Wir überfrachten unsere romantischen Partner oft mit einem sexuellen Ideal, das sie kaum erfüllen können. Weil dieses Ideal eigentlich eine andere Persönlichkeit braucht.
Meike Stoverock

Vor einigen Tagen stieß ich in der Süddeutschen Zeitung auf eine sehr spannende Studie der Michigan State University (Abre numa nova janela), in der untersucht wurde, inwieweit Persönlichkeitszüge mit der Ausprägung sexueller Phantasien korrelieren. Für die Persönlichkeit wurden die sogenannten Big Five und ihre jeweiligen Facetten als Marker verwendet.
Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit),
Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus),
Extraversion (Geselligkeit; Extravertiertheit),
Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie) und
Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit)
Für die Bewertung der sexuellen Phantasien war zum einen die Art der Phantasie (erforschende, romantisch-intime, sadomasochistische Situationen und solche, in denen man nicht selbst teilnimmt, sondern etwa nur zuschaut), zum anderen ihre jeweilige Häufigkeit (nie bis täglich) entscheidend.
Sowohl die Fragestellung an sich (gibt es einen Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit und der [fantasierten] Sexualität?) als auch die gefundenen Ergebnisse (Menschen mit emotional komplexer Persönlichkeit sind freaks in the sheets, gefällige, pflicht- und verantwortungsbewusste dagegen eher etwas, nun ja, einfallslos) verleiten zu einem “Nein - Doch - Ooh!”, weil sie so naheliegend und erwartbar sind. Auch ich habe mich auf Bluesky zu einem Kommentar hinreißen lassen.
Wir Psychos (Abre numa nova janela) sind also Knaller im Bett, Verlässlichkeitsmenschen dagegen sexuell eher Hausmannskost - so weit, so Captain Obvious. Aber wie so oft verbirgt sich hinter dem Offensichtlichen etwas mehr, das gilt für Untersuchungen zum Thema Sexualität vielleicht noch mehr als für andere Lebensbereiche. Denn Sex ist ja kein isoliertes - haha - Spaßthema, sondern wirkt in Beziehungen und Fortpflanzung hinein. Was also bedeuten solche Forschungsergebnisse für unsere gesamtgesellschaftliche Idee, eine stabile (heterosexuelle) Paarbeziehung bringe automatisch ein erfüllendes Sexleben mit sich?
(Bei allem Folgenden benutze ich sexuelle Fantasien als Marker für eine lebendige innere Sexualität. Und wie immer muss ich etwas länglich herleiten, aber bear with me.)
Der Ursprung der Paarbeziehung
Die Vorstellung, dass eine Beziehung gleichbedeutend ist mit aufregendem Sex, ist so alt wie das Partiarchat selbst. Was eine patriarchale Zivilisationsordnung damit zu tun hat?
Die monogame Paarbeziehung ist ja erst vor einer Handvoll Jahrtausenden, nach der Sesshaftwerdung nämlich, entstanden. Und sie ist nicht entstanden, weil uns die Evolution eine mysteriöse Veranlagung dazu mit auf den Weg gegeben hat. Sie ist entstanden, weil die frühen Menschengesellschaften eine Struktur brauchten, um gewisse Probleme in Schach zu halten, die sich aus der Sexualität und Sesshaftigkeit ergaben.
In meinem Buch “Female Choice” (Abre numa nova janela) habe ich zwar schon ausführlich und in meinem englischen Text über den Fisch und den Vogel (Abre numa nova janela) etwas knapper dargelegt, warum ich glaube, dass die Gestaltung unserer Zivilisation auch mit den evolutionären Mustern der menschlichen Sexualität zu tun hat, deshalb hier in aller Kürze.
Die menschliche Sexualität folgt wie die der meisten anderen Tiere der Female choice, dem Paarungsprinzip, bei dem Männchen etwas für den Zugang zu Sex (und Fortpflanzung) leisten müssen, während die Weibchen die geeignetsten Anwärter auswählen.
Female Choice führt zum einen zu einer extrem hohen Konkurrenz unter Männchen und zu anderen dazu, dass ein Großteil von ihnen keinen Zugang zu Sex hat - manchmal nur für eine Fortpflanzungsperiode, manchmal ein Leben lang. Das Verhältnis von nicht erwählten zu begehrenswerten Männchen bewegt sich grob im Bereich der Pareto-Regel, also 80:20.
Sowohl die Konkurrenz als auch der große Teil sexuell unterversorgter Männchen sorgt in Gruppen für Stress. Männchen kloppen sich und die unberücksichtigten fangen Streit mit allem und jedem an, vergehen sich sexuell an Jungtieren, Kadavern oder Individuen anderer Arten. In menschlichen Gesellschaften sorgt dieses urmännliche Verhalten für soziale Spannungen, die dauerhaftes friedliches Zusammenleben bedrohen.
Solange die Menschen nomadisch lebten, hielten die Härte des Überlebens und die mitunter längeren Jagdausflüge der Männer die Spannungen im Gleichgewicht. Mit der Sesshaftwerdung, dem dauerhaften Zusammenleben auf engem Raum, wurden sie zu einem großen Problem.
Um die unversorgten Männer und ihre Aggressionen einzufangen, wurde den Frauen die freie Partnerwahl entzogen. Männer teilten - patriarchalem Privathaushalt sei dank - die Frauen als Sex- und Fortpflanzungsmaterial vermittels gesetzlicher Entrechtung und Zwangsverheiratung von Töchtern untereinander auf. Nicht die Evolution oder gar Romantik führten zur sexuell treuen Langzeitbeziehung, sondern die gezielte Unterdrückung der weiblichen Sexualinstinkte der Female Choice.
Das ist die Ausgangslage. Jahrtausende sind seit der Einrichtung der Paarbeziehung vergangen, verschiedene Kulturen haben sich darüber gelegt, verschiedene Staatsformen und Religionen, gesellschaftliche und politische Revolutionen. All diese zivilisatorischen Entwicklungen und erst recht die feministischen Freiheiten westlicher Frauen verschleiern den zutiefst frauenfeindlichen Ursprung der Paarbeziehung stark.
Aber das ändert nichts daran, dass die sexuell treue Langzeitbeziehung vor allem dem Zweck diente, die breite Masse der Männer, die im Female-Choice-System leer ausgegangen wären, mit Sex zu versorgen und Frauen aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Für Männer bedeutete Beziehung vorrangig, überhaupt Zugang zu Sex zu bekommen, für Frauen ein juristisch fest abgezirkeltes Gefängnis sowohl für ihre Sexualität als auch ihre Fähigkeit, Nachwuchs zur Welt zu bringen. Mit sexueller Erfüllung oder gar Romantik hat weder das eine noch das andere etwas zu tun.
Aber weil kulturell-zivilisatorische Konstrukte Instinkte nicht einfach so überschreiben können, erst recht nicht, wenn die Instinkte Millionen Jahre alt sind, projizierten wir Menschen immer schon unseren Wunsch nach sexueller Erfüllung auf die Partnerinnen und Partner, mit denen wir freiwillig oder - im Fall von Frauen - eher unfreiwillig auf lange Zeit zusammen lebten. Vor sagen wir 3000 Jahren war diese Hoffnung und/oder Erwartung aufgrund der frauenfeindlichen und nüchternen Beziehungsanbahnung noch völlig bizarr und unrealistisch.
Dann kam die sogenannte Sexuelle Revolution der 1960 und 70er Jahre und mit ihr das Ende aus formalem Druck enstandener Beziehungen. Vor allem für Frauen war es eine völlig neue Erfahrung, mit einem Mann zusammenzuleben, weil man in ihn verliebt ist und nicht weil man als zukünftiges Gebärmaterial durch patriarchale Maßnahmen, dazu gezwungen ist. Hat es natürlich auch vorher schon gegeben, aber die Norm war es sicher nicht. Meine beiden Großmütter haben letztlich Männer geheiratet, die sie weder geliebt noch begehrt haben.
Aber obwohl Paare aufgrund der überfälligen Liberalisierung durch die Sexuelle Revolution langsam und verschämt anfingen, über ihre sexuellen Wünsche zu sprechen, über Masturbation, über Verhütungsverantwortung, wird die enge Verzahnung von Beziehung und Sex bis heute kaum angezweifelt. Oh, es gibt natürlich mittlerweile mehr Beziehungskonstrukte als das lebenslange heterosexuelle Mann-Frau-Ding, aber immer noch hoffen und erwarten wir, dass der Mensch an unserer Seite uns ins Elysium ficken wird. Nicht nur einmal, nicht nur am Anfang, sondern über viele Jahre immer wieder.
Sexmenschen und Beziehungsmenschen
In einer wunderbaren Hörspieladaption von “Der Letzte Wille der Stanislawa d’Asp” des deutschen Schriftstellers Hanns Heinz Ewers fällt ein Satz, der nach meiner Erfahrung bis heute felsenfest Bestand hat. In der Geschichte will der Protagonist eine hocherotische Frau ohne Moral heiraten, was seine gesetzten und angesehenen männlichen Freunde mit “Mit so einer vergnügt man sich in der Nacht, aber man heiratet sie doch nicht!” kommentieren.
Dass Männer sexuell selbstbewusste Frauen zwar begehren, ihnen gar verfallen, sich aber eher nicht in sie verlieben und daher auch keine “normale” Beziehung mit ihnen wollen, dürften die meisten sexuell selbstbewussten Frauen (zumindest in meiner Alterskohorte) bestätigen können. Ich selbst war und bin eher keine Frau zum Verlieben, aber begehrt wurde ich immer. Woraus folgt, dass ich zwar reichlich Männer- aber kaum Beziehungserfahrung habe. Man kann das natürlich auch unter feministischen Gesichtspunkten aufdröseln, die männliche Urangst vor einer sexuell erfahrenen Frau und so weiter, aber darum soll es hier nicht gehen.
Der Satz aus dem Hörspiel macht etwas sichtbar, was heute durch Studien längst belegt ist: dass die Person, bei der wir sexuelle Befriedigung finden, nicht unbedingt dieselbe ist, mit der wir stabile Beziehungen eingehen und eine Familie gründen.
Die Diskrepanz zwischen Begehren und Lieben zeigt sich auch bei Frauen. Solche mit nicht hormonell verändertem Zyklus finden unabhängig von ihrem Beziehungsstatus um ihren Eisprung herum einen ganz anderen Männertypus attraktiv als den, mit dem sie sich eine Beziehung wünschen. Sie sind daher zu diesem Zeitpunkt ihres Zyklus auch in größerer Versuchung, ihren Lebens- und Liebespartner zu betrügen (Abre numa nova janela). Diese Beobachtung entspricht der weitgehend reproduktiven Sexualität fast aller weiblichen Wirbeltiere, die um den Eisprung besonders stark ausgeprägt ist, sorry, not sorry.
Der Grund für diese Diskrepanz liegt darin, dass Begierde und Liebe auf sehr unterschiedliche Weise in uns geweckt werden.
Wen wir lieben, wen wir begehren
(Abre numa nova janela)
(Abre numa nova janela)Plump gesagt ist Sexualität ein evolutionäres Ding, das hart in unsere Gene und unsere Körper eingeschrieben ist. Eine Urkraft, die sich bei gesunden Normmenschen ganz von selbst und unabhängig von Geschlechtsreife oder äußeren Reizen zeigt. Sexuelle Orientierung und Libido sind angeboren, die mittleren Hormonspiegel an Testosteron und Östrogen sind angeboren. Dass wir also früher oder später einen Hunger danach entwickeln, jemanden anzufassen oder angefasst zu werden, dass wir irgendwann einen Drang nach erschöpfenden Orgasmen spüren, nach einem Leben, in dem die spektakulären Empfindungen, die wir großteils schon im Kindesalter entdeckt haben, mehr Raum bekommen, ist ein natürlicher, automatischer Vorgang.
Auf wen sich unsere Begierde richtet, folgt eher angeborenen als erworbenen Parametern. Männer fahren vorrangig auf junge, also maximal fruchtbare Frauen ab, Frauen stehen auf groß gewachsene Männer mit formidabler Körpersymmetrie, wenig Fett, markanten Gesichtszügen, tiefer Stimme - alles Marker für eine gute genetische Konstitution.
Man kann diese biologisch entstandenen Präferenzen als Mensch, der sie nicht erfüllt - vor allem als Short King oder alternde Frau -, blöd finden, und man sollte definitiv danach fragen, wo die uns umgebende, von Männern für Männer gemachte Zivilisation diese evolutionären Trigger unnötigerweise in Richtung eines nicht erfüllbaren Drucks verstärkt. Aber mit purem Willen ist nicht zu ändern, dass wir eine autonome, das heißt, von unserem Willen losgelöste sexuelle Stimme haben, die uns auf manche Menschen lüstern reagieren lässt und auf andere eben nicht.
Das Fundament für Liebe und Verlieben dagegen liegt vorrangig in der (früh-)kindlichen Prägung. Sigmund Freud war einer der Ersten, die die Idee, romantische Liebe spiegele eher die Beziehung zwischen hilfsbedürftigen Kind und seinen Eltern wider, formuliert haben. Weil viele von Freuds anderen Ideen eher … wirr waren, wird er heute in progressiven Gruppen selten zitiert, aber ich halte seine Thesen über Liebe, Sex und der für das erwachsene Fühlen und Handeln hochkritischen ersten Lebensjahre für eines der wenigen Beispiele, bei denen Menschen (Geschlecht egal) absolute Wahrheiten beschrieben haben.
Heute gibt es in der Psychologie kaum Zweifel daran, dass jeder Mensch in seinen romantischen Begegnungen immer auch die durch Mutter und Vater vertrauten Muster der eigenen Kindheit sucht (Abre numa nova janela). Der kindliche Teil in uns sucht Geborgenheit und reagiert am ehesten auf Menschen, die diese frühkindlichen Empfindungen anrühren. Liebe und Verlieben hat eher etwas mit der Sehnsucht nach Sicherheit zu tun als mit Sex.
Während unser romantischer Persönlichkeitsanteil also Verlässlichkeit, Ruhe, Sicherheit, Geborgenheit sucht, will unser sexueller Aufregung. Wir finden uns in einem sozialen Konstrukt wieder, das überall um uns her als gleichbedeutend mit sexueller Erfüllung dargestellt wird, das die sexuellen Bedürfnisse aller Beteiligten aber drolligerweise nicht automatisch erfüllt. Wir stehen gesamtgesellschaftlich davor wie der Ochs vorm Berg, verwirrt, verletzt, traurig, unbefriedigt, und fragen uns, warum wir sexuell so viel in unserer Partnerschaft vermissen.
Und weil wir Menschen gut darin sind, strukturelle Probleme unter Ausschluss von Gefühlen und anderen körperlichen Gegebenheiten zu erklären, sagen wir den Menschen, die Diskrepanz käme ausschließlich daher, dass sie nicht genug über ihre sexuellen Bedürfnisse reden, dass sie im stressigen Alltag nicht genug Raum für Erotik schaffen. Was wir nicht tun: ihnen zu sagen, dass sexuelle Bedürfnisse etwas völlig anderes sind als emotionale. Das Begierde und Verlieben grundsätzlich unabhängig voneinander existieren. Beziehung und ein abwechslungsreiches und fantasievoolles Sexleben gehen nur eingeschränkt zusammen.
Hier können wir endlich zurückkommen zu der Studie, mit der alles begann. Der Studie, die uns mitteilt, dass die Menschen, mit denen wir eher Beziehungen eingehen - verlässliche, pflichtbewusste Charaktere - sexuelle Langweiler sind, während sexuelle Aufregung, Versautheit, Kinks eher bei denen zu finden ist, in die wir uns ums Verrecken nicht verlieben würden. Die Wahrscheinlichkeit, in dem oder der BeziehungspartnerIn eher keinen Freak in the sheets zu finden, ist größer als die, es zu tun.
Ich versuche seit Jahren vergeblich, einen Mann zu finden, der sowohl meine sexuelle als auch meine emotionale Persona anspricht, der mich ebenso spektakulär ficken wie lieben kann. Ich weiß, wovon ich spreche. Für mich kann ich sagen, dass ich eigentlich nach zwei verschiedenen Männern suche, aber nach Jahrtausenden, in denen der Versuch, beides in einem Sozialkonstrukt unterzubringen, einer der Grundpfeiler unserer Zivilisation gewesen ist, will es mir partout nicht gelingen.
Immerhin habe ich eine selbstbewusste Sexualität, das ist ja auch etwas.