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Wer hat an der Uhr gedreht?

Zeitenwende ohne Ende/Nigel Slater /Serie Cum Ex/ Stand bei Wbg/Darroze und Pépin

Ich habe zum Glück einen guten Schlaf, den hatte schon mein französischer Großvater, der in seiner Kaserne bei Metz angeblich auch den Angriff der Deutschen im Mai 1940 durchgeschlafen hat, während sein Flugzeuggeschwader längst in Richtung Süden geflohen war. Vermutlich ist diese Geschichte aber auch nur erfunden.

Neulich jedenfalls wurde ich in der Nacht wach, weil ich befürchtete, zu verschlafen. Ich wollte auf meiner Apple Watch nachsehen, wie spät es ist, aber die blieb schwarz. Es gibt da so eine Einstellung für Schlafphasen, dann ruht auch die Uhr, aber durch einen Druck auf die Krone erscheint die Uhrzeit trotzdem. Tat ich dann, zwei Mal, aber ohne Erfolg. Ich fluchte leise, fummelte nach dem Wecker und merkte mir, dass ich gleich am nächsten Tag die Einstellungen der Uhren-App ändern muss, sowas sollte mir nicht nochmal passieren. Digitaltechnik schön und gut, empörte ich mich, aber wenn man nicht mal die eigene Uhr lesen kann? Auflösung der Geschichte: Am Morgen blickte ich auf meinen Arm – ich trug in dieser Nacht gar keine Uhr, tue ich nie, aber dennoch war ich davon überzeugt, dass sie an meinem Arm geschnallt ist und nicht funktioniert.

Solche Zeiten sind das gerade – man weiß einfach nicht, wie spät es ist. Dabei kommt die politische Rhetorik gar nicht ohne Uhrzeiten und Jahreszahlen aus. Seit ich ein Teenager bin, ist es “Fünf vor Zwölf” – damals wegen der Pershing II Raketen, des Waldsterbens oder des drohenden Atomkrieges. Aber was passiert eigentlich um zwölf? Diese fünf Minuten dauern nun schon vierzig Jahre, ein Effekt, den man auch von gewissen Redebeiträgen im Kollegenkreis kennt. Konfus wird es auch bei der symbolischen Aufladung von Jahreszahlen: Sind wir in Bezug auf die Gefahr aus Russland schon 1938 oder 1939? In vielen Ländern des einstigen Westens stehen die radikalen Rechten weit oben in den Umfragen, in Washington regiert ein Bewunderer rechtsradikaler Schläger. Haben wir 1933 dann schon hinter uns gelassen? Oder steht uns das alles noch bevor, die Paraden, die Bücherverbrennungen und die Konzentrationslager?

Manchmal verwirren historische Bezüge auch mehr, als sie aufklären. Man kann natürlich aus der Geschichte eine Menge über radikale Rechte lernen, etwa, dass sie lügen wie gedruckt, vom Hass befördert sind, vor allem dem gegen Juden, und eine Faszination für Macht und Gewalt pflegen. Aber nicht immer kommen sie mit Militärparaden, Personenkult und Gleichschaltung, jedenfalls nicht sofort.

Ansonsten aber muss man sich unverzüglich der Gegenwart 2025 stellen. Abwarten ist eine ganz schlechte Idee. Frankreich beispielsweise kann froh sein, dass der damalige Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz 2015 nicht gezögert hat, die Le Pen-Fraktion wegen Veruntreuung anzuzeigen. Der Sachverhalt ist nicht zu bestreiten, immer wieder haben sich die Leute von der Front National damit gebrüstet, EU Gelder zur Finanzierung heimischer Kräfte umzuleiten, etwa für den Fahrer des Parteigründers Jean-Marie Le Pen. Da die Mühlen der französischen Justiz langsam aber sicher mahlen, führt das nun dazu, dass Marine Le Pen bei der kommenden Präsidentschaftswahl nicht antreten kann. Ihr Lager hat damit ein großes Problem. Ohne die Verurteilung wäre sie hingegen sehr schwer zu stoppen.

Leider denken wir gerade bei unangenehmen Themen, dass noch viel Zeit bleibt. Bei den vielen Rückblicken zum zehnten Gedenktag der Flucht all dieser Menschen aus Syrien hat mir ein Gedanke gefehlt. Es ging ja viel um Merkel, um Wir schaffen das und die Zustände in den Kommunen, alles wichtige Themen. Deutsche Berichterstattung über Deutschland ist ja eine Königsdisziplin und noch jedes internationale Problem endet mit einer Befragung “der Menschen” in einer Fußgängerzone “draußen im Lande”.

Aber man konnte schon im Sommer 2015 von den zu uns fliehenden Menschen erfahren, was Putin und sein Protégé Assad in Syrien veranstalten. Die Fassbomben, die Foltermaschinen, das militärische Vorgehen gegen die eigene Zivilbevölkerung. Dieser Mann würde nicht zögern, seine Macht mit extremer Brutalität auszuweiten. Das hat er in den folgenden Jahren auch, ein ums andere Mal.

Warum dauerte es dann noch sieben Jahre bis zur Zeitenwende? Haben wir noch einmal sieben Jahre?

Wer öfter diesen Newsletter liest, weiß, dass ich eine Schwäche für die Rezepte und den Stil des britischen Autors und Koch Nigel Slater habe. Meine Schwester hat mir sogar mal eine Slater-Seife namens The Feast geschenkt, die in ihrer orangen Originalverpackung auf dem Schreibtisch liegt und die ich im Fall von Inspirationsverzögerung zum Duft-Doping nutze. Heute empfehle ich ein besonderes, neues Buch von Nigel Slater. Es enthält viele kurze Texte und Beobachtungen, die meisten hat er auf Reisen notiert. Man erfährt, dass der Autor vor seinen Reisen sehr auffällig wird und allerhand Listen zum Kofferpacken führt, die er über die Jahre immer wieder redigiert - mit Füller im Notizbuch. Außerdem hat er eine “feste Lederbox mit Messingreißverschluss, die Ladegeräte und Adapter enthält.” Unterhosen kommen nur drei mit: Eine zum Wechseln, eine zum Waschen und eine zum Tragen. Er lobt mutig den Wäscheservice in jedem Hotel.

Ich bin nicht so der vielreisende, aber ich lese gerne darüber. Und einige meiner Lieblingsbücher, etwa Roland Barthes über Roland Barthes oder Federico Fellinis Aufsätze und Notizen, haben so eine Form, sind eine Sammlung kurzer Texte. Mal sehen, ob das auch ein Lieblingsbuch sein wird. Kapitelüberschriften wie “Die zweite Tasse Tee” sind schon mal vielversprechend.

In den Serien bin ich derzeit etwas heimatlos. Im Sommer habe ich wenig geschaut und nun stoppe ich viele teure Produktionen der Plattformen schon nach wenigen Minuten, da ist mir einfach zu viel KI am Drehbuch beteiligt.

Aus Anlass des Fernsehpreises habe ich also noch einmal Klassiker geschaut und festgestellt, dass ich einer ganz besonderen Produktion hier im März nur sehr wenige knappe Zeilen gewidmet habe, nämlich der internationalen Co Produktion Die Affäre Cum Ex. Erfrischenderweise handelt es sich nicht um eine Krimiserie, nicht von Harlan Coben, keine toten Kinder oder Frauenleichen, keine Szene in der Gerichtsmedizin, in der ein Pathologe auch ein Brötchen isst und die Ermittlerinnen haben auch keinen Knacks, außer dem, bestürzend normal zu leben. Es handelt sich um eine satirische Ethnographie der Finanzwelt, leider nicht nur an ihren Rändern. Ein anderer Strang spielt in Dänemark, wo sozialdemokratische Staatstreue durch neoliberale politische Experimente in der Finanzverwaltung abgelöst wird - nichts davon erscheint ausgedacht.

https://www.zdf.de/serien/die-affaere-cum-ex-102 (Si apre in una nuova finestra)

In den Nachrichten geht es wieder viel um Kürzungen im Sozialstaat, Einsparungen bei denen, die ohnehin nichts haben und deren Familien Solidarität und eine Starthilfe brauchen. Da ist es gut auch mal dorthin zu schauen, wo uns wirklich viel Geld durch die Lappen geht, weil, wie in dem Bestseller von Ulrich Wickert heißt, der Ehrliche der Dumme ist, nach ganz oben nämlich. Abseits von solchen Überlegungen gibt es auch Szenen zum Lachen, eine private Autowaschanlage spielt da eine ganz besondere Rolle.

In unserer Nähe findet am Wochenende ein sogenanntes Römerfest statt, das werde ich mir ansehen. Das führt mich zum Thema Geschichtspodcast Was bisher geschah. Nach unseren Aufrufen und meiner Geschichte am letzten Sonntag haben sich sehr viele Kolleginnen und Kollegen gemeldet und ihre konkrete Hilfe bei Produktion und Marketing angeboten. Sehr viele haben auch Geld überwiesen und Abonnements abgeschlossen, der Stand ist nun geradezu überwältigend: Das Ziel ist schon zu 62% erreicht. Noch ein, zwei Wochen mehr und Was bisher geschah läuft viele Jahre in guter Ausstattung. Es gab auch Angebote, uns mit ehrenamtlicher Arbeit zu unterstützen, aber wir bemühen uns ja gerade um eine vernünftige finanzielle Ausstattung, damit niemand umsonst arbeiten muss.

Verbreiten sie es gerne weiter oder abonnieren sie sich gleich hier. Mit etwas Glück geht es ganz bald wieder los mit neuen Folgen zu alten Römern (aber nicht nur, auch ein Belgier ist in Vorbereitung)

https://steady.page/de/wbg/about (Si apre in una nuova finestra)

Die Haute Cuisine war lange Zeit eine reine Männersache, aber so langsam ändert sich das, Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang die Rolle von Hélène Darroze, die hier ihr Sonntagshuhn vorstellt:

https://www.youtube.com/watch?v=k7QBwOWwmDE (Si apre in una nuova finestra)

Als Variante ohne Geflügel käme heute dieses effektive Rezept unseres Freundes Jacques Pépin in Frage:

https://www.youtube.com/watch?v=taPx3-EVQQU (Si apre in una nuova finestra)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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