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Geschichte geshreddert

Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) will für das Gebäudeensemble am Berliner Bogensee in Wandlitz einen Abrissantrag stellen. Man wisse um den Denkmalstatus, doch die jährlichen Instandhaltungskosten des leerstehenden Areals seien viel zu hoch, und es finde sich kein geeigneter Käufer. Einmal wurde ein avisierter Deal gestoppt, “weil wir gesagt haben, das Grundstück einfach so zu verkaufen würde im schlimmsten Fall bedeuten, dass dort die falschen Leute einen Erinnerungsort schaffen, was wir alle nicht wollen”, so BIM-Geschäftsführerin Birgit Möhring zur Berliner Morgenpost. Gemeint sind die ehemalige FDJ-Hochschule (1951/52), entworfen von Hermann Henselmann und Kurt Liebknecht im Sozialistischen Klassizismus und die 1939 errichtete Villa des NS-Propagandaminister Joseph Goebbels (Architekten Jürgen und Heinrich Schweitzer/Hugo Constantin Bartels). Seit 25 Jahren stehen die Gebäude leer. Und es soll ein Vierteljahrhundert lang allen Ernstes nicht möglich gewesen sein, für diese Zeugen der Deutschen Geschichte eine angemessene Nutzung zu finden? Das geht salopp gesagt auf keine Kuhhaut!

Wandlitz, Goebbels-Villa (Bild: Oberlausitzerin64, CC BY-SA 4.0) (Si apre in una nuova finestra)

Der Umgang mit dem architektonischen Erbe der DDR, vor allem aber mit dem des Nationalsozialismus ist ein unbequemes Terrain, es ist völlig klar, dass hier erhöhte Sensibilität gefragt ist. Doch zu behaupten, es wäre so heikel, dass bis heute keine angemessene Lösung für das ideologisch belastete Areal zu finden sei, ist schlicht peinlich. Schon die antifaschistische DDR wusste die Goebbels-Villa umzunutzen: Als “Waldhof am Bogensee” wurde sie integriert in die neue FDJ-Hochschule. Ebenjene Hochschule wurde nach der Wende vom Internationalen Bund für Sozialarbeit (IB) übernommen und erst um 2000 aufgegeben. Es gab also bereits eine jahrzehntelange Nachnutzung, die keinerlei Skandal war. Die Begründung, man wolle verhindern, dass insbesondere der NS-Bau zur rechten Pilgerstätte werde, ist ein veritables Totschlagargument. Das ist einerseits eine Selbstverständlichkeit, die keine Demokrat:in anzweifeln kann. Andererseits hat man damit aber auch die Möglichkeit, generell jeden Interessenten abzuschmettern. Entweder, weil man ihn für politisch unkorrekt hält oder eben, weil man ihm einen angemessenen Umgang nicht zutraut. Doch was ist denn angemessen?

Wandlitz, FDJ-Hochschule (Bild: Olaf Tausch, CC BY 3.0 (Si apre in una nuova finestra))

Blickt man zurück, bekommt man das Gefühl, dass Deutschland in Ost und West im Umgang mit ideologisierten Gebäuden schon weiter war - selbstverständlicher. Im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium in Berlin (Ernst Sagebiel 1935/36) war zu DDR-Zeiten das Haus der Ministerien, nach 1989 der Sitz der Treuhandanstalt, und seit 1999 befindet sich hier das Bundesfinanzministerium. Über das Zeppelinfeld des von Albert Speer und Werner Brugmann geplanten Nürnberger Reichsparteitagsgeländes verläuft der Norisring, eine Auto- und Motorradrennstrecke. Seit 1947 sitzen die Zuschauer auf der Führertribüne und widmen sich bratwurstessend der unpolitischen Raserei. Hertha BSC bestreitet seine Fußballspiele im Berliner Olympiastadion (Werner March 1934-36), ohne vor jedem Anpfiff auf die Verbrechen des Nationalsozialismus hinzuweisen.

Norisring: Motorradrennen vor Führertribüne (Bild: MichaelKR, CC BY-SA 4.0 (Si apre in una nuova finestra))

Die Tabuisierung von NS- und auch manchen DDR-Bauten hat in den vergangenen Jahren zugenommen: Um 2023 begannen bundesweit Kultusministerien, öffentliche Bauten auf NS-Relikte zu untersuchen - entnazifizierte Reichsadler, Skulpturen oder Bauschmuck. Natürlich wurde man fündig, und bald kamen Forderungen auf, diese Teile zu demontieren oder abzureißen - ob sich je jemand an ihnen störte oder nicht. Sie mit einer Erklärungstafel zu versehen oder schlicht zu ignorieren, kommt mittlerweile für viele nicht mehr in Frage. Doch von Steinen geht keine Gefahr aus. Sehr wohl aber von lückenhafter Bildung: Wer über das Dritte Reich, die DDR und auch über die Unwiederbringlichkeit historischer Zeugnisse Bescheid weiß, wird einem pragmatischen Umgang mit derlei Gebäuden sehr wahrscheinlich offener gegenüberstehen - und wohl auch weniger zu moralischem Rigorismus neigen. Belastete Bauten alltäglich zu nutzen heißt nicht, ihre Geschichte zu negieren. Gibt es ein schöneres Symbol für den Sieg einer offenen Gesellschaft, als einen Christopher Street Day auf der Berliner Straße des 17. Juni, Albert Speers einstiger Ost-West-Achse für die Reichshauptstadt Germania?

Ulm, Reichsadler am Finanzamt (Bild: Reutlingerdorf, CC BY-SA 4.0 (Si apre in una nuova finestra))

Nicht nur moralische Hypersensibilität (oder das Vorschieben einer solchen!) kann zu solch haarsträubenden Entwicklungen wie dem drohenden Bogensee-Abriss führen. Auch wirtschaftliche und bürokratische Zwänge lasten schwer: Das BIM ist gesetzlich dazu verpflichtet, nach kaufmännischen Grundsätzen zu handeln. In Zeiten horrender Immobilienpreise bedeutet das, herauszuholen was geht. Solange nicht die Möglichkeit besteht, bei sanierungsbedürftigen Großanlagen, deren Instandsetzung einen höheren zweistelligen Millionenbetrag verschlingen dürfte, beim Verkauf auch finanzielle Abstriche zu machen, bleibt dem Verfall Tür und Tor geöffnet - oder eben dem Abriss. Doch der wäre nicht weniger als eine Niederlage der demokratischen Gesellschaft. Zwei unbequeme Symbole Deutscher Geschichte zum Opfer gefallen je nach Sichtweise rechter oder linker Ideologie und dem Kapitalismus. Das kann es nicht sein.

Daniel Bartetzko, Mai 2025

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