
Melodie und Rhythmus fand ich schon mit sechs magisch und so beginnt einer meiner ersten Geschichten mit den Worten: Tag und Nacht – aber Klaus war immer noch wach.
Es ist eine Geschichte geworden, kein Gedicht. Dafür wusste ich noch zu wenig. Aber ich kann mich noch an den Sog erinnern, den diese Mixtur aus Klang und Bedeutung auf mich ausgeübt hat, wie begeistert ich war, dass mir dieser Satz mit dieser Melodie eingefallen ist.
Wann und wie die Scham über mein Schreiben (lange betraf es all mein Schreiben) gekommen ist, erinnere ich leider nicht. Es hat jedenfalls nicht allzu lange gedauert.
Da ich selbst auch immer gern Gedichte gelesen habe, auch schon als Teenagerin, hatte ich vermutlich auch recht bald ein Bild davon, was an moderner Lyrik „akzeptabel“ ist.
Das seltsame ist aber, dass ich schwer eingrenzen kann, WIE genau eigentlich akzeptable Lyrik heutzutage klingt. Und wie sie nicht klingen darf, wenn man nicht ausgelacht werden will (vielleicht sollte ich mal Johannes Franzens Buch lesen?!). Aber ich laufe die ganze Zeit mit dem Gefühl herum, peinliche Gedichte zu schreiben. Es gibt eine gewisse Auswahl, die ich für vorzeigbar erachte, die ich auch schon bei Preisen etc eingereicht habe (needless zu say: Gewonnen habe ich natürlich keinen damit und ich habe jetzt auch mit dem Einreichen aufgehört), gibt es. Aber auch die sind mir peinlich. Und ein Teil von dieser Scham entsteht – glaube ich – auch daher, dass Gedichte schreiben in Deutschland per se als lächerlich empfunden wird. Und ein bisschen größenwahnsinnig. Wenn ich das so schreibe: Es ist wirklich absurd, dass wir uns als Land der Dichter und Denker betiteln (betitelt haben). Wir huldigen Richard David Precht und wir empfinden Gedichte schreiben als lächerlich. Was interessant ist. Denn genau genommen ist Gedichte schreiben ein extrem sensibler, verletzlicher Prozess. HOW DARE THEY! Dabei ist es kostbar. Denn Gedichte schreiben ist nicht einfach das hintereinander reihen von Worten. Es ist das Sichtbarmachen von etwas Unsichtbarem, was in einer anderen Form von Text unsagbar wäre.
Davon bin ich fest überzeugt. Die Scham ist leider dennoch da.
Und lassen kann ich es halt doch nicht. Ich habe es tatsächlich schon versucht.
Nun habe ich gestern – als ich eigentlich an meinem Roman weiterschreiben wollte – wieder ein Gedicht geschrieben. Weil ich seit Tagen schon um die Worte „Federn der Wut“ und „Hühnerhaut“ herumkreiste. Don’t ask me why. Und da es bei meinem Schreiben leider eine gewisse Gesetzmäßigkeit gibt: Wenn die Schreibporen verstopft sind von etwas Text, der dringend herauswill – dann kommt vorher auch nichts anderes, habe ich mich also hingesetzt und das Gedicht aufgeschrieben.
Und mich, als es fertig war, wirklich sehr geschämt.
Und es gleichzeitig gut gefunden.
Weil ich glaube, dass es Dinge sagt, die ich sonst nicht sagen kann, die ein anderer Text nicht tragen könnte.
Und weil dieses Gedicht schamlos entstanden ist – das Schreiben war frei und ohne beobachtende Instanz.
Und deshalb werde ich es jetzt auf meiner Steady-Seite veröffentlichen. Als Expositionstherapie. Weil die Scham mich nervt. Weil sie mich hemmt. Und mit 46 ist man einfach zu alt für so einen Eiertanz.
Oder?