Freiheit des Caddy/Eigendorf/Führer und Verführer/Serie Mittendrin/ Nigel Slater

Als ich unseren Nachbarschaftssupermarkt vor beinahe zwanzig Jahren zum ersten Mal betreten habe, war er eine Art Museum der deutschen Fresswelle der fünfziger und sechziger Jahre: Eisbein, kaltes Fleisch in Gläsern und überall Wurst. Heute ist dort Fleisch ein Spezialsegment für Minderheiten, dafür gibt es jede Menge gesunde Sachen und Zutaten für Rezepte aus der ganzen Welt. Glutenfreies, veganes, biologisch zertifiziertes Tofu aus Tibet grüßt in hohen Pyramiden! Groß ist der Laden nicht, aber er behauptet sich gut gegen die Mega-Rewes der Umgebung. Das liegt am rein weiblichen Team, das unter allen Umständen gute Laune bewahrt, freundlich und schnell ist.
Nun haben sie unvermittelt etwas Neues gemacht: Den Chip oder die Münze zum Loslösen des Caddys abgeschafft – ohne Vorwarnung. Für mich war der Moment mit der Münze vor dem Einkauf immer ein minimalistisches Orakel für den Tag: Werde ich das passende Geldstück dabeihaben, gar einen Chip? Ein Moment der analogen Wahrheit, denn deine Karte hilft Dir jetzt nicht! So ging es vielen: Nach Münzen kramen, sie tauschen, die Kassierin nerven, es war oft genug ein einziger Huddel. Ich hielt ihn für so naturgegeben wie die Schwerkraft. Natürlich muss es so sein, die Wagen sollen nicht frei herumrollen, wo kämen wir da hin?
Die Crew des Rewemarkts unserer Nachbarschaft (mein Codename dafür: le rêve) hat dem Wahnsinn nun ein Ende gesetzt. Alle Wagen stehen allen Kundinnen und Kunden frei. Ende der Ketten, vive la Liberté. Ich habe staunend nachgefragt und nur Schulterzucken geerntet: “Das war doch soo nervig, also Schluss damit!” Ein wenig Klebeband, schon beginnt die neue Zeit.
Es ist eine Veränderung wie das Ende der Badekappenpflicht, die die Hallenbadbesuche meiner Kindheit verschattet hat. Die war ehernes Gesetz – und eines Tages völlig vergessen. Der legendäre Koch Ferran Adrià beschreibt einen ähnlichen Moment des Risikos, als er in seinem Restaurant “El Bulli” den Käsewagen abgeschaffen wollte. Und dennoch auf drei Sterne im Michelin hoffte. Das galt als unmöglich: So eine Spitzenbewertung habe es immer nur mit Spitzenkäsewagen gegeben, aber niemals ohne. Adrià hielt das für Käse und ersetzte den Gang durch eine seiner molekularen Kreationen, vielleicht explodierenden Rohmilch- Camembert in Kaviarkorngröße, wer weiß? Es war nicht das Ende seiner Legende, sondern ihr Beginn: no risk, no fun.
So erinnern die Damen des Rewe an einen wichtigen Zauberspruch, mein Mantra: Alles könnte anders sein.
Der exzellente Journalismus von Katrin Eigendorf funktioniert in Textform noch besser als im Fernsehen. Hier kann man sich in ihrem ruhigen und doch zutiefst menschlichen Stil die Welt erklären lassen, ohne zu verzweifeln. Es ist persönlich, aber nie aufdringlich, sondern unerschrocken auch da, wo es weh tut, besonders bei den Frauen und Mädchen in Afghanistan. Ihre Texte lassen Raum und Zeit für eigene Gedanken und Schlussfolgerungen. Eigendorf beschallt ihr Publikum nicht mit “sieben Dingen, die die UNO jetzt muss!”

Der Titel des Buches ist eine Variation auf das berühmte Rudolf-Augstein-Zitat, seine Definition des Journalismus: Sagen, was ist. Ich habe den Satz – er ist im Foyer des Speigels verewigt, wo ich einmal gearbeitet habe – immer als Zauberspruch gelesen, den der Martin Heidegger-Interviewer Augstein bewusst vieldeutig formuliert hat. Denn man kann ihn umdrehen: Erst wenn etwas gesagt wurde, ist es. Reden und Schreiben formen unsere Welt. Journalisten gestalten die Welt, indem sie über Menschen berichten, deren Schicksal sonst im Dunkel bliebe.
Die meisten Leute wären im Strom der Nachrichten gar nicht aufgefallen, wenn hier nicht so eindrücklich davon erzählt würde.
Ich habe diesen Film schon x-mal gesehen und werde mich bald wieder davor setzen. Mit unabweisbaren Parallelen zur Gegenwart zeigt Joachim A. Lang, wie Joseph Goebbels die Propaganda genutzt hat, um den Deutschen die mörderischen Pläne Hitlers zu verkaufen. Man sieht die Nazi-Bosse nicht als Dämonen oder Teufel in Menschengestalt, sondern als ganz gewöhnliche Gauner.
https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyOTQ5Mzc (Si apre in una nuova finestra)Die Massenmedien ihrer Zeit, die Wochenschauberichte und die Radioansprachen, die Musik und die Filme wirkten wie ein mächtiger Brandbeschleuniger. Viel zu meditieren in diesem Film – der auch sehr respektvoll mit den Überlebenden umgeht und dem Gedenken an all jene, die eben nicht überlebt haben. Der Historiker Thomas Weber war beratend dabei, alle Schauspieler überzeugen – selten, dass mich ein deutscher Film so rundum überzeugt.
An verregneten Sonntagen fuhr mein Großvater mit mir zum Flughafen. Der von Bordeaux ist zwar nicht ganz so spannend, aber ihm hat es Spaß gemacht: Die waghalsigen Landungen, die albernen amerikanischen Touristen, Menschen, die im Stehen essen – und eine Zeitung konnte er sich dort auch noch kaufen. Seitdem bin ich auch gern am Flughafen und habe auch nichts gegen etwas Wartezeit. Ich sorge gerne vor: Schneesturm,Tsunami, Extremwetter, kein Taxi, Stau, Panne, etwas vergessen, lange Schlangen , aus Versehen die Katze mit eingepackt – hat es alles schon gegeben und es kann ja auch alles zusammen oder nacheinander passieren. Angesichts all dieser Gefahren bin ich gerne früh, sehr früh am Flughafen. Der Transparenz halber sei angefügt, dass mein Zeitplan vor Flügen in der Familie nicht unumstritten ist. Allerdings haben wir noch keinen Flug verpasst!!!Und ehemalige Kollegen, Nachbarn, einstige Klassenkameraden oder Kindergartenfreunde meiner Frau freuen sich über ihre SMS, denn endlich hat sie mal zuviel Zeit.
Immer, wenn sich diese rechten Kreise wieder über Zuwanderung aufregen und das kindliche Bild eines Landes zeichnen, das von einer Stadtmauer geschützt ist, mit Wachen davor, muss ich an den Frankfurter Flughafen denken. Wenn man oft dort ist, gibt man die Vorstellung eines irgendwie homogenen Landes auf, denn Menschen aus allen Himmelsrichtungen latschen hier durch die Gänge und es ist ein Segen. Das antike Alexandria muss so gewesen sein – allerdings ist Fraport viel friedlicher. Als Kind kam er mir vor wie die heimliche Hauptstadt der leicht langweiligen Bundesrepublik, so urban und international. Darum bin ich auch ein Fan der ewigen Doku-Soap Mittendrin. Besonders schön ist es, wenn ich zufällig im Hotel darauf stoße, die Langeweile der Talksendungen wegzappen kann und mich der Zen-Übung des Alltags am Flughafen Frankfurt hingeben kann, der die ganze Welt ist und eben doch immer Hessen bleibt. Staffel 15 schon - es ist die pure Wonne. So richtig viel passiert da nicht. Trotz allen Huddels geht alles immer gut aus. Aus Gründen des Klimaschutzes vermeide ich es zu fliegen – aber dafür gibt es ja dann so eine Serie.
https://www.ardmediathek.de/serie/mittendrin-flughafen-frankfurt/staffel-16/Y3JpZDovL2hyLW9ubGluZS8zODIyMDAzMw/16 (Si apre in una nuova finestra)Bald ist wieder leichtere Kost angesagt, aber die dauernden Warnungen vor Eis, Schnee und Blizzard regen bei mir einen vermutlich uralten Appetit auf tröstende, altmodische Gerichte an. Gerade diese emotionale Seite des Kochens kann niemand so gut beschreiben wie Nigel Slater.
https://www.theguardian.com/food/2023/dec/17/nigel-slater-recipes-for-goose-fat-chicken-and-quince-custart-tarts (Si apre in una nuova finestra)Und eine fleischlose Idee:
https://www.theguardian.com/food/2025/feb/09/nigel-slaters-recipes-for-aubergines-with-tomato-and-yoghurt-and-rhubarb-honey-and-sweet-crumbs (Si apre in una nuova finestra)PS: In der letzten Woche sind noch einmal besonders viele Mitglieder dazugekommen. So kann ich mich am Freitagnachmittag und Samstagvormittag ganz diesem Newsletter widmen. Danke.
Falls Sie die Arbeit am Siebten Tag auch unterstützen möchten, so geht das hier: