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Die viereinhalb magischen Fragen von PJ Vogt

Was ist das Allerallerwichtigste für einen Podcast? Ich würde sagen: Die richtige Frage.

In Doku-Podcast-Deutschland fragen wir ja ganz gern (völlig egal bei welchem Thema): Was macht das mit uns? Oder auch: mit unserer Demokratie? Und wer da nicht gähnen muss, hat echt gut ausgeschlafen.

Dabei kann die richtige Frage so einen Sog entwickeln! In Wind of Change (Abre numa nova janela) zum Beispiel fragt Patrick Radden Keefe: Kann es sein, dass die CIA den größten Hit der Scorpions geschrieben hat?

Jetzt kann man daraus natürlich nur bedingt was lernen: Hat die CIA Döpfners FPD-Whatsapp geschrieben? Oder das Tagebuch von Christian Olearius? Spannende Fragen, die Antwort darauf dürfte eher enttäuschend sein.

Es gibt aber einen, der selbst für die nischigste Geschichte noch eine Frage findet, die einen reinzieht: PJ Vogt.

Er hat aus dieser Superkraft gleich einen ganzen Podcast gemacht. In Search Engine (Abre numa nova janela) geht er in jeder Folge einer Frage nach. Und schafft es, einen sogar für Dinge zu interessieren wie: Darf man Feuchttücher im Klo herunterspülen?

Wir haben ihn gefragt, wie zur Hölle er das macht. Und PJ hat uns viereinhalb Fragetypen verraten, die sie bei Search Engine immer wieder benutzen.

Benedikt Dietsch ist freier Journalist und Teil des Podcast-Teams des BR (u.a. “Wild Wild Web”, “Nicht mehr mein Land”). Zusammen mit Ali Gutsfeld berät er Podcasts und gibt Workshops. (Abre numa nova janela)

Kurz & knapp

🎯 Wofür? Die richtige Frage macht JEDE Geschichte besser. PJ würde vermutlich so weit gehen und sagen: Sie macht jede Geschichte überhaupt erst zur Geschichte. 

⚙️ Wie? Zum Beispiel mit PJs viereinhalb magischen Fragen. Und: Testen, testen, testen. Nerv deine Freund:innen, bis du ein Leuchten in ihren Augen seht, wenn du deine Frage stellst. 

Merken: Du kannst alles erzählen, wenn du die richtige Frage findest. Aber wenn deine Frage nicht interessant ist, werden selbst relevante Geschichten langweilig. 

Die viereinhalb magischen Fragen von PJ Vogt

1. Die Dinner-Frage

Die Art Frage, die sofort jeden im Raum elektrisiert. Nope, nicht die Frage an Onkel Udo beim Weihnachtsessen, was er eigentlich gewählt hat. Eher wie beim Podcast “Wind of Change”: Kann es sein, dass die CIA den erfolgreichsten Song der Scorpions geschrieben hat?  (Abre numa nova janela)

PJ: Ich glaube, es gibt verschiedene Arten von Fragen, die für uns bei Search Engine funktionieren. Am meisten begeistern mich die, die du bei einem langweiligen Dinner einfach in den Raum werfen kannst. Und plötzlich lebt der ganze Tisch auf. Die Leute wollen sofort mitdenken. Sie haben entweder direkt eine Meinung dazu, oder die Frage setzt bei ihnen sofort irgendwelche Theorien in Gang. Manche Fragen haben einfach etwas, das die Fantasie der Leute besonders stark anregt.

2. Die Story-Frage 

Die Art Frage, die sofort eine (gute) Geschichte erahnen lässt. Zum Beispiel die hier aus einer Folge, die PJ vor zwei Jahren gemacht hat: Warum sind Chris und Dan nicht ins Berghain gekommen?   (Abre numa nova janela)

PJ: Einerseits könnte man sagen: Das ist eine schlechte Frage. Ich kenne Chris nicht, ich kenne Dan nicht. Und wenn ich in Amerika bin, kenne ich vielleicht auch das Berghain nicht. Aber diese Konkretheit hat etwas. Du denkst sofort: Okay, zwei Leute wollten irgendwo rein und sind nicht reingekommen. Vielleicht vertraue ich diesem Podcast. Vielleicht will ich wissen, was das Berghain ist. Die Frage trägt jedenfalls schon eine Geschichte in sich.

3. Die echte Frage 

Die Frage, die dich wirklich interessiert. Und die du vielleicht einfach genau so stellen solltest. Zum Beispiel die Frage, die PJ in einer der letzten Search-Engine-Folgen stellt: Was kostet uns eigentlich der Krieg im Iran?

(Abre numa nova janela)
PJ: Die Fragen, die mich zuletzt am meisten interessiert haben, sind einfach echte Fragen, also legitimate question questions. Meine Producerin Shruthi hat neulich diese Frage gestellt, aus der die Folge dann entstanden ist. Da ist einfach dieses unfassbare, schreckliche Desaster im Iran. Und sie wollte wissen: Was kostet uns das eigentlich?

4. Die naive Frage

Die Frage, die sich alle stellen. Aber keiner stellt sie. 

Zum Beispiel: Tun wir alle nur so, als ob wir Inflation verstehen würden? (oder bin das nur ich?) (Abre numa nova janela)

PJ: Es gibt bestimmte Fragen, bei denen Journalisten, glaube ich, schnell in so eine Falle geraten. Sie wollen nicht uninformiert wirken – ihr Job ist ja schließlich, andere zu informieren. Und dann lassen sie manche Fragen aus, weil sie nicht naiv dastehen wollen. Aber manchmal sind genau das die besten Fragen.

4,5. Die unangenehme Frage 

Eine Unterart der naiven Frage. Auch diese Art von Frage traut man sich nicht zu stellen. Aber nicht aus Angst, dumm zu wirken, sondern aus Angst vor der Antwort.

PJ arbeitet gerade an einer Podcast-Folge, die ein ziemlich gutes Beispiel dafür ist:

PJ: Es ist die beste Frage, die wir seit einer ganzen Weile hatten: Warum kommt eigentlich nie jemand zu meinen Partys? Ich kann gar nicht genau sagen, was diese Frage so stark macht, aber sie hat etwas Verletzliches. Sie ist auch ein bisschen unangenehm. Man denkt sofort: Wollen sie das jetzt wirklich recherchieren? Rufen sie wirklich Gäste an, die abgesagt haben? Bei mir springt da sofort etwas an.

Lass uns gemeinsam was starten! Wir geben Workshops, begleiten Produktionen dramaturgisch und haben Bock auf neue Formate. Schreib uns gerne (Abre numa nova janela).

Werkstattgespräch 

PJ Vogt wurde mit dem Podcast Reply All (Abre numa nova janela) bekannt, der mehrere Millionen Downloads pro Monat erreichte. 2023 startete er seine neue Show Search Engine (Abre numa nova janela).

PJ, für viele bist du sowas wie der König der richtigen Fragen. Kommen die dir einfach so?

Das kommt nicht automatisch. Ich bin jetzt 40. Und das Kompliment, das du mir eben gemacht hast, war eigentlich immer mein Ziel. Ich vertraue inzwischen darauf: Wenn es sich wirklich aufregend anfühlt, wenn ich merke, mein Herzschlag geht hoch, dann ist das gut. Und dann versuche ich einfach, es auch für andere interessant zu machen. Am Ende ist es einfach viel Trial and Error. Was muss ich fragen, damit es die Leute um mich herum interessiert? 

Muss jede Frage eigentlich auch eine Antwort haben?

Ich glaube nicht. Also, das ist schwierig, weil das Publikum dich oft danach beurteilt, ob die Frage am Ende beantwortet wird. Aber ich glaube, die Qualität einer wirklich guten Frage liegt nicht immer in der Antwort. Manchmal zieht sie dich eher in ein Gefühl rein. Oder in eine produktive Unsicherheit. Ich glaube, die wichtigsten Fragen im Leben sind oft nicht beantwortbar: Sollte man Kinder bekommen? Darauf gibt es einfach keine klare Antwort. 

Aber gilt das auch für Recherchen? Man hört so eine Folge ja schon auch mit dem Gefühl an, okay, ich will jetzt schon, dass ihr es rausfindet.

Ich glaube: Im Idealfall beantwortest du die Frage, die du am Anfang aufgemacht hast. Aber manchmal merken Leute auch, dass sie über die Geschichte hinweg etwas gelernt haben und dass du bis zu einem Punkt recherchiert hast, an dem einfach nicht mehr rauszufinden war. Dann verzeihen sie dir das auch. Ich glaube, am Ende zählt vor allem eins: Respektiere ich die Neugier des Publikums? 

Und was machst du, wenn du einfach auf keine gute Frage kommst? 

Wenn ich bei einem Thema, das mich eigentlich interessiert, nicht mal für mich selbst sagen kann, was genau ich so spannend finde, dann ist das ein Problem. Manchmal hilft es einfach, mit Leuten zu reden. Erzähl deinen Freunden von der Geschichte und schau, worauf sie anspringen. Manchmal kann man sich auch einfach die Neugier anderer Leute leihen!