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Sober Sex

Nüchternheit definiert Sexyness neu.

von Mia

Ist man an einem lauen Frühlingsabend in Berlin Mitte unterwegs, dann ist Sex in der Luft. Alles singt, flirrt und flirtet. Die Eiswürfel klirren im Gin Tonic, alles schwimmt in einem rosa Strom aus Aperol Spritz. Kaum ein erstes Date kommt ohne Cocktails aus, kaum ein erster Sex, ohne zumindest leicht angetütert zu sein. 

Seit der Pandemie ist das Spazierengehen bei Dates etabliert, aber selbst dabei nahmen die Berliner:innen gerne ein Spazierbier und die Hamburger:innen ein Fußpils mit. (Ob es in München eine Spazierbierkultur gibt, ist mir nicht bekannt, dort laufen die Leute in meiner Fantasie eher mit einer offenen Flasche Schampus herum.) So oder so: Dates und Sex sind untrennbar verbunden mit Drinks.

Alkohol wird seit jeher mit Sinnlichkeit und Romantik in Verbindung gebracht. Die Werbung verkauft uns Wein und Sekt traditionell mit schönen Frauen in roten Abendkleidern, sogar das eigentlich eher hemdsärmelige Bier hat geprickelt so schön in mein Bauchnabel.

Ein bisschen betrunken zu sein kann tatsächlich fast wie Sinnlichkeit aussehen: Alkohol macht locker. Lässt Schüchternheit, Selbstzweifel und Unsicherheiten verblassen, macht angenehm unkritisch, legt einen Weichzeichner über die Wirklichkeit. Die Angst vor Ablehnung, die für uns, soziale Tiere, die wir sind, die größtmögliche soziale Katastrophe darstellt, wird heruntergedimmt. 

Wir trinken nicht nur aus Genuss, wie die Werbewirtschaft nicht müde wird, zu betonen, sondern auch, um unangenehme Gefühle zu umgehen. Das müssen gar nicht so dramatische Zustände sein wie Trauer oder Trauma. Die meisten wollen eher Alltagsgefühle mit Alkohol eliminieren: Langeweile, Nervosität, das Gefühl der sozialen Angst, wenn man jemanden noch nicht so gut kennt. Alkohol ist ein Shortcut, der billige instant-Intimität herstellt, deswegen haben wir uns kollektiv angewöhnt, das »soziale Schmiermittel« Alkohol als Bestandteil jedes sozialen Events zu begreifen. Wo besonders viel soziale Angst gefühlt wird: Bei Dates. Wo besonders gerne getrunken wird: Bei Dates.

Dabei basieren fast alle positiven Effekte, die das Date-Drinking mit sich bringt, auf der Tatsache, dass Ethanol ein Betäubungsmittel ist.

Alkohol macht nicht mutiger, man spürt bloß die Angst nicht mehr. Alkohol macht nicht cocky, sondern careless. Alkohol macht nicht sinnlich, man ist bloß ein bisschen schwammig. Man kommt sich nicht wirklich näher, die sozialen Grenzen werden bloß egal. Das Subtile verschwindet, der Subtext verschwindet, Details verschwimmen, die Sinne sind betäubt, wir hegen weniger Zweifel, lassen uns auf Dinge ein, die wir vielleicht gar nicht so sehr wollen, aber wir können Unangenehmes besser tolerieren, weil wir Grenzverletzungen nicht mehr spüren. 

Mit einem klaren Geist und einem funktionierenden präfrontalen Cortex würde man einiges sein lassen, das man im Suff für eine gute Idee hält: dem Ex texten, den Boss anbaggern, den Türsteher anpöbeln. Und mit Leuten im Bett landen, mit denen man unter normalen Umständen safe nicht im Bett gelandet wäre. 

Männer und Frauen trinken, kulturell gesehen, aus etwas unterschiedlichen Gründen. Männer sollen selbstbewusst und dominant sein, den ersten Schritt machen, die Frau erobern wie ein Stück Land. Schüchtern sein, emotional sein, Fragen haben, komplizierte Gefühle haben, Angst haben – steht alles nicht im Playbook, deswegen gibt es Bier. Männer trinken, um sich stumpf zu machen. 

Frauen lernen, passiv zu sein. Sich erobern zu lassen. Sie sollen sexy sein, aber nicht zu sehr. Sie sollen Sex wollen, aber nicht leicht zu haben sein. Sie sollen sich zieren, aber verfügbar sein. Sie sollen sich unter Kontrolle haben, aber hingebungsvoll sein. Sie sollen genießen können, aber auf keinen Fall gierig sein. Ihre Körper sollen schmal und elegant sein. Sie schämen sich, wenn ihre Körper etwas zu sehr wollen. Sie trinken, um diese Spannung aufzulösen. Sie trinken, um sich weich zu machen.

Heute kann ich sagen: 80 Prozent von dem Sex, den ich trinkend hatte, wäre ohne Alkohol nicht passiert.

Ich habe Sex immer schon geliebt, ihn aber lange nicht verstanden. Für mich war Sex eine Performance, die dazu diente, mir selbst dabei zuzusehen, wie ich Männern gefiel. Ich schlief mit coolen Lederjackentypen, Typen, die auch zu viel tranken, die auch schwammige Grenzen hatten, es war mir egal, ob sie Arschlöcher waren oder nicht, ich bekam ja sowieso nur die Hälfte mit. Ich wusste, wie man auf eine pornomäßige Art stöhnt. Ob ich es wirklich geil fand, war sekundär. 

Ich habe nicht wegen schlechtem Sex aufgehört zu trinken, sondern, weil ich sonst keine Chance gehabt hätte, ein glücklicher Mensch zu werden. Sowie ich den Alkohol aus meinem Leben entfernt hatte, war ich auf mein echtes, reines Ich zurückgeworfen. Alles, was ich normalerweise mit Alkohol kombinierte – Partys, Hobbys, Jobs, Menschen – musste ich mit klarem Kopf prüfen und entscheiden, ob es unbetäubt noch fun war. Ich konnte mich nicht mehr gefühllos trinken und mich in die Form pressen, die mein Leben hatte, ich musste mein Leben meiner eigenen Form anpassen. Ich wurde schnell sehr anspruchsvoll. Besonders im Bezug auf Dates. 

Nüchternheit definiert Sexyness neu. Es reicht jetzt nicht mehr, ein Großmaul in Lederjacke zu sein. Jetzt muss mir der Typ wirklich gefallen, damit ich einen hochkriege. Er muss nicht nur gut riechen, sondern auch okaye Ansichten zur Wirtschaftspolitik und zum Feminismus haben. Es geht nicht mehr um die vordergründigen Reize (Schultern, Cockyness), sondern um die subtileren (Kreativität, Witz, Integrität). 

Ich bin viel nervöser, wenn mir jemand gefällt. Aber ich habe gelernt, Nervosität auszuhalten. Die Zeitspanne auszuhalten, bevor jemand von einem Fremden zu einem Vertrauten wird. Ich habe mich sogar schon stocknüchtern an jemanden rangeschmissen, ohne zu wissen, ob ich einen Korb kriege oder nicht. Ich habe einen Korb gekriegt (fair enough), und es überlebt. Und mich sogar irgendwie ein bisschen cool gefühlt. Besoffen waghalsig sein kann jeder. Nüchtern ist es was für Heldinnen. 

In nüchternen Communities wird oft geraten, im ersten nüchternen Jahr keine romantischen oder sexuellen Kapriolen zu schlagen. Aus Sicherheitsgründen sollte man möglichst auf Dates, Flirts und Sex verzichten — zu riskant, zu aufregend, zu nah am Rausch. Ein sehr guter Rat. An den sich niemand hält. Ich auch nicht. Ich habe schon mit dem Trinken aufgehört und soll jetzt auch noch den Männern abschwören? Ihr habt sie ja wohl nicht alle.

Bei den ersten Malen nüchtern Sex fühlte ich mich, als hätte mich jemand aus einem schummrigen, basslastigen Videoclip hinaus ins grelle, erbarmungslose Sonnenlicht gezerrt und all meine Gedanken, fit und beweglich und hellwach wie sie waren, standen komplett angezogen um das Bett herum, machten sich Notizen und kommentierten alles, was sie sahen. Es war schrecklich. Es fühlte sich an, als wäre ich das erste Mal wirklich nackt. 

Ich war mir jeder einzelnen meiner Poren bewusst und absolut nicht bereit, die Kontrolle zu verlieren. Ein komisches Orgasmusgesicht zu machen war erstmal keine Sorge, die ich hegen musste, denn Kommen wäre viel zu viel Kontrollverlust gewesen. Mein Körper verhinderte das zur Sicherheit einfach komplett. Für fast ein Jahr.

Die gute Nachricht: Es wird besser. Viel besser.

Der Typ, mit dem ich das erste Mal tollen, nüchternen Sex hatte, war ein junger Russe, der mich im SPA anquatschte. Wir hatten sofort einen Vibe. Er sprach kein Deutsch, war nur auf der Durchreise, ich wusste: Ich seh den nie wieder. Ich hab mir mit ihm nichts zu sagen. Ich muss ihm nichts beweisen, es ist egal, was er von mir hält, er ist in keiner Weise gefährlich. 

Mit ihm war alles plötzlich sehr einfach. Ich verstand den Zauber von naturbelassenem Sex. Der beste nüchterne Sex ist ein vollkommen anderes Game als die berauschte Version. Er ist wie Sonnenlicht, das sich in Strömen über einen ergießt. Wie frisches Brot mit Butter, das man sich in den Mund stopft, wenn man so richtig Hunger hat. Wie ein ganzes Feld voller reifer Pfirsiche. 

Es ist eigentlich ja so banal, denke ich heute: Sich beim Sex in die Augen gucken macht nur Sinn, wenn ich noch scharf sehen kann. Grenzen ziehen ist nur möglich, wenn ich feste Grenzen habe und weiß, wo die verlaufen. Dazu muss ich alles, was passiert, auch wirklich erleben, in Echtzeit, in Ultranahaufnahme. Nähe ist überhaupt erst möglich, wenn ich vollkommen anwesend bin. Nur wenn ich eine feste Form habe, kann ich mich auflösen. 

💙 mg

Tópico Bi-Weekly

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