Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Erinnerungen, die wehtun.

Kurzer Feier-Einschub vorab! Der Podcast zu diesem Newsletter wurde seit der letzten Folge über eine Million mal angehört. Eine Million mal! So ne große Zahl kann man sich kaum vorstellen. Apropos: In der neusten Folge gehts – kein Spaß! – darum, warum das Gehirn Schwierigkeiten mit großen Zahlen hat. Fazit: Dein Gehirn kann eigentlich nur bis vier zählen. Hier kannst du Hörer:in Nummer 1.013.395 werden (Abre numa nova janela) und lernen, was ab der Zahl 5 im Gehirn passiert (falls du es im Newsletter verpasst hast).
Vor einem Jahr etwa habe ich auf Instagram ein Video gesehen, in dem eine junge Frau von einer Krankheit erzählt hat, von der ich vorher nur sporadisch gehört hatte. Ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung, was genau sie bedeutet. Und das, obwohl die Krankheit häufig ist. Etwa jede zehnte menstruierende Person ist betroffen. Das wären allein in Deutschland rund zwei Millionen Menschen. Trotzdem dauert es laut Studien durchschnittlich sieben bis zehn Jahre, bis die Diagnose gestellt wird. Und das liegt nicht daran, dass die Krankheit so selten oder so schwer zu erkennen wäre, sondern daran, dass die Schmerzen gesellschaftlich oft bagatellisiert werden.
Ich rede von Endometriose, eine chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) ähnelt, außerhalb der Gebärmutter wächst – zum Beispiel an den Eierstöcken, am Darm, an der Blase oder im Bauchfell. In sehr seltenen Fällen sogar in der Lunge oder im Gehirn.
Dieses Gewebe reagiert genau wie die Gebärmutterschleimhaut auf hormonelle Schwankungen im Monatszyklus: Es baut sich auf, wird durchblutet und blutet dann ab. Nur: Anders als in der Gebärmutter kann dieses Blut nicht einfach abfließen. Es staut sich, reizt das umliegende Gewebe, verursacht Entzündungen, Vernarbungen, Zysten und in vielen Fällen starke Schmerzen.
Endometriose äußert sich sehr unterschiedlich, deshalb wird auch „Chamäleon der Gynäkologie“ genannt. Nicht alle Betroffenen haben Symptome, aber wenn, dann gehören dazu unter anderem schmerzhafte Regelblutungen, Schmerzen beim Sex, beim Stuhlgang oder beim Wasserlassen, chronische Unterbauchschmerzen, ein unerfüllter Kinderwunsch sowie starke Erschöpfung und Konzentrationsstörungen.
Und damit sind wir beim Kern der Krankheit: Endometriose ist nicht einfach nur „Regelschmerz“ – sie ist eine systemische Erkrankung, die Schmerzen chronisch machen kann. Die Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Es gibt Hinweise auf genetische, hormonelle und immunologische Zusammenhänge.
Auch das zentrale Nervensystem scheint eine wichtige Rolle zu spielen. Und genau diesen Aspekt schauen wir uns heute mal genauer an. Denn manchmal bleibt die Krankheit sogar nach der OP weiter spürbar, als wäre sie nie gegangen. Und genau da wird es spannend. Denn was bleibt, ist nicht die Entzündung. Was bleibt, ist Erinnerung.
Schmerz ist ein wichtiges Warnsignal
Bevor wir verstehen können, wie Schmerz bleibt, müssen wir kurz klären, wie er überhaupt entsteht. Und dafür opfere ich eine sehr dunkle Erinnerung. Es war Valentinstag 2015. Mein Basketball Team in Osnabrück spielte eine super Saison, unser Ziel war der Aufstieg. Bei einem Heimspiel zog ich zum Korb, stoppte ab zum Mitteldistanzwurf und landete auf dem Fuß meines Gegners. Der Fuß knickte gefühlt in alle Richtungen gleichzeitig um. Ich schrie auf und blieb liegen. Fünf Minuten später lag ich am Seitenrand mit einem Handtuch zwischen den Zähnen, weil die Schmerzen so heftig waren. Ergebnis: Außenband durch, ein Stück vom Knöchel abgesprungen. Ein paar Wochen später folgte die OP.
Den Schmerz, den ich in diesem Moment (und in den Wochen danach) gespürt habe, war ein ein präzises biologisches Warnsignal. Und das geht in der Regel so: In meinem Fuß werden spezialisierte Schmerzfühler durch Gewebeschäden und Entzündungsstoffe wie Histamin oder Prostaglandine aktiviert. Kleine Ionenkanäle in der Zellmembran öffnen sich, Strom fließt, ein elektrisches Signal wanderte über meine Nervenbahnen zum Rückenmark.
Dort wird das Signal verschaltet und teilweise schon verstärkt oder gedämpft, je nachdem, wie mein Körper drauf ist: Stress, Hormone, Endorphine – alles spielt mit. Dann geht’s weiter ins Gehirn: Der somatosensorische Kortex lokalisiert den Schmerz. Die Amygdala bewertet ihn emotional. Der präfrontale Kortex denkt über Konsequenzen nach. Und mein Körper reagiert: Schonhaltung, Zähne zusammenbeißen, Fluchen. Schmerz zwingt mich, aufzuhören. Das ist seine Aufgabe. So schützt er mich. So funktioniert er.
Aber: Das System lernt. Und da kommen wir zur Endometriose zurück.
Schmerz kann sich einbrennen wie ein Traum, den man nicht mehr loswird
Wenn sich solche Schmerzreize wie bei Endometriose Monat für Monat wiederholen, entstehen im zentralen Nervensystem neue, stärkere Verbindungen. Synapsen feuern schneller, Reize werden früher als gefährlich eingestuft. Studien (Abre numa nova janela) zeigen: Dieselben Mechanismen, die unser Gehirn zum Lernen nutzt – Langzeitpotenzierung, synaptische Plastizität –, lassen auch den Schmerz bleiben, selbst wenn die körperliche Ursache längst entfernt wurde. Chronischer Schmerz ist kein Symptom mehr. Er ist selbst zur Krankheit geworden.
Das kann auf verschiedenen Wegen passieren:
Am Anfang steht meist ein normales, akutes Schmerzereignis. Durch Entzündung oder Gewebeschädigung werden Nozizeptoren – also die Schmerzrezeptoren in Haut, Muskeln oder Organen – dauerhaft gereizt. Sie senken ihre Reizschwelle. Jetzt feuern sie schon bei kleineren Reizen. Aus „aua“ wird „AUA!!“. Auch Dinge, die vorher gar nicht wehgetan haben, werden plötzlich als schmerzhaft empfunden. Das nennt man „Allodynie“.
Im Rückenmark und im Gehirn verstärken sich mit der Zeit die Signalwege. Speziell im Hinterhorn des Rückenmarks kommt es zu einer Überaktivierung von Second-Order-Neuronen. Gleichzeitig nehmen hemmende Systeme, wie körpereigene Opioide, ab. Die Folge: Schmerzen werden nicht mehr nur weitergeleitet, sondern aktiv verstärkt.
Der Körper heilt, aber das Gehirn „bemerkt“ es nicht. Die ursprüngliche Verletzung ist längst weg, aber das Nervensystem bleibt im Alarmmodus. Es hat gelernt: Hier ist Gefahr! Also bleibt es auf Empfang. Immer bereit. Also: überbereit.
Wenn man das Gehirn scannt, sieht man, dass sich die Aktivität bei chronischem Schmerz verlagert (Abre numa nova janela): raus aus den sensorischen Arealen, rein in die emotionale und kognitive Schaltzentrale: Hippocampus, Amygdala, präfrontaler Kortex. Genau dort, wo auch unser autobiografisches Gedächtnis wohnt, unsere Ängste, unsere Erwartungen. Der Schmerz wird emotional. Er wird Teil von dir.
In einer neurobiologischen Studie (Abre numa nova janela) zeigte sich sogar, dass Patient:innen mit chronischem Rückenschmerz sich an ihre Schmerzen nicht nur erinnern, sondern sie in der Rückschau als schlimmer bewerten, als sie real waren. Und dass dieser Effekt mit einem bestimmten Bereich im Hippocampus zusammenhing.
Manche Schmerzgedächtnisse sind so tief verankert, dass sie selbst dann weiterwirken, wenn das bewusste Gedächtnis gelöscht wurde. In seltenen Fallstudien verschwanden chronische Schmerzen nach einer Amnesie, als wäre mit dem Erinnerungsvermögen auch der Schmerz gelöscht worden. Wissenschaftlich erklärt (Abre numa nova janela) wird das über implizite Gedächtnisprozesse, die tief im Gehirn in emotionalen Reiz-Reaktionskreisen gespeichert sind.
Das heißt: Auch wenn die Endometriose in einer OP entfernt wurde, kann der Schmerz bleiben. Nicht, weil er eingebildet ist, sondern weil er gelernt wurde und weil das Nervensystem ihn abgespeichert hat. Das Gehirn erinnert sich, auch wenn der Körper längst zur Ruhe gekommen ist.
Und jetzt? Was tun mit dieser Erkenntnis?
Der erste Schritt ist: Verstehen, dass chronischer Schmerz eine neurologische Realität ist, keine Einbildung, keine Übertreibung, kein psychosomatisches Rätsel, sondern ein Zustand, der biologisch erklärbar ist.
Der zweite Schritt ist: neu denken. Für Schmerztherapien könnte das heißen, dass man gezielt Rehabilitationsprogramme entwickelt, die nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn umtrainieren. Und solche Therapien gibt es bereits.