
Über die weniger lauten Verbindungen zwischen Videospielen und griechischer Mythologie und den Not-Quite-A-Book-Club.
Aktuell höre ich Heroes von Stephen Fry. Nachdem mir das 2017 erschienene Mythos von ihm so gut gefiel, weil es die Mythen mit kontemporären Elementen aus Fiktion und Drama erzählt und immer wieder Querverweise in die Gegenwart herstellt (woher dieser oder jener Ort seinen Namen hat, dass Museen intersexuelle Figuren, wie sie in den Mythen vorkommen, lange nicht gezeigt haben oder wie Dichter wie Shakespeare die Erzählungen adaptierten), schien Heroes eine logische und vor allem niedrigschwellige Sommerlektüre.
Trauerspiele
Wie der Name vermuten lässt, geht es um die Heldinnen und Helden der griechischen Mythologie. Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen unmenschliche Aufgaben überwinden müssen.
Wie Herkules: Er hieß bei seiner Geburt eigentlich anders. Zu Ehren der Göttin Hera wurde er Herakles (oder eben Herkules) genannt. Das half wenig, denn Hera hatte ihn seit seiner Zeugung auf dem Kieker. Ihr Mann Zeus hatte sich, wie er das so tat, als andere Person ausgegeben und mit der Frau geschlafen, die Baby Herkules gebären sollte. Die Geburt allein ist schon ein Drama, das mehrere Seiten umfasst.
Was ich nicht wusste: Herkules lebte am Anfang glücklich. Verheiratet, zwei Kinder. Die er alle tötete, weil Hera sie für seine Augen in Drachen verwandelte. Verwandte zu töten war für die antiken Griechen das schlimmste, was man machen konnte und so musste Herkules Buße tun — indem er die berühmten zwölf Aufgaben erledigte.
Die Erzählungen sind nicht einheitlich überliefert. Fry versucht sein Bestes zwischen Homer (8. oder 7. Jhd. v. Chr. ), Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.), Nonnos (5. Jhd.) und den anderen zu vermitteln und eine, nicht die Erzählung zu liefern. Und wusstet ihr, dass Homer “Gatte” oder “Geisel” bedeutet? Da ergibt Homer Simpson nochmal ganz anders Sinn.
Was die Erzählungen gemein haben, ist das Schicksal von Frauen. Wenn sie eine Rolle spielen, die über “sie ist gestorben und deshalb begibt sich ein Mann auf die Reise” hinaus geht (was Laura Mulvey hervorragend, wenn auch in ganz anderem Kontext mit “bearer of meaning, not maker of meaning” zusammengefasst hat), dann sind sie böse und deshalb Schuld an etwas oder werden von einem Gott vergewaltigt, wofür sie ebenfalls sühnen sollen.
Ein Beispiel für ersteres ist Medea, die Frau von Jason (Argonauten, Goldenes Vlies). Weil ich ja nun aber das Hörbuch höre und bis gerade eben nicht wusste, wie man Medea schreibt und Stephen Fry einen extrem britischen Akzent hat, dachte ich beim Zuhören stundenlang an Midir — den Drachen aus Dark Souls 3. Und es passt: Beide sind der mehr oder weniger dunklen Magie mächtig, tun schreckliche Dinge und sind ein pain in the 🍑.

Tarnung und Täuschung
Ein Beispiel für zweiteres ist Medusa. Sie war eine junge Frau, bis sie von Poseidon in einem Tempel von Athene missbraucht wurde. Es macht mich rasend, dass die Schuld für das Sakrileg auf sie geladen und sie von Athene in eine Gorgone verwandelt wurde — ein Monster mit Hauern und Klauen. Doch damit nicht genug der Ungerechtigkeit! Wie sie also friedlich, aber vermutlich erbittert und wutschäumend (verständlicherweise) auf einer Insel mit ihren Monsterschwestern schläft, kommt Perseus, trickst ihren versteinernden Blick und ihre Schlangenhaare mit einem verspiegelten Schild aus (von keiner anderen als Athene, dem Paradebeispiel internalisierten Frauenhasses) und schlägt Medusa den Kopf ab. Es ist an Misere und Misogynie nicht zu übertreffen. Ich hasse diese Geschichte.
Mit dem gleichen Akt der Gewalt beginnt auch die Geschichte von Helena von Troja. Ihrer Mutter, Leda, der späteren Königin von Sparta, erschien Zeus als Schwan und sie hatten Sex. Mangels Einverständnis auch hier wieder strafrechtlich relevant. Es gibt zahlreiche Darstellungen dieses Zusammenkommens — die berühmtesten von Männern, hier zum Beispiel Paul Cézanne.
Ihre Geschichte, ebenso wie ihr Name, erinnern an einen NPC aus Shadow of the Erdtree: Kneedle Night Leda. Die Frauen eint die Verführung durch eine manipulative, eigennützige Gottheit (oder einen Bub auf dem Weg dorthin): Zeus, respektive Miquella.
In einer anderen Version der Geschichte geht es um die Rachegöttin Nemesis. Sie steht für ausgleichende Gerechtigkeit und bestraft vor allem Hybris — das zweitschlimmste Vergehen im antiken Griechenland.
Wenn ihr im Wörterbuch nun “Ironie” nachschlagt, findet ihr dort ein Bild von diesem Kollegen aus Resident Evil 3.

Dieses Monstrum ist eine Biowaffe, ein Produkt von Experimenten der Umbrella Corporation. Dieselbe Corporation, die für die Zombies in allen zehn Spielen und sieben Filmen verantwortlich ist. Jedenfalls ist es der absolute Gipfel an Überheblichkeit und trägt den Namen Nemesis.
Not-Quite-A-Book-Club
Bleiben wir kurz bei Ironie. Seit geraumer Zeit ist mein persönliches Ziel ohne Ziel mehr zu wagen und mehr zu lernen. Für mich ist ein Teil davon weniger zu doomscrollen. Bei ausgerechnet solch einer Session traf ich auf classicallyclare (Abre numa nova janela). Sie schrieb sich ein eigenes Curriculum, um sich den Rest des Jahres mit Literatur zu einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen.
Curriculums zu erstellen ist eine der coolsten Aufgaben der Welt, die hier dankenswerterweise mit meinem kleinen Ziel zusammenfällt.
Wir starten HEUTE. Naja, ich starte heute. Falls du dabei sein möchtest, fühl dich herzlich in diesen Not-Quite-A-Book-Club eingeladen.

Ich habe nur Bücher gewählt, die ich schon daheim, aber noch nicht gelesen habe. Außerdem hat es einen anglistischen/amerikanistischen Fokus — das ist nunmal mein Fachgebiet. Die Fragestellung hätte sonst eine Reihe russischer Autoren verlangt, aber die schreiben nur Schinken und ich wollte dieses Curriculum so realistisch wie möglich halten. Um das Feld noch weiter einzugrenzen, gehen wir in Richtung Gothic. Entsprechende Werke im Herbst und Winter zu lesen ist eine Erfahrung, die jede:r gemacht haben sollte. Spiele gibt es auf der Liste auch, denn ich habe mir eine kleine Bonusfrage überlegt. Dazu später mehr.
Meme der Woche

Dieses Fundstück von /r/Memes (das ich echt nur wegen euch und diesem wiederkehrendem Newsletter-Element konsultiere) stellt eine Frage, die wir hier (Abre numa nova janela) schon einmal anrissen: In welchem Verhältnis stehen Bildqualität und Meme?
In diesem Fall des Star-Trek-Memes wird das Original zwar referenziert — es ist aber ein anderer Ausschnitt. Die praktische Antwort lautet also: Weil der exakte Frame, der das Meme ist, nur in schlechter Qualität vorliegt. Wieso die Mühe eines neuen Screenshots auf sich nehmen?
Es ist aber auch eine Frage der Authentizität: Memes sind handgemacht. Memes sind die Stimme des Internetvolkes. Als solche sind sie besonders dann kredibel, wenn die Qualität des Witzes vor der Qualität des Bildes steht und erkennbar ist, dass es sich um ein DIY-Projekt handelt — wie in diesem Beispiel am grauen und nicht sauber ausgeschnittenen rechten Rand erkennbar.
Danke
Mensch, wieder eine Ausgabe um. Vielen Dank, dass du dabei warst!
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Christina
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