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Wie viel Theater verträgt Journalismus?

Hallo,

das ist die zweite Ausgabe des Media-Rewilding-Newsletters mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. (Eine Kurze Info zu mir und meinem Projekt findest du am Ende dieser Mail)

Diesmal betreten wir Bretter, die die Welt bedeuten können – aber alles andere als ein journalistischer Kanal für Nachrichten sind. Trotzdem hat der Journalismus das Theater für sich entdeckt. Aus gutem Grund: Hier gibt es ein Publikum. Und vielleicht ist ja unser Content doch dafür geeignet. Deswegen werfe ich einen ersten Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen bei der dramaturgischen Inszenierung von Recherche-Ergebnissen.

Der Anlass: Eine Diskussionsveranstaltung mit Menschen, die genau das gemacht haben. Was ich aus dem Gespräch mit Correctiv-Gründer David Schraven und Christiane Mudra, Gründerin von investigative theater, gelernt habe, liest du in dieser Newsletterausgabe.

Eine Grafik zeigt eine aus weißen Linien auf grünem Hintergrund bestehende Bauzeichnung eines futuristischen Theaters auf dem das Media Rewilding Logo zu sehen ist

Eine wichtige Bitte vorab: Leite diesen Newsletter gerne an Menschen in Redaktionen, Verlagshäusern und Medienorganisationen weiter, die sich für das Thema interessieren. Und falls du diesen Newsletter von jemandem weitergeleitet bekommen hast, kannst du ihn hier abonnieren: media-rewilding.de (Abre numa nova janela)

Worum es geht

Die Gesprächsrunde „Zwischen Fakt und Fiktion – Wie viel Theater verträgt der Journalismus?“ im Gesellschaftsraum in München ging der wichtigen Frage nach, was passiert, wenn sich der Journalismus als Theater selbst ins Reich des Fiktiven begibt. An der von Dorte Lena Eilers, Professorin für Kulturjournalismus an der Hochschule für Musik und Theater München moderierten Runde nahm neben David Schraven und Christiane Mudra auch Dennis Amour, Medienrechtsanwalt und Geschäftsführer des Bayrischen Journalistenverbandes, teil.

investigative theater

  • Das investigative theater ist ein Projekt der Regisseurin und Theatermacherin Christiane Mudra. Sie recherchiert unter anderem zu Rechtsextremismus und war von 2013 bis 2018 Beobachterin des NSU-Prozesses und mehrerer Untersuchungsausschüsse.

  • Ihr Projekt charakterisiert sie als „journalistische Langzeitrecherche, die sich im Unterschied zum dokumentarischen Theater vor allem auf Originalquellen stützt und auch unbekannte Fakten aufdeckt.“

  • investigative theater spielt die Recherchen in unterschiedlichen Formaten aus – wie Performance im Stadtraum, Podcasts oder Vorträgen – und sucht die Interaktion mit dem Publikum.

Geheimplan gegen Deutschland – szenische Lesung

  • Correctiv hat die aufsehenerregende Recherche Geheimplan gegen Deutschland (Abre numa nova janela) über ein Treffen rechter Protagonisten in Potsdam 2024 nicht nur als Text veröffentlicht, sondern unter anderem als szenische Lesung auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht.

  • Die szenische Lesung ist eine Koproduktion des Berliner Ensembles und des Volkstheaters Wien. Sie wurde per Livestream auch an anderen Orten in Deutschland gezeigt.

  • Die Inszenierung ist nicht die erste Bühnenproduktion von Correctiv. Auch andere Recherchen wurden bereits über das Medium Theater ausgespielt.

Was ich gelernt habe

  1. Journalistisches Theater kann seinen Besucher:innen eine kollektive Gesprächs- und Meinungsbildungsgrundlage schaffen, die stark durch das gemeinsame Erlebnis vor Ort geprägt ist. „Da sind Menschen in einem Raum und hören exklusiv einer Sache zu“, sagte Mudra. Sie gingen danach mit etwas nach Hause, was sie weiter beschäftigt, der Theaterabend könne so zum Einstieg in ein Thema für sie werden. „Dieses Erleben mit anderen Menschen zusammen schafft eine tiefere Erinnerung, die nachhaltiger ist.“

  2. Theater ist eine Chance für das journalistische Storytelling. Zur Pressefreiheit kommt hier noch die Kunstfreiheit hinzu. Die dramaturgischen Freiheiten erlauben dem Publikum einen leichten Zugang zu Recherchen. Aber gerade die erweiterten Möglichkeiten erfordern noch mehr journalistische Sorgfalt. Zum einen aus rechtlicher Sicht. Zum anderen aber auch im Sinne der wahrgenommenen Glaubwürdigkeit von Journalismus in der Gesellschaft. Deswegen endet die journalistische Arbeit nicht bei der Idee, eine Recherche auf der Bühne zu inszenieren. Correctiv zum Beispiel beschäftigt in seinen Produktionen neben den Dramaturg:innen auch eigene Fakten-Checker:innen, die wiederum die Inszenierung überprüfen. Und investigative theater kennzeichnet originale Zitate in der Aufführung durch Ansage, um sie von dramaturgischer Fiktionalität zu trennen.

  3. Noch fehlen klare Rahmenbedingungen, wie Journalismus auf der Bühne am Besten funktioniert. Aber das Thema ist im Fluss: Am Schauspiel Köln wird es ab Herbst eine eigene Sparte „Theater und Journalismus“ unter der Intendanz von Kai Voges geben, der auch die Geheimplan-Lesung inszeniert hatte. In Zusammenarbeit mit Correctiv soll dort begleitend in interdisziplinären Workshops systematisch untersucht werden, was alles möglich ist – und was nicht. David Schraven sagte: „Ich glaube, dass wir am Anfang sind. Weil wir gerade erst lernen, wie diese Art von Geschichtenerzählen dazu führen kann, dass ein Theater wieder zum common ground wird. Also zu dem Ort, wo wir alle zusammenkommen und die großen gesellschaftlichen Fragen debattieren.“

Media-Rewilding-Einblick

Damit du dir einen Eindruck zu den Projekten verschaffen kannst, findest du hier ausgewählte Quellen.

★ investigative theater: Off the record – die Mauer des Schweigens
Die Inszenierung ist ein auf investigativer Recherche basierender Politthriller, der sich der Geheimschutzpraxis im NSU-Kontext widmet. Ich habe dir den Teaser verlinkt:

https://youtu.be/tanakkUOf8g (Abre numa nova janela)

Außerdem:

★ correctiv: Geheimplan gegen Deutschland
Die correctiv-Recherche als Koproduktion des Berliner Ensembles und des Volkstheaters Wien in Form einer szenischen Lesung auf der Bühne des Berliner Ensembles. Ich habe dir die Aufzeichnung des Livestreams verlinkt:

https://www.youtube.com/embed/kJMQODymCsQ?si=c_yhFac5wML4Wizd (Abre numa nova janela)

Außerdem:

Media-Rewilding-Seitenblick

Die Diskussionsveranstaltung behandelte nicht nur ein Media-Rewilding-Thema, sondern fand mit dem Gesellschaftsraum (hier mehr Infos (Abre numa nova janela)) auch in einer interessanten Umgebung statt. Seine Macher:innen wollen mit innovativen Angeboten mitten im populären Gärtnerplatzviertel eine konstruktive, reflektierte und kritische Auseinandersetzung mit unserer Demokratie fördern. Ich denke, wir Journalist:innen und Medienmacher:innen sollten uns dringend Gedanken darüber machen, wie wir solche offenen Orte mitgestalten oder selbst etablieren können.

Media-Rewilding-Ausblick

Wie Journalismus auf der Bühne auch aussehen kann, zeigen seit Jahren unterschiedliche Projekte mit Live-Journalismus. JIVE ist eine solche Produktion, die Journalist:innen und ihre Geschichten als Show inszeniert. Das aktuelle Programm ist im Juni in Berlin und Hamburg zu erleben (hier mehr Infos (Abre numa nova janela)). Ich werde sie mir ansehen, um einen konkreten Eindruck zu bekommen. Mit den Macher:innen dahinter werde ich außerdem bald ein Interview führen – und Steckbriefe ihrer Formate erstellen. Das alles und meine Learnings daraus gibt es dann hier und auf der Media-Rewilding-Website.

Bis zum nächsten Media-Rewilding-Newsletter
Alexander

MEDIA REWILDING
Grünes Logo zeigt offenes Quadrat mit Schriftzug Media Rewilding – Neue Orte für Journalismus unter Sprechblasen (Abre numa nova janela)

Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Möglich macht mir das eine Förderung des Media Lab Bayern, das mich im Rahmen des Future of News Fellowships (Abre numa nova janela) unterstützt.

Konkret werde ich herausfinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und wie sich das alles finanzieren lässt.

Dafür mache ich eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits in diesem Bereich ausprobiert wird, recherchiere die Erfahrungen der Redaktionen damit, untersuche die Geschäftsmodelle dahinter und systematisiere die Erkenntnisse als Blaupause für die Medienbranche. 💚

Hier ist die Website von Media Rewilding: media-rewilding.de (Abre numa nova janela)
Hier ist meine Website: von-streit.de (Abre numa nova janela)
Hier ist mein LinkedIn-Profil: linkedin.com/in/vonstreit (Abre numa nova janela)