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Der Antrag, der nie sitzen blieb - Teil 2

Ausgabe vom Mittwoch, 24. September 2025 - Teil 2

Wo der Antrag spukt, hilft kein Exorzismus

Die Wahrheit hat in Altentreptow keinen festen Sitz. Sie hat einen schlechten Gang, hinkt, keucht und trägt Gummistiefel, besonders wenn sie durchs Rathaus zieht – begleitet von einem Antrag, der sich benimmt wie ein nasser Zettel im Sturm: verschwunden, verwurstet, aber irgendwie immer noch da. Es ist Mittwoch, und ich, Erna Schippel, habe mir das graue Kostüm übergeworfen, das ich sonst nur zu Beerdigungen oder Bauausschüssen trage.

Baron Tollensius, mein Hund mit dem aristokratischen Blick eines Justizoberrates auf vier Pfoten, läuft neben mir her, die Rute leicht erhoben, als wolle er jeden Moment einen Beschluss herbeiwedeln. Der Antrag zur Reaktivierung des sogenannten Haus des Sportstilllebens – also jener nagelneuen Zweifeldersporthalle, die laut Pressemitteilung bereits eröffnet, laut Bauausschuss "noch zu prüfen" und laut Thermoskannensitzung "nie ganz geschlossen" war – hat sich in eine Art Phantom verwandelt. Die Halle steht. Glänzend. Neu. Unbenutzt. Ein teures Denkmal für das Versäumnis. Und irgendwo soll es einen Antrag geben, der diesen Zustand erklären kann. Oder auch nicht.

Die Tupperdose des Verwaltungsirrsinns

Im Archiv herrscht eine Stimmung wie beim Bingoabend im Pflegeheim: träge, gemurmelt, aggressiv passiv. Kantig, unser einziges wirklich kluges Gehirn in dieser Stadt, steht mit einem Ausdruck von biblischer Geduld neben einem Schrank, dessen Aufschrift "Haushalt 2023/2024/2025 – endgültig" so oft überklebt wurde, dass der Leim resigniert hat. "Da ist er nicht drin", murmelt Kantig. "Aber da ist er auch nicht raus."

Muffke, der Sachbearbeiter mit dem Teflonblick, versucht sich an einer Erklärung: "Man muss Verwaltungsprozesse als fließende Zustände verstehen. Wie Suppe. Oder Laub." Und so ähnlich riecht es hier auch. Eine Mischung aus Aktenstaub, Zweckoptimismus und abgelaufener Förderrichtlinie.

Ich frage Muffke, wo der Antrag zuletzt gesehen wurde. Er zeigt auf ein Regal. Dann auf einen Kollegen. Dann auf die Decke. "Er war in einer Tupperdose", sagte er schließlich. "Wegen der Feuchtigkeit." Ich notiere: Antrag in Frischhaltebox. Wahrscheinlich mit Etikett "Sporthalle, Reaktivierung, keine Ahnung, lol".

Nusseltrud und die Kastanie der Erinnerung

Auf dem Rückweg zum Marktplatz sitzt Nusseltrud auf ihrer angestammten Bank. Neben ihr, wie immer: die Kastanie. Die Kastanie ist kein Orakel, sondern ein Speicher. "Alles, was man der Verwaltung zuruft, landet irgendwann in dieser Kastanie", erklärt sie. "Deshalb ist sie so schwer geworden. Und manchmal – wenn der Wind richtig steht – hört man sie murmeln: Tagesordnungspunkt 7, genehmigt."

Nusseltrud hebt das runzelige Ding an ihr Ohr und lacht. "Heute hat sie gesagt: Der Antrag war nie weg. Er war nur... taktisch nicht auffindbar." Ich frage, ob das eine neue Form von Wahrheit sei. "Nein", sagt sie. "Das ist Altentreptower Dialekt. Verwaltungsmundart. Bedeutet: Der Antrag passt nicht ins Timing."

Die Macht der fehlenden Stempel

Am Nachmittag soll der Bauausschuss tagen. Ein Gremium, das klingt wie ein Werkzeugkasten, aber eher einem Kaffeekränzchen mit Tagesordnung gleicht. Meister Munter steht davor, Schiebermütze schräg, Block in der Hand. "Wird heute abgestimmt?", frage ich. "Man hofft", sagt er. "Aber vorher wird noch diskutiert, ob der Antrag überhaupt eine gültige Stempelseite hatte."

Denn – jetzt kommt’s: Der Antrag lag angeblich im Umlauf, doch die erste Seite war nicht gestempelt. Die zweite fehlte ganz. Die dritte war ein Fax. Die vierte ein Screenshot. Die fünfte ein Foto von einem Screenshot. Und die sechste wurde von Gisela Grabowski als Serviette in der Cafeteria wiederverwendet.

Gisela steht neben der Kaffeemaschine und wedelt mit einem neuen Schreiben. "Ich hab’s schriftlich!", ruft sie. "Der Antrag war nur eine Machbarkeitsidee!" Ich frage sie, wer das so formuliert habe. "Mein Mann! Der war früher im Brandschutz. Der kennt sich aus mit Sachen, die gelöscht werden!"

Ilse misst die Absurdität in Zentimetern

Rainer Register vom Ordnungsamt nimmt Maß. An der Tür, am Fenster, am Kaffeespender. "Wenn ein Antrag räumlich nicht korrekt platziert wurde, kann er als formal unzulässig gelten", sagt sie streng. Ich frage, ob das jemals irgendwo rechtlich Bestand hatte. "In Güstrow schon", sagt sie. "Und einmal in Demmin. Da wurde eine Satzung wegen falscher Abheftung rückwirkend entwertet." Sie wirkt, als sei das ihr stolzester Moment.

Rainer zieht die Maßbandzunge ein und trägt in ein Formular ein: "Antragsschattenwurf 1,8 m". Ich frage nicht weiter.

Magnus Breitbein und das Leuchten der Leere

Dann tritt Magnus Breitbein auf. Über zwei Meter Amtlichkeit in einem schlecht sitzenden Karohemd. "Liebe Kolleginnen und Kollegen", beginnt er. "Wir stehen heute vor einer historischen Chance: das Haus des Sportstilllebens zu einem Zentrum der kommunalen Bewegung zu machen."

Ich frage mich, ob er Sport meint oder politischen Ausfallschritt. Er wedelt mit einer Mappe, aus der nur leere Klarsichthüllen ragen. "Der Antrag, meine Damen und Herren, lebt in unseren Herzen. Nicht in Ordnern." Ich blicke zu Kantig. Der schreibt: "Magenschmerzmetapher. Gefahr von Poesie."

Die große Enthüllung: Der Antrag war nie da

Nach zwei Stunden Geschwurbel, thermologischer Anspielungen und dreifachem Zurückrudern durch Rüdiger Ruckwärts wird klar: Es gab nie einen richtigen Antrag. Nur eine PowerPoint. Eine Idee. Ein Gespräch. Eine PowerPoint über eine Idee, in einem Gespräch. "Und der Beschluss?", fragt Balduin. "Was wurde denn nun beschlossen?"

Muffke guckt, als sei er plötzlich unschuldig. "Man hatte den Eindruck, es bestünde Einigkeit." – "Bestand sie denn?", fragt Meister Munter. "Nein", sagt Muffke. "Aber der Eindruck war sehr stark."

Der Antrag wird zu Legende

Auf dem Marktplatz, kurz vor Sonnenuntergang, versammelt sich das halbe Ensemble: Fips Federkiel tippt hektisch in sein Handy, Baron Tollensius schnuppert an einem alten Ratsprotokoll, Gisela gibt Interviews, Ilse misst die Laternenhöhe. Und Nusseltrud? Die schaut auf ihre Kastanie. "Sie ist heute still", sagt sie. "Das bedeutet: Der Antrag lebt. Aber in einer anderen Dimension."

Ich frage, welche. "Die vierte Verwaltungsdimension", sagt sie. "Da, wo nie etwas verloren geht. Nur falsch abgelegt."

Kantig tritt zu uns, sein Blick müde, aber wach. "Weißt du, Erna", sagt er. "Ich glaube, die Halle wird nie genutzt. Nicht aus bösem Willen. Sondern weil das System so gebaut ist. Es erzeugt Anträge, um sich selbst zu beschäftigen. Der Antrag ist kein Mittel zur Entscheidung. Er ist die Entscheidung."

Ich nicke. Und ziehe mein Kostüm zurecht. Es riecht jetzt nach Rathaus. Nach altem Kaffee, alter Macht, alter Angst. Ich blicke zum Himmel. Eine Wolke sieht aus wie eine Stempelvorlage.

Fazit in Butterbrotform

Am nächsten Morgen finde ich ein Schreiben im Briefkasten. Absender: unbekannt. Inhalt: ein Ausdruck der PowerPoint, eine Serviette mit Kaffeefleck und ein Zettel: "Bitte neu einreichen. Mit Deckblatt."

Ich reiche nichts mehr ein. Ich schreibe.

Ausblick für Sonntag: Straßenbau und Heckenkrieg

Wenn Ihnen das gefallen hat, dann bleiben Sie dran: Am kommenden Sonntag geht es weiter mit einer Geschichte, die fast zu wahr ist, um falsch zu sein. In "Straßenbau und Heckenkrieg" berichte ich exklusiv aus der Ockerstraße, wo sich ein Beet, ein Poller und ein halber Hydrant in einen Flächenbrand der Gefühle verwandelten. Es wird gestritten, gestemmt, gehegt – und am Ende vermessen. Natürlich mit Maßband, Stoppuhr und Nachbarschaftsprotokoll.

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Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Mittwoch, 24. September 2025 -  © Erna Schippel 2025 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

Tópico Satire aus Altentreptow

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