Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um die Frage, wieso zur Hölle wir Horrorfilme gucken.

Bevor es losgeht: In den kommenden zwei Wochen bin ich auf kleiner Deutschland-Tour und lese aus meinem neuen Buch! Am 4.11. in der Krautreporter-Redaktion in Berlin (hier kostenlos anmelden (Abre numa nova janela)), am 5.11. in Bensheim, am 12.11. in Forchheim und am 13.11. in Pforzheim. Wenn du in der Nähe wohnst, komm doch gerne rum!
Ich erinnere mich noch genau, wie ich das erste Mal The Shining gesehen habe. Die Axt in der Tür hat mich nicht fertiggemacht, ne ne. Es war der Junge, Danny, wie er auf seinem Dreirad durch die endlosen, gemusterten Teppichflure des Overlook-Hotels fährt. Das rhythmische, fast hypnotische Geräusch der Plastikräder. Rumpeln auf Holz, dann Stille auf Teppich. Rumpeln, Stille. Rumpeln, Stille. Und dann, in einer dieser stillen Passagen, biegt er um eine Ecke und da stehen sie: die Zwillinge.
Dass ich den Film geschaut habe, ist schon ein paar Jahre her. Aber ich weiß noch, wie ich zusammengezuckt bin, und ja, wie ich bei manchen Szenen einfach die Augen zugemacht habe. Schäme ich mich nicht für. Ich bin kein besonders guter Horrorfilmschauer.
Heute, an Halloween, geht es hier um etwas Grundsätzlicheres: Warum setzen wir uns freiwillig dem aus, wovor uns unsere Instinkte seit Jahrtausenden warnen? Warum suchen wir das Unbehagen, wenn unser ganzes Wesen doch eigentlich nach Sicherheit strebt? Warum gibt es Horrorfilme und Halloween-Partys? Schauen wir dafür mal nicht in den Kürbiskopf, sondern in unseren.
Wenn man die Sensation nicht nur sucht, sondern braucht
Die Antwort, so scheint es, ist kein bloßer Zufall, sondern liegt tief in unserer Persönlichkeit und der ganz spezifischen Verkabelung unseres Gehirns verborgen. Forschende nennen das dahintersteckende Phänomen „Sensation Seeking“, die Suche nach dem Reiz. Und um zu verstehen, was dabei in unseren Köpfen passiert, legten Wissenschaftler:innen 40 mutige (finde ich) Studierende in einen MRT-Scanner und zeigten (Abre numa nova janela) ihnen Szenen aus Filmen wie Aliens und The Shining.
Was sie fanden, war faszinierend: Es waren nicht die gruseligen Szenen, die den größten Unterschied in den Gehirnaktivitäten der Versuchspersonen offenbarten, sondern die neutralen, die langweiligen. Bei Menschen, die auf der Sensation-Seeking-Skala hohe Werte erzielten, zeigten Hirnareale wie der Thalamus und die Insula – beides wichtige Knotenpunkte für die Verarbeitung von Erregung – eine auffallend geringere Aktivität, wenn auf dem Bildschirm wenig passierte. Die Forschenden bezeichnen das als „Hypoaktivierung“.
Man könnte es einfacher sagen: Die Gehirne dieser Versuchspersonen langweilen sich im Alltag. Sie sind chronisch unterstimuliert und hungern nach intensiven Reizen, um ein normales, als angenehm empfundenes Erregungsniveau zu erreichen. Ein Horrorfilm ist für sie nicht nur Unterhaltung, er ist eine Art Kompensation. Eine Dosis neuronaler Aufregung, die ihr Gehirn wieder ins Gleichgewicht bringt.
Die genau richtige Dosis Angst
Aber es geht nicht nur darum, überhaupt Angst zu empfinden. Es geht, wie so oft im Leben, um die richtige Dosis. Das fanden Forschende heraus (Abre numa nova janela), die dahin gingen, wo der Grusel kommerzialisiert wird: in ein Geisterhaus in Dänemark. Überhaupt nicht hyggelig. Sie statteten 110 Besucher:innen mit Herzfrequenzmessern aus, filmten sie an den schlimmsten Schreckmomenten und befragten sie anschließend nach ihrem „Vergnügen“.
Das Ergebnis war eine perfekte umgekehrte U-Kurve. Ein bisschen Angst? Langweilig. Zu viel Angst? Nur noch unangenehm und kein Spaß mehr. Das maximale Vergnügen stellte sich genau in der Mitte ein, bei einem Level, das die Forschenden als „just right fear“ bezeichnen – die „genau richtige“ Angst.
Es ist wie ein Spiel, bei dem wir unsere eigenen Grenzen ausloten. Wir suchen eine für uns perfekte Mischung aus Unsicherheit und Überraschung, einen Punkt, an dem die Kontrolle gerade so wackelt, dass es aufregend wird, aber nicht so sehr, dass echte Panik einsetzt. Freizeit-Angst, so nennen sie es, ist die Kunst, den süßen Punkt auf der Angst-Skala zu finden.
Horrorfilme und Geisterbahnen haben dabei einen entscheidenden Vorteil: Wir fühlen uns trotz des Horrors sicher. Denn der Horror findet in einem sicheren Rahmen statt, dem wir uns auch entziehen können. Zum Beispiel, indem wir die Augen zu machen oder Chips holen aus der Küche.
Aufregung ist nicht gleich Vergnügen
Doch es gibt noch einen letzten, entscheidenden Unterschied, der erklärt, warum wir manche Schocker genießen und andere uns einfach nur abstoßen. Eine Studie (Abre numa nova janela) bat Versuchspersonen, verschiedene Horrorszenen zu bewerten, und trennte dabei sauber zwischen zwei Konzepten: Aufregung (Excitement) und Vergnügen (Enjoyment). Aufregung ist die reine körperliche und emotionale Erregung: der Puls, der Adrenalinstoß. Vergnügen ist die positive Bewertung dieser Erregung.
Das Ergebnis war eindeutig: Der entscheidende Faktor, der das Vergnügen zunichtemachte, war Ekel. Wie in der berüchtigten „Brustkorb“-Szene im Film Alien. Die körperliche Reaktion ist maximal – das ist pure Aufregung. Aber der extreme Ekel, das Blut und die Verletzung des Körpers, sorgt dafür, dass die wenigsten diesen Moment als reines Vergnügen bezeichnen würden. Der Ekel wirkt wie ein Veto. Interessanterweise war morbide Neugier ein starker Vorhersagefaktor für beides, Aufregung und Vergnügen, was nahelegt, dass ein Teil von uns einfach wissen will, wie schreckliche Dinge aussehen, selbst wenn wir sie am Ende nicht mögen.
Am Ende ist es also ein komplexes Zusammenspiel. Manche von uns sind biologisch auf den Nervenkitzel geeicht, weil ihr Gehirn im Alltag untertourig läuft. Wir alle, ob Nervenkitzel-Sucher oder nicht, genießen eine perfekt austarierte Dosis Angst, die uns an den Rand der Kontrolle bringt, ohne uns hinüberzustoßen. Und die Meister des Kinos wissen genau, welche Knöpfe sie in unserem Gehirn drücken müssen, um uns dorthin zu bringen.
Eine Art mentales Fitnessstudio
Die Wissenschaft des Grusels zu verstehen, ist mehr als nur eine akademische Übung; es gibt uns praktische Werkzeuge an die Hand, um unser Filmerlebnis zu verbessern und sogar unsere Widerstandsfähigkeit im Alltag zu stärken.