Warum Vermeidung und Absicherung schädlich sind, welche Rolle Angehörige spielen und wohin Grübelzwang führen kann

Das Wichtigste zuerst: Alles Folgende schreibe ich aus meiner persönlichen Situation heraus. Weder soll der Text eine ordentliche Diagnostik ersetzen, noch Handlungsempfehlungen geben. Der Text ist zuvorderst mein Abschluss mit einem jahrelangen Kampf, in dem ich schließlich siegreich war.
Ich kann nicht sagen, wann genau ich die Grenze zwischen “gesund” und “krank” überschritten habe, weil sie wie bei den meisten psychischen Erkrankungen sehr fließend ist. Aber während einer Therapie, die ich aus anderen Gründen begonnen hatte, wurde mir klar, dass ich in Großteilen von einer Angststörung kontrolliert wurde.
Angst, Panik, Phobie: Was ist was?
Ich würde die drei Phänomene so unterscheiden: Angststörung ist ein mehr oder weniger dauerhafter Stresszustand, während Panikstörung und Phobie zeitlich begrenzt und mit zum Teil sehr spezifischen Auslösern auftreten. Eine Person mit einer Phobie kann ganz normal leben, solange sie nicht mit dem Trigger ihrer Phobie konfrontiert wird. Eine Angststörung hat zwar meist einen Kernbereich, in dem sie sich zeigt, lauert aber jederzeit unter dem Bett. Sie entspricht gewissermaßen einem Persönlichkeitszug. Die Trigger sind weniger klar umrissen, so dass ganz verschiedene Situationen Angststress auslösen können.
Das macht aus meiner Sicht die Angststörung schwieriger zu behandeln. Eine Phobie kann man über eine Konfrontationstherapie mit relativ wenigen Therapiestunden in den Griff bekommen, eine Angststörung dagegen braucht entsprechend einen umfassenderen Ansatz. Behandelbar ist beides ziemlich gut, nur der Weg zur Heilung oder Symptomfreiheit ist ein anderer.
Allen Angstphänomenen gemein ist, dass stammhirnnahe Bereiche wie etwa Mandelkern/Amygdala in bestimmten Situationen wie verrückt feuern. Sie suggerieren uns, dass wir uns in extremster Gefahr befinden, und leiten umgehend eine “fight or flight”-Reaktion ein. Stresshormone wie Adrenalin oder Cortisol mobilisieren Energiereserven, die uns auf eine bevorstehende Flucht oder den Kampf vorbereiten. Die Ausschüttung von Stresshormonen ist normal und evolutionär, weil sie dazu führt, dass in einer Bedrohungs- oder Belastungssituation alle unsere Kapazitäten für die Überwindung der Situation zur Verfügung stehen.
Mögliche Folgen dieses Hyperstresses sind
Herzrasen
beschleunigte Atmung
Übelkeit/Durchfall, allgemein Magen-Darm-Reaktionen
Zittern
Druck in Hals und Brust
Normalerweise erleben Menschen diesen Angststress nur bei tatsächlichen Bedrohungen, etwa in eskalierenden Konfliktsituationen oder bei drohenden Unfällen. Indem unser System den ganzen Körper in Alarmbereitschaft versetzt, Atmung, Herzschlag und Muskelaktivität beeinflusst, hilft Angst, das Schlimmste zu verhindern. Menschen mit einer Erkrankung des Angstspektrums erleben diese extreme körperliche Situation dagegen auch bei imaginierten Bedrohungssituationen. Obwohl wir in Sicherheit sind, tut das Gehirn so, als ob wir uns unmittelbar in Gefahr befinden.
In welchen Lebensbereichen sich eine Angststörung manifestiert, ist von Person zu Person unterschiedlich, aber besonders häufig und gerne auch in Kombination kommen vor:
Zukunftsangst: Sorge vor dem, was kommt
Verlustängste: ständige Angst, nahestehenden Personen könnte etwas Schlimmes passieren oder Partner könnten uns verlassen
Krankheitsangst/Hypochondrie: Überzeugung, selbst schwerst/unheilbar krank zu sein
Konflikt- bzw. Zurückweisungsangst: Angst davor, das jemand uns nicht mag, böse auf uns wird usw.
Behördenangst: Angst bis Panik vor Authoritätskontakten
Medikamentenangst: Angst vor Medizin bzw. möglichen Nebenwirkungen
Angst vor ÄrztInnen/Krankenhaus: selbsterklärend
Sozialangst: Stress bei Kontakten mit fremden Menschen
Neue, unbekannte Situationen, z.B. das Aufsuchen fremder Orte
Das entscheidende Element bei vielen Ängsten ist letztlich der Kontrollverlust. Allein der Gedanke an bestimmte Situationen reicht aus, um unsere Körper reagieren zu lassen, als ob ein hungriger Bär vor uns stünde.
Mein Weg
Während einer Therapie, die ich Anfang 2019 aus ganz anderen Gründen begonnen hatte, wurde mir mit Hilfe meiner extrem kompetenten und einfühlsamen Therapeutin klar, dass ich mindestens zehn Jahre lang angstgestört gewesen war. Was mich im ersten Augenblick am meisten entsetzt hat, war die Tatsache, dass ich in dieser Zeit die Angststörung meiner Mutter sehr engmaschig begleitet hatte. Ich war dank intensiver Recherche fähig, eine korrekte Diagnose bei ihr zu stellen, Jahre bevor die therapeutischen und psychiatrischen Fachkräfte, die sie über die Jahre aufgesucht hat, das schließlich taten. Für meine Mutter hatte ich alles über Angststörungen, ihre Symptome und unterschiedliche Ausprägung gelesen und war doch nicht in der Lage, die gleichen Muster für mich zu erkennen.
Der Moment des Erkennens war aber auch deshalb besonders schwierig, weil mir plötzlich klar wurde, wie viel Lebenszeit ich an die Krankheit verloren hatte, und wie groß die Belastung durch mich für meinen ehemaligen Ehemann war. Trauer über die verlorene Zeit, Schuld- und Schamgefühle waren die Folge. Scham und Schuld waren so tief, dass ich nicht in der Lage war, bei unserer Scheidung für meine Rechte einzustehen. Aber das nur nebenbei.
Ich habe mittlerweile nahezu alle Symptome der Angststörung nachhaltig überwunden und kann viele Dinge, die mir lange unmöglich waren, tun, ohne dass mein Stresspegel auf einer Skala von 1 bis 10 höher als 2 steigt. Ich habe dank meiner Depressionen immer noch alle Hände voll zu tun, meine Psyche in Schach zu halten, aber pathologische Ängste plagen mich nicht mehr. Der einzige Sieg in meinem Leben, der mich jemals stolz gemacht hat.
Bei mir zeigte sich die AS vor allem bei Kontakten mit fremden Menschen, beim Aufsuchen neuer Orte und drolligerweise beim Englischsprechen.
Wenn ich auf der Straße ging, trug ich immer meine innere Ritterrüstung, ich war immer in der Defensive. Wechselte die Straßenseite, wenn auf dieser Kontakt drohte. Draußen zu sein, wo praktisch nur Fremde waren, war immer Stress für mich. Mit Öffis an einen Ort in Berlin zu fahren, an dem ich vorher noch nicht war, habe ich zehn Jahre vermieden. Die Idee, dort verloren zu gehen, weil ich nicht im Voraus weiß, welchen Ausgang ich nehmen, in welche Richtung ich gehen musste, erzeugte ungeheuren Stress. Und schließlich: Englisch zu sprechen, vor allem mit Muttersprachlern, hat mich völlig gelähmt. Mein Sprachverständnis entspricht praktisch fließendem Niveau, Schreiben und Lesen waren nie ein Problem, aber Sprechen ging nicht.
Nie habe ich mich so hilflos, so vollkommen jeder Handlungsfähigkeit beraubt gefühlt als in dem Augenblick, als mir zum ersten Mal Tricky im Supermarkt begenete. Tricky ist mein musikalischer Gott, ich halte ihn für einen der talentiertesten und intelligentesten Musiker des 20. Jahrhunderts, der nicht nur den Stil von Massive Attack maßgeblich geprägt, sondern ein ganzes Genre - TripHop - erfunden hat. Tricky ist Engländer und vor einigen Jahren nach Berlin und in den Prenzlauer Berg gezogen, wo ich auch wohne. Und plötzlich stand er nur eine Armlänge von mir entfernt und ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nicht.
Vielleicht war das der erste Augenblick, in dem ich eine Ahnung davon bekam, wie sehr mich meine Ängste einschränken. Wir sehr sie mich zu einer Gefangenen gemacht haben. So unendlich gerne hätte ich Tricky gesagt, wie krass seine Musik mein Leben, meine Wahrnehmung der Welt, meine Identität und meine Vorstellung von Schönheit geprägt hat. Und ich konnte einfach nicht. Ich hätte schreien mögen, weinen, verzweifeln, weil ich einfach. Nicht. Konnte.
Kein nicht angstgestörter Mensch kann sich auch nur annähernd vorstellen, wie sich das anfühlt, von seinem eigenen Gehirn so als Geisel genommen zu werden. Eine Angsterkrankung verschlingt alle Leichtigkeit, alle Lebensfreude. Souveränität, Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit. Vielleicht kann dieser Text dem Einen oder der Anderen helfen, etwas früher zu erkennen, dass sie Hilfe brauchen, als ich das bei mir erkannt habe.
Angststörung und Vermeidung
Etwas, das ich voller Gewissheit sowohl für meine Mutter als auch für mich sagen kann, ist, dass Vermeidungsverhalten wie eine Einstiegsdroge wirkt. Wenn wir uns das Angstzentrum des Gehirns wie einen Muskel vorstellen, dann braucht dieser Muskel regelmäßiges Training und also Herausforderungen, um gesund zu arbeiten.
Nun arbeitet aber die Angstlogik eines menschlichen Gehirns genau entgegengesetzt. In unserem Kopf lautet die Handlungsanweisung “Oh. Mein. Gott. Situation XY führt zu einer Bedrohung durch hungrige Bären, bleib also um Himmels Willen von Situation XY weg!” Und genau das tun wir. Vermeidungsverhalten ist “grundsätzlich” genauso normal und gesund wie andere Instinkte. Uns von Situationen fernzuhalten, die zu einer Bedrohung führen, ist uraltes Lernverhalten. Vor 20.000 Jahren hat uns dieses Verhalten davor bewahrt, immer wieder in die Höhle des Bären zu latschen, uns immer wieder der gleichen Bedrohung auszusetzen und damit wertvolle Energie (womöglich gar unser Leben) zu verschwenden.
Die Tatsache, dass es so sinnvoll ist, energiefressende Situationen zu vermeiden, macht es für angststörungsgefährdete Menschen besonders schwierig, sich diesem Verhalten entgegenzustellen. Alles daran fühlt sich richtig an: die Vermeidung von Stressoren führt ja zu mehr Entspannung. Erleichterung, Beruhigung, gar Wohlbefinden setzen ein. Doch je mehr man vor den Stressoren zurückweicht (und Vermeidung ist ein Zurückweichen), desto mehr schreitet die Angst voran. Den Raum, den wir ihr lassen, füllt sie sofort aus.
In der Folge verschiebt sich unsere Stressschwelle hin zu immer größer werdender Empfindlichkeit. Je seltener wir uns dem Stressor aussetzen, desto heftiger werden unsere Angst und Reaktionen vor ihm. Wir vermeiden noch entschlossener, die Angst wird noch größer. Ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer herauskommt.
Bei mir begann es mit der Entscheidung, mich selbständig zu machen und von zuhause aus zu arbeiten. Als introvertierte (nicht: schüchterne) Person hat es mich immer schon Energie gekostet, mit Menschen zusammen zu sein. Diese ganze Anpassung an neurotypische Menschen war so unendlich anstrengend für mich, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben wie ich selbst fühlte, als ich nach meiner Doktorarbeit nach Berlin zog, wo ich niemanden kannte. Allein zu leben und zu sein, war der Himmel auf Erden für mich. Ich glaubte, meinen “way of life” gefunden zu haben, alles fühlte sich richtig an. Ich hatte plötzlich Kapazitäten frei, wo ich zuvor ständig auf Notstrom lief. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wirklich frei.
Dieses Wohlbefinden führte mich immer tiefer in die Vermeidung von Sozialkontakten und Öffi-Fahrten durch Berlin. Bis allein der Gedanke an solche Situationen schon Stressreaktionen auslöste. Die Vermeidung lockte mich in eine Welt, in der nichts und niemand mein Angstzentrum herausforderte. Aber man muss der Angst begegnen, wenn man sich von ihr befreien will, es gibt keine Abkürzung zur Heilung, die an der Angst und den Stressoren vorbeiführt. Man muss da durch. Dieses absichtliche Aufsuchen ist das Grundprinzip der Konfrontationstherapie, die man bei Phobien anwendet und deren Wirksamkeit vielfach belegt ist.
Es ist absolut nichts verkehrt daran, ab und zu Dinge abzusagen, weil man keine Kraft und keinen Nerv für die Belastung hat. Aber man sollte aufpassen, ob das Vermeidungsverhalten zu einem Muster, also einer Standardreaktion wird. Ghosting, Prokrastination und die Weigerung zu telefonieren, sind Beispiele für typisches Vermeidungsverhalten.
Angststörung und Absicherung
Ein weiteres Verhalten, das sich für angstgestörte Menschen stimmig anfühlt, aber letztlich eher schadet, ist Absicherungsverhalten. Man wendet sich an andere Menschen, um von ihnen beruhigt zu werden. Das können Ärztinnen sein, Freunde, LebenspartnerInnen. Sofern diese Menschen sich nicht mit den Stolperfallen von Angst auskennen, beruhigen sie uns in der Regel im irrigen Glauben, uns zu helfen.
Absicherungsverhalten hat einen ähnlichen Effekt wie Vermeidung. Wenn uns jemand anderes beruhigt, führt das kurzfristig zu Entspannung und Sicherheitsgefühl. Unser Gehirn belohnt uns also und verstärkt das Verhalten positiv. Die beruhigende Person wird ohne es zu wissen oder zu wollen zu einem Handlanger der Angststörung, denn sie ermöglicht es uns, die Angst beizubehalten.
Ich selbst habe diesen Fehler bei meiner Mutter gemacht, mein Ex-Mann hat ihn bei mir gemacht. Bei unzähligen Gelegenheiten habe ich versucht, meine Mutter zu beruhigen, ihr Dinge abzunehmen, die sie belasten, Ängsten mit Argumenten zu begegnen, damit es ihr besser geht. Und mein Ex-Mann hat es genauso bei mir gemacht. Den Personen des eigenen Umfeldes kommt im Umgang mit Angststörungen daher eine besonders schwierige Bedeutung zu. Einerseits wollen sie die betroffene Person natürlich ernstnehmen, ihr mit Liebe und Verständnis begegnen, andererseits dürfen sie das Objekt der Angst aber nicht ernstnehmen. Sie dürfen eigentlich nicht beruhigen und absichern.
Besser wäre, die betroffene Person gewissermaßen auf die Metaebene zu holen und darüber zu sprechen, dass das momentane Gefühl Teil einer Angststörung sein könnte. Statt unsere Suche nach Absicherung zu belohnen, wäre es besser, uns liebevoll durch den Stress zu begleiten, geduldig zu sein, und Erfolge, etwa wenn wir uns einer Situation gestellt haben, anzuerkennen. Unterstützung bei der Suche nach Hilfe ist natürlich auch sehr konstruktiv.
Das ist relativ viel Gewicht für Angehörige. Gewicht, das sie nicht immer stemmen können, denn mit einer angstgestörten Person zusammenzuleben, ist sehr, sehr schwierig. Eine Generalisierte Angststörung kann zum Beispiel dazu führen, dass die Person ständig besorgt ist, egal, worum es geht. Das strahlt eine ungeheure Negativität aus. Ich kann mich der Negativität, die meine Mutter dauerhaft umgibt, mittlerweile nicht mehr aussetzen, und auch mein Ex-Mann konnte irgendwann nicht mehr.
Wie bei fast allen psychischen Erkrankungen besteht auch bei Angststörungen die Gefahr, dass Angehörige selbst wegen der großen Belastung auch krank werden oder ausbrennen. Ich weiß nicht, wie eine gesunde Distanz aussieht, ich habe sie zu meiner Mutter nie gefunden, mein Ex-Mann zu mir nicht. Aber in jedem Fall würde ich Angehörigen empfehlen, sich über die Krankheit zu informieren, um bestmöglich gewappnet zu sein - und auf sich selbst acht zu geben.
Angststörung und Grübelzwang
Bei mir war eines der schlimmsten Symptome ein Grübelzwang. Grübeln tun zwar alle Angststörungsbetroffenen. Sie machen sich ständig Sorgen, malen sich schlimme Situationen aus, betrachten die Welt aus bangen Augen. Aber Grübelzwang war für mich insofern anders als er extremste Reaktionen zur Folge hatte. Einmal sandte er mich über die Schwelle einer Panikattacke, mehrmals in den Zustand der Dissoziation. Beides sind akute Traumareaktionen. Dissoziation bedeutet, dass ich nicht nur das Gefühl von Ich verlor, sondern komplett den Bezug zur Wirklichkeit, ich war nicht mehr Teil der lebendigen Welt. Außerdem löste der Grübelzwang sehr heftige körperlichen Reaktionen aus, die ich nicht kontrollieren konnte.
Als es das erste Mal passierte, lag ich bis tief in die Nacht grellwach und schlotterte wie bei Schüttelfrost. Jeder Muskel zitterte über Stunden. Es hörte einfach nicht auf, weder mein Körper noch mein Gehirn kamen zur Ruhe. Schließlich rief mein Ex-Mann den ärztlichen Bereitschaftsdienst, der mir eine Valium gab. In den Tagen danach hatte ich Muskelkater am ganzen Körper, und wenn ich “ganzer Körper” sage, meine ich ganzer Körper. Ich hatte Muskelschmerzen an Stellen, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass da Muskeln sind.
Den Grübelzwang ausgelöst hat ein ganz bestimmter Moment in meiner Ehe, den ich hier nicht offenlegen kann und will, aber danach war meine Innenwelt ein einziger Albtraum. Ich wusste nicht mehr, welche Gefühle in der Realität wurzeln und welche Zeichen meiner durch die Dissoziation verschobenen Wahrnehmung sind. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich wirklich das Gefühl, dass bei mir eine Sicherung durchgebrannt ist, ich eine Schraube locker und nicht alle Tassen im Schrank habe. Als der Grübelzwang kam, dachte ich, jetzt bin ich endgültig verrückt geworden, ein Fall für die Geschlossene. Alles klar, Meike, that’s your life now.
Ich habe immer mit meiner Psyche zu kämpfen gehabt, aber immer wusste ich, dass ich wieder gesund werden oder zumindest gesunde Phase erleben kann. Ich wusste immer, wie und wo ich Hilfe bekommen kann, ich war trotz meiner Depressionen immer ich. Als ich das erste Mal dieses Ich verlor, war es, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Leben im freien Fall. Ein Art stilles inneres Entsetzen wurde zu meinem Begleiter. Zwei Jahre lang, bis zum endgültigen Ende meiner Beziehung.
Von allen Angstsymptomen empfinde ich Grübelzwang als das schlimmste. Man kann dann nicht aufhören zu denken und weil man nur pechschwarze Gedanken denkt, gibt man der Angst ständig neues Futter. Es ist ein sich selbst erhaltendes System, ein Perpetuum mobile aus der Hölle. Es hat sich angefühlt, als würde mein Gehirn auf mich schießen. Ein Sperrfeuer aus lebensgefährlichen Bedrohungen.
Bei mir trat der GZ nur in einer Situation als Begleiterscheinung auf, nie als eigenständige Erkrankung, mit dem Ende der Lebenskrise, wegen der ich Anfang 2019 die Therapie begonnen hatte, endete auch der Grübelzwang und ist seitdem nie wieder aufgetaucht.
Angststörung ist heilbar
Ich bin seit fünf Jahren in Bezug auf meine Angststörung komplett beschwerdefrei. Keine der Situationen, die mich früher so sehr belastet haben, löst mehr übermäßigen Stress aus. Angstsymptomatik tritt bei mir nur noch im Zusammenhang mit einer depressiven Episode auf und selbst diese Symptome sind viel schwächer als früher.
Bei mir lief der Weg zur Heilung insofern etwas anders ab, als ich im Moment des Erkennens praktisch augenblicklich 70% der Strecke hinter mich bringen konnte. Aus Gründen, die in meiner Familiengeschichte liegen, habe ich Ängstlichkeit immer eine gewisse Verachtung entgegengebracht. Zu erkennen, dass ich angstgestört war, war ein Riesenschock für mein Selbstbild. In vielen Situationen haben mir andere Menschen gesagt, ich sei so mutig, dies oder das zu tun. Ich und Angst, das war für mich unvorstellbar, weil ich doch immer die starke, furchtlose Amazone war. Ich spürte sofort, dass ich nicht angstgestört sein will, weil Angststörung uncool ist, das kann man nicht respektieren.
Solche Gedanken sind natürlich Blödsinn, aber diese tiefe innere Ablehnung von Angst und dem sie begleitenden Verhalten gab mir einen irren Boost. Mir war sofort klar, dass ich nicht einen einzigen Tag mehr an diese Krankheit verlieren würde. Nie wieder würde ich mir Freude und Leichtigkeit nehmen lassen, weil ich mir Sorgen über imaginäre Bären machte. Und tatsächlich führte diese wilde Entschlossenheit, wieder die Amazone zu werden, als die ich mich sah, dazu, dass ein Großteil meiner Angstgedanken in kürzester Zeit einfach verschwand. Es war, als wäre ein Schalter in meinem Gehirn umgelegt worden.
Natürlich war Arbeit nötig, um wirklich so gelassen zu werden wie ich heute bin. Ich lernte einen bezaubernden Australier kennen und verliebte mich nicht nur in ihn, sondern sah auch die Gelegenheit, mich von meiner lähmenden Englischsprechangst zu befreien. Ein halbes Jahr später war der Australier zwar passé, aber im Haus zogen mehrere englischsprachige Mieter ein, sowohl Muttersprachler als auch Nicht-Muttersprachler. All diese Menschen haben mir geholfen, meine Angst zu überwinden. Keine Sekunde denke ich heute mehr darüber nach, ob ich so gut klinge wie im Deutschen, ob meine Sprache so intelligent und elegant ist wie im Deutschen. Und keine Sekunde steigt mein innerer Stresspegel in den Gesprächen über 2. (Dummerweise habe ich Tricky lange nicht gesehen.)
Als ich Anfang 2020 zum ersten Mal ein Verlagsdinner besuchte, bei dem ich nur zwei Leute kannte und das an einem Ort stattfand, an dem ich noch nie gewesen war, war das noch mit großem Stress verbunden. Aber ich habe es gemacht. Mit jedem Schritt, den ich trotz der Angst getan habe, jedem englischen Satz, den ich gesprochen haben, jeder U-Bahnfahrt zu Stationen, die ich noch nicht kannte, eroberte ich mir meine Freiheit und Selbständigkeit etwas mehr zurück.
Diese konstante Herausforderung meiner selbst war zwingend notwendig, damit ich die Angst überwinden kann, damit die Vorstellung, Englisch zu sprechen oder in neue Situationen an fremden Orten zu gehen, ihre Bedrohlichkeit verliert. Man muss sich Stressoren regelmäßig aussetzen, damit man handlungsfähig bleibt, wenn man handeln will.
Heute schaue ich zurück und denke “Wie verrückt, dass es jemals so weit mit dir kommen konnte, schau dich heute an, Berlin gehört dir und englische Muttersprachler genießen die Konversation mit dir!”
Heute lebe ich wie eine Einsiedlerin, weil ich das will, nicht weil es ängstliches Vermeidungsverhalten ist. Und ich kenne den Unterschied, weil ich die Grenze schon einmal überschritten habe.
Ich möchte jeden Menschen, der angstgestört ist oder dazu neigt, ermutigen, sich gegen die Krankheit zu stellen. Ja, man muss zur Überwindung an den Ort in einem selbst, der das größte Entsetzen auslöst, ja, es dauert etwas, bis dieses Entsetzen nachlässt, ja, professionelle Hilfe ist angeraten und gleichzeitig nicht leicht zu finden.
Aber es lohnt sich. Es lohnt sich so sehr. Das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, das ich heute spüre, weil ich mir nicht mehr ständig Sorgen mache, weil ich heute überall hingehen kann, wohin ich möchte, mich mit Menschen unterhalten kann, mit denen ich mich unterhalten möchte, und ein Mensch auf der Straße, der nach dem Weg fragt, nicht mehr Stress wie bei einer Bärenattacke auslöst, ist unbezahlbar. Ich genieße meine Stadt, mein Leben, menschliche Gesellschaft und mich selbst ganz anders.
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