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Was in deinem Gehirn passiert, wenn du empathisch bist

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es darum, wie dein Gehirn sich in andere hineinversetzt.

Eine Collage mit gezeichneten Menschen, die traurig aussehen in sehr abstraktem Stil.
KI-generiert mit Midjourney.

Du sitzt in der Bahn und scrollst auf deinem Handy. Nichts spannendes, keine neue Nachricht, die News bei Zeit Online kennst du alle schon. Die nächste Station wird angesagt. Du musst noch lange nicht raus. Du steckt dein Handy weg und schaust hoch, dein Blick wandert durch den Waggon. Er bleibt an einer Frau hängen, die dir schräg gegenüber sitzt. Sie weint. Nicht laut schluchzend, sie schaut einfach nur aus dem Fenster und die Tränen laufen über ihr Gesicht. Und du merkst: Etwas passiert in dir. Vielleicht zieht sich dein Bauch zusammen. Vielleicht wird dir schwer ums Herz. Du wirst selbst traurig. Und könntest ebenfalls weinen.

Aber warum eigentlich?

Empathie – dieses große Wort für das kleine Flackern in unserer Brust – ist keine Magie. Natürlich nicht. Wie so viele Dinge, die uns Menschen ausmachen (und manchmal auch andere Arten), hat Empathie viel damit zu tun, was in unserem Gehirn passiert. Und das hat ein erstaunliches Arsenal an Mechanismen, um mitzufühlen. Heute nehmen wir es auseinander: Was passiert genau in deinem Kopf, wenn du Empathie empfindest?

Seit wann interessiert sich die Hirnforschung für Empathie?

Lange war das Thema Empathie eher was für Philosophen. Edith Stein schrieb schon 1917 über „Einfühlung“, aber das Gehirn blieb außen vor. Erst in den 1990ern wurde es ernst:

Ein Forschungsteam um Giacomo Rizzolatti in Parma entdeckte zufällig bei Makaken-Affen Neuronen (vor allem im prämotorischen Kortex), die aktiv sind, wenn der Affe selbst etwas tut – aber eben auch, wenn er einem anderen Affen bei der gleichen Handlung zuschaut. Diese Zellen nannten sie später: Spiegelneuronen. Die Idee: Vielleicht basiert unsere Fähigkeit zum Mitfühlen auf einer Art innerem „Simulationstheater“. Der Begriff Spiegelneuronen schlug ein wie ein Blitz in der Hirnforschung. Und rasch wurde klar: Auch Menschen haben solche Systeme. Es wurden ähnliche Mechanismen mittels fMRT identifiziert, besonders im inferioren frontalen Gyrus und inferioren Parietallappen, doch der direkte Beweis für echte Spiegelneurone im menschlichen Gehirn fehlt.

Studien legen nahe, dass diese Netzwerke zumindest einen Teil der emotionalen Empathie ermöglichen: Wir spiegeln das, was andere erleben, im eigenen Nervensystem, indem wir die gleichen Neuronen aktivieren, die wir auch aktivieren würden, wenn wir selbst in dieser Situation wären. Doch die Forschung differenzierte bald: Spiegelneuronen allein erklären nicht alles. Vor allem komplexe empathische Prozesse wie Mitgefühl für Trauer oder Schuld brauchen mehr. Dann kommen höhere kognitive Netzwerke ins Spiel.

Die Architektur des Mitgefühls – so sieht Empathie im Gehirn aus

Empathie ist kein einzelner Schalter, der auf „an“ oder „aus“ steht. Sie ist ein Zusammenspiel verschiedener Systeme. Forscher:innen vom Max-Planck-Institut in Leipzig wollten herausfinden, inwiefern sich zwei Empathie-Formen voneinander unterscheiden. Sie untersuchten sowohl affektive Empathie (Du spürst das Gefühl des anderen mit wie Schmerz, Angst oder Freude. Es fühlt sich an, als würde es dir passieren), als auch kognitive Empathie (Du verstehst, was der andere fühlt und warum, auch wenn du es selbst nicht fühlst – auch „Theory of Mind“ genannt bzw. ToM).

Die 178 Teilnehmenden ihres Experiments sahen kurze Videoclips, in denen Menschen von schmerzhaften Situationen erzählten – z.B. Geschichten über Verlust, Krankheit oder Verletzung – oder von neutralen. Danach bekamen die Versuchspersonen zwei verschiedene Aufgaben gestellt. In der Empathie-Bedingung wurden sie gefragt: Wie stark fühlst du mit? In der ToM-Bedingung: Was denkt die Person? Warum handelt sie so?

Die Ergebnisse: Affektive Empathie aktivierte die anterioren Insula, den anterioren cingulären Kortex und den inferioren frontalen Gyrus – das sind klassische Areale des Schmerz- und Emotionsnetzwerks. Kognitive Empathie (ToM) aktivierte andere Regionen: etwa die ventrale temporoparietale Junction, temporale Pole, sowie mediale präfrontale Regionen.

Beide Netzwerke waren funktional und räumlich trennbar, also unabhängig voneinander aktivierbar. Und: Diese Aktivierungen sagten individuelle Unterschiede im Verhalten vorher, z. B. ob jemand eher emotional mitfühlend oder gedanklich verstehend reagiert.

Es gibt auch noch eine weitere Form von Empathie: „Empathic Concern“. Das heißt: Du siehst nicht nur, dass jemand traurig ist. Du willst aufspringen, ein Taschentuch reichen, etwas sagen. Aus Mitgefühl entsteht Fürsorge, also der Wunsch, jemandem zu helfen.

Diese drei Komponenten wirken zusammen, aber sie sind voneinander trennbar – psychologisch wie neurobiologisch. Wichtig ist deshalb: Empathie ist nicht gleich Sympathie (jemanden mögen) und nicht gleich Mitgefühl (helfen wollen). Aber sie ist die Voraussetzung dafür, dass all das überhaupt entstehen kann.

Nicht alle haben gleich ausgeprägte Empathie-Areale

Bei der Selbst- vs. Fremdwahrnehmung gibt es ein zentrales Element: Das Gehirn muss unterscheiden, was es selbst fühlt – und was vom anderen übernommen wird. Sonst würde Empathie in Überwältigung umschlagen. Genau das passiert beispielsweise bei Menschen mit hoher Sensibilität oder in Burnout-Zuständen. Bei Menschen mit geringerer Empathiefähigkeit – etwa mit stark ausgeprägten psychopathischen Zügen – zeigen (Abre numa nova janela) sich geringere Aktivierungen in diesen Arealen, insbesondere in der Insula und im anterioren cingulären Kortex.

Forschende aus Lübeck und Magdeburg wollten herausfinden, ob Empathie eine bewusste Entscheidung ist oder einfach so passiert, ob wir wollen oder nicht. Wie reagiert das Gehirn, wenn Menschen ohne jede Aufforderung zur Anteilnahme mit emotionalen Szenen konfrontiert werden? Das Team fand einen überraschenden Faktor, der die spontane Empathie beeinflusste.

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