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Heute geht es um Wirtschaftsministerin Reiche, ihren Lebenspartner und Multi-Investor Theodor zu Guttenberg und wie die Gaslobby die Krise nutzt, um Klimaschutz zu torpedieren.
Kürzlich fragte eine Freundin, ob wir als Energieexpertinnen wüssten, wie sie ein kleines Ölfass in der Garage lagern könnte. Falls bald das Benzin an der Tankstelle ausgehen sollte. Diese Prepper-Idee wirkte wie ein Miniaturbild dessen, was wir im Großen erleben: Die schwerste Energiekrise der Geschichte hält an. Es könnte Monate dauern, bis die Minen aus der Straße von Hormus (Abre numa nova janela) geräumt oder die Friedensverhandlungen erfolgreich sind. Trotzdem klammert sich unsere Bundesregierung an Verbrenner-Autos und Gasheizungen, statt entschlossen auf erneuerbare Energien zu setzen, um weniger abhängig von Importen zu werden. Ein neu aufgelegtes 9-Euro-Ticket für den Nahverkehr, ein Tempolimit oder eine höhere Förderung für Wärmepumpen könnten den Öl- und Gaskonsum zeitnah senken.
Diese Energiekrise legt die Risiken fossiler Lieferketten offen und bietet die Chance, die Energiewende zu beschleunigen. Viele Länder tun das auch bereits, etwa Frankreich und Großbritannien. Doch Krisen schüren auch Panik und verunsichern viele Menschen. Und es profitieren ausgerechnet die Verursacher des Problems: Öl- und Gasunternehmen. Laut einer Studie (Abre numa nova janela) hat sich der Börsenwert von über tausend fossilen Energiekonzernen in der Gaskrise von 2022 verdreifacht. Das wiederholt sich gerade.

Gleichzeitig nutzen etwa Gaskonzerne und ihre Lobbyverbände die Krise, um Klimaschutz zu verwässern. Susanne hat so einen Fall für den SPIEGEL recherchiert (lest hier die vollständige Geschichte (Abre numa nova janela)). Derzeit drängt die Gaslobby auf eine Aufweichung der Methanverordnung – angeblich wegen des Irankriegs. Dabei geht es um etwas Selbstverständliches: Unternehmen sollen laut neuen EU-Klimaregeln Lecks an Pipelines und Gasanlagen schließen, damit das starke Treibhausgas nicht entweicht. Lobbyverbände wie Eurogas versuchen seit Monaten, das zu kippen. Die Energiekrise liefert ihnen nun den willkommenen Vorwand. Ihre Lehre aus der Energiekrise: Mehr Erdgas, weniger Klimaschutz.
Dass die Gaslobby versucht, Klimaschutz zu torpedieren, ist erwartbar. Doch erschreckend ist, dass die deutsche Wirtschaftsministerin diese Argumente übernimmt: »Das EU-Recht, wie zum Beispiel die Methanverordnung, dürfen verlässliche Energielieferungen nach Deutschland nicht behindern«, sagte Reiche Ende April. Dies könne Partnerländer daran hindern, Flüssigerdgas nach Europa zu liefern.
Surprise: Das ist 1:1 die Forderung von Eurogas & Co.
Dabei entweicht auch in Deutschland täglich Methan in die Atmosphäre – und kaum einer bekommt es mit. Bereits vor fünf Jahren waren wir dem unsichtbaren Klimakiller auf der Spur. Damals begleiteten wir James Turitto bei seiner Suche nach Methanlecks in der Gasverdichterstation im brandenburgischen Mallnow (Lest hier unsere Story (Abre numa nova janela)). Mit einer Spezialkamera filmte der Umweltschützer undichte Stellen im Erdgasnetz.
Reiches fossile Agenda wirkt nun angesichts der Energiekrise noch reaktionärer: Sie will ein neues Heizungsgesetz durchdrücken, das weiter Öl- und Gasheizungen erlaubt, befürwortet eine höhere Pendlerpauschale, die ausgerechnet Fahrer großer Verbrennerautos begünstigt. Zugleich bremst sie beim Ausbau von Erneuerbaren: Private Solaranlagen sollen nicht mehr gefördert und Betreiber von Windparks teilweise kein Geld mehr erhalten, wenn ihre Anlagen abgeregelt werden.

Bei diesen vielen Fehlentscheidungen lohnt sich ein Blick auf Reiches Agenda und Netzwerk. Natürlich sind wir nicht die einzigen Journalistinnen, die Ministerin Reiche genauer prüfen. Doch diese Woche erreichte uns ein besonders brisanter Hinweis: ein möglicher Interessenkonflikt, der ihren Lebensgefährten Karl-Theodor zu Guttenberg betrifft, einstige CSU-Hoffnung, inzwischen Selbstvermarkter (Abre numa nova janela) und Multi-Investor. In ihren Rollen als Wirtschaftsministerin und Investor dürfen die beiden einander nicht zu nahe kommen. Schließlich vergibt Reiche Fördermilliarden an Unternehmen, während Guttenberg Unternehmen besitzt oder in diese investiert.
Und nun zum brisanten Fall: Guttenberg sitzt im Aufsichtsrat der Firma Learnd (Abre numa nova janela), die in Gebäudetechnik investiert. Learnd gehört unter anderem dem Industriemanager Gisbert Rühl (Abre numa nova janela). Diese Person wiederum kennen beide, Investor Guttenberg und Ministerin Reiche: Ihr Wirtschaftsministerium gab im vergangenen September zehn Millionen Euro (Abre numa nova janela) an die Bryck Startup Alliance aus dem Ruhrgebiet. Leiter des Beirats von Bryck (Abre numa nova janela)? Gisbert Rühl, der Vertraute von Guttenberg. Er soll der “Rainmaker” des Ruhrgebiets werden (O-Ton Spiegel (Abre numa nova janela)) und 1000 Start-ups in die Region holen – eines der größten Gründerprojekte Deutschlands. Beteiligt an der Allianz ist auch die RAG-Stiftung, Verwalterin des westdeutschen Steinkohleerbes.
Kurz gesagt: Das Projekt eines Geschäftspartners von Guttenberg bekommt Fördergelder aus dem Ministerium seiner Partnerin.
Das Ministerium teilt auf Anfrage mit, es gebe „grundsätzlich keinen direkten Kontakt der Unternehmen mit dem Ministerium“. Herr Rühl stehe einem Gremium vor, das “nach ihren Informationen” rein beratend tätig sei. Außerdem habe eine externe Jury das Projekt allein nach fachlichen Kriterien bewertet. Interessenkonflikte seien ausgeschlossen.
Zu Guttenberg erklärt uns per Mail, er habe mit seiner Partnerin nie über Bryck Alliance gesprochen – bis zu unserer Anfrage habe er die „Alliance“ nicht einmal gekannt.
Das überrascht: Als Investor und Geschäftspartner von Rühl könnte Guttenberg von diesem “europäischen deep tech powerhouse” (O-Ton Bryck Alliance) (Abre numa nova janela) erfahren haben. Die Nähe von Guttenberg zu einer zentralen Figur des Bryck‑Netzwerks lässt potenzielle Interessenkonflikte erkennen – auch wenn sich ein direkter Einfluss auf die Bescheidung nicht nachweisen lässt.
Dass Journalistinnen bei Reiche besonders gründlich nach Interessenkonflikten suchen, hat einen Grund: Ihre Entscheidungen sind angesichts der hohen Abhängigkeit Deutschlands offenbar nur noch mit Sturheit, Ideologie – oder eben massivem Lobbyeinfluss oder Interessenkonflikten zu erklären.
Manche Menschen horten deshalb Ölfässer in der Garage. Doch seit Kriegsbeginn kaufen viele Deutsche auch massenhaft Solaranlagen – allein 50.000 neue Balkonkraftwerke seit März, einige Ökoanbieter berichten von einer verdoppelten Nachfrage nach Dach-PV und Stromspeichern, auch gab es 66 Prozent mehr E-Auto-Verkäufe. So geht schlaues Energiekrisen-Preppen.
Bremser der Woche: Die Kreuzfahrtbranche. Sie stellte im vergangenen Jahr wieder einen Rekord auf – und begrüßte 37 Millionen Passagiere. Deutsche sind nach US-Amerikanern die größten Fans (Abre numa nova janela)der Urlaubsschiffe – Schiffe, die weitestgehend noch mit Schweröl (Abre numa nova janela)fahren. Doch auch die Branche ist von Irankrieg betroffen: Iranische Revolutionsgarden bedrohten das leere Kreuzfahrtschiff „Mein Schiff 4" in der Straße von Hormus mit den Worten: „Wir werden schießen und euch zerstören."
Der Kassandra-Ruf: Setzt sich der Krieg am Golf mit unverminderter Härte fort, droht eine Ölpest – vor allem, wenn weiterhin beladene Tanker unter Beschuss geraten. Das passierte bereits mehrmals in den vergangenen Wochen. Aus dem All gibt es bereits erste Satellitenbilder, die Ölschlieren zeigen. (Mehr dazu lest Ihr hier im Bericht von Susanne (Abre numa nova janela))
Hoffnung der Woche: Immer mehr Länder, darunter Frankreich, entwickeln konkrete Pläne, um die Elektrifizierung voranzutreiben. In einigen Ländern wie Vietnam (Abre numa nova janela) wurden sogar schon Pläne für Gaskraftwerke gekippt. Das Ziel: die Abhängigkeit von Öl und Gas grundsätzlich zu verringern. Richtig so.