Über vier Festivaltage zwischen Dorf, Popbar und Pferdekoppel.
12 Uhr, Donnerstagmittag. Ich stehe in einer kleinen Bar in einem 5000-Seelen-Dorf am Niederrhein (Abre numa nova janela). Eben sass ich in der ersten Reihe in einer Kirche und hatte Gänsehaut am ganzen Körper und habe ein paar Tränen verdrückt, während To Athena ihre Lieder sang. Jetzt badet eine Wespe in meinem Bier – an der Bar wird man mir gleich ein neues ausschenken. Wie an Flughäfen ist an Festivals das Zeitgefühl ausgehebelt und man darf schon vormittags trinken.

Die Bühne ist winzig, dahinter hängt ein ausgeblichenes Bild einer Kuh. Sie steht auf einer Wiese und wird gemolken. Über dem Eingang, eine Leuchtschrift: «Seit 75 Jahren hier – Dortmunder Union Bier». Die Musik von Heavy Lungs ist laut und die Luft dampfig. Nach wenigen Minuten schon eskaliert der Laden. Der Sänger klettert auf den Tresen der Bar und kullert durchs Publikum. Als ich realisiere, mit welcher Leidenschaft die Menschen hier Musik feiern, habe ich wieder Tränen in den Augen.

Wir waren am Abend vorher angekommen. Der Bierstand auf dem Dorfplatz hatte bereits geöffnet, in der Kirche lief ein Film von Vincent Moon, es gab Lesungen. Die Stimmung auf dem Campingplatz war noch entspannt. Wenn wir gleich vom Konzert im Dorf zurückkehren – vorbei an Wiesen, Maisfeldern und Pferdekoppeln –, wird sich die Topografie aus Zelten, Wohnwagen und Autos komplett verändert haben.
Auf dem noch relativ leeren Festivalgelände, hinter den Tresen und Theken, werden wir am Nachmittag die nettesten Menschen antreffen – sie werden euphorisch sein, vorfreudig auf die kommenden Tage. Ich werde ELLiS·D, NAFT, Dressed Like Boys, Wu Lyf und Grandbrothers sehen.
Joan As Police Woman, die ich eigentlich unbedingt sehen wollte, werde ich verpassen, weil ich in schöne Gespräche mit alten Bekannten aus Leipzig vertieft sein werde. Beim Endless Wellness-Konzert um 1.30 Uhr im Spiegelzelt werden meine Beine schon schwer sein. Ich werde trotzdem – oder gerade deswegen – tanzen.

Mein Freitag wird wieder in der Popbar beginnen. Nach einem kurzen Spaziergang in den Ort werden die anderen aus dem Camp in die Kirche abbiegen – wir werden uns später wiederfinden. Ich werde wieder einen Platz neben der Bühne ergattern, mit Blick nach draussen auf den Dorfplatz, auf dem sich jene versammeln, die nicht mehr in den kleinen Raum passen, um Fuzzman & The Singin’ Rebels zu sehen.

Später wird mich Marlo Grosshardt ein wenig zu sehr an Faber erinnern. Als er das Publikum auffordert, einmal rund um das Front-of-House zu laufen, und mit seiner Posaune an der Menge vorbei stürmt, werde ich mich wie in einer staubigen, immer schneller werdenden Waschtrommel fühlen.
Bei Loney Dear werde ich mich an alte Schweden-Pop-Zeiten erinnern, von Maruja nur den Schluss sehen und bei Anika begeistert, aber leicht erschöpft neben der Bühne sitzen. Beim Auftritt von Warhaus wird ein Schwarm Kraniche lautlos über unsere Köpfe ziehen. Wenn später der Vollmond bei «Symphonie des Éclairs» von Zaho de Sagazan über den Baumwipfeln aufgeht, werde ich wieder denken: «Noch ein Haldern-Moment, der bleibt.»

Der Rest des Abends wird etwas ereignislos an mir vorbeiziehen, bis ich mich erschöpft, mit müden Beinen, aber glücklich nach Gesprächen am Camp in meinen Schlafsack kringele. Durch die Ohropax werden noch leises Gemurmel und entfernte Beats aus dem Spiegelzelt dringen.
Auch der Samstag wird mit einem Auftakt in der Popbar beginnen, der alles andere an diesem Tag in den Schatten stellen wird. Welly, eine Gruppe unfassbar junger und sympathischer Brit:innen, wird leichte Muttergefühle in mir auslösen, während sie das Publikum schon beim Soundcheck auf ihre Seite bringt. Ich werde auch daran denken, wie mir jemand am Morgen erzählt hat, sie hätte Festivalbesucher:innen beim Joggen gesehen. Beim Herumspringen zu Welly verbrennt man vermutlich genauso viele Kalorien.

Wir werden danach verschwitzt in der Pizzeria im Dorf sitzen, um die nötige Grundlage für einen sonnigen Nachmittag zwischen Bo Ningen, Gurriers und Mên An Toi zu legen. Davor noch ein Spaziergang über den Campingplatz – perfekte Fotomotive.

Porridge Radio werde ich grösstenteils verpassen, weil das Abendlicht so schön und die Gespräche am Camp so gut sein werden. Dafür wird umso mehr Energie für Brigitte Calls Me Baby bleiben, die so wunderbar nach Bands der frühen 2000er klingen. Während Patrick Watson spielt, werde ich bei einem lauwarmen Kaffee am Lagerfeuer sitzen, bevor mich meine Fomo noch zu PALES und Been Stellar treibt.
Gegen zwei Uhr werde ich ins Bett taumeln, während der Nebel über dem Campingplatz aufsteigt. Die letzte Nacht wird eiskalt und kurz sein – ich werde sie im Halbschlaf verbringen.
Im Zug nach Zürich wird sich kurz der Post-Haldern-Blues einstellen, den man mir angekündigt hat. Aber auch eine immense Vorfreude auf Zuhause und das eigene Bett. Und aufs nächste Jahr.
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Zum Nachhören – mein persönliches Haldern-Pop-Mixtape:
A-Seite
Was für ein Glück – Endless Wellness
Angscht – To Athena
Stonewall Riots Forever – Dressed Like Boys
Yes Chef – Heavy Lungs
Homecoming Queen – ELLiS·D
Impossibly Average – Brigitte Calls Me Baby
Shopping – Welly
Adored – Been Stellar
A New Life is Coming – WU LYF
Hearsay – Anika
B-Seite
Anarchü – Fuzzman
Kinder – Endless Wellness
Come and See – Gurriers
Not Ideal – Mên a Toi
A Hole in the Ground – Porridge Radio
Uppercut – PALES
La symphonie des éclairs – Zaho de Sagazan
Weird Kid – To Athena
We Collide– Grandbrother
Das ganze Tape findet ihr als Playlist bei Youtube (Abre numa nova janela).
P.S.: Drüben beim Musikexpress (Abre numa nova janela) findet ihr den sehr lesenswerten Nachbericht von meinem Festival-Gspänli Daniel. Ich durfte den Beitrag mit meinen Fotos illustrieren.
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