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Diskriminierung des Milchmädchens

Von Hasnain Kazim - Politikerworte / Trigger / Insta-Kram / Japanisches Papier / Du und Sie

Liebe Leserin, lieber Leser,

vergangene Woche warf eine Politikerin einem Politiker vor, eine „Milchmädchenrechnung“ aufgestellt zu haben. Welche Personen das waren und worum es genau ging, habe ich schon wieder vergessen. Aber mir kam dabei in den Sinn, dass das natürlich eine eklatante Beleidigung und Diskriminierung einer marginalisierten Gruppe ist – nämlich der Milchmädchen! Als ob alle Milchmädchen nicht rechnen könnten! Und das bei einer Gruppe, die im Jahr 2026, wie ich vermute, nicht allzu groß sein dürfte, jedenfalls nicht in Mitteleuropa. Ich habe mal nach einem Berufsverband der Milchmädchen gesucht oder wenigstens nach einer Milchmädchengewerkschaft – nichts! Da hackt eine Politikerin jetzt also auch noch auf dem Rücken einer Minderheit herum!

Sie hat das, so vermute ich, einfach dahingesagt, ohne zu bedenken, wie traumatisierend und verletzend das sein kann. Sie wollte ihrem Kollegen wohl mitteilen, dass seine Schlussfolgerung auf den ersten Blick zwar richtig wirke, dabei aber wichtige Faktoren außer Acht gelassen würden und das Ganze daher falsch oder naiv, auf jeden Fall: kritikwürdig sei. Ebenso vermute ich, dass sie nicht weiß, woher dieses Wort eigentlich kommt: Milchmädchenrechnung.

Die Herkunft geht auf eine Fabel zurück, die durch den französischen Dichter Jean de La Fontaine (Abre numa nova janela) bekannt wurde. Er lebte im 17. Jahrhundert. Darin trägt ein Milchmädchen einen Krug Milch zum Markt und rechnet sich unterwegs aus, was es sich mit dem Verkaufserlös alles kaufen könne und wie reich es dadurch werden würde. In ihrer Träumerei passt das Milchmädchen nicht auf, stolpert und verschüttet die Milch. Alle schönen Pläne – dahin!

Die Geschichte basiert auf noch älteren Vorlagen aus Indien; später fand sie sich auch in europäischen Fabelsammlungen. Und so entstand im Deutschen das Wort „Milchmädchenrechnung“: eine Rechnung, die von Voraussetzungen ausgeht, die noch gar nicht sicher sind.

Ich habe nachgeschaut, ob es dieses Wort auch im Englischen gibt. Gibt es nicht. Man kann es mit „naive calculation“ oder „oversimplified calculation“ umschreiben, aber das trifft es nicht genau. Treffender ist da der Spruch: „Don’t count your chickens before they hatch“, also: „Zähle deine Küken nicht, bevor sie geschlüpft sind.“

Ich hoffe, die Politikerin liest das hier und verwendet das Wort ab sofort wissend. Und bedenkt dabei, dass sich bei jeder Verwendung möglicherweise irgendwo auf der Welt ein Milchmädchen in seinen mathematischen Fähigkeiten nicht gesehen fühlt.

Triggerworte

Am Mittwoch schrieb mir jemand anonym, er (oder sie) habe den Eindruck, ich hätte einen „Hang zum Diktatorischen“. Ich würde „literarisch so reden wie bekannte Diktatoren und Autokraten“. Keine Ahnung, wie er (oder sie) darauf kam. Vielleicht habe ich mich mal missverständlich ausgedrückt. Oder auch mal zu harsch.

Ich habe darüber nachgedacht. Und ja — vielleicht ist da etwas dran: Wer das amerikanische „literally“ nicht mit „buchstäblich“ übersetzt, sondern allen Ernstes auf Deutsch „literarisch“ sagt oder schreibt, den (oder die) möchte ich tatsächlich am liebsten für eine Woche literarisch in den Kerker werfen.

Aber ernsthaft: Ich bin wirklich sehr dafür, dass jeder (und jede) so sprechen mag, wie er (und sie) mag. Und es gibt keine Wörter, die nicht ausgesprochen werden dürfen. Wohlgemerkt: ausgesprochen. Eine andere Frage ist, ob man anderen diese Wörter zuschreiben oder an den Kopf werfen darf.

Und doch gibt es natürlich Wörter, die einen triggern. „Triggern“ ist übrigens so ein Wort, das mich triggert. Dieser aus der Psychologie kommende Begriff ist seit einiger Zeit viel zu weit verbreitet. Ebenso wie „traumatisiert“. Ich habe Menschen kennengelernt, die wirklich traumatisiert sind. In Kriegsgebieten. Und Regionen, die von Naturkatastrophen betroffen waren. Und die waren nicht „traumatisiert“ wegen eines Wortes, das ihnen nicht gefiel.

Es gibt viele Wörter, die ich nicht mag, manche schon seit langer Zeit nicht. „Hochwertig“ ist so eins. Meiner Meinung nach dürfen nur Staubsaugervertreter „hochwertig“ benutzen; wenn ein Journalist sagt, eine Publikation sei „hochwertig“, macht mich das fertig. Ich redigiere ja keine Texte anderer Leute mehr, aber früher habe ich „hochwertig“ grundsätzlich und ausnahmslos rausgestrichen. Außer, es war ein Text für eine Staubsaugerbroschüre. Soweit ich mich erinnere, habe ich allerdings nie eine Staubsaugerbroschüre redigiert.

„Hochwertig“ sagen darf nur einer: der Staubsaugervertreter. (Erstellt mit KI)

Wenn ich in Artikeln „Forschende“ lese, streckt mich das auch nieder. Überhaupt: die falsche Verwendung des Partizips aus Gründen einer vermeintlichen sprachlichen Gerechtigkeit oder Inklusion. Wenn die Forscherin (oder der Forscher) gerade forscht, ist sie (oder er) eine Forschende (oder ein Forschender), aber wenn sie (oder er) zum Beispiel gerade Urlaub in Wien macht, was ich sehr empfehle, weil Wien sehr schön ist, ist sie (oder er) zwar immer noch eine Forscherin (oder ein Forscher), aber Forschende (oder Forschender) ist in dem Moment keine (oder keiner).

Wann immer Sprache ideologisch oder religiös durchsetzt ist, werde ich skeptisch. Zum Beispiel, wenn man „Friede sei mit ihm“ sagen soll, zum Beispiel nach dem Aussprechen des Namens eines Propheten. Vor allem, wenn das nachdrücklich eingefordert wird und man in Misskredit gerät, wenn man es nicht tut. Habe ich oft erlebt. Mache ich dann erst recht nicht.

Genau, mich stören, genau, aber auch völlig unideologische Füllwörter, genau, die manche Leute, genau, ständig, genau, sagen. Ich habe mal, genau, über eine junge Frau, genau, geschrieben, der ich, genau, im Zug zuhören musste, genau, und sie ständig, genau, genau sagte. Das bewirkte, genau, auch ein wenig, genau, Kritik von Leserinnen und Lesern (und nur vielleicht: Lesenden), weil ich mich angeblich, genau, lustig machte, genau, über die, genau, Sprecherin (und nicht Sprechende). Genau.

Ich weiß schon, so etwas schleicht sich manchmal ein. „Tatsächlich“ ist auch so ein Füllwort. Manche Leute sagen auch nach allen drei Wörtern „sozusagen“. Das habe ich sozusagen sogar mal an mir selbst festgestellt; keine Ahnung, wie das sozusagen passieren konnte. Ich habe mich dann sozusagen konzentriert, es sozusagen nicht mehr zu machen. Tatsächlich.

Triggert mich alles. Am meisten aber: wenn jemand buchstäblich „literarisch“ sagt statt „buchstäblich“. Genau.

Einseitigkeit…

Mehrere Medien, die ich wirklich sehr schätze, erzeugen auf ihren Instagram-Kanälen eine Einseitigkeit, die ich geradezu bestürzend finde. Ich habe das einige Wochen lang beobachtet: Dort geht es jeden Tag (!) um Männlichkeit, und sie ist ausnahmslos und immer „toxisch“. Nicht, dass es in diesem Bereich keine Probleme gäbe, aber dort entsteht bei mir der Eindruck, als existierten weder andere Perspektiven noch andere Themen. Was soll das? Schätzt man sein Zielpublikum dort so ein, dass es so etwas – und nur so etwas – konsumieren will? Glaubt man, es so zu dem eigentlichen Medium locken zu können, wo es durchaus differenzierter und vielfältiger zugeht? Und kann man sich wirklich nicht vorstellen, dass das Reaktanz verursacht?

Bestes Füllerpapier!

Es gibt Leute, die halten mein Interesse an Schreib- und Papierwaren für etwas verschroben. Mag sein, dass das so ist, wobei ich nicht finde, dass es sich von Interesse an, sagen wir: Uhren oder Antiquitäten oder Käfern unterscheidet. Manchmal denke ich dann aber doch, dass ich es zu weit treibe.

Das weltbeste Papier, um darauf mit Füller zu schreiben, ist das japanische Tomoe River. Es ist ziemlich dünn, wiegt nur 52 Gramm pro Quadratmeter - normales Druckerpapier wiegt 80 Gramm pro Quadratmeter - und fühlt sich ein wenig an wie jenes Papier, aus denen Bibeln und Gesangsbücher gemacht sind. Obwohl es so dünn ist, scheint die Tinte auf der Rückseite nicht durch, man kann es also, wenn man mag, auch beidseitig beschreiben. Die meisten Federn gleiten extrem glatt über das Papier, und wenn Tinte mehrere Farbkomponenten hat, kommen diese auf diesem Papier besonders gut zum Ausdruck. Man nennt das “Sheen”. Man sieht, dass die Farbe der Schrift, je nach Lichteinfall, changiert.

Das Papier wurde von der japanischen Firma Tomoegawa 1981 entwickelt und war ursprünglich gar nicht für Schreibwaren gedacht und um mit Füller beschrieben zu werden, sondern für den Druck von technischen Handbüchern, Beilagen, auch Bibeln. Ich weiß nicht, wer es für Schreiben von Hand entdeckte, jedenfalls genießt dieses Papier unter Füllernutzern hohes Ansehen.

Jahrzehntelang wurde dieses Papier in Shizuoka produziert, in der Mitte Japans, auf halbem Weg zwischen Tokio und Nagoya. 2019 wurde die Maschine, auf der das Papier hergestellt wurde, durch eine neue ersetzt. Fans sagten, das neue Papier sei schlechter gewesen als das alte. Dann der nächste große Einschnitt: Am 28. Oktober 2021 kündigte Tomoegawa offiziell an, die Marke und die Rechte an Tomoe River an Sanzen Paper Manufacturing zu übertragen.

Wieder veränderte sich das Papier leicht. Kenner sagen: Es wurde wieder nicht besser. Ich muss ganz ehrlich sagen: Alle drei Papiere sind sehr, sehr ähnlich und sehr, sehr gut. Aber als 2021 bekannt wurde, dass Tomoegawa die Marke und die Rechte an Sanzen verkauft, habe ich einige Vorräte der ersten Sorte gekauft. Zum Glück. Wenn die einmal aufgebraucht sind, werde ich aber auch die neueste Version dieses Papiers verwenden.

Ich sage das nur, damit Sie sich nicht wundern, sollten Sie einmal Post von mir auf sehr dünnem Papier erhalten. Es ist definitiv kein Backpapier.

Spannung in der Bude

Am Samstag fand in Berlin der FDP-Bundesparteitag statt. Ursprünglich sollte Wolfgang Kubicki als einziger Kandidat für den Posten des Parteivorsitzenden antreten. Ich hätte mir den Parteitag nicht angeschaut, seiner Rede nicht zugehört, sondern einfach das Ergebnis abgewartet und später die Nachrichten dazu gelesen.

Dann aber ploppte die Meldung auf, dass Marie-Agnes Strack-Zimmermann kandidiert. Eine überraschende Gegenkandidatur! Eine Herausforderin! Endlich Wettbewerb! Dafür steht die FDP doch!

Etwas wagen. Ein Risiko eingehen. Das Skript durcheinander bringen. Sich auch ohne Absicherung etwas trauen. Fand ich gut von Frau Strack-Zimmermann.

Ich habe keine Aktien in irgendeiner Partei, auch nicht in dieser, aber ich fand es klug, dass dort nun um zwei unterschiedliche Positionen gerungen wurde. Grundsätzlich wünsche ich mir, dass es in der deutschen Parteienlandschaft eine liberale Stimme gibt. Die FDP erschien mir zuletzt nicht immer als eine solche, aber vielleicht wird sie es nun wieder. Ich wünsche Kubicki dafür viel Glück. Und hoffe, dass er zwar weiterhin gelegentlich scharfe Worte findet, Aufmerksamkeit aber nicht mit Wählerstimmen verwechselt

Du und Sie

Zu keinem Beitrag in den „Erbaulichen Unterredungen“ habe ich so viele Zuschriften erhalten wie zu dem Thema „Duzen und Siezen“ in der vergangenen Woche. Einige boten mir das Du an, andere fragten, ob es noch in Ordnung sei, mich zu duzen – schließlich hätten sie mich nie gefragt.

Und viele, wirklich sehr viele schrieben, sie seien froh, dass ich das Thema angesprochen hätte; sie hätten nämlich gedacht, mit ihrer Meinung allein dazustehen.

Irgendwann werde ich noch ein glühendes Plädoyer für den Pluralis Majestatis schreiben. Ich finde: Wenn Leute meinen, sie dürften ihre Pronomen – einschließlich irgendwelcher ausgedachter – selbst bestimmen, dann darf ich ja wohl auch selbst bestimmen, wie ich angeredet werden möchte. (Übrigens bitte nie: „Eure Durchlaucht“ – das erinnert mich allzu sehr an das derzeit so beliebte „Du Lauch!“.)

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Sonntag und eine gute Woche und sende Ihnen sonnige Grüße aus Wien,

Ihr Hasnain Kazim

P. S.: Die „Erbaulichen Unterredungen“ kann ich nur schreiben, weil ich mir Zeit dafür freihalte. Wenn Ihnen diese Texte gefallen, können Sie mich dabei hier unterstützen:

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