Mehr Selbstakzeptanz, mehr innere Gelassenheit und keine Geduld mehr, sich mit schädlichen Menschen zu umgeben. Alter ist geil. Oder?

Altert Ihr noch in Würde oder dämmert es Euch schon, dass Altern in der Realität anders abläuft als in romantisierenden Instagram- und Tiktok-Posts?
Ich habe mir als junge Frau fest vorgenommen, in Würde zu altern. Habe mich auf ein paar Falten gefreut, die Lebenserfahrung und Weisheit ausstrahlen. Frauen, die auf kosmetischem Weg gegen ihr Alter vorgingen, habe ich gar so etwas wie Verachtung entgegengebracht. Hielt sie für schwach und beeinflussbar. Dies, das und jenes aufzupolstern, zu straffen oder wegzuspritzen, war für mich vollkommen ausgeschlossen. Nicht nur aus Protest gegen ein patriarchales Schönheits- und Jugenddiktat, sondern auch, weil ich immer mochte, wie ich aussah. Mein Gesicht war hübsch, mein Körper war hübsch und darüber hinaus ziemlich gesund.
Wie überheblich ich war. Und wie naiv.
Ich bin 51 und auch, wenn die Medien ständig irgendein höheres Alter als das neue jüngere Alter ausrufen, gibt es an dem Umstand, dass ich eine alternde Frau bin, nichts zu deuteln. Und Vieles, was ich im seligen Nichtwissen meiner Jugend so über das Altern als Frau dachte, empfinde ich heute anders.
Meine Wut auf die winzigkleine Schublade, in der die männlich geprägte Zivilisation uns Frauen sehen will, ist immer noch die gleiche. Ich finde das feministische Ansinnen, Frauen jenseits der 40 sichtbarer zu machen, großartig. Als ich die Social-Media-Blase der Ü45-Frauen entdeckte, war ich hin und weg. Graue Haare werden da ebenso gezeigt wie faltige Haut und überproportionales Bauchfett. Die Frauen feiern ihre Reife, ihr Über-den-Dingen-stehen, ihre gewachsene Furchtlosigkeit im Umgang mit einer männlichen Welt. Entzückend.
Es ist tatsächlich so, dass ich heute deutlich weniger Fucks auf die Welt im Allgemeinen und Personen im Besonderen gebe. Mich unabhängiger von gesellschaftlichen Vorstellungen von Sex, Schönheit, generell meiner Rolle als Frau fühle. Situationen, die ich früher existentiell bedrohlich, aufregend, schön empfand, begegne ich heute gelassener. Ich komme schneller über romantische Enttäuschungen hinweg, was sicher nicht nur meinem Alter, sondern auch meiner intensiven Arbeit an der Befriedung meines inneren Kindes geschuldet ist. Ich bin schwerer zu verletzen als früher, weil ich anderen Menschen einen Großteil der Macht, die sie früher über mich hatten, entzogen habe. Ich habe durch die schiere Anhäufung von Lebensjahren viel gelernt, das mir heute als Werkzeug zur Konfliktbewältigung, zur Einordnung und zur Sebstregulation zur Verfügung steht.
Single zu sein, ist mit Anfang 50 deutlich besser als mit Anfang 30. Damals war das noch mit mehr innerer Verkrampfung verbunden, mit einem Gefühl von “Ich muss jemanden finden, um glücklich zu werden”. Heute schöpfe ich nicht nur Zufriedenheit, sondern auch Glück aus mir selbst. Ich finde Abstufungen in meinen Kontakten mit Männern, wo ich früher nur An oder Aus kannte. Alles oder Nichts. Dass der Sex, der aus mehr Gelassenheit, weniger Leistungsgedanken und mehr Kenntnis meines Körpers erwächst, heute besser ist als früher, muss ich nicht erwähnen. Ich kann den männlichen Körper ganz anders genießen, weil die Dinge, die ich mit meinen Händen oder meinem Mund tue, nicht mehr dem Gedanken folgen “Hoffentlich mache ich es richtig”, sondern ausschließlich meiner Gier. Die tolle Cleo Libro hat mich neulich in einem Kurzinterview dazu befragt, wie sich Sex mit 50 von Sex mit 30 unterscheidet (das Interview findet Ihr hier (Abre numa nova janela), Cleos Newsletter hier (Abre numa nova janela)).
Das ist der Teil des Alterns, den ich dankbar und auch mit einem gewissen Stolz annehme. Über den ich allen jüngeren Frauen sage: “Hab keine Angst vor der Zeit jenseits der 45, freu dich drauf. Wenn du nicht nur älter geworden, sondern dich auch innerlich weiterentwickelt hast, wird es richtig, richtig gut.”
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Das andere Altern
Dummerweise existiert meine gereifte Persönlichkeit nicht im Vakuum, sondern in einem Körper, der meine Einstellung zum würdevollen Altern jeden Tag aufs Neue herausfordert. Mitunter scheint er mir mit boshaftem Zwinkern zuzuflüstern “Na, findest du Frauen, die was an sich machen lassen, immer noch schwach und beeinflussbar?” Es ist ein stummes Ringen um die Beantwortung der Frage, ob ich mich selbst noch schön finde.
Und an dem Punkt fällt mir plötzlich auf, was sich an dieser Medienblase aus Frauen, die das Altern als riesige Party feiern, mitunter irgendwie verquer anfühlt. Denn die Frauen, die das tun, sind entweder unbestreitbar charismatisch oder verpartnert. Und ich glaube, die Veränderungen eines alternden Körpers sind deutlich leichter zu akzeptieren, wenn man immer noch eine tolle Austrahlung oder jemanden an seiner Seite hat, der einem unentwegt das Gefühl gibt, toll und begehrenswert zu sein. Das Gleiche lässt sich generell über die Body-Positivity-Bewegung sagen, weil viele Frauen dort sich immer noch im Rahmen einer Schönheitsnorm bewegen oder fest vergeben sind.
Während ich mir stirnrunzelnd Haare an Stellen auszupfe, an denen früher keine waren, zaubert mein Körper aus einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat neue Monstrositäten hervor. Monstrositäten, mit denen ich allein bin und die auch nicht durch die Geborgenheit einer harmonischen Beziehung abgefangen werden.
Ich sage nur Hormone. Perimenopause ist in den sozialen Medien ja gerade in aller Munde. Das ist die Phase, in der der weibliche Körper langsam die endgültige Unfruchtbarkeit vorbereitet, aber immer noch mehr oder weniger regelmäßige Zyklen hat. Mir ist das Gerede manchmal zu viel, weil ich weiß, wie schnell man Symptome auf Hormone schieben und vor allem wie schnell man sie aufgrund des Einflusses auch manifestieren kann. Ich versuche also, so neutral wie möglich auf meinen Körper zu schauen.
Das ändert nur leider nichts daran, dass der Übergang von der ersten zur zweiten Zyklushälfte, also der starke Östrogenabfall nach der Ovulation, bei mir heute anders - und deutlich schlimmer - abläuft als früher. Ich hatte nie viele Probleme mit meinem Zyklus, alle Begleiterscheinungen waren aushalt- und vor allem vorhersehbar, so dass ich mich auffangen konnte. Wo ich vormals zwar einen heftigen Energieabfall erlebt habe, trage ich heute für ein oder zwei Tage im Monat die Traurigkeit der gesamten Welt auf meinen Schultern. Bis 3 Uhr morgens heulen, weil ich mich wie der einsamste und ungeliebteste Mensch von der Welt fühle - eine meiner leichtesten Übungen. Ich rede hier nicht von stummen Tränen und bisschen Schniefen, sondern von stundenlangem heftigsten Schluchzen, so dass am nächsten Tag der ganze Körper schmerzt. Selbstregulation in diesem Zustand? Unmöglich.
Einmal im Monat brettert mir mein Körper ohne Vorwarnung mit einem Baseballschläger so hart eine rein, dass der Schläger bricht. Vorhersehbar ist dieser Einbruch, der sich eher wie ein kompletter Zusammenbruch anfühlt, wegen eines unregelmäßiger gewordenen Zyklus heute nicht mehr. Wenn es vorbei ist, schaue ich verwundert zurück und frage mich “Was war das denn jetzt?” (An der Stelle bitte keine medizinischen Tipps, bittedanke.)
Gut, ich habe mich trotzdem mittlerweile an diesen im Schnitt 24-stündigen Albtraum gewöhnt.
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Da lebt man nun als Frau, plagt sich jahrelang mit seinem Zyklus ab und wenn man gerade akzeptiert hat, dass naturbelassen (ohne künstliche Hormone) eben auch bedeutet, dass man an manchen Tage nicht oder nur schlecht funktioniert, kommt irgendeine andere Scheußlichkeit, bei der man dann wieder Jahre braucht, um sie zu akzeptieren. Zum Beispiel verändertes Geschmacksempfinden. Unabhängig davon, was und wie viel ich esse und trinke, habe ich an den Seiten der Zungenwurzel immer Bitterkeit. Ich bin an und für sich kein bitterer - oder gar verbitterter - Mensch, da ist das natürlich besonders scheiße. Hätte ja sonst super zusammengepasst.
Und dann: Schlupflider. Ich sehe immer aus, als hätte jemand sein Schlauchboot versehentlich über meinen Augen abgeladen. Es ist, als müsste ich die Augen gegen einen Widerstand öffnen. Mein Lidstrich war immer mein einziges Zugeständnis an die Schminkpflicht für Frauen - heute verschwindet er sang- und klanglos unter einer Rolle Oberlid. Immer müde und aufgequollen zu wirken, ist nicht leicht zu akzeptieren. Erst recht nicht, wenn man alleine lebt. Ganz im Ernst, was soll das?!
Es ist gewiss keine Feindschaft, die ich heute für meinen Körper empfinde; immerhin ist er immer noch gesund, erbringt beim Muskelaufbau Leistungen, die ich als chronische Nichtsportlerin nie für möglich gehalten hätte, bereitet mir immer noch viel Lust und es gibt immer noch Stellen an mir, die ich sehr heiß finde - auch wenn ich sie mitunter nur zu Gesicht bekomme, wenn ich Speckröllchen anhebe und Falten glätte.
Aber ich verstehe heute, dass alles Positive, was die Lebensjahre mit sich bringen, in einer patriarchalen Zivilisation, die Frauen auf Gebärfähigkeit und sexuelle Verfügbarkeit reduziert, einen Preis hat. Jedes Gramm Liebe, die man sich als alternde Frau selbst entgegenbringt, kommt mit einer Entsprechung, die einem vermeintlich oder tatsächlich durch die Gesellschaft entzogen wird, mag es sich nun um Sichtbarkeit, Bestätigung oder Aufmerksamkeit handeln. Wo ich früher oft das Gefühl hatte, mit meinen Themen und meinem Aussehen spektakulär zu sein, habe ich heute oft das Gefühl, langweilig zu sein. Kräht kein Hahn nach.
Altern als Frau ist eine Art Rechnung. Und ich bin der festen Überzeugung, dass diese Rechnung mit Charisma und/oder PartnerIn eher zu schwarzen Zahlen führt als ohne. Weshalb ich der Happy-Aging-Blase heute eher mit gelupfter Augenbraue begegne als mit dem Gefühl von Befreiung. Frauen, die bei der Aufrechnung zu einem negativen Ergebnis kommen und sich zu einer kosmetischen Behandlung entschließen, betrachte ich nicht länger als schwach oder beeinflussbar.
Falls also jemand mal eben 5000€ für eine beidseitige Lidstraffung übrig hätte, würde ich heute vermutlich noch einmal drüber nachdenken, bevor ich ablehne. (Nur ernst gemeinte Angebote, kein Sex.)
Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei Instagram (Abre numa nova janela) oder Bluesky (Abre numa nova janela) folgen.