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WAS IST NEU?

Die Krankheits-Saison hat begonnen.

Ich bin krank und liege im Bett. Alles tut weh, ich bin wirklich sehr, sehr krank. Immer, wenn meine Freundin am Schlafzimmer vorbeigeht, huste ich besonders laut.

Schließlich hat sie Erbarmen und kommt zu mir ans Bett. „Soll ich einen Arzt rufen?“, fragt sie.

„Ach, ich glaube nicht, dass der noch was machen kann…“, flüstere ich.

„Sebastian, du bist erkältet, du stirbst nicht.“

Ich bekomme einen langen Hustanfall. Meine Freundin wirkt unbeeindruckt. Also schicke ich meiner Mutter eine Sprachnachricht mit drei Minuten Husten. Sie antwortet mit einem Smiley mit Mundschutz. Nichtmal meine eigene Mutter bemitleidet mich. Ich huste nochmal sehr ausgiebig.

Aus der Nachbarwohnung ruft jemand, dass ich jetzt endlich einen Arzt holen solle, er halte dieses Gehuste die ganze Zeit nicht mehr aus.

Als Antwort ziehe ich erstmal den Schleim in meiner Nase hoch.

Dann höre ich lautes Klopfen. Mein Nachbar schlägt anscheinend wieder mit seinem Kopf gegen die Wand.

Meine Freundin hat in der Zwischenzeit doch einen Arzt angerufen. „Kann aber bis zu drei Stunden dauern, bis er kommt“, sagt sie.

„Vielleicht ist es dann schon zu spät...“

„Du meinst, du bist dann schon wieder gesund, Sebastian?“

Ich falle ihn Ohnmacht. Also, fast. Ich schließe eigentlich nur meine Augen. Und ich liege ja eh schon. Dabei sage ich „Ohhhhh“.

Meine Freundin verlässt genervt das Zimmer. Schnell hole ich meinen Laptop unter dem Kissen hervor und schaue Germanys Next Topmodel. Das Beste am Kranksein ist ja, dass man allen Schund anschauen kann, bei dem man sonst ein schlechtes Gewissen hätte. Gestern habe ich schon siebzehn Stunden lang Großstadtrevier geschaut.

Nach drei Folgen Topmodel klingelt es. Ich höre, wie meine Freundin die Wohnungstür öffnet. Kurz danach steht ein Mann im Türrahmen meines Zimmers und schaut mich skeptisch an. Leider trägt er keinen weißen Kittel, sondern ein T-Shirt, bedruckt mit einem Totenkopf.

„Ich habe Fieber“, sage ich. „37,2.“

„Verstehe“, sagt der Arzt und wirft sich plötzlich zwei Pillen ein. „Wollen Sie auch?“

Ich nicke.

„Dann mal Händchen auf.“ Er drückt aus der Plastikverpackung drei Tabletten in meine hohle Hand und reicht mir seinen Flachmann. Ich spüle die Tabletten hinunter. Sofort fühle ich mich gesünder.

„Ich habe Husten und Schnupfen“, sage ich dann. „Außerdem bin ich immer müde. Besonders nachts.“

„Hatten Sie denn in letzter Zeit Stress, Herr Lehmann?“

„Immer fragen einem Ärzte, ob man Stress hat“, rufe ich und richte mich im Bett auf. „Als ob das die einzige Ursache für alle Krankheiten wäre. Jeder hat die ganze Zeit Stress. Das weiß ich selbst, dafür brauche ich keinen Arzt, der zu faul ist, eine echte Diagnose zu stellen.“

„Also haben Sie keinen Stress?“

„Nee, eigentlich nicht.“ Ich lasse mich wieder zurück ins Bett fallen.

„Aber ich“, sagt der Arzt. „Ich habe chronisch Stress. Sie sind mein 47. Patient heute.“ Während er das Wort Patient aussprichst, malt er Anführungszeichen in die Luft.

Er nimmt noch einen Schluck aus seinem Flachmann.... Und legt sich dann zu mir ins Bett. Er deutet auf meinen Laptop. „Top Model?“, fragt er.

„Wollen Sie mitschauen?“

Ich starte eine neue Folge. Es ist sehr gemütlich. Hin und wieder snacken wir ein paar Pillen aus der Arzttasche – die roten finde ich besonders lecker – und machen uns über Heidi lustig.

Nach einer Folge steht der Arzt wieder auf. „Ich muss leider weiter. Mein nächster ’Patient’ wohnt gleich nebenan. Er klagt über chronische Kopfschmerzen.”

Der Arzt verabschiedet sich. Ich starte den Stream wieder und Heidis beruhigende Stimme ertönt.

Mir geht es schon viel besser. Schade.

DAS TELEFONAT

Meine Mutter ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

"Ich habe wieder diesen entfernten Bekannten von dir im Fernsehen gesehen", sagt sie. "Marc-Uwe Kling."

"Das ist kein entfernter Bekannter. Wir haben sogar mal zusammen in einer WG gewohnt", sage ich.

"Naja, der hat ja jetzt einen anderen Mitbewohner. Sehr nett und intelligent, dieses Känguru."

"Ja, ja. Alle lieben es."

"Wärst du damals nicht aus der WG ausgezogen, dann wärst du vielleicht auch berühmt geworden", sagt meine Mutter.

„Ich bin nicht ausgezogen, ich wurde ersetzt.“

„Das Känguru und ich telefonieren jetzt sogar“, sagt meine Mutter. „Es meinte, vielleicht macht es mal eine Radiokolumne daraus."

"Untersteht euch! Ihr seid meine Eltern!" rufe ich. „Und noch was Anderes: Seit ihr letzte Woche bei mir zu Besuch wart, finde ich mein iPad nicht mehr…“

"Ja, haben wir uns mal ausgeliehen”, ruft mein Vater von hinten.

"Gebt mir mein iPad zurück!"

"Ach, Mein, Dein - das sind doch nur bürgerliche Kategorien!, sagt meine Mutter

"Ihr seid ja auch bürgerlich!", rufe ich.

Aber meine Mutter hat schon aufgelegt.

Zum Glück hat mein Vater seinen Geldbeutel bei mir zuhause vergessen. Kaufe ich einfach ein neues Tablet. Ich schaue rein. Der Geldbeutel ist leer. Bis auf einem Zettel auf dem steht: "Sohn. Der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld. Lol."

BUCHEMPFEHLUNG

Saša Stanišić: “Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird.”

Stanišić hat immer so wahnsinnig gute Laune. So gute, dass ich manchmal sogar schlechte Laune davon bekomme. Im Moment bekomme ich aber vor allem schlechte Laune, weil es unmöglich ist, seinen Namen mit den schönen Dächern und Strichen hier richtig zu tippen. Und ich bekomme schlechte Laune, weil alles immer so gut ist, was Stanišić schreibt. Nicht alles, okay, aber sehr Vieles. In seinem neuen Buch sind Reden abgedruckt, die er in den letzten Jahren gehalten hat - oder zumindest halten wollte. Die meisten sind eher kleine Geschichten über große Themen, autobiographisch gefärbt, so wie auch sein berühmtestes Buch Herkunft. “Reden gegen das Nichtstun” steht auf dem Buchrücken. Schon wieder bekomme ich schlechte Laune. Nichtstun ist doch schön. Ich bin immer so müde. Gerade jetzt im dunklen November. Doch natürlich ist im Politischen Nichtstun keine Option. Gerade wenn es um sensible Themen geht, die Stanišić unbeirrt anspricht: Flucht, Migration, Armut, Krieg. Und weil der Autor so wahnsinnig gute Laune hat, sollen diese kurzen Texte eine “Ermutigung” sein. Gerade für jüngere Leser. Denkt nach! Hört zu! Erinnert Euch! Macht es Euch nicht zu einfach! Hört sich simpel an. Wie wir alle wissen, ist das jedoch ganz schön schwer. Weil ständig Ablenkungen lauern, TikTok und Schwurbler und äh… Bier. Stanišićs kleine Geschichten machen - leider - wirklich gute Laune. Selbst mir. Weil sie schlau, witzig, bewegend, nie langweilig und nur selten etwas kitschig sind.

WAS STEHT AN?

Auftritte! 13.11. Köln, 20.11. Baden-Baden, 27.11. Hamburg.

Alle Termine findet Ihr hier: www.sebastianlehmann.net (Abre numa nova janela)

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Bis nächste Woche. Dein Sebastian.

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