, nachdem sie auf der Liste landeten. Etwa berichtete der Guardian schon vor Jahren über folgenden Vorfall: Eine Professorin namens Kellie Carter Jackson, die sich wissenschaftlich mit der Sklaverei und auch der Unterdrückung schwarzer Frauen beschäftigt, wurde auf die Liste gesetzt (sie hatte zuvor im Medium “The Atlantic” einen Beitrag über Proteste gegen rassistische Polizeigewalt verfasst). Sie erhielt daraufhin Mordwünsche per Email und auch per Post (Abre numa nova janela).
Charlie Kirk war kein Champion der Meinungsfreiheit – denn eine Website wie “Professor Watchlist” zeigt eben, dass er die Meinungsfreiheit jener, die sich zum Beispiel akademisch gegen Diskriminierung und für Vielfalt einsetzen, nicht respektierte.
Und eine Anmerkung noch: Ein Missverständnis ist hier auch, dass nicht jede Form des Debattierens auch automatisch einen demokratisch wertvollen Debattenbeitrag darstellt. Nicht jedes Diskussionsformat ist auf Verständigung oder auf das Ziel ausgerichtet, wissenschaftlich überprüfbare Fakten in die Auslage zu stellen. Kirk hat zum Beispiel ein Debattierformat betrieben, das eher dafür geeignet war, radikale Gegensätze zu betonen – auch werden von seiner Organisation Videos mit Titeln hochgeladen, die suggerieren, Kirk wäre quasi als Gewinner aus einer Diskussion hervorgegangen. Eines heißt: “Charlie Kirk DESTROYS the Left’s Abortion Arguments.” Im Video sieht man dann Ausschnitte, wie er mit drei jungen Studentinnen diskutiert – die Betitelung ist hier also in erster Linie die Interpretation von Charlie Kirks eigener Organisation. Und solche Titel legen nahe, dass Debatte als Zweikampf verstanden wurde. Noch dazu war es ein ungleicher Zweikampf. Denn Charlie Kirk war derjenige, der die Debatte organisierte, er saß am Rednertisch, er gab den Rahmen vor. Seine Organisation lud die Videos hoch, wählte sie aus und betitelte sie. Dass manche Studierende auch sichtbar nervös wurden oder aufgebracht diskutieren begannen, wundert mich keine Sekunde.
Hier möchte ich noch einmal betonen, was der “New York Times”-Kolumnist Jamelle Bouie sagte: “Charlie Kirk scheute nicht davor zurück, zu sein, wer er war. Wir sollten das auch nicht tun.” Ich glaube, wir können sehr wohl beides leisten: Politische Gewalt verurteilen. Und gleichzeitig ehrlich sagen, für welche Werte oder welchen Diskussionsstil jemand stand. Zu unserer Demokratie gehört auch, dass man das politische Schaffen einer Person ablehnen kann, aber ihr Recht auf Leben, ihre Grundrechte hochhält. Und ich denke: Die meisten von uns schaffen es, diese Vielschichtigkeit anzuerkennen.
Das war es für dieses Mal, danke an alle, die bis hierhin gelesen haben. Wir hören uns in 2 Wochen!
Schönen Gruß
Ingrid Brodnig
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