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Надрыв | Nadryv

Im Podcast Diasporas Speaking sagte Schriftstellerin Jonë Zhitia, sie habe im Deutschen keine Autorität. Benutze sie ein deutsches Wort auf eine ungewohnte Weise, werde es nicht als kreatives Sprachspiel verstanden, sondern als Fehler, der korrigiert gehört und den sie nicht gemacht hätte, wäre sie nur deutsch.

Dabei ist Zhitia in Deutschland geboren und aufgewachsen. Welche Sprachspiele sind Autor*innen erlaubt, die es nicht sind?

Wohnhäuser spiegeln sich in einem modernen Glasbau.

Köln, Juli 2009 © Kristina Klecko

Ich selbst habe mein erstes deutsches Wort – es war “entschuldigung” – mit zehn gelernt. Der Erwerb der Zweitsprache wurde aus unterschiedlichen Gründen zu einer langwierigen Angelegenheit, mit einer Nebenwirkung:

“Heute gehe ich mit der deutschen Sprache besser um als viele, die hier geboren und aufgewachsen sind. Auf Kritik an meiner Wortwahl oder Aussprache reagiere ich empfindlich, weil ich für diesen winzigen, möglicherweise eingebildeten, sprachlichen Vorteil meine Muttersprache verkümmern ließ. Es muss sich gelohnt haben.“ (aus Mädchen? T-Shirt? Ich?, unveröffentlicht)

Ich gab mir die Autorität und verteidigte sie.

In ihrem Text Nadryw | Sprache fühlen, für den sie mit dem Wortmeldungen-Förderpreis ausgezeichnet wurde, erzählt Zhitia von Fluchterfahrungen, die sich über den Alltag legen, von Mehrsprachigkeit und von der Unübersetzbarkeit des russischen Wortes nadryv. Nach der ersten Lektüre des Textes war ich beeindruckt, spürte gleichzeitig … Das russische Wort досада [dosada] drängt sich mir auf. Das Online-Wörterbuch übersetzt es mit Ärger, Entrüstung, Verdruss. Wie Verdruss ist dosada Ärger und Enttäuschung zugleich, doch während ich Verdruss nicht fühle, fühle ich dosada umso deutlicher.

Dosada heißt: Ich verstehe, dass jede*r ein russisches Wort nutzen kann, und empfinde trotzdem Neidschmerz darüber, dass ich nicht darauf gekommen bin.

Hätte ich darauf kommen können?

In seinem Buch Die Geschichten in uns schwärmt Benedict Wells von Autor*innen, die für seinen Werdegang als Schriftsteller wichtig waren, nennt auch einen russischsprachigen Autor, es könnte Dostojevskij gewesen sein. Ich erinnere mich, notiert zu haben, dass es schön sein muss, wenn die eigenen literarischen Vorlieben nicht als politisches Signal interpretiert werden.

Zhitia wurde 2022 für Nadryw ausgezeichnet.

Ich wäre nicht darauf gekommen.

Dazu hatte ich ein anderes Problem. Ich stutzte, wie andere nadryv mit Betonung auf der ersten Silbe aussprachen. Ich hätte es intuitiv auf der letzten Silbe betont, traute meiner Einschätzung nicht.

Ich habe keine Autorität im Russischen.

“Russisch ist für mich nicht das geworden, was es qua Geburt hätte sein müssen und doch sind die Bilder der Sprache in mir. Bei einer Lesung eines Dichters russischer Muttersprache staunte eine Zuhörerin, er habe Welpen und Wölfe beschrieben, als seien es bösartige Kreaturen. Ihre Assoziation mit diesen Wörtern sei dagegen positiv. Ob es etwas Russisches sei? Ich glaube, sie denkt bei Welpen an süße, schutzbedürftige Haustiere, bei Wölfen an wilde Natur. Ich denke an Beleidigung für junge Männer und zerfetzte Tierkadaver in einsamen Schneelandschaften. Ob es etwas Russisches sei?” (aus Mädchen? T-Shirt? Ich?, unveröffentlicht)

Nadryv wird auf der letzten Silbe betont.

In ihrer Anmerkung zum Text schreibt Zhitia, man könne Kyrilliza nicht einheitlich ins Deutsche übertragen, weswegen sowohl nadryw als auch nadryv richtig sei. Das stimmt nicht. Ob jemand nadryw oder nadryv schreibt ist keine Beliebigkeit, sondern verrät nach welchem Übertragungssystem sich diese Person richtet – oder es bewusst oder unbewusst nicht tut. Selbstverständlich lässt uns das normversessene* Deutschland nicht mit Beliebigkeit davonkommen. Das Übertragen von Namen und Wörtern aus einem Schriftsystem in ein anderes heißt Transliteration (Abre numa nova janela). Es folgt klaren Regeln.

Es bleibt die Frage der Übersetzung.

“Swetlana Geier, sie war die bekannteste Dostojevski-Übersetzerin in Deutschland, sie hat es [nadryv] einfach gelassen. Ich frage meine Familie nach einer albanischen Entsprechung. (…) Swetlana Geier kannte die deutsche Sprache gut genug, um nicht nach etwas zu suchen, was es nicht gibt.” Jonë Zhitia, Nadryw | Sprache fühlen

Es kann ein Vorteil beim Schreiben sein, keine Autorität in der Schreibsprache zu haben und nicht anerkennen zu müssen, dass Sprache überhaupt Grenzen hat. Denn: Es gibt immer ein passendes Wort, wenn nur die richtige Übertragung gefunden werden kann.

Vielen Dank, dass du mitliest und bis in zwei Wochen!

Kristina

PS: In der Mitgliederrubrik Romansuche ging es im Juli um eine Literaturgenossenschaft, um ein unlesbares Buch und um Schreiben neben Brotjob. 

*Transliterationstabelle (Abre numa nova janela) der Universität Heidelberg

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

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