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SodaKlub Weekly

Ihr habt lange nichts von uns gehört, was eigentlich nur damit zu erklären ist, dass wir es nicht hingekriegt haben. Hey, alles ist Prozess! Wir suchen eine Form, wie wir euch am besten Up-to-Date halten können, unkompliziert, direkt über Steady und ohne tausend Anmeldemasken.

Heute bekommt ihr somit die erste Folge des SodaKlub Weekly, in dem wir euch manchmal einzeln, manchmal zu zweit ein paar Gedanken unserer Woche senden.

Eintausend Dankes dafür, dass ihr uns erhalten bleibt! 💙

Mika & Mia

Mias Woche 10

Ich bekomme den Auftrag, für den Playboy was über Sex zu schreiben. Es soll autobiografisch und satirisch sein. Easy. Ich erzähle das Sarah und Mat und ernte einen Mini-Shitstorm. Sarah meint, wenn ich je wieder als Autorin ernst genommen werden will, dann dürfe ich das nicht machen. Und wie ich es überhaupt mit mir vereinbaren kann, mein eigenes (Sex-)Leben öffentlich zu machen? Ich frage sie, ob sie in letzter Zeit irgendwas von mir glesen hat, denn das sei immer alles ziemlich autobiografisch. Sarah sagt, solange ich was in meinem eigenen Buch oder Instagram Kanal poste, sei das okay, aber nicht im Playboy. Der Kontext sei entscheidend.

Mat ist nicht so sehr besorgt um meinen Ruf, sondern sieht es als ein ethisches Problem. Der Playboy sei nicht nur Schund, sondern reproduziere den Male Gaze. Ich erinnere Mat daran, dass er noch gestern Bertoluccis »Träumer« als einen Meilenstein der Filmgeschichte gepriesen hat, und er solle mir doch mal bitte erklären, wie sich rein Male-Gaze-technisch das Centerfold im Playboy von Bertoluccis supernahen, superlangsamen Kamerafahrt über Eva Greens nackten Körper unterscheidet. Mat sagt, Bertolucci sei eine Ikone, und außerdem handle der Film von Freiheit und Rebellion und alle seien ständig nackt und deswegen sei das nicht vergleichbar. Der Kontext sei entscheidend.

Sachen zu dekontextualisieren und neu gegenüberzustellen ist ja eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Es ist kein Zufall, dass Collage das Zentrum meiner grafischen Arbeit ist. Die starre Grenze zwischen Hochkultur und Popkultur (ein sehr deutsches Phänomen) fand ich immer schon langweilig. Es ist doch viel cooler, im Playboy einen feministischen Sextext zu platzieren – ein Trojanisches Pferd des Feminismus! – als  in einer Publikation, deren Leserinnenschaft sowieso schon woke und aufgeklärt und komplett meiner Meinung ist.

Wie immer, wenn ich irgendwo moralisches Shaming, Tabu oder Doppelmoral rieche, erfasst mich ein starkes Gefühl von Jetzt-erst-recht. Irgendwann werde ich bestimmt mal gecancelt, denke ich.

Während man also in Deutschland immer noch seinen Ruf ruinieren kann, wenn man was über Sex schreibt, ist es gleichzeitig voll okay, wieder Krieg zu romantisieren. Videos auf Social Media feiern die Helden in der Ukraine. Typen, die eben noch Zahnärzte oder Softwaredeveloper waren, jetzt mit Kalaschnikows umgehängt in von ihren Frauen genähten Tarnklamotten, und die Deutschen liegen sich gegenseitig in den Armen, ganz betrunken vor moralischer Rechtschaffenheit, was für eine fantastische David-gegen-Goliath-Geschichte, wie im Märchen, endlich wieder einfache Antworten, endlich wieder echte Männlichkeit, endlich wieder klare Fronten, Gut gegen Böse, und wir sind auf der guten Seite, klar. Moralisch haben wir eigentlich schon gewonnen. 100 Milliarden für Aufrüstung werden einfach so durchgewunken, was solls, ein paar Nullen mehr oder weniger. Und wenig wird davon geredet, dass diese Männer überhaupt keine Wahl haben, dass sie kämpfen müssen, ob sie wollen oder nicht. Und dass David gegen Goliath ein Märchen ist, und dass ein moralischer Sieg nicht genug ist, um frei zu sein.

In Deutschland im 21. Jahrhundert bist du immer noch nur dann ein richtiger Mann, wenn du »für dein Land« oder »für die Freiheit« stirbst, anstatt das zu tun, was das meiste Leid verhindert, nämlich fucking abhauen.

Kleine Buchempfehlung von Mika

Dunkelblau von Dominik Schottner

Ich schlage Dunkelblau auf und mein Herz klopft plötzlich ein bisschen doller, weil es mit Zeilen von the National beginnt. Das Lied, das Dominik Schottner an den Anfang seines Buchs über die Alkoholabhängigkeit seines Vaters setzt, heißt "about today". Die Zeile lautet: tonight, you just close your eyes, and I just watch you, slip away. How close I am to losing you.

Mein Herz klopft, weil es mir bedeutungsvoll vorkommt, auch wenn das vielleicht Quatsch ist. Ich komme ja als Abhängige sozusagen von der anderen Seite und ich verbinde meine Erfahrung mit einem anderen Lied, aber es ist von derselben Band, auch von National und die Zeile ist: We're half awake in a fake empire.

Was das Buch gut macht:

Es ist immer verlockend, Geschichten kohärent zu erzählen, ihnen einen klaren Anfang und ein Ende zu geben, dazwischen die Eskalation, den Auslöser zu setzen und das alles in eine klare Figurenkonstellation zu betten. Wenige Geschichten eignen sich dafür so wenig, wie die Geschichten über Sucht. Umso größer ist die Sehnsucht nach Antworten.

Ich kenne die Fragen, die Schottner über das Leben seines Vaters stellt, weil ich sie mir über mich selbst stelle: wo fing das an? Wo hätte es anders sein können? Warum ich? Hat das nie wer gesehen? Und... Jetzt?

Doch genauso wie Schottner selbst nur bruchstückhafte Antworten bekommt, bekommen wir sie auch. Es sind so viele lose Enden, Parallelitäten und Grauzonen, dass man am Ende nicht weiß, ob man nach der Spurensuche nicht einfach mehr Fragen hat als vorher. Man hängt in der Luft. Und was das Buch gut macht ist, genau das zuzulassen.

Mikas Verstörender Moment der Woche

Ich war mit dem Typen, den ich date und seinen Freunden Bier trinken. Ich habe logischerweise keins getrunken: Erst eine Mate, dann ein alkoholfreies Bier, das mir viel zu sehr nach Bier geschmeckt hat, weshalb ich die Hälfte weggekippt habe, ein Wasser und ein Lolli. Man kann sich ganz schön einsam fühlen unter Trinkenden. Einer von ihnen hatte Augen, die genauso aussahen, wie meine damals. Was macht man da?

Lichtblick

War das Gespräch, das ich mit meinem Typen nach der massiven Verstörung durch biertrinkende Männer hatte. Mein Plan in Zukunft: Trial and Error - Ausprobieren, wo ich mich wohl fühle und wann ich den Absprung finden muss. Seine Bitte an mich: Bescheid sagen, wenn was ist oder ob er mich supporten kann. Finde ich fair.

Mias Verstörender Moment der Woche

Jobanzeige von Rheinmetall Waffe Munition GmbH im Postfach, die suchen »Produktmanager Panzerhauptbewaffnung (m/w/d)«. Aufgabengebiete: Entwicklung von »Lösungen für die bedrohungsadäquate, effektive und präzise Feuerkraft, ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft – Rheinmetall liefert überzeugende Systeme für die Überlegenheit auf den heutigen und zukünftigen Gefechtsfeldern und Einsatzgebieten.«

Lichtblick

Ich fahre endlich wieder Fahrrad. Habe ich schonmal erwähnt, wie sehr ich das liebe?

Bis nächste Woche! 💙

Mia & Mika

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