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Das Töten von Wölfen schützt keine Schafe

Studien: Wolfstötungen erhöhen die Zahl gerissener Nutztiere

Das Europaparlament will den Schutzstatus des Wolfs von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabstufen - entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse. 371 Abgeordnete stimmten am 8. Mai dafür, 162 dagegen und 37 enthielten sich. „Ein trauriger Tag“, sagt die grüne Europaabgeordnete Jutta Paulus. „Das hilft Weidetierhaltern nicht, schadet der Forstwirtschaft und der Natur.“

https://bsky.app/profile/juttapaulus.bsky.social/post/3lonp3bpsbs2c (Abre numa nova janela)

Schon zuvor hatten sich die EU-Mitgliedsstaaten mehrheitlich dafür ausgesprochen, den Schutzstatus der Wölfe abzusenken. Umweltverbände kritisierten die Entscheidung. “Das ist ein schwerer Schlag für die Natur und resultiert aus einer Stimmungsmache, die wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert”, kommentierte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), Olaf Bandt, auf dem Kurznachrichtendienst Bluesky (Abre numa nova janela).

Noch kein “günstiger Erhaltungszustand”

Die Herabstufung des Schutzstatus heißt aber noch nicht, dass Wölfe nun zum Abschuss freigegeben sind. Die gezielte „Entnahme“, d.h. Tötung, einzelner „Problem-Wölfe“, war bisher schon möglich. Etwa wenn sie gelernt haben, Herdenschutzmaßnahmen zu überwinden.

Doch ein „Populationsmanagement“ nach Anhang V der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) setzt einen „günstigen Erhaltungszustand“ voraus. Für die wissenschaftliche Bewertung des Erhaltungszustandes einer Tierart sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen: Das natürliche Verbreitungsgebiet, der Bestand ("Population"), der Lebensraum und die Zukunftsaussichten.

Das heißt, es geht um folgende Fragen: Leben Wölfe jetzt und auch in Zukunft überall dort, wo sie von Natur aus leben können? Wird der Lebensraum und das Nahrungsangebot jetzt und auch zukünftig ausreichen, um das Überleben der Wölfe langfristig zu sichern? Ist die Anzahl der Wölfe ausreichend groß genug, damit die Wölfe auch in Zukunft nicht wieder aussterben können, zum Beispiel durch Krankheiten, Verkehrsunfälle oder Wilderei? Ist eine ausreichende genetische Vielfalt gewährleistet, damit die Wölfe ohne Inzuchterscheinungen überleben können?

Bislang wurde der Erhaltungszustand der Wölfe (Abre numa nova janela)in Deutschland von der Wissenschaft als “ungünstig-schlecht” bewertet. Damit fallen die Wölfe unter Anhang IV der FFH-Richtlinie und nicht unter Anhang V. Erst wenn es Wölfe auch in bisher nicht vom Wolf besiedelten aber besiedelungsfähigen Gebieten gibt und die Anzahl so groß ist, dass eine ausreichende genetische Vielfalt langfristig gesichert ist, kann der Erhaltungszustand einer Population mit "günstig" bewertet werden. Alle sechs Jahre wird der Erhaltungszustand von Tierarten nach den Vorgaben der FFH-Richtlinie neu bewertet. Ist der “günstige Erhaltungszustand” einer Wolfspopulation erreicht, muss dieser nach der FFH-Richtlinie langfristig aufrecht erhalten werden. Nur dann wäre es erlaubt, Wölfe im Rahmen eines “Populationsmanagements” zu bejagen.

Aber wenn der “günstige Erhaltungszustand” bei der mitteleuropäischen Wolfspopulation noch nicht erreicht ist, was ändert sich dann durch die Herabstufung von “streng geschützt” auf “geschützt”? Es gibt nun keinen so strengen Individuum-Schutz mehr für einzelne Wölfe mehr. Regelungen wie in Deutschland zum Schnellabschuss von einzelnen Wölfen, die gelernt haben Herdenschutzmaßnahmen zu überwinden, dürften nun gerichtlich kaum noch anfechtbar sein.

https://youtu.be/oMnWKgz9BsM (Abre numa nova janela)

Und einigen Parteien in Europa geht es nicht nur um den Wolf. “Ich bin ehrlicherweise froh, dass wir nur über den Wolf abgestimmt haben. Denn gerade von rechts und ganz rechts-außen hörten wir ganz oft, jetzt wo wir dabei seien, könne man doch auch gleich den Schutzstatus für den Bär, Otter, Biber, Kegelrobbe oder den Luchs absenken, weil die ja nur stören würden”, sagt Paulus. Diesen Kräften geht es um einen Generalangriff auf den Naturschutz, der Wolf ist dafür nur ein Symbol.

Wölfe töten ist kein Ersatz für Herdenschutz

Oft wird mit dem Schutz von Nutztieren für die Wolfsjagd argumentiert. Doch Studien belegen, dass durch das Töten von Wölfen die Zahl gerissener Weidetiere nicht etwa sinkt (Abre numa nova janela), sondern sogar steigt.

Die Biologin Julia Koch, Wissenschaftsjournalistin beim SPIEGEL, hat die internationale Studienlage ausgewertet und Forschende befragt. Ihr Fazit: Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Wolfstötungen die Zahl gerissener Nutztiere dauerhaft reduzieren könnten. (Abre numa nova janela) An Herdenschutzmaßnahmen wie Herdenschutzhunden oder Elektrozäunen führe deshalb kein Weg vorbei.1

https://bsky.app/profile/yvesvenedey.de/post/3kicvarginc25 (Abre numa nova janela)

So fanden beispielsweise Forscher:innen der Washington State University (Abre numa nova janela) heraus, dass für jeden zwischen 1987 und 2012 in Idaho, Montana und Wyoming getöteten Wolf die Zahl der getöteten Schafe und Rinder im nächsten Jahr um 5 Prozent zunahm.2Das Töten von Wölfen bedeutet also mehr Angriffe auf Nutztiere und nicht weniger! Erst wenn die Zahl der Wölfe um mehr als 25 Prozent zurückgegangen war, begann die Zahl der getöteten Nutztiere zu sinken. Eine so drastische Bestandsreduzierung wäre aber mit dem Ziel der Arterhaltung unvereinbar und wäre in der EU weiterhin illegal.

https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0113505 (Abre numa nova janela)

Wolfsrudel sind Familien, die in der Regel aus dem Elternpaar, Welpen und Jährlingen bestehen. Tötet man die Elterntiere, bevor die Jungtiere gelernt haben, wie man Wildtiere jagt, werden die verwaisten Jugendlichen noch mehr Nutztiere töten, weil die einfach leichtere Beute sind. Das gilt auch wenn nur ein Elternteil oder Jährlinge getötet wurde, weil dann das Rudel weniger fähig ist, erfolgreich Wildtiere zu jagen. So töten Wölfe, die Welpen zu versorgen haben, offenbar häufiger Nutztiere als Tiere ohne Welpen.

Die Idee, man könne Wölfe durch Bejagung davon abschrecken, sich Weidetieren zu nähern, funktioniert nicht. „Wölfe lernen durch Bejagung nicht, Abstand zu Weidetieren zu halten, da sie nicht durch diese den Schaden erleiden“, sagt Marie Neuwald, Wolfsexpertin des Naturschutzbundes (Nabu) (Abre numa nova janela). „Daher sind Herdenschutzmaßnahmen in Wolfsgebieten unabdinglich und können durch eine Bejagung keinesfalls ersetzt werden.“

https://bsky.app/profile/jay.bsky.team/post/3jtc7fziyg224 (Abre numa nova janela)

KleiKo will Wölfe ins Jagdrecht aufnehmen

Völlig unabhängig vom Schutzstatus des Wolfs auf EU-Ebene ist eine andere Forderung: Die Kleine Koalition (KleiKo) aus CDU/CSU und SPD will den Wolf ins Jagdrecht aufnehmen. Das ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie die rechtsextreme AfD Friedrich Merz und Lars Klingbeil mit unsinnigen populistischen Forderungen vor sich hertreibt.

https://youtu.be/lJX7FTaALVI (Abre numa nova janela)

Auch bei einer Aufnahme ins Jagdrecht wäre die Wolfsjagd, wegen des ungünstigen Erhaltungszustandes in Mitteleuropa, weiterhin verboten; d.h. es würde eine ganzjährige Schonzeit gelten. Wie bisher wäre lediglich die “Entnahme” einzelner “Problemwölfe” erlaubt. Es handelt sich also um reine Symbolpolitik.

Die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht bedeute vor allem mehr Bürokratie, sagt Jutta Paulus. Denn während man bisher für die “Entnahme” eines Wolfs nur eine Abschussgenehmigung von der Naturschutzbehörde benötige, sei dann auch eine Genehmigung der Jagdbehörde und des Jagdpächters nötig.

Mit solch fragwürdigen Vorschlägen reagiert Schwarz-Rot auf irrationale Ängste vor dem “bösen Wolf” in einem Teil der Bevölkerung. Diese Angste liegen nicht nur an den Märchen der Brüder Grimm, sondern sie werden von bestimmten Kreisen ganz bewusst geschürt. Dabei sind beispielsweise Kühe für Menschen viel gefährlicher als Wölfe. Ein gutes FAQ zu Wölfen (Abre numa nova janela) in Deutschland gibt es auf der Webseite des Nabu.

BILD-Umfrage: “Deutsche wollen den Wolf gar nicht abschießen”

Doch trotz der rechten Stimmungsmache gegen den Wolf ist die Mehrheit der Menschen dagegen, den Schutzstatus des Wolfs herabzustufen. Das ergab eine repräsentative Insa-Umfrage im Auftrag der BILD-Zeitung (Abre numa nova janela).

Das denkt Deutschland über die Wolfsjagd vom 16./17.4.2025:
Sind Sie dafür, dass der Wolf in das Jadrecht aufgenommen wird und der Schutzstatus des Wolfs herabgestuft wird? Dagegen 42%, dafür 31%, 11% weiß nicht, ist mir egal 16%
Repräsentative INSA-Umfrage im Auftrag von BILD.de

Nur 31 Prozent der Bürgerinnen sind für die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht. 42 Prozent sind dagegen. 67 Prozent finden, dass der Wolf zur normalen Tierwelt in Deutschland gehöre. Und 61 Prozent sehen in Wölfen eine Bereicherung der Artenvielfalt.

67 Prozent finden, der Wolf gehöre zur normalen Tierwelt Deutschlands

Vielleicht sollten Merz und Klingbeil mehr auf die Mehrheit hören und weniger auf die gesichert-rechtsextreme AfD?

Zum Thema Wölfe empfehle ich auch diesen Artikel aus meinem Newsletter: Mythos Alphawolf (Abre numa nova janela)

https://steady.page/de/klima-demokratie/posts/7c9f7530-ca65-4cc1-be13-2cfe7b3bf1c2 (Abre numa nova janela)https://bsky.app/profile/yvesvenedey.de/post/3lp4xc7jtuk2x (Abre numa nova janela)
  1. Das Märchen vom bösen Wolf (Abre numa nova janela)”, SPIEGEL 2/2024, 8.1.2024

  2. Robert B. Wielgus, Kaylie A. Peebles: “Effects of Wolf Mortality on LivestockDepredations” (Abre numa nova janela), 3.12.2014

Tópico Tiere & Natur

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