
TEIL 50: VON FLECKEN UND BERÜHRUNGEN
“Touch has a memory.”
- John Keats
In den Geschichten des Neuen Testaments tauchen ständig Personen ohne Namen auf. Also ich gehe davon aus, dass sie Namen hatten, aber die werden in den kurzen Szenen, in denen diese Personen auftauchen nicht genannt. Oft wirken sie wie Zufallsbegegnungen, die kurz durchs Bühnenbild des Hauptplots laufen und dann genauso schnell wieder verschwinden wie sie aufgetaucht sind und auch im weiteren Verlauf nicht mehr vorkommen. Auch biografisch wird über diese Menschen nur sehr wenig Auskunft gegeben. Oft aber genug, um zumindest die Fantasie anzuregen und weiterzudenken, wer diese Person wohl war und wie es sich möglicherweise angefühlt haben mag, die Welt durch ihre Augen zu sehen. Denn gerade in der Kürze ihrer Auftritte liegt ein Problem, das ich zumindest oft im Hinblick auf diese Figuren habe: Ich überlese sie oft einfach. So als wären sie zwar da, aber nur als Handlungshilfe und Statisten, um eine Rolle zu spielen, die der Erzähler an der Stelle braucht, um einen Punkt zu machen. Das mag vielleicht sogar zutreffen. Trotzdem erscheint mir die Jesus-Figur, die in diesen Texten vor Augen gemalt wird, absolut jemand zu sein, dem das Kleine und scheinbar Unbedeutende und Übersehene besonders wichtig war. Jesus, der auf die Sperlinge und die Lilien und verlorene Schäfchen achtet und seine Zuhöreden auf diese hinweist. Jesus, der das anbrechende Reich Gottes mit einer Frau vergleicht, die mit ihren Händen Teig knetet und Brot backt. Und oft sind es eben Begegnungen mit diesem Jesus, in denen die namenlosen Personen kurz die Handlung betreten. Zum ersten Mal aufgefallen ist mir das bei einer Geschichte aus dem 5. Kapitel im Johannes Evangelium. Ich habe dazu drei Gedichte mit dem Titel BETESDA (Abre numa nova janela)geschrieben. Beim Klick auf den Titel kommst du direkt zur Text- und Audioversion.
Am vergangenen Sonntag war ich eingeladen in einem Gottesdienst zum Thema „Outcasts of the Bible“ in einem Dialog-Format ein paar Gedanken zu diesem Thema zu teilen. Ich habe mir dafür die erste Hälfte aus dem 8. Kapitel des Matthäus-Evangeliums ausgesucht. Dort werden in direkter Abfolge nämlich gleich drei solche namenlosen Personen vorgestellt. Alle drei keine vollwertigen Mitglieder der religiösen und gesellschaftlichen Gemeinschaft. Aus unterschiedlichen Gründen:
Der erste ein Aussätziger. Ein Kranker. Krankheit wurde in dieser Gesellschaft nicht nur medizinisch, sondern auch spirituell bewertet. Ein Aussätziger war also nicht nur schwer krank, sondern auch kultisch unrein. Nicht nur war ihm damit der Zutritt und die Teilnahme an jeglichen religiösen Aktivitäten verwehrt, sondern er wurde auch gänzlich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Natürlich auch aus Quarantäne-Gründen. Aber auch, weil jede Berührung auch sein Gegenüber unrein gemacht hätte. Die Grundlage dafür liegt im mosaischen Gesetzt, nachzulesen z.B. in Levitikus 13 und 14. Dort wird genau beschrieben, wie der Priester den Aussatz zu diagnostizieren hatte und was sie Konsequenz war, wenn der Befund positiv war:
“Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein, unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.”
Ein solcher Mensch begegnet dem Lesenden im ersten Teil von Matthäus 8. Ein Mensch, der weiß, was Einsamkeit bedeutet. Der erfahren hat, wie es sich anfühlt von allen gemieden zu werden. Dessen Haut trotz der Krankheit schon fast vergessen hat, wie sich die Berührung eines anderen Menschen anfühlt. Der vielleicht mit der Angst vor dieser Krankheit aufgewachsen ist, weil er den Schrecken der Konsequenzen seit Kindheit gehört hat. Immer in der festen Hoffnung, dass so etwas immer nur der anderen passiert, bis es einen selbst trifft. Skandalöser und höchst verbotenerweise nähert er sich Jesus trotzdem und dieser tut etwas ebenso Unfassbares und berührt diesen Menschen und riskiert damit selbst unrein und ausgeschlossen zu werden. Es gibt Geschichten, wo Jesus kranke Menschen einfach durch ein Machtwort heilt. Umso bemerkenswerter und im wahrsten Sinne des Wortes berührender finde ich es an dieser Stelle, dass er diesen Menschen, der vermutlich so lange keine Berührung mehr gespürt hat, anrührt.
Die zweite Person ist ein römischer Hauptmann. Ein Heide in den Augen der jüdischen Gesellschaft. Ein Ausländer und damit ebenso unrein. Dazu noch ein Repräsentant der verhassten und brutalen Besatzungsmacht. Auch dieser Mann kommt zu Jesus mit einer Bitte. Auch diesem Menschen gewährt Jesus sie auf bemerkenswerte Weise. Diese Begegnungen finden in der Abfolge des Matthäus-Evangeliums übrigens unmittelbar nach der sogenannten Berg-Predigt statt. Nach den großen Reden über die Sanftmut und Barmherzigkeit und dem Reich Gottes. Fast also würde nach der Theorie nun die Praxis folgen. Oder die Antwort auf die Frage: Das, was du erzählt hast, klingt ja wirklich wundervoll – wem gilt denn diese Einladung und wer ist damit gemeint und inkludiert? Antwort: Vor allem die, die ihr nicht mitgedacht habt. Die Ausgegrenzten und Ausgeschlossenen, die Unreinen und Fremden, die Rechtlosen und Übersehenen. Das Reich der Himmel denkt nicht in Landesgrenzen und Nationalitäten und Herkunft und Geschlecht und Status. So etwas wie christlicher Nationalismus ist mit diesem Jesus nie und nimmer zu machen und zu begründen. Das Gegenteil wird in diesem Text nahegelegt.
Die dritte namenlose Person ist eine Frau. Und aufgrund ihres Geschlechts in der damaligen Gesellschaft ebenso kein gleichwertiges Mitglied der religiösen und gesellschaftlichen Gemeinschaft. Über sie erfahren wir immerhin, dass sie die Schwiegermutter von Petrus ist und ebenfalls krank war. Kein Aussatz, aber Fieber. Jesus besucht sie in ihrem Zuhause. Nimmt sie wahr. Begegnet ihr. Nimmt ihre Hand, berührt sie und heilt auch sie. Sie ist die einzige der drei, die ihn nicht mal explizit darum bittet. In allen drei dieser kurzen Episoden bricht Jesus mit Tabus und gesellschaftlichen und religiösen Konventionen und Vorschriften. Ich glaube, weil diese Menschen eben nicht nur Statisten und Randfiguren sind und weil dieses Reden vom Reich der Himmel, mit der Sanftmut und Barmherzigkeit ausgelebt ungefähr so aussehen kann. Radikal inklusiv. Bis über die Schmerzgrenze der eigenen religiösen Überzeugung.
Sich in diese Personen und ihre Geschichten hineinzuzoomen und zu denken, ist für mich eine Übung in Empathie und Achtsamkeit geworden. Und am besten kann ich mich ihnen schreibend nähern. Darum habe ich versucht, all diese vielen Erklär-Gedanken in einem Gedicht auszudrücken. Nachfolgend siehst du den Text und darunter auch die Audio-Version, die ich für dich eingesprochen habe:

Hier kannst Du dir das Gedicht von mir vorlesen lassen:
Liebe Grüße aus dem immer noch sehr heißen Wien

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