Ahoi! Vor zwei Wochen ging es am Meer-Montag hier auf Steady darum, wie Meerestiere eigentlich schlafen. Der Artikel ist für alle Steady-Mitglieder freigeschaltet und ich finde, es ist zu merken, dass ich mehr Zeit für die Recherche und die Illustrationen hatte. Ich liebe das Bild vom Nördlichen See-Elefanten! (Hätte nie gedacht, solch einen Satz mal zu schreiben…) Wenn du ihn und alle 54 vorherigen Artikel (quasi ein Buch über den Ozean) nachlesen möchtest, kannst du das, in dem du eine Mitgliedschaft abschließt.
Nun tauchen wir ab zu den Haien in der Arktis
Am heutigen Meer-Montag befinden wir uns weit im Norden. Im dunklen Wasser des Nordatlantiks und der Arktis verbirgt sich ein geheimnisvolles Wesen: der Grönlandhai (Somniosus microcephalus). Er gehört zur Ordnung der Dornhaiartigen und ist ebenso faszinierend wie rätselhaft. Durchschnittlich wird dieser Hai vier bis fünf Meter lang. Forschende entdeckten erst vor wenigen Jahren, wie außergewöhnlich alt Grönlandhaie werden können. Durch die Analyse der Augenlinsenproteine, deren chemische Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit verändert, wurde das Alter einzelner Tiere auf bis zu mindestens 400 Jahre geschätzt. Damit hält der Grönlandhai den Rekord als ältestes bekanntes Wirbeltier der Welt. Ein Exemplar, das heute im Nordatlantik schwimmt, könnte also schon zu Zeiten von Galileo Galilei geboren worden sein. [1]

Ein Leben in Zeitlupe
Das Leben des Grönlandhais verläuft in einem unglaublichen Zeitlupentempo. Seine Wachstumsrate liegt bei nur etwa 1 cm pro Jahr und Weibchen werden erst mit ungefähr 150 Jahren geschlechtsreif. Diese extrem langsame Entwicklung ist eine Anpassung an die eisigen Temperaturen von -1 bis +4 °C in seinem Lebensraum. In dieser Kälte ist der Stoffwechsel des Hais derart verlangsamt, dass er nur selten aktiv jagt. [2] Stattdessen frisst er häufig Aas, etwa Kadaver von Robben oder Walen, die auf den Meeresgrund gesunken sind. Trotzdem wurde auch herausgefunden, dass er lebende Beute überrascht, wie zum Beispiel Robben, die an der Oberfläche schlafen.
Das Fleisch des Grönlandhais enthält hohe Konzentrationen des Stoffes Trimethylaminoxid (TMAO), der im Körper von etwaigen Fressfeinden zu einem neurotoxischen Abbauprodukt wird. Verzehrt man das rohe Fleisch, kann dies zu Rauschzuständen oder Vergiftungen führen, die an Trunkenheit erinnern. In Grönland wird der Hai dennoch gegessen. Allerdings erst nach einer aufwendigen Fermentierung und Trocknung, bei der das Gift abgebaut wird. Das traditionelle Gericht heißt „Hákarl“, bekannt aus der isländischen Küche. [3] Für den Hai selbst hat das das TMAO einen positiven Effekt: es dient als körpereigenes Frostschutzmittel und ermöglicht ein Überleben in den frostigen Gewässern der Arktis.
Außer dem TMAO enthalten Kiefer, Haut und Muskelfleisch des Grönlandhais sehr hohe Mengen an Quecksilber. Natürliche Phänomene wie Vulkanausbrüche, Gesteinserosion und Waldbrände setzen immer wieder Quecksilber frei. Doch durch industrielle Aktivitäten, insbesondere die Kohle- und Goldgewinnung, erhöht sich die Belastung in den marinen Ökosystemen. Methylquecksilber, die gefährliche Variante des Quecksilbers, reichert sich in Meeresorganismen an. Der Gehalt solcher giftigen Substanzen erhöht sich im Verlauf einer Nahrungskette: je höher ein Raubtier in dieser Kette steht, desto mehr Gift reichert sich in seinem Körper an. Die extrem lange Lebensdauer des Grönlandhais ist hier ein weiterer Faktor, der ihn anfällig für solche Belastungen macht. [4]

Selten allein unterwegs
Auf Aufnahmen von Grönlandhaien ist häufig zu sehen, dass sich auf ihren Augen etwas befindet. Tatsächlich setzen sich dort häufig Ruderfußkrebse der Art Ommatokoita elongata fest. Lange ging man davon aus, dass die Anheftung des Parasiten an die Hornhaut den Hai in seiner Sehkraft einschränken würde. Das Leben in der dunklen Tiefsee würde die These unterstützen, dass Grönlandhaie keinen großen Wert auf ihren Sehsinn legen.
Forschende konnten jedoch vor Kurzem herausfinden, dass die Hirnregion der Grönlandhaie, welche visuelle Informationen verarbeitet, verglichen mit anderen sehenden Knorpelfische, groß ist. [5] Außerdem besitzt der Hai eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut, die es ihm ermöglicht, auch bei extrem schwachem Licht noch etwas zu erkennen. Untersuchungen zeigten, dass Grönlandhaie trotz ihres langen Lebens in sehr dunkler Umgebung und des Befalls durch Parasiten auch in hohem Alter ein erstaunlich gutes Sehvermögen besitzen.

Obwohl der Grönlandhai in den kalten Nordmeeren weit verbreitet ist, gilt er nach wie vor als gefährdet. [6] Jahrzehntelang wurde er wegen seines Leberöls gejagt, das als Schmiermittel in Maschinen verwendet wurde, bevor synthetische Alternativen aufkamen. Heute ist Beifang in der Fischerei seine größte Bedrohung. Aufgrund seiner langsamen Fortpflanzung (zur Erinnerung: Weibchen erreichen die Geschlechtsreife erst nach etwa 150 Jahren) hat jede Dezimierung der Population langfristige Folgen. Wissenschaftler*innen fordern daher strengeren Schutz für diese uralte Haiart.
Der Grönlandhai ein spannendes Mysterium unseres Ozeans. Kaum ein anderes Lebewesen verkörpert so deutlich die Anpassungsfähigkeit an extreme Bedingungen und erinnert uns daran, dass in den dunklen Tiefen unserer Meer noch immer Rätsel warten, die wir kaum begreifen.
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QUELLEN
[1] Nielsen et al., 2016, "Eye lens radiocarbon reveals centuries of longevity in the Greenland shark" (Abre numa nova janela)
[2] Eric Ste-Marie et al., 2022, “Life in the slow lane: field metabolic rate and prey consumption rate of the Greenland shark (Somniosus microcephalus) modelled using archival biologgers” (Abre numa nova janela)
[3] Nina Wiechers, 2008, Gourmetkücher Hákarl (Abre numa nova janela)
[4] Sebastian Biton-Porsmoguer et al., 2024, “Mercury levels in tissues (cartilage, skin, and muscle) of the Greenland shark (Somniosus microcephalus): Potential contamination sources and implications for health and conservation” (Abre numa nova janela)
[5] Lily G. Fogg et al., 2025, “The visual system of the longest-living vertebrate, the Greenland shark” (Abre numa nova janela)
[6] IUCN Red List, 2022 – Somniosus microcephalus (Abre numa nova janela)