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Das Glaswesen

Für Katharina

zu deinem 18. Geburtstag

Rohfassung

Die Begegnung

Nun heißt es warten und hoffen.

Ich nehme die Bank unter der Kastanie mit ihnen tausend Blätterhänden. Unter ihr wird mir das Warten erträglich.

Auf die Wiese vor mir geht die Hitze erbarmungs­los nieder. Dort bricht aus dem Gras eine hässliche Wunde. Klammern aus glänzendem Stahl halten die Wundränder geöffnet und heraus blubbert blutseinwollendes Wasser.

Zwischen zwei glänzenden Metallstäben klemmt ein Metallschild. Die Innschrift kann ich nicht erkennen. Es wird der Name des Künstlers sein. Und darunter der Name der Stifterin, der örtlichen Sparkasse. Jede Wette! Ich schiebe meine Tasche an das Ende der Bank und lege meinen Kopf dahin. Etwas quaddelt unter meinem Ohr. Leberwurst mit Senf und Gürkchen zwischen Schwarzbrotscheiben. hab ich mir heute geschmiert. Falls ich Hunger kriege. Durfte ja nichts zum Frühstück nehmen. Musste nüchtern bleiben.

In meinem ersten Dösen mache ich die Bekanntschaft mit zwei älteren Damen. Beide klatschen und tratschen bei Kaffee und Kuchen. In der linken Hand führen sie die Untertasse bis knapp unter ihr waldseliges Kinn. Mit der rechten Hand lupfen sie die Tasse an die plappernden Lippen. Ich bin mir sicher, dass sie jetzt endlich trinken. Beide. Doch da unterbricht eine der Damen die Kippbewegung und setzt ihren Rede­schwall fort. Ihr Gegenüber schweigt, kaffeenippend. Bis sie eine undichte Stelle im Sprachfluss der Partnerin erkennt und umgehend mit ihren Worten abdichtet. Nun schlürft die andere Dame.

So geht das eine ganze Zeit zwischen den beiden alten Freundinnen hin und her. Ich schaue dem zu ohne ein Wort zu verstehen. Bis dann beide vorwarnungslos ein synchronisiertes Stöhnen von sich geben. Einfach ein tiefes Ein- und Ausatmen, an dessen Ende ein gezogenes “Ach ja!” steht. Beide wenden sich mir zu. Und wieder synchron: ”Ja, ja! Teile den Tag!". Dabei prosten sie mir mit den Tassen zu. Sie erheben sich mühsam von ihren Plätzen und kommen auf mich zu. Die eine mit Hut, die andere mit prächtigem Haar-Dutt. Und wieder: „Teile den Tag. Schlafe dein Mittagsschläfchen! Ruhe aus!"

Und wo sie dann ganz dicht vor mir stehen, sehe ich ihre mit goldenen Ringen zusammengerafften Fingerhäute. Wieder setzen sie ihre Tassen an die Lippen und schlabbern und schlürfen den Kaffee. Mir fällt dazu nichts weiter ein, als den Damen das Gebäck von den Untertassen zu nehmen. Und: Puff! Die beiden sind fort!

Ich springe hinüber. Ich stütze mich mit einer Hand auf dem morschen Pfosten des Weidenzauns ab und springe. Auf halbem Weg höre ich es Knacken. Ich falle in und über Drähte bis ins tiefe, weiche Gras. Ich öffne meine Hände. Darin: die Brösel zweier Kekse.

Meine linke Hand tastet entlang der Bank. Kein Zaun, keine Pfosten, keine Drähte und auch kein Gras und keine Kekskrümel. Aber immer wieder dieses Knacken. Ich öffne die Augen und drehe den Kopf zur Seite. Was ich da sehe, ergibt keinen Sinn. Alles klebt irgendwie an einer Wand und die ist struppig grün bewachsen. Mein Gehirn versucht das schräge Bild, das ihm der Sehnerv lieferte, zu übersetzen: mit dem Rollstuhl fährst du auf der Wiese gegen die mit Edelstahlklammern aufgehaltene Wunde.

Ich drehe meinen Oberkörper, winkle die Knie über den Rand der Bank hin an und das Gewicht von Beinen und Füßen zieht meinen Körper fast selbstständig in die Senkrechte. Dabei taucht mein Gesicht in ein schmales Band aus Sonnenlicht.

Für einen Moment taumelt die Masse in meinem Kopf wie Pudding und schlägt an die Innenseite meiner Schläfen. Endlich, nach drei tiefen Atemzügen, kommt das Zeug in meinem Schädel zur Ruhe. Mit beiden Händen stoße ich mich von der Bank hoch. Durch Reste meines Traumes steige ich hinaus zu dir auf die Wiese. Unbemerkt stehe ich hinter deinem Rollstuhl, reglos, die Arme bereit, die beiden Griffe zu packen.

Einen Käfer sehe ich da auf dem Rücken liegen, mit seinen Beinchen Halt am Himmel suchend. Daneben ein zweiter Käfer. Als der aus seinem Strampeln heraus auf seinem runden Rückenpanzer in eine einigermaßen günstige Position gelangt, dreht er sein Köpfchen dem Gefährten zu und fragte: „Glaubst du denn, der Himmel kann uns retten?“. Dann fällt er zurück in die denkbar hoffnungsloseste Lage und ohne eine Antwort zu erhalten. Dennoch beruhigte ihn die Erkenntnis, dass unmittelbar neben ihm - ja um ihn herum - überall Käfer auf dem Rücken liegen und strampelten und zappeln.

Du blickst über die Schulter zu mir. Ja, ich halte dein Gefährt. Es kann nun nicht mehr zurückrollen. Dann streckst du deine Hände über den Brunnenrand, fängst Wasser aus einer der Düsen, wirfst es dir in dein Gesicht und lässt es über deine nackten Unterarme rinnen.

Du: Danke!

Ich ziehe den Rollstuhl ein Stückchen auf den Rasen zurück.

Du: Nun habeich dich doch geweckt. Genau das wollt ich nich.

Ich: Nich schlimm.

Du: Aber du hast geträumt!

Ich: Wie du das sagst. So bestimmt, so sicher, als hätt ich vom Traum noch ein Stück auf der Oberlippe kleben, wie nen Soßenrest vom Mittagessen.

Du: hab deinen Traum vertrieben. Das ist Scheisse. Entschuldige. Das ist doof. Vorhin, da haben deine Nasenflügel ganz unruhig gezuckt, so als kitzelt dir ein unsichtbarer Kobold mit einer Feder die Nasenspitze. Und dein Mund! Deine Lippen, die lagen nur ganz sachte aufeinander. Bewegten sich aber, als würdest du was flüstern.

Ich: So nah warst du mir?

Du: Nur im Vorübergehen ... im Vorüberrollen. Aber du hast recht. Es gehört sich nicht, einem Menschen, der schläft und im Schlaf hilflos und verletzlich ist, so nah zu kommen. Einem Fremden obendrein, wenn auch ohne schlimme Absicht. Bitte verzeih!

Ich: Nein, das ist ja nichts Ungehöriges. Und gerade dadurch, dass du meinen Schlaf beobachtet hast, bin ich dir ja kein Fremder mehr. Es gibt fast nichts vertrauteres, als den hilflosen Schlaf eines anderen Menschen zu bewachen. Und bestimmt war es auch nur ganz flüchtig,

Du schweigst und schaust mir in die Augen .

Ich: Was ist?

Du: Ich sehe in dein Gesicht und da sind noch Traumspuren.

Du deutest zur Bank.

Du: Von dort, auf der Bank. Alsop ich meine jetzt nicht den Abdruck von deinem Rucksack auf deiner Wange. Ein Reissverschluss?

Ich reibe mir die Wange.

Du: Ich meine echt die Spuren aus deinem Traum. Vorhin auf der Bank. Eigentlich wollt ich vorbeirollen. War mit kräftigen Armbewegungen unterwegs. Hab dich auch erst gar nicht gesehen. Dann bin ich stecken geblieben. Einfach so. In der Zeit. Es wollte nicht mehr vorangehen. Als wäre ich ein Planet, der zum ersten Mal einem der übrigen Planeten begegnet. Und dessen Schwerkraft hält mich fest. Also ist Pause auf meiner alltäglichen, bekannten und langweiligen Umlaufbahn. Dann erst sehe ich dich. Und ich bemerke, dass ich gar nicht stehe, ruhe. Sondern ich drehe mich mit dir weiter. In den Sekunden müssen wir tausendmal gemeinsam unsere Sonne, unser gemeinsames Zentrum umrundet haben. Nein. Bestimmt ist das keine flüchtige Begegnung. Ich weiß noch nicht, was es ist. Aber wenn man so lebt wie ich, dann nimmt man sich keine Zeit für Oberflächlichkeiten.

Ich: So lebt wie du?

Du: Rollend. In Krankenhausbetten mit Rollen und eben im Rollstuhl, den ich am Abend frage, wer wohl wem heute die größte Last war. Seine Speichen stöhnen dann, während ich mich auf den Armlehnen abstütze und mich ins Bett hinüberschwinge. Habt euch nicht so, rufe ich zu den Speichen. Ich bin ja schon viel leichter geworden. Aber in den Armen hab ich an Kraft gewonnen. Das ist mein Trost, dass sie mich nie völlig hat fertig machen können. Noch nicht. Mit jedem Schlag, den sie mir versetzt, wird eine meiner Schwächen zur Stärke.

Ich: Du sprichst über deine Krankheit?

Du: Ich will nicht über sie reden. Sie hat soviel Aufmerksamkeit nicht verdient. Sonst bildet sie sich noch was darauf ein. Und auch du vergisst sie bitte gleich wieder. Vor drei Jahren war ich da auf der Bank. Nach all den Untersuchungen. Warten und hoffen. Ich nenne sie die Bank der Demütigen. Aber jetzt ist gut damit! Hast du Lust, mich zum See zu schieben?

Ich nicke.

Du: Vergiss deine Tasche nicht.

Im Schneidersitz sitze ich nun vor dir im Gras, den Rücken an deinen Schienbeinen angelehnt. Auf meinen Schultern ruhen deine Hände. Vor uns der See und dahinter, im Osten, die Berge.

Du: Erzähl mir deinen Traum. Den, in den ich hineingeplatzt bin. Oder fehlt dir die Erinnerung?

Ich: Er ist mir klar vor Augen. Er ist der einzige Bewohner meines Schlafes.

Du: Demnach träumst du ihn nicht zum ersten Mal?

Ich: Er kehrt immer und immer wieder. An meine erste Begegnung mit ihm kann ich mich nicht mehr erinnern. Zu lange ist das her. Aber ich fühle, dieser Traum ist eine Zuflucht. Und sollte ich einmal seine Bedeutung verstanden haben, wird er vermutlich verschwinden. Wenn das der Preis der Erkenntnis um seine Bedeutung ist, da will ich meinen Traum nie begreifen. Ich will ihn nicht verlieren, diesen Traum. Er soll mich bis an mein Ende begleiten.

Ich schließe meine Augen und legte den Kopf zwischen deine Knien auf das Sitzkissen. Du beugst dich vor und über mich.

Du: Erzähl mir deinen Traum!

Der Traum vom Schloss

Und ich beginne: Ich sitze in einer mit frischem Tau benetzten üppig grünen Wiese. Kniehohes Gras, die Blumen bunt und wild eingestreut, da und dort eine Hecke. Meine Wiese ist durchzogen und umgeben von Weidenzäunen aus alten, grauen und schiefen Holzpfählen, bespannt und zusammengehalten von rostigen Stacheldrähten. Blumen und Gras verdecken den untersten der Drähte fast völlig. Der oberste Draht ist hie und da zerrissen und beide Enden irren skurril durch die hitzebeladene Luft. An einer Stelle des Zauns fehlt der Stacheldraht. Dort bewachen die dornigen Ranken einer gewaltigen Brombeerhecke meine Wiese. Ich fühle mich rundum beschützt und geborgen.

Meine Wiese liegt am oberen Ende eines Tales, das aus einer weiten Ebene herauszuwachsen scheint. Oder vielmehr ist es die Ebene, die durch mein wie ein Gletscher nach unten sich weitendes Tal gespeist wird. Links hinter mir bewaldete Anhöhen. Rechts oberhalb meines Tales auf einem Bergrücken sind die Häuser eines Dorfes aufgereiht, darunter - bis hin zu meiner Wiese - Gärten mit Gemüsebeeten, Blumenrabatten und alten, knorrig verwachsenen Obstbäumen. Aus dem Dorf heraus ragt ein mächtiger, runder Turm. Obenauf spielt ein blau-gelber Wimpel im Wind. Ich entdecke einen Pfad. Er führt oberhalb meiner Wiese am Zaun entlang hinauf ins Dorf. Am Wegrand eine gefasste Quelle. Eine in den Hang eingelassene Quellstube, gemauert aus Sandstein, verschlossen mit einem eisernen Gittertürchen, unter dem durch das frische und klare Wasser in einer verwitterten, moosüberzogenen Steinrinne plätschert. Hinter dem Gitter ist es dunkel und gewiss kühl und die inzwischen über der Wiese liegende Hitze irgendeines Tages in irgendeinem Sommer lässt mich auf meiner Wiese träumen, ich stoße das Gittertürchen auf, um dahinter vor der Welt verborgen zu sitzen und hinaus auf die wabernde Luft über der Wiese zu blicken.

All das beobachte ich von meinem Platz in der Geborgenheit meiner Wiese. Dann aber stehe ich auf, gehe durch das Gras mit übertrieben hohen Schritten, um nicht mehr Halme als notwendig zu knicken, klettere über den Zaun und steige den Pfad im Schatten von Obstbäumen zum Dorf hinauf. Links der Zaun, rechts der Hang, gestützt durch eine Mauer aus unbehauenem Stein, aus deren Ritzen heraus Blüten an langen Stängeln wachsen, als seien es Laternen. Das Moos auf den grauen Steinen duftet nach feuchtem Waldboden. Ich fühle eine tiefe Dankbarkeit gegenüber den Erbauern dieser Mauer.

Oberhalb der Mauer die Gärten. Wespen, Bienen, schillernde Fliegen, Schmetterlinge und Libellen tanzen über den Beeten mit Rosenkohl, Tomaten, Rhabarber und Kartoffeln, mit Beeren und Blumen in der Sonne.

Beim alten Schulhaus führt mich der Weg auf die Dorfstraße. Dort toben Kinder im Hof. Akrobatisch werfen sie ihre kleinen Körper über die Stange des Zaunes und drehen sich um und um oder bleiben kopfüber hängen mit fliegendem Haar. Ihr Lachen und Toben verfolgt mich noch als ich schon weit vorüber bin. Als es mit einem Mal verstummt, drehe ich mich um. Der Schulhof ist leer. Aber kein Läuten und Gongschlagen hat die Kinder gerufen. Doch fort sind sie und die Fensterläden am alten Schulhaus sind verschlossen und vernagelt. Drei Schritte gehe ich zurück. ´Sinnlos´, sage ich mir. ´Sinnlos. Die Kindheit ist verloren.´

Zwischen zwei winzigen Häusern führt ein Pfad zu einer Treppe. Unmöglich, dass hier Menschen wohnen, außer sie sind krumm gewachsen und buckelig von schwerer Feldarbeit. Tief gebückt kommt man durch die niederen Türen hinein und kann aus den tief liegenden Fensterchen das Treiben auf der Straße beschauen. Es zerrt mich etwas an den Fingern. Es ist ein buckliges Menschlein, so wie ich es mir eben noch vorgestellt habe.

Ich: Was willst Du?

Es gibt aber keine Antwort. Es deutet nur zur Treppe, die sich den Hügel hinauf schlängelt bis zum Turm. Und es ist kein kleiner Turm. Es ist ein breites, massiges Bollwerk. Um als schlank zu gelten müsste es mindestens doppelt so hoch sein. So aber ist es gedrungen und wirkt äußerst robust.

Oben am Ende der Treppe auf einer Bank vor dem Bollwerk sitzt der alte Kastellan. Mit seinen Lippen hält er eine Tabakpfeife im Mundwinkel. Über ihm ausgebreitet - als Schutz vor der Sonne - ein vergilbtes Segeltuch, dessen Ecken am Mauerwerk und an zwei Stecken eingehakt sind. Die Stecken - zwei einigermaßen gerade gewachsene, noch mit Rinde bedeckte Äste - sind an einem Tisch, der vor des Kastellans Bank steht, mit derben Stricken um die Tischbeine festgebunden. Der Kastellan nimmt seine Pfeife aus dem Mund und schwenkt sie durch die Luft mit lockender Geste. Eine Spirale von Tabakqualm dreht sich dabei unter dem Tuch hervor in den blauen Himmel.

Ich gehe den Pfad zwischen den Häusern und steige die Treppe hinauf. Die Stufen sind ins Erdreich gegraben und mit Brettern und Pflöcken gesichert. Keine ist wie die andere. Als ich oben ankomme, zeigt der Kastellan mit seiner Pfeife auf den Platz neben sich auf der Bank. Dabei bleibt sein Blick weiter auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, als dürfe er ihn unter keinen Umständen aus den Augen verlieren. Unsere Blicke werden sich nicht ein einziges Mal begegnen.

Ich: Wie außergewöhnlich, dass ein so kleines Dorf ein so massiges Bollwerk bei sich hat. Wozu dieser Aufwand? Welchen Schatz verbergt ihr in eurem Dorf?

Kastellan: Du hast recht. Das Bollwerk nützt dem Dorf nichts. Das Dorf hat nichts zu verbergen. Es hat keinen Schatz, es liegt und lag nie auf keiner Handelsroute, wodurch es zu Reichtum gelangt sein könnte. Es hat nicht einmal eine eigene Kirche, in der begehrte Reliquien zu bestaunen sind. Um das Dorf kann es den Erbauern des Bollwerks also nicht gegangen sein. Nicht einmal du, der du mir ein interessierter Mensch zu sein scheinst, der nicht einfach gleichgültig an den Dingen vorübergeht, nicht einmal du wärst aus dem Tal herauf zu uns ins Dorf gestiegen, hätte dich nicht das Bollwerk gelockt.

Ich: Also ist es eine Attraktion, dieses Bollwerk, das euch Besucher bringen soll?

Kastellan: Ist es das? Nun, hinter jeder Schießscharte liegt ein mächtiges Geschütz auf massiven Lafetten in Stellung. Oben auf dem Turm ist die mächtigste der Kanonen auf ihr Ziel gerichtet. Es liegen im Turm so viele Geschütze und Kanonenkugeln bereit, dass ich mich zuweilen frage, was gewichtiger ist. Das Mauerwerk oder die Massen von Metall, Holz und Pulver in seinem Inneren. Magst du hinauf?

Ich: Wie ist die Aussicht?

Kastellan: Ich kann es nicht sagen.

Ich: Sicher. Du hast heute erst die untere Türe aufgesperrt. Wozu solltest du auch jeden Tag bis hinauf steigen. Es ist bestimmt nach all den Jahren langweilig für dich. Das wäre eine unnötige Mühe.

Kastellan: Nein. Ich war heute nicht oben. Nicht gestern, nicht vorgestern. Solange ich denken kann bin ich Kastellan oder doch zumindest irgendwie mit dem Turm verbunden. Schon mein Großvater hat diese Arbeit getan. Auch er kannte nur den Weg von seinem Haus hier herauf zum Turm. Auch er hat stets nur die Pforte am Morgen geöffnet und am Abend geschlossen. Viele Stunden habe ich als Kind mit ihm hier auf dieser Bank zugebracht. Stunden, in denen wir uns mit der lebendigsten Phantasie in den buntesten Bildern die Aussicht vom Turm ausmalten. Jedoch hinaufzusteigen, um die Wirklichkeit zu sehen, dieses Verlagen hatte keiner von uns. Nein, mein junger Freund. Ich war noch nie oben.

Ich: Kann das sein? Du bist doch schließlich der Kastellan. Es ist sozusagen dein Turm! Du trägst Verantwortung! Du lässt die Besucher hinauf. Obenauf weht eine Fahne. Selbst wenn es nie dein Wunsch war, den Ausblick zu genießen, so ist es doch aber deine Pflicht, wenigstens einmal am Tag nach dem Rechten zu sehen.

Kastellan: Eine Pflicht lasse ich mir nicht einreden. Jeder Besucher hat mehr Pflichten, als ich. Außerdem: die Welt, auf die ich von meinem Platz hier schauen kann, ist mir gerade so groß, dass sie meine Aufmerksamkeit vollkommen erschöpft. Vom Ausblick oben lasse ich mir erzählen. Nicht, dass ich die Besucher danach frage. Sie berichten von sich aus. Wenn nicht, ist auch gut. Nun, geh du hinauf und wenn du magst, so berichte mir von dem, was du gesehen hast.

Ich gehe, sehe und berichte.

Ich: Ich sehe das Tal auf der einen Seite des Dorfes. Es ist das Tal, aus dem ich aufgestiegen bin. Ich erkenne die Wiese, ich entdecke meine Spur im Gras und den Brunnen am Weg. Dann schaue ich über das Dorf hinweg auf die andere Seite. Eine weite Ebene liegt dort. Gänzlich glatt und platt erstreckt sie sich bis zum Horizont ohne die winzigste Erhebung. Es scheint mir, als müsse das die Ewigkeit sein. Am Ende der Dorfstraße ein Schloss. Der Hügel mit dem Bollwerk ist also nur eine vorgelagerte Bastion. Das Schloss zu entdecken kann nur von hier oben, vom Bollwerk, gelingen. Aus dem Tal ist es von den Häusern des Dorfes verdeckt. Der Schlossberg ist umgeben von einer wehrhaften Mauer, die den Eindruck erweckt, als hielte sie die Bergkuppe überhaupt erst zusammen. Die Dorfstraße führt direkt zur Mauer. Dort, wo ein Ende des Mauerrings hinter dem anderen verschwindet, sich die Mauer überlappt, befindet sich das große Torhaus. Das eigentliche Schloss ist ein dreiflügeliger, weiß strahlender Bau. Wie das Bollwerk breit, fest und stark wirkt, so scheint das Schloss zerbrechlich, schlank und wenig wehrhaft. Das Schloss wirkt innerhalb der graubraunen Mauer nicht wie bewacht und beschützt, sondern vielmehr so, als sei es darin gefangen. Es kommt mir auch so vor, als hielte das Bollwerk mit seinen Geschützen das Schloss in Schach. Es hat keinen Sinn, dich nach dem Schloss zu fragen?

Der Kastellan reinigt seine Pfeife und selbst diese geringe Arbeit scheint ihm eine große Anstrengung zu sein.

Kastellan: Das Schloss hat bisher noch keiner der Besucher gesehen. Nicht einmal von denen, die tatsächlich oben auf dem Turm waren.

Ich: Wer aber bewohnt das Schloss?

Kastellan: Das Schloss ist ein Ort der Glücklichen. Wer es betritt – und man kann es nur einmal im Leben betreten – der fühlt keine Sorge mehr. Alle Last wird von seinen Schultern genommen. Wenn man es aber wieder verlassen will, so darf man das durchaus tun. Ein weiteres Mal erhält man jedoch keinen Zutritt.

Ich: Und die Ebene?

Kastellan: Schau, wer das Schloss verlässt, tut dies, um die Ebene zu erkunden. Die Ebene aber gibt keinen mehr frei. Von der engen Welt des Schlosses gesehen, mag die Weite der Ebene erstrebenswert sein. Betritt man einmal die Ebene, verschwindet alles sie umgebende hinter ihrem fernen, unerreichbaren Horizont. Auch ist die Ebene so unendlich weit, dass eine Begegnung mit Gleichgesinnten ausgeschlossen ist.

Hier endet mein Traum. Über diese Szene reicht er nie hinaus. Ich verstehe nicht, was er mir sagen will. Und doch, auch ohne seinen Sinn deuten zu können, führt er in mir zur Überzeugung, dass der Traum es insgesamt gut mit mir meint und ich also keine Angst haben muss vor seiner Bedeutung. Ich weiß, dass eines Tages dieser Traum mit meiner Wirklichkeit verschmelzen wird.

Ich öffne die Augen und will mich nach vorne lehnen, um mich zu drehen und dir ins Gesicht zu blicken. Du aber greifst umso fester meine Schultern mit deinen beiden Händen zurück.

Du: Nein. Bleib an mich gelehnt, schließ deine Augen und hör mir zu. Vielleicht hilft mein Traum dabei, das Rätsel deines Traumes zu lösen!

Ich: Gut! Dann jetzt also deinen Traum. Erzähl!

Der Traum vom Glaswesen

Du: Mein Traum ist wie ein Windjammer nach großer Fahrt. Alle Segel sind eingeholt und fest verschnürt. In einer Bucht hat sein Kapitän die Anker werfen lassen.

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