
Jugendbewegungen/Harris 107 Days/Reykjavik 112/Cookyourlife-Challenge/Veggie Blieskastel
Ich habe die Einheitsfeiern des 3. Oktober in Saarbrücken nur – siehe Foto- aus der Ferne verfolgt, aber ein Misston hat mich geärgert. Es geht um Angela Merkels Bemerkung, man hätte statt Emmanuel Macron auch einen osteuropäischen Staatsmann einladen können. Es geht dabei nicht um die Anregung selbst, niemand wird etwas dagegen haben. Aber sie erinnert mich an die vertane Chance in der Außenpolitik, als Merkel am Ruder war. Macron, damals noch mit eigener Mehrheit im Parlament, ging auf die Bundesregierung zu, machte in seinen Reden von Athen und der Sorbonne eine ganze Reihe von Anregungen, die, hätte man etwas draus gemacht, heute für ganz Europa eine ganz andere Lage ergeben hätten. Merkel ignorierte das.
Sie hatte ihr politisches Kapital schon durch die Aufnahme der geflüchteten Menschen aus Syrien verbraucht und wollte ihrem Lager keine weiteren Experimente zumuten. Sie hat auch Jahre danach, nach dem Überfall auf die Krim und der Unterstützung für Assad, wegen dem all diese Menschen ja geflohen sind, weiterhin auf Putin gesetzt. Putin durfte einerseits Europa destabilisieren, andererseits wurde er als Partner hofiert. Europa verbrachte viele Jahre in einer Stabilität, die, wir wissen es heute, reine Illusion war. Die Folgen sind bitter: Nicht mal gegen einige Drohnen steht Verteidigungstechnologie zur Verfügung. Der Vorsprung bei den Erneuerbaren wurde aufgegeben, mögliche deutsch-französische Infrastruktur- und Industrieprojekte vernachlässigt. Das europäische Projekt ist, Mario Draghi erinnert immer wieder daran, unsere beste Chance auf unabhängiges Wachstum, gemeinsame Sicherheit und Frieden - aber weil das nicht genügend vorbereitet wurde, diskutieren wir über die Streichung der Pflegestufe1.
Andererseits ist mir gut in Erinnerung, wie die Zeit damals war. Sommermärchen forever. Hätte Merkel in einer Fernsehansprache vor Putin gewarnt, Gas und Öl aus Russland verboten und Schulden gemacht, um Aufrüstung zu finanzieren – ihre eigene Partei hätte ihre Zurechnungsfähigkeit bezweifelt. Aber sie sollte dazu lernen. Ihre Äußerung jedenfalls ist ein klarer Fall für den Standardkommentar unseres Sohnes: Sagt die richtige!
Was wirklich schmerzt, ist die verlorene Zeit. 2017, als Macron seine Vorschläge machte, also vor der Pandemie, war Frankreich wirtschaftlich und parlamentarisch viel stabiler. Nun schleppen sich die Parteien kläglich über die Runden. Alle sind voneinander genervt. Der einzige Grund, aus dem Premierminister Lecornu nicht schon längst per Misstrauensvotum aus dem Amt gekegelt wurde, ist, dass er seine Regierung noch nicht berufen hat. Man kann die Regierung nur als Ganzes abwählen und seine derzeit geschäftsführenden Ministerinnen und Minister – die sind ja schon abgewählt. Zombies kann man nicht erschießen.
Gemeinsam wäre es leichter gewesen und die Gegenwart nicht so verdammt gefährlich.
In Frankreich schaut man viel nach Marokko. Hoffnungsvoll, dass sich dort nun ein Jugendprotest erhebt, auch in Sri Lanka und Nepal tut sich etwas. An den Rändern also, wo besonders wenig Geld für junge Leute da ist. Ich vermute, dass sich auch in Europa bald wieder eine politische Jugendbewegung artikuliert. Denn derzeit spielt die Jugend in ihrer Diversität, es ist natürlich kein einheitlicher Block, politisch nicht die geringste Rolle. Wenn ich irgendwo bin, wo sich Macht und Geld versammeln, oder wenigstens Einfluß, bin ich oft einer der Jüngsten im Zimmer.
Jüngere PolitikerInnen geben wegen der fehlenden Regulierung der Plattformen frustriert auf. Alte und sehr alte Männer vereinen mehr politische und finanzielle Macht als ihnen zusteht. Geld ist bergeweise da, für jeden Unsinn, aber gerade die brauchen es, die ins Leben starten - schreibt schon Montaigne.
Ich habe nicht den Eindruck, dass Trump oder Putin und das, was sie so vorzuschlagen haben, bei der Mehrheit der Menschen unter 30 gut ankommen. Unser Sohn beschwert sich oft über die hohen Preise für Döner und vor einigen Monaten erzählte ich ihm, dass ein neuer Politiker in New York sich in seinem ersten Bewerbungsclip genau darum kümmert, die irre hohen Preise für fast food. Tik Tok ist die bevorzugte Infoquelle des Sohnemanns, er hob nicht mal den Kopf, als er mir zustimmte: “Klar, der Mamdani.” Ich kam mir vor, als hätte ich ihm offenbaren wollen, dass es in Kalifornien eine nach einem Apfel benannte Firma gibt und die machen Computer. (Ist nur ein thematisches Beispiel, ich weiß auch um die diskussionsbedürftigen Aspekte von Mamdanis Programm).
In diesen Tagen scheint die Politik fest zu stecken, aber das wird nicht so bleiben. Neue Leute bringen neue Themen und neuen Schwung – aber wir kennen sie nicht.
Noch gehen sie morgen früh zur Schule.
Wegen meiner grundsätzlichen Vorliebe für das Genre konnte ich auch an den Memoiren von Kamala Harris nicht vorbei lesen. Zumal ich mich seinerzeit ja auch geirrt hatte und wissen wollte, was eigentlich die Kandidatin selbst über diesen Verlust sagt? Ganz offensichtlich hat Harris schon die nächste Wahl fest im Blick und äußert sich nur sehr vorsichtig, was zu einer gewissen Langeweile im Text beiträgt. Aber hin und wieder blitzen doch Momente der Wahrheit auf.
https://107daysbook.com (Si apre in una nuova finestra)Am Erhellendsten fand ich die Beschreibung des höfischen Protokolls und der machtbeschwerten Institution, zu dem Politik in den USA verkommen sind. Die quasi imperiale Macht ist derart weit weg vom Alltag, dass auch Besuche draußen, bei den Wählerinnen und Wählern aufwendig inszeniert werden müssen. Als ihr während der Vorbereitungen für das TV Duell nach einem Spaziergang an der frischen Luft in Begleitung ihres Mannes ist, muss die Polizei ein Stadion finden und absichern, zu dem sie dann in großer Kolonne gefahren werden. In Gegenwart von Dutzenden von Personenschützern absolvieren sie dann den Abendspaziergang.
Sehr interessant liest sich ihre Darstellung der privaten Seite von Trump. Im Fernsehen gibt er ja den Oberfiesling, zu ihr war er aber immer voll des Lobes, zugewandt und schwärmte auch von ihrem Ehemann. Ich habe mich immer gefragt, wie Merz und Macron es schaffen, ein persönliches Verhältnis zu Trump aufzubauen, offenbar geht das ganz leicht.
Harris bewahrt Humor und gibt sich im Übrigen angenehm bescheiden. Sie hat viel gelernt, ihr Bestes gegeben, aber die Faktoren für einen Sieg waren nun mal nicht beieinander. Ihr Verhältnis zu Biden bleibt ambivalent: Einerseits mag sie ihn, respektiert seine Erfolge, andererseits hat er sie jahrelang nicht vorkommen lassen und sie startete ihre Kandidatur schwächer, als es nötig gewesen wäre. Wieder einmal ein Lehrstück: Wann immer linke, liberale und ökologische Kräfte einen Sieg erreichen, treten sie mit einem vielfältigen und charismatischen Team an. Wenn aber Pelosi, Newsom und wie sie alle heißen, ihre eigene Agenda verfolgen, geht man eben gemeinsam unter. Und wir gehen mit.
Aber trotz allem: Wenn man diese Kandidatin mit dem derzeitigen Amtsinhaber vergleicht, kommt man schon ins Zweifeln: Warum sind auf der demokratischen die Standards der Amtsführung und Kommunikation so extrem hoch, auf der anderen Seite des politischen Spektrums aber kaum noch existent?
Das Genre des nordischen Krimis ist ein Opfer des eigenen Erfolgs. Manchmal glaubt man, eine entfesselte KI-Anwendung schmeißt irgendwelche Figuren, Städte und extreme Grausamkeiten in einen Becher und würfelt zusammen, was Plattformen dann ausspielen. Ermittler mit eigenem Knacks kommen vor, wilde Tiere, magische Nebel und internationale Serientäter. Oft gebe ich schon nach Minuten auf. Aber im Fall dieser isländischen Serie ist es anders. Die Grundidee erinnert an den Peter Weir Klassiker Der einzige Zeuge und die Ausgangssituation ähnelt einem Fall, der gerade in Frankreich diskutiert und verhandelt wird. Die Eingangsszene ist nichts für schwache Nerven, aber leider weder übertrieben noch erfunden: Feminizide sind krimineller Alltag.
https://www.arte.tv/de/videos/120833-001-A/reykjavik-112-1-6/ (Si apre in una nuova finestra)Essen und Rezepte sind ein tolles Medium für biografisches Erzählen. In diesem neuen Format des stets einfallsreichen New York Times Cooking nennt sich das die Cook my Life Challenge. Ich überlege seitdem, welche drei Sachen ich kochen würde.
https://www.youtube.com/watch?v=G_0DyDpurtM&list=PLYG6O_GQCZwjK7GurWsWWAKlOhN-9KM9Z (Si apre in una nuova finestra)Das Saarland war ja ganz im Rausch der großen Einheitsfeier. Ich konnte leider nicht dabei sein, als kleiner Gruß kommt dafür das vegetarische Gericht aus dem schönen Blieskastel.
https://www.ardmediathek.de/video/mit-herz-am-herd/linsenbaellchen-mit-pikantem-kuerbis/sr/Y3JpZDovL3NyLW9ubGluZS5kZS9NSEFIXzc1MzYx (Si apre in una nuova finestra)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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