Frohes neues Jahr und willkommen zur 56. Ausgabe des Online-Recherche Newsletters!
Im Werkstatt-Interview gibt es das Making-of der Recherche, für die Isabell Beer und Isabel Ströh jüngst als “Journalistinnen des Jahres (Abre numa nova janela)” ausgezeichnet wurden. Mehrere Jahre lang haben sie für das NDR-Format STRG_F im Internet unter Männern recherchiert, die Frauen gezielt betäuben und vergewaltigen. Was können, was müssen Journalist*innen tun, wenn sie Pläne für solche Taten beobachten?
Die Werkzeug-Tipps handeln von Tätigkeiten, für die im Schreibtisch-Alltag erstaunlich viele Minuten draufgehen: Lange scrollen, durch Tabs blättern, Textstellen suchen. Vermeiden lässt sich das nicht – aber beschleunigen. Seit ich drei Werkzeuge nutze, denke ich häufiger: Huch, schon fertig?!
PDF Skim: Lange PDFs zügig querlesen
🔑 Wofür braucht man das? Dieser PDF-Reader wurde gezielt für Menschen entwickelt, die sich in kurzer Zeit durch lange Dokumente wühlen müssen. Dank PDF Skim (Abre numa nova janela) fühle ich mich von längeren PDFs seltener überfordert. Genervtes Herumscrollen ohne Orientierung entfällt. Auch ein PDF mit Dutzenden oder Hunderten Seiten lässt sich schnell in eine gut verdauliche Form bringen.
⚙️ Wie funktioniert das? Links bietet eine klickbare Inhaltsangabe Zugang zu allen Kapiteln. Beim Lesen lassen sich spannende Stellen mit einem Textmarker hervorheben – und diese Passagen erscheinen dann rechts in einer übersichtlichen Leiste. Dort lassen sich die markierten Passagen per Mausklick nochmal aufrufen oder auch gezielt nach Stichworten durchsuchen. Per Copypaste kann man sie sogar in die Zwischenablage kopieren und dann in ein Textdokument kippen. Fertig ist die individuelle Zusammenfassung, und das ganz ohne KI.
📌 Was muss man beachten? Leider gibt es PDF Skim nur für MacOS. Eine Alternative für Windows oder Linux ist das ebenso kostenlose Okular (okular.kde.org (Abre numa nova janela)). Auch dort gibt es übersichtliche Inhaltsangaben sowie Markierungen und Notizen.
Outlines: Übersicht bei der Schreibarbeit
🔑 Wofür braucht man das? Outlines machen die Recherche- und Schreibarbeit schneller. Eine Outline ist ein interaktives Inhaltsverzeichnis in der Seitenleiste eines Dokuments. Mit einem Klick auf eine Überschrift springt man sofort zur passenden Stelle. Seit einer Weile kippe ich alles, was ich für einen Artikel brauche, in ein einziges Dokument: Gesprächsnotizen, Presseanfragen, To-dos, Recherchefunde, Links – sogar das Manuskript selbst. Alles bekommt Überschriften und Unterüberschriften. So muss ich nicht mehr in Dateien und E-Mails wühlen und Programmfenster herumschieben. Was ich brauche, ist nur einen Mausklick entfernt.
⚙️ Wie funktioniert das? Viele Textprogramme haben eine Outline-Funktion. Bei Google Docs und Cryptpad ist es ein Listen-Icon oben links unter der Menüleiste. Bei Obisidian ist das gleiche Icon oben rechts zu finden. Bei meinem liebsten Text-Editor Sublime Text lässt sich die Outline als separates Paket (Abre numa nova janela) installieren.
📌 Was muss man beachten? Auch eine Outline kann unübersichtlich werden. Hier hilft die Hierarchie aus über- und untergeordneten Überschriften. Letztere erscheinen eingerückt in der Outline.
🐿️ Noch nicht abonniert? Lass dir regelmäßig eine Dosis Recherche-Skills schicken und trage dich jetzt hier ein (Abre numa nova janela).
Export Tabs: Schafft Übersicht im Tab-Dschungel
🔑 Wofür braucht man das? Schon nach wenigen Minuten Online-Recherche habe ich oftmals dutzende Tabs offen. Manche Websites will ich später noch verlinken; auf manchen nur Eckdaten checken. Doch schon der Anblick einer dicht gedrängten Tab-Leiste macht mich nervös. Wie soll man sich da zurechtfinden? Die Browser-Erweiterung "Export Tabs (Abre numa nova janela)" schafft Übersicht. Sie listet die offenen Browsertabs per Mausklick als übersichtlichen Text auf. Per Copypaste landet alles im Recherche-Dokument.
⚙️ Wie funktioniert das? Export Tabs ist eine Erweiterung für den Chrome-Browser. Das Icon lässt sich direkt in die Browser-Symbolleiste legen. Ein Klick darauf öffnet ein kleines Fenster mit einer Liste aller offenen Tabs. Angezeigt werden URLs und Seitentitel. Mit Strg+A und Strg+C lässt sich alles markieren und kopieren. Umgekehrt kann man auch eine Liste an URLs in das kleine Fenster pasten und als Tabs öffnen.
📌 Was muss man beachten? Browser-Erweiterungen könnten heimlich Daten an Dritte funken. Hinter "Export Tabs" steckt der brasilianische Entwickler Anderson Franco, der den Code öffentlich auf GitHub dokumentiert – das erhöht das Vertrauen.
Interview: Undercover in einem Netzwerk aus Vergewaltigern

Diese Recherche haben sie nur als Duo geschafft, sagen Isabell Beer und Isabel Ströh. Immer wieder hätten sie Pausen eingelegt, auch weil das Thema sehr belastend ist. Im Online-Netzwerk von Vergewaltigern (Abre numa nova janela) konnten die Investigativ-Journalistinnen beobachten, wie Männer konkrete Taten planen und damit das Leben von Frauen gefährden. Im Werkstatt-Interview berichten sie, welche Grenzen sie bei der Undercover-Recherche ziehen mussten – und warum sie die Polizei eingeschaltet haben.
ORN: Isabell Beer und Isabel Ströh, ihr habt verdeckt unter Vergewaltigern im Netz recherchiert. Wie seid ihr ihnen auf die Spur gekommen?
Isabell Beer: Ich hatte lange schon den Verdacht, dass auf manchen Pornoseiten Videos von echten Vergewaltigungen an bewusstlosen Frauen hochgeladen werden. Also Videos, die nicht gestellt sind, um einen Fetisch zu bedienen, sondern real. Im Jahr 2020 habe ich mir auf einer dieser Seiten ein Profil angelegt. Ich wollte mit den Usern in Kontakt kommen, um den Verdacht zu prüfen. Aber die sind sehr misstrauisch. Manche schreiben offen, sie nehmen keine Kontaktanfragen von neuen Profilen an, die nichts eigenes hochladen. Als mein Profil zwei Jahre alt war, habe ich gestellte Fotos hochgeladen, auf denen ich scheinbar betrunken auf dem Boden eingeschlafen bin. Mein Profil sollte so wirken, als wäre ich auch ein Mann mit Interesse an dem Thema, der eine bewusstlose Frau heimlich fotografiert hat.
ORN: Und dann waren die User nicht mehr misstrauisch?
Isabell Beer: Ja, manche haben mein Profil sogar direkt angeschrieben und wollten mehr über die Frau erfahren. Wir haben auch einige öffentliche Kommentare auf die Fotos erhalten, darunter Vergewaltigungsfantasien. Richtig Fahrt aufgenommen hat die Recherche dann 2023, als Isabel dazu kam und wir von einem der User in eine Telegram-Gruppe eingeladen wurden.
“Wir haben uns strenge Regeln aufgestellt”
ORN: Was konntet ihr dort herausfinden?
Isabel Ströh: Es gibt ein über viele Jahre gewachsenes Netzwerk aus Nutzern, das sich auf Pornoseiten und in Telegram-Gruppen gebildet hat. Die Nutzer beraten sich gegenseitig, wie sie Frauen betäuben können, im bewusstlosen Zustand vergewaltigen und das Videomaterial teilen. Wir konnten beobachten, wie Nutzer zum Beispiel im Chat ein Video ihrer offenbar bewusstlosen Frau teilen und fragen, was sie jetzt machen sollen. Andere haben daraufhin Anweisungen geschickt. Über die Jahre konnten wir eine starke Vernetzung und Professionalisierung der Nutzer beobachten. Es geht um konkrete Medikamente und Dosierungen, und darum, in welchen Online-Shops man Betäubungsmittel kaufen kann.
Isabell Beer: Wir haben uns von einem Toxikologen bestätigen lassen, dass die Medikamente und Dosierungen tatsächlich funktionieren. In einigen Fällen haben die User auch Namen der gefilmten Frauen und der Täter genannt. Manche dieser Namen fanden wir tatsächlich in Presseberichten über Vergewaltigungsfälle wieder. Selbst Jahre später verbreiten User diese Aufnahmen und verfolgen, was die Frauen heute machen, zum Beispiel auf Social Media.
ORN: Das ist ein tiefer Abgrund. Wie seid ihr vorgegangen, um euch bei der Recherche nicht zu verlieren?
Isabel Ströh: Wir haben uns strenge Regeln aufgestellt und bei jedem Schritt abgewogen, ob er wirklich notwendig ist. Wir mussten sicherstellen, dass wir niemanden zu Taten motivieren und keine Aussagen provozieren, sondern möglichst passiv bleiben. Wir haben den Usern vor allem Fragen gestellt wie: "Weiß deine Frau davon?". Welche Schritte wir gehen, haben wir im Team diskutiert. Für manche User waren wir deshalb zu uninteressant. Sie haben den Kontakt abgebrochen.
Isabell Beer: Wir haben uns außerdem nur auf klare Fälle konzentriert, also auf User, die offen sagen, dass sie Frauen heimlich betäuben und vergewaltigen. Wenn ein User behauptet hat, die Frau wisse davon und sei einverstanden, war das ein Ausschlusskriterium. Wir haben die Profile, Chats, Videos und Fotos mit Screenshots und Screencaptures dokumentiert und Tabellen darüber geführt, die Bildschirmaufnahmen klar benannt und knapp zusammengefasst, was man darin sieht, um bei der langen Recherche den Überblick zu behalten.
“Nicht vertretbar, nur zu beobachten”
ORN: Im Lauf der Recherche habt ihr auch die Polizei alarmiert. Für viele Redaktionen ist das eine rote Linie. Wie kam es dazu?
Isabell Beer: Wir haben die Entscheidung im Team und mit unserer Rechtsabteilung gefällt. Es geht hier um schwere Sexualstraftaten unter Betäubung, die lebensgefährlich für die Frauen sein können. Hier war uns klar: Es ist nicht vertretbar, nur zu beobachten.
ORN: Es war also eine moralische Entscheidung?
Isabell Beer: Nicht nur. Wir mussten annehmen, dass manche Frauen in Lebensgefahr gebracht werden durch die starken K.o.-Mittel, die ihnen von einem Laien verabreicht werden. Abgesehen von dem moralischen Aspekt könnte man das auch als unterlassene Hilfeleistung werten. Fachleute haben uns davon abgeraten, die Frauen selbst zu warnen, weil wir sie damit in noch größere Gefahr bringen könnten und eine unkontrollierbare Situation schaffen. Das können wir als Journalistinnen nicht leisten. Wir als Journalisten arbeiten aber auch nicht mit der Polizei zusammen – und das haben wir hier auch nicht getan. Wir haben uns per Presseanfrage an die Polizei gewandt und konkrete Fälle geschildert. Dann muss die Polizei von Amts wegen ermitteln.
Isabel Ströh: Dadurch, dass wir die Polizei informiert hatten, konnten wir auch ihre Reaktion nachvollziehen. Etwa, dass unsere Hinweise in einem Fall über ein Jahr nicht bearbeitet wurden – bis wir nachgefragt haben. Deshalb gibt es in unseren Filmen auch starke Kritik an Ermittlungsbehörden.
“Behörden halten sich bedeckt”
ORN: Was wurde aus den angezeigten Fällen?
Isabel Ströh: In einzelnen Fällen kam es zu Ermittlungen und auch Festnahmen. Eine betroffene Frau aus Niedersachsen war sogar bereit, ihre Geschichte zu teilen. Unsere Hinweise an die Polizei waren Auslöser für die Ermittlungen gegen ihren Mann. Sie hatte erst durch eine Hausdurchsuchung erfahren, was ihr Mann ihr angetan hatte. Wir haben sie im Video Marlene genannt.
ORN: Im Video sagt Marlene: Irgendwann hätte ihr Mann sie getötet.
Isabell Beer: Das Interview war ein wichtiger Moment für die Recherche. Uns war klar: Wenn wir die Polizei einschalten, werden das nicht alle gut finden. Gerade unter Journalisten wird das nicht jeder verstehen. Aber wir hatten diese Entscheidung getroffen. Und dann sitzen wir dieser Frau gegenüber. Ich würde diese Entscheidung wieder so treffen.
ORN: In eurem Video macht ihr vieles unkenntlich. Aber ihr zitiert im Wortlaut schwer erträgliche Gewaltfantasien und benennt eine konkrete Website. Wieso?
Isabell Beer: Wir haben lange im Team abgewogen, was wir zeigen, und was nicht. Wie viel muss man darstellen, damit Menschen verstehen, worum es geht? Die konkrete Website und auch Telegram haben wir benannt, um den Fokus auf deren Verantwortung zu rücken. Es gibt ein öffentliches Interesse, diesen Missstand aufzuzeigen. Dazu gehört für uns, die Website zu nennen.
ORN: Hatte die Recherche weitere Folgen?
Isabel Ströh: Die Veröffentlichungen haben viel Aufmerksamkeit erzeugt, auch in internationalen Nachrichtenmedien. Auf Instagram und TikTok habe viele Frauen das Thema aufgegriffen. Das BKA hat eine Infoseite veröffentlicht, "Sexualstraftaten an sedierten Frauen", allerdings ohne Pressemitteilung. Ich bin mir nicht sicher, wie viele Menschen von dieser Seite überhaupt erfahren haben. Wir hätten gerne gewusst, wie die Polizei gegen das Netzwerk an sich vorgeht. Aber die Behörden halten sich da sehr bedeckt.
Das war’s für diese Ausgabe. 💫 Wenn du mir auf Mastodon (Abre numa nova janela) oder Bluesky (Abre numa nova janela) folgst, liest du regelmäßig Neuigkeiten rund um Netzpolitik, Databroker und digitale Gewalt.
Vor der Online-Veröffentlichung erscheint dieser Newsletter zuerst gedruckt und teils gekürzt im Medium Magazin (Abre numa nova janela). Für deinen Recherche-Alltag habe ich ein verschlagwortetes Online-Archiv aller Beiträge (Abre numa nova janela) zusammengestellt und eine Linkliste mit noch mehr Tools (Abre numa nova janela).
Danke fürs Lesen, viel Erfolg bei der Recherche und bis zum nächsten Mal!
Sebastian