It's not Christmas
Till somebody cries
(Carly Rae Jepsen)
174/∞
Good evening, Europe!
Dass Chris Rea gestern, parallel zum Beginn der Weihnachtsreisewelle, gestorben ist, ist auch eine 9,0 auf der George-Michael-Skala.
Michael hatte natürlich zahlreiche Hits gehabt, aber über allem stand eigentlich immer schon „Last Christmas“, einer der umstritteneren Weihnachtssongs. Ich liebe den Song und seine Melancholie, denn wer kennt es nicht, dass man sich im Kontext von Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmarktbesuchen oder Weihnachtskonzerten irgendwelcher regionaler Indiebands emotional verausgabt, nur damit das Ganze dann kürzer als geplant (zumindest von einem selbst) ausfällt? Dass der Mann, der „Last Christmas, I gave you my heart / But the very next day, you gave it away“ gesungen hatte, am Weihnachtstag vor neun Jahren von uns ging, weil sein Herz aufgegeben hatte, war eine interessante Mischung aus Tragik, Ironie und der perfekten Erzählung gewesen. (Und eine 8,5 auf der John-Denver-Skala.)
Und jetzt eben Chris Rea, der Mann, der den Allermeisten vor allem durch „Driving Home For Christmas“ bekannt sein dürfte. Der Song läuft aktuell mit leicht verändertem Text (Abre numa nova janela) in jeder Werbepause und war damit eh noch mal präsenter als in normalen Dezembern — und dann das!
Jens Balzer hat Reas Qualitäten in seinem Nachruf für die „Zeit“ (Abre numa nova janela) sehr schön beschrieben:
Der Gesang von Chris Rea bewegte sich stets an der Grenze zum Sprechgesang, manchmal auch an der Grenze zum Nuscheln und Murmeln. Oft hatte man das Gefühl, dass er eigentlich nur für sich selbst singt, sodass seine Musik noch in den dramatischsten Momenten authentisch und nahbar wirkte.
Meine Lieblingsstelle in „Driving Home For Christmas“ ist die, wo sich der Erzähler - womöglich im Stau - die Person im Auto nebenan anschaut: „I take a look at the driver next to me / He's just the same / Just the same“. Weihnachten, einer dieser großen, elementaren Gleichmacher: Wir wollen alle die gleichen Dinge — und oft genug sind es solche, die mal waren und jetzt nicht mehr sind, denn die Reise ist ja auch von „a thousand memories“ begleitet bzw. führt direkt dorthin.1

Ich denke, seit ich mich im März 2004 in Bochum angemeldet habe, nicht mehr von Dinslaken, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, als Heimat. Aber dieser Song ist für mich untrennbar verbunden mit der A 40 am 1. Feiertag, wenn das Kind und ich zu meinen Eltern fahren. Die meisten anderen Menschen, die zu dieser Zeit unterwegs sind, haben ein ähnliches Ziel.2 Vielleicht liegt es daran, dass Chris Rea eine der Dominanten in der CD-Sammlung meines Vaters und entsprechend auch auf meinen ersten eigenen Mixtapes mit drauf war. Ich meine: Wer erinnert sich sonst noch an seinen Song „Daytona“ (Abre numa nova janela)?!
Spätestens, seit meine Großeltern tot sind, ist es nicht mehr das Weihnachten meiner Kindheit, aber Weihnachten war ja immer irgendwie anders gewesen (s.a. Newsletter #82 (Abre numa nova janela)). Und natürlich werde ich auch dieses Jahr am 1. Feiertag wieder bei meinen Eltern neben dem Tannenbaum auf dem Wohnzimmerteppich liegen3 und irgendjemand wird gegen die Figuren der Ostheimer-Krippe laufen und sie werden mit jenem Klack-Geräusch auf den Parkettboden prallen, das ich unter Tausenden anderen Geräuschen heraushören würde, wenn es noch Fernsehshows gäbe, in denen solche nutzlosen Inselbegabungen belohnt werden.
Obwohl mein Buch das vierte Quartal dominiert und alle üblichen Zeitpläne gesprengt hat (vgl. letzter Newsletter (Abre numa nova janela)), haben wir den so entstandenen Rückstand inzwischen aufgeholt und „Der Grinch“ (2018), „Schöne Bescherung“, „Kevin – Allein zu Haus“, „Die Muppets-Weihnachtsgeschichte“ und „Stirb langsam“ geguckt (letzteren hab ich alleine geschaut, weil das Kind erst elf ist).
Nicht gucken werden wir wie immer „Tatsächlich … Liebe“, aber bei „Pop Culture Happy Hour“, meinem Lieblingspodcast, haben sie neulich über die schlechtesten Weihnachtsfilme aller Zeiten (Abre numa nova janela) gesprochen und dabei natürlich auch über diesen. An einer Stelle sagt Co-Moderatorin Aisha Harris den wunderbaren Satz: „It’s Ed Sheeran before Ed Sheeran existed.” Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich genau weiß, was sie damit meint, aber andererseits hat sie damit zu 100% recht.
Ich möchte mich ganz herzlich für die zahlreichen Neuanmeldungen und PayPal (Abre numa nova janela)-Spenden nach der letzten Ausgabe bedanken! Ich weiß, dass gerade alles ziemlich teuer ist (die „Tagesschau“ (Abre numa nova janela) hat aufgeschrieben, warum Schokolade gerade so absurd teuer ist, obwohl die Kakaopreise aktuell so niedrig sind und bei den Bauern kaum was ankommt), und da weiß ich es sehr zu schätzen, wenn Ihr mir zwischen all den Geschenken, Jahresabos und Versicherungen auch noch Geld schickt — ganz besonders bei den „kleinen“ Beträgen, weil ich da ahne, dass wirklich nicht viel übrig ist!
Wenn Ihr mögt und/oder jetzt noch ein Weihnachtsgeschenk, gibt es auch immer noch das Geschenk-Abo! Für 12 Euro im Monat oder 120 Euro im Jahr bekommt Ihr den ohnehin kostenlosen Newsletter, exklusive Texte, meinen größten ewigen Dank und könnt Euer Abo mit zwei weiteren Personen teilen (d.h. es kostet eigentlich maximal 4 Euro pro Person und Monat).
Wie es sich für Cyber-Friday-Single-Christmas-Deals gehört, ist das das Angebot zeitlich begrenzt: Ihr könnt es nur bis einschließlich 6. Januar buchen!
Die anderen Abonnements gibt es natürlich weiterhin (auch zum alten Preis) und ich freue mich sehr über jede Unterstützung!

Und jetzt wünsche ich Euch und Euren Lieben ein paar schöne und entspannte Weihnachtstage! Ich weiß: Entspannt sind sie selten und schön auch nicht immer. Wenn es für Euch eher eine Zeit voller Erwartungsdruck, Stress, Erinnerungen (unschönen oder welche an schöne Zeiten, die nicht mehr sind) und/oder Einsamkeit ist, wünsche ich Euch, dass Ihr sie gut übersteht! Niemand wird vergessen sein! Always love! Friede sei mit Euch!
Frohe Weihnachten, Euer Luki
https://www.youtube.com/watch?v=tKAmBAGy1_A (Abre numa nova janela)Nostalgie läuft natürlich immer auch Gefahr, als Vorfeldorganisation des Reaktionismus zu wirken. In diesem Fahrwasser dümpelt ja auch die aktuelle Konservativer-Backlash-Simulation: Zurück zur Alten Ordnung, da wusste man wenigstens noch, woran man war. Wohlige Erinnerungen an Dinge, die nie passiert sind. Aber davon handelt dieser Song nicht. ↩
Die anderen schackern in systemrelevanten Berufen, ohne dass ihnen jemand in den letzten drei Jahren applaudiert hätte. ↩
Im aktuellen „SZ Magazin“ (Abre numa nova janela) ist ein Text über Familienrituale zu Weihnachten erschienen, dessen Aufhänger irritierenderweise ist, an Weihnachten auf dem Boden zu liegen — I am not beautiful and unique snowflake. ↩