Vor Jahren erzählte mir ein Freund von einem Urlaub, den er allein unternommen hatte. Nehmen wir an, er war ein paar Tage in Madrid. Er hatte sich nichts Besonderes vorgenommen, wollte nichts Bestimmtes sehen, keine Sehenswürdigkeiten unbedingt besuchen. Er hatte lediglich Zeit – und Bücher, die in Madrid spielten oder von Madrid handelten. Nach dem Aufwachen lief er einfach los und suchte ein Frühstückscafé auf. Bei einem café con leche* las er seine Bücher und wenn er keine Lust mehr hatte, lief er weiter und schaute sich die Orte an, die in seinen Büchern erwähnt wurden. Es sei, schwärmte er, ein großartiges Gefühl, Geschichte als Bericht und gleichzeitig vor Ort zu erleben. Seitdem möchte auch ich einen solchen Urlaub machen.

Bremen, September 2021 © Kristina Klecko
Noch habe ich es nicht geschafft, aber in den letzten Wochen habe ich etwas getan, das sich ähnlich angefühlt hat: Ich habe die Biografie einer Künstlerin zeitgleich mit ihren Tagebüchern gelesen. Wer braucht Madrid?
Marie Bashkirtseff, geboren am 24. November 1858 in der Oblast Poltawa in der heutigen Ukraine, unweit der Stadt Charkiw, war Malerin. Bekannt wurde sie, weil ihr Tagebuch, nachdem sie mit Mitte zwanzig an Tuberkulose gestorben war, 1887 veröffentlicht wurde und junge Leserinnen begeisterte. So lebenshungrig war sie, so voller Hingabe an die Kunst. Das Tagebuch und die Biografie habe ich nur zufällig gleichzeitig ausgeliehen, doch hat sich die parallele Lektüre als sehr fruchtbar erwiesen.
„Jede Geschichte ist für jemand anderen bestimmt. Selbst Tagebucheinträge werden für einen imaginären Anderen oder ein zukünftiges Selbst geschrieben.“ Siri Hustvedt, Wenn Gefühle auf Worte treffen
Tagebücher sind seltsame Schriftstücke. Sie vermitteln den Leser*innen das Gefühl, man würde durch sie den Schreiber*innen nahe kommen, so persönlich, so ehrlich sind sie. Doch das Persönliche ist in Tagebüchern, besonders in solchen, die veröffentlicht werden, mehrfach gebrochen. Wer schreibt, trifft eine Auswahl darüber, was notiert und was ausgelassen wird, entscheidet, wie man sich selbst und andere beschreibt, setzt den Ton für das Erlebte, liefert Vorschläge, wie das Erlebte zu interpretieren ist.
Wer Tagebücher für eine Veröffentlichung vorbereitet, setzt die bereits veränderte Wirklichkeit neu zusammen, kürzt und ergänzt – und formt damit die Erinnerung an den Menschen. Oft handelt es sich dabei um Verwandte, die ein bestimmtes Bild aufrecht erhalten oder vermiteln möchten. In bester Absicht redigieren sie die komplexe Persönlichkeit mit ihren guten und schlechten Eigenschaften auf eine Projektion zusammen. Virginia Woolfs Ehemann etwa hat die Art, wie sie bis heute wahrgenommen wird, maßgeblich geprägt:
„Seine Kontrolle über das Werk und das Image seiner Frau war praktisch umfassend. (…) 1953 gab er unter dem Titel A Writer’s Diary einen sehr stark zusammengestrichenen Auswahlband aus ihren Tagebüchern heraus, der sich ganz der Schriftstellerin Virginia Woolf widmete und Privates und Gesundheitliches außen vorließ – bis auf einige entscheidende Ausnahmen. Denn stehen gelassen wurde regelmäßig, was Leonard als verantwortungsbewussten Ehemann und seine Frau als labil darstellte.“ Nicole Seifert, Bilder von Virginia Woolf (Quelle, s.u.)
Diese Bilder werden weitergetragen. Im Film The Hours aus dem Jahr 2002 sehen wir eine ätherisch durch grüne englische Landschaften schwebende Nicole Kidman alias Virginia Woolf, nicht die Frau, die ihre Freundin und Schriftstellerkollegin Katherine Mansfield in einem Brief fragt, „ob auch sie von Eifersucht auf Frauen geplagt ist, die ähnlich gut schreiben können wie sie selbst.“ (aus Michaela Karl, Ich brauche einen Liebhaber, der mich am Denken hindert, Katherine Mansfield. Eine Biografie)
Auch Marie Bashkirtseffs Aufzeichnungen wurden bearbeitet, wie Colette Cosnier in ihrer Biografie der Malerin schreibt:
„Man hat ihr Geburtsdatum geändert, man hat Ausdrücke gestrichen, die man für unpassend hielt, man hat ganze Passagen zensiert, die man unanständig fand, man hat alles verniedlicht, was ein Aufbegehren gegen die Einschränkungen des Frauseins war.“ Colette Cosnier, Marie Bashkirtseff. Ich will alles sein, übers. v. Uli Aumüller
Und dann stoße ich auf eine Formulierung, die so oder so ähnlich immer wieder auftaucht, wenn über Frauen in der Kunst gesprochen oder geschrieben wird: Sie seien zu früh geboren. Es ist sicher gut gemeint und doch suggerieren solche Bemerkungen, dass Frauen mit künstlerischen Fähigkeiten und Visionen, gar mit den dazu passenden Ambitionen, singulär seien, und dass sie lediglich zur richtigen Zeit geboren werden müssen. Das scheint angesichts der aktuellen Zahlen zum Gehaltsunterschied zwischen männlichen und weiblichen Kunstschaffenden mindestens Wunschdenken zu sein:
„Im Vergleich zum Jahr 2023 ist der Gender Pay Gap in den vier Berufsgruppen der Künstlersozialkasse sogar gestiegen, und zwar in der Berufsgruppe Wort von 18% (2023) auf 21% (2024), in der Berufsgruppe Bildende Kunst von 28% (2023) auf 30% (2024), in der Berufsgruppe Musik von 22% (2023) auf 26% (2024) und in der Berufsgruppe Darstellende Kunst von 32% (2023) auf 34% (2024).“ (Quelle: Newsletter des Deutschen Kulturrat e.V. vom 7. März 2025)
Die Geschichten von den zu früh Geborenen zeigen höchstens, dass es schon immer coole Frauen gegeben hat. Es wäre schön, wir hätten es auch schon immer gewusst.
Vielen Dank, dass du mitliest.
Schöne Grüße und bis in zwei Wochen!
Kristina
PS: In der Mitgliedsrubrik, Romansuche (Abre numa nova janela), habe ich darüber geschrieben, wie ich mit meinem Roman vorankomme, und was aus dem ersten Versuch geworden ist.
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.