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Portugal-Tagebuch II - Einkehr und Abkehr + Mini-Episoden

Drei Fragen an Mia

Wir haben viele gute Fragen aufgeschrieben und lassen einander ziehen. Für euch haben wir die kleine Lotterie der Erkenntnisse aufgenommen. Wir starten mit Mia.

Mika Montag 13:00

Die Taktung ist weg. Das Ticken der Zeit hat aufgehört und wir existieren nur noch in der Schwebe. Meine neue Tagesstruktur besteht darin, dass ich in den Pool springe und mich dann von der Sonne trocknen lasse. Wenn mir zu heiß wird, gehe ich zurück in den Pool. Dann wieder von vorn.

Mia und ich haben uns vor diesem Trip nur zwei mal gesehen. Ich sage diesen Satz so gern, weil er auf ein kleines Wunder verweist. Hier nebeneinander zu sitzen, fühlt sich an wie eine Belohnung für die Zeit, in der wir dieses Projekt durch die Widrigkeiten der Welt hindurch aufgebaut haben. Wir müssen nichts tun, aber können. Wir sagen Ideen in die Welt hinein, ohne Dringlichkeit und ohne Aufforderung. Ich könnte ewig so weitermachen.

Natürlich kennen Mia und ich uns gut, aber es ist ulkig, was wir nicht übereinander wissen. Es sind banale Fakten des Lebens, Marker einer Landkarte die das Leben ist, aber sie involvieren eben andere Menschen: Was machen unsere Eltern eigentlich beruflich? Wie ist meine Chefin so drauf? Wie hat Mia sich getrennt? Worüber man eben redet, wenn niemand zuhört.

Mia Dienstag, 10 Uhr

Morgens in der Küche erzähle ich Vlada, was mir im Schlaf noch zu ihrem Tarotblatt eingefallen ist, nämlich, dass wir deswegen den unordentlichen, schmerzhaften Teil des Datens nicht überspringen können, weil wir in der Nüchternheit in eine Form gewachsen sind, deren volle Dimensionen wir noch nicht kennen, deren Grenzen wir noch nicht getestet haben. Wie ein heranwachsender Junge, der so schnell gewachsen ist, dass sein Kindergeist noch nicht mit den neuen, größeren Dimensionen seines Körpers mitgewachsen ist. Er stößt sich immer überall, weil er in der Wirklichkeit viel mehr Raum einnimmt, als er glaubt.

Ich bin das erste Mal in diesem Sommer absolut tiefenentspannt, weil ich auch das erste Mal in diesem Sommer wirklich offline bin. Ich beantworte keine Arbeitsmails und rufe niemanden zurück. Wir unterhalten uns, trinken Kaffee oder arbeiten. Keine braucht einen Zeitplan dafür. Wir haben morgens eine halbe Stunde Therapie Talk in der Küche und legen uns dann auf die Couch, um ein bisschen zu schreiben oder eine Podcast Folge zu schneiden oder reden über die Liebe oder den Tod oder die Nüchternheit oder legen Tarotkarten. Es gibt keinen Smalltalk und keinen Stress und keine angestrengte Macho Energie. Mein Atem wird tiefer, ich merke, dass meine Stimme, die ich sonst immer von hinten in meiner Kehle her hole, jetzt von weiter unten, hinter den Schlüsselbeinen kommt.

Mika Dienstag, 10 Uhr

Vlada und Mia reden über Liebe, während ich auf den Kaffee warte. Ich war noch nie in einer Gruppe, in der ich so leicht gehen konnte, wenn ich woanders sein wollte. Die Erkenntnis von gestern, einem Tag der sich langsam in die Zukunft reckt, in dem sich die Zeit mal staucht, mal dehnt und dann ist Zeit für Abendessen: Ich bin nicht angestrengt. Das Wachpersonal meiner Mauern, die ich brauche um zu wissen wo ich aufhöre und die anderen anfangen, ruht seine Augen aus. Ich versuche herauszufinden, wie das möglich ist: Das Gefühl, nichts sein zu müssen, die völlige Abwesenheit von Small Talk und das Vertrauen, dass jede Person hier auf sich Acht gibt. Vielleicht ist das eine Qualität von nüchternen Chicks: Man kennt zumindest den schlimmsten eigenen Bullshit und muss ihn nicht den anderen vor die Füße karren. Jede hier fegt selbst.

Einmal erzähle ich eine Geschichte und sage dann “Ja, nach solchen Wochenenden hab ich mir am Bahnhof zwei Flaschen Wein gekauft und sie mir reingedreht”. Niemand zuckt zusammen. Niemand fragt “Ach echt” oder sagt “oh krass”. Erst in seiner Abwesenheit wird mir klar, dass ich den Schock immer gleich antizipiere. Ich bin so daran gewöhnt, dass er dazugehört, wenn ich mich öffne, weil Menschen nicht gewöhnt sind, dass jemand so etwas sagt oder weil sie wirklich unschuldig sind.

Mia Dienstag 11 Uhr

Mika und ich reden darüber, auf welche Arten wir uns neu erfinden werden.

Ich werde weiß tragen, um meine schwarze Energie hinter mir zu lassen und endgültig zu dem Trickster zu werden, der ich im ersten Teil des Jahres zu sein begonnen habe. Und ich werde das zölibatäre Jahr machen, das mir schon zu Beginn meiner Nüchternheit gut getan hätte.

Kompromisslos allein sein, mit mir und meinem Körper und meiner Arbeit, der wirklichen Arbeit, der Arbeit, für die ich auf dieser Welt bin, dem Schreiben. Das ist es, was ich will, das ist es, was ich wirklich brauche und nur daran denke ich, als ich später an diesem Tag in dem eiskalten, glasklaren Waldsee schwimme, das Rauschen des Wasserfalls im Rücken, die grün und blau glänzenden Felsen, die unter mir in der Tiefe glitzern und schwanken. Das ist es, was ich will. Ich will frei sein, wirklich frei sein, frei von Sehnsucht.

Mika Dienstag 12 Uhr

Wir stehen auf einem Berg. Es ist still. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal von Stille umgeben war. David, der für uns in die Rolle des Fahrers und Tour-Guide schlüpft, hat uns mit einer Seelenruhe die steinigen Wege hochgeschaukelt, auf denen die Schiefersteine unter den Reifen wegplatzen und klingen wie kleine Knallerbsen. David sieht aus wie jemand der irgendwann sehr ernst wurde, es vielleicht auch immer schon war, so etwas wie eine alte Seele, was auch immer das genau heißt. Jemand der Güte ausstrahlt. Hinter seiner Sonnenbrille sieht man nie, wo seine Augen hinschauen oder was er denkt, wenn wir auf Deutsch in einer Diskussion über Männer und nüchternes Dating stecken. Titilayo und er, beide sprechen mit Stolz von ihrer Heimat, von dem Land hier und seiner Schönheit. David, der hier geboren wurde, hat seine Berufung darin gefunden, das Land zu heilen. Titilayo, die vom Land gerufen wurde, hat ihre Heilung hier gefunden.

Drei Fragen an Titilayo

Titilayo beantwortet uns in der Küche vier Fragen, die sie aus einer verzierten Kiste zieht. Im Hintergrund kochen Kartoffeln.

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