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Die 167 Stunden dazwischen

Hallo und herzlich Willkommen zur vierten Ausgabe „Mediapreneur“.

Hier schreiben Sören Mannschitz und David Reiter jede Woche abwechselnd für Medienschaffende, die unabhängig publizieren.
Das sind wir (Si apre in una nuova finestra)

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TrennerAutor: David Reiter (Si apre in una nuova finestra)

Über Verarbeitungszeit

Letzte Nacht hast du geschlafen – hoffentlich gesunde 7-8 Stunden. Dein Körper war im Ruhemodus und dein Hirn hat Schwerstarbeit geleistet.

Während du geschlafen hast, hat es den Tag sortiert, Erlebtes verknüpft, Neues integriert und gefestigt, Unwichtiges aussortiert. Das nennen wir Schlaf – eigentlich ist es Quality-Time für unsere vielbeschäftigten Synapsen.

Ohne diese Verarbeitungszeit würdest du nichts behalten. Du könntest den spannendsten Tag deines Lebens haben – wenn dein Hirn ihn nicht verarbeitet, ist er am nächsten Morgen weg.

Wissenschaftler:innen wissen heute, dass wir nicht während der Vorlesung lernen, sondern nachts, im Schlaf. Die Vorlesung ist nur der Trigger. Die eigentliche Arbeit passiert danach.

Genau das Gleiche passiert mit deinen Inhalten.

Die 0,6%-Falle

Deine wöchentliche Newsletter-Ausgabe wird vielleicht 5 Minuten gelesen. Dein Podcast läuft 45 Minuten. Auf Social begegnet man dir auch ein paar Mal.

Sagen wir: 1 Stunde pro Woche nimmt dein Publikum an deinen Gedanken teil und konsumiert deine Inhalte.

Eine Woche hat 168 Stunden. Dein Content nimmt davon genau 0,6% der Zeit deiner Leser:innen in Anspruch.

In den anderen 99,4% – den 167 Stunden dazwischen – entscheidet sich, ob deine Inhalte wirklich etwas bewegen.

Letzte Woche hat Sören u.a. über das Thema „Mission“ geschrieben (Si apre in una nuova finestra) und gezeigt, wie du herausfindest, wofür du eigentlich stehst. Seine Kern-Erkenntnis: Eine klar formulierte Mission hilft wie ein Filter, um passende Kooperationspartner:innen auszuwählen und um zu wissen, welche Transformation du bei deinem Publikum auslösen willst.

Die eigene Mission zu kennen ist das Eine. Aber zu wissen, ob sie WIRKT – das ist was ganz Anderes.

Die Kraft deiner Mission zeigt sich nur bedingt in Klicks oder der Verweildauer. Sie zeigt sich so richtig in der „Einwirkzeit“ danach.

Klicks vs. Wirkung

YouTube belohnt „Watch Time“. Je länger jemand dein Video schaut, desto besser dein Ranking. Für sie bedeutet mehr Inventar schlicht mehr Werbefläche.

Das Ergebnis? Videos werden künstlich gestreckt. 3-Minuten-Erkenntnisse werden auf 12 Minuten aufgeblasen. Mit Intros, Outros, Wiederholungen, Füllmaterial. Nicht, weil's dem Publikum hilft, sondern weil der Algorithmus es belohnt.

Maximale Verweildauer. Minimale Wirkung.

Dasselbe Spiel bei Websites und Blogs.

Ach, da hat einer vier Minuten bei dir verbracht? Na dem muss ja gefallen haben, was du da geschrieben hast. Dabei kann in der Zwischenzeit alles mögliche passiert sein (Griff zum Handy, die Katze gestreichelt, Frage im Großraumbüro beantwortet, auf Klo gegangen).

Ehrlicherweise optimieren die meisten werbe- und abofinanzierten Angebote nur auf die Menge des Konsums. Nicht auf das, was danach passiert. Also nicht darauf, ob jemand etwas damit anfangen konnte.

Du kannst auf TikTok viral gehen – und niemand erinnert sich am nächsten Tag daran. Du kannst einen Podcast machen und weißt am Ende nicht mal, wie viele Leute genau eingeschalten haben oder ob sich der Player ihres Vertrauens die neueste Episode nur gedownloadet hat. Für alle Fälle…

Oder du kannst 100 Personen erreichen – und eine schreibt dir, dass sie das an etwas erinnert, das du bei eurem ersten Aufeinandertreffen gesagt hast und das sie seitdem begleitet. (Danke liebe Franzi!)

In einer Welt, die Aufmerksamkeit in Klicks und Verweildauer misst, sollten wir Mediapreneure auf etwas anderes setzen: Tiefe, Wirkung und Transformation.

Und die passiert in der Einwirkzeit, nachdem jemand deine Inhalte konsumiert.

Wie Einwirkzeit funktioniert

Stell dir vor, du hörst einen Deep-Dive am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit. Du nickst beim Hören, denkst „interessant“. Und dann ist die Podcast-Episode vorbei und du startest in den Tag.

Was passiert danach in deinem Kopf?

  1. Verarbeiten (1-2 Tage später): Unbewusstes Sortieren. Inhalte docken an bestehende Erfahrungen an. Du denkst: „Moment, das kenne ich…“

  2. Durchdenken (3-4 Tage später): Aktives Reflektieren. Vielleicht beginnst du dich bewusst damit auseinanderzusetzen. Du grübelst: „Was bedeutet das für mich?“

  3. Integrieren (je nach Komplexität deutlich später): Praktische Anwendung. Nur noch wenige Menschen verändern dadurch wirklich etwas an ihrem Verhalten. Du kommst ins Handeln: „Okay, ich probier das jetzt.“

Das ist die Einwirkzeit. Wie REM-Phasen im Schlaf durchlaufen deine Inhalte immer diese drei Stadien bei deinem Publikums. Je besser deine Mission mit ihren Zielen aligned ist, desto mehr Menschen folgen allen drei Phasen.

Und je mehr Menschen du begeisterst, desto schneller und stärker wird dein Impact als Mediapreneur.

Wenn du über etwas schreibst oder sendest, das dein Publikum brennend beschäftigt (und wenn du es so verpackst, dass es bei ihnen andockt), dann braucht es keine sieben Tage. Dann passiert Verarbeiten, Durchdenken und Integrieren parallel. Dann ist deine Einwirkzeit maximal verdichtet.

Wenn deine Inhalte dagegen so gar nicht resonieren und partout keine Verbindung zu dem Leben, den Problemen oder Zielen deiner Audience haben, dann bleibt auch dein Format blass und austauschbar.

Merke: Alles kann einfach nur wegkonsumiert werden. Aber echte Veränderung bewirken? Da fängt es an, für Mediapreneure Spaß zu machen.

Das ist der schwierige Part. Lass mich dir darum einmal zeigen, wie ich das für mein Projekt Shelfd angehe.

Beispiel aus der Praxis bei Shelfd

Nachdem Sören letzte Woche die Vorher-Nachher-Fragen (Si apre in una nuova finestra) gestellt hat, bin ich sie selbst einmal für mein Projekt Shelfd durchgegangen. Ich wollte mit Blick auf unsere Neuausrichtung als wöchentliches Streaming-Magazin für bewussten Medienkonsum wissen: Was bewirken wir wirklich bei unseren Leser:innen? Und wo hängen sie fest?

Mein Transformationsversprechen: Menschen sollen Vertrauen in ihre Streaming-Entscheidungen aufbauen, ohne sich auf Algorithmen, Neustarts oder Charts verlassen zu müssen. Dafür durchlaufen sie diese vier Stufen (unser Vorher-Nachher):

  • Phase 1: Streaming-Frust à la „Ich scrolle ewig und finde nichts“

  • Phase 2: Oberflächliches Problem gelöst wie „Shelfd spart mir Zeit beim Suchen“

  • Phase 3: Aufbau von Vertrauen & Routine mit dem Gedanken „Ich checke zuerst bei Shelfd“

  • Phase 4: Verinnerlichung der Streameast:innen-Identität als „Ich BIN jemand mit gutem Geschmack“

Warum 4 Phasen statt 3?

Oben habe ich den Verarbeitungsprozess beschrieben (Verarbeiten → Durchdenken → Integrieren). Aber mein Transformationsversprechen braucht mehr Granularität. Ich will nicht nur, dass Menschen Shelfd nutzen. Ich will, dass sie ihren Frust überwinden und selbst lernen, bewusst für sich zu kuratieren.

Woran erkenne ich, wann jemand die Phase wechselt?

Menschen spiegeln mir das explizit und implizit durch ihr Verhalten, in Interaktionen und auf Nachfrage. Auf die Frage nach unserer Wirkung in der jüngsten Mitglieder-Befragung, gibt es Antworten wie diese, welche die Phase 3 & 4 erkennen lassen:

  • „Meine Eigenempfehlungen plus die Empfehlungen von euch = gutes Repertoire“

  • „Shelfd ist für Leute, die bewusster streamen; die sich nicht die Birne mit Serien vollhauen, so wie andere es mit Alkohol tun. Keine Süchtigen, sondern intelligente Genießer.“

  • „Ich nutze eure Empfehlungen und freue mich über bestimmte Angebote, die ich meinem Mann im Vorfeld mitteile. Dann haben wir gemeinsam ein kleines Filmerlebnis im Privaten. Ich gebe auch Tipps mal weiter, wenn es besonders gefallen hat.“

Das ist genau die Wirkung, die wir anstreben: Shelfd verfeinert deinen Geschmack, statt deine Watchlist zu verlängern (= unsere Mission).

Was ich daraus mache:

Statt mehr Empfehlungen zu liefern, bauen wir eine Community für Streaming-Reflexionen. Wer über seinen Geschmack nachdenkt, entwickelt Vertrauen in sich selbst UND in Shelfd. Das ist Design für Einwirkzeit: Nicht auf Klicks optimieren, sondern darauf, dass Menschen verarbeiten, durchdenken, integrieren.

Und wenn Menschen beginnen, sich bewusst durch das Überangebot zu navigieren, dann machen wir unseren Job richtig.

Lass uns die Vielzahl an Wirkungssignalen einmal systematisch durchgehen.

Woran du deinen Impact erkennst

Der Einfluss, den du auf deine Audience ausübst, zeigt sich in der Einwirkzeit. Diese kannst du systematisch beobachten:

  • Führe jährlich eine Mitglieder- und Publikumsbefragung durch → frage nach konkreten Verhaltensänderungen

  • Beobachte das Timing von Reaktionen → kommen sie sofort oder verzögert? Bleiben sie an der Oberfläche oder lassen sie eigene Gedanken zu den Themen erkennen?

  • Bitte um Weiterempfehlungen und erfasse im Onboarding, wie neue Leute auf dich aufmerksam wurden → werden deine Inhalte geteilt?

  • Sammle qualitative Testimonials → nicht „Cool!“, sondern „Ich hab X gemacht und dann ist Y passiert.“

  • Miss Conversion-Signale → z.B. eingetragene Coupon-Codes bei Partnerschaften

Das sind Einwirkzeit-Signale in der Praxis. Nicht perfekt quantifizierbar, aber spürbar. Und sie zeigen dir, ob deine Mission Wirkung entfaltet.

Du kannst diese Erkenntnisse nun sowohl für deine eigene Formatentwicklung nutzen, um dein Publikum zu Superfans und schließlich zu bezahlenden Mitgliedern zu begleiten. Oder sie gegenüber potenziellen Werbepartnern vorbringen: „Schaut mal, das ist die Art Wirkung, die wir erzielen. Zusammen könnten wir…“

Wenn du merkst, dass Menschen deine Inhalte nicht nur konsumieren, sondern dass sie darüber nachdenken, sie durchdenken, in ihr Leben integrieren und ins Handeln überführen, dann weißt du: Es wirkt, was wir hier machen.

Drei Fragen zur Selbstreflexion

Bevor du diese Mail schließt, nimm dir einen Moment:

1. Okay, du hast eine Mission. Wissen deine Leser:innen davon? Wenn du zehn zufällige Abonnent:innen fragst: „Wofür steht [deine Publikation]?“ – würden sie alle in etwa das Gleiche sagen?

2. Was glaubst du, bewirkst du bei deinem Publikum – und was bewirkst du tatsächlich in den 167 Stunden zwischen deinen Inhalten? Hast du deine Audience jemals gefragt?

3. Wenn jemand 6 Monate lang deine Inhalte konsumiert, was hat sich in ihrem Leben konkret verändert? Kannst du das benennen oder hoffst du, dass „irgendwas hängen bleibt“?

Schreib mir in ein paar Tagen zurück, nachdem du mal drüber schlafen konntest (einfach als Antwort auf diese Mail) – welche dieser Fragen hat dich am meisten beschäftigt? Wir haben große Lust, in weiteren Ausgaben tiefer reinzugehen. Denn „Mediapreneur” soll entlang realer Erfahrungen wachsen. Zusammen mit dir.

Frische Grüße
sendet dir
David

🎒 Mediapreneur ist Ambassador der Berliner Mitgliedschafts-Plattform Steady. Wenn du dich über unseren Affiliate-Link anmeldest (Si apre in una nuova finestra), können wir dir eine 60-minütige, individuelle Beratung zu deiner Community-Finanzierung anbieten. Für dich entstehen keine zusätzlichen Kosten. Du sparst sogar die Steady-Provisionen in den ersten drei Monaten nach Launch.

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