Wille und Willenskraft in Zeiten der Sucht
Dies ist ein Artikel des Psychoaktiven Magazins - denn nicht alle Gedanken passen in eine Podcast-Folge. Das Psychoaktive Magazin für alle Steady-Mitglieder beschäftigt sich mit Fallanalysen, philosophischen Ideen und Bewertungen von aktuellen Geschehen. Natürlich immer in Bezug auf Drogen und Sucht. Alle Artikel findest du im Archiv!
„Sucht hat nichts mit fehlender Willenskraft zu tun.“
Diesen Satz hört man sehr häufig, wenn es darum geht, Abhängigkeitserkrankungen einzuordnen. Er soll verdeutlichen, dass Sucht eine psychische Erkrankung ist. Es geht nicht darum, dass Betroffene „einfach zu schwach“ wären, sondern darum, dass die Flexibilität im Handeln durch die Erkrankung massiv eingeschränkt ist.Der Satz soll Stigma nehmen. Er soll Angehörigen und Betroffenen klarmachen: Es liegt nicht an mangelnder Disziplin, nicht an Faulheit, nicht an einem schwachen Charakter.
Doch wenn man diesen Satz sich etwas länger durch den Kopf gehen lässt, sind bei mir dann doch einige Fragen aufgetaucht: Braucht es nicht Willenskraft um sich auf den Weg der Heilung zu begeben? Wie findet man seine Willenskraft in der Erkrankung? Oder ist das gar nicht relevant für eine Veränderung?
Ich möchte in diesem Artikel diesen Satz gerne etwas mit Tiefe füllen und teile dazu meine Überlegungen, die ich während meiner Lektüre “Existenzielle Psychotherapie” von Yalom hatte. Dieser Artikel ist Teil der Bonusreihe: Existenzielle Suchttherapie. Alle schon erschienen Bonusfolgen und Artikel findet ihr hier. (Si apre in una nuova finestra)
Wille ist mehr als Willenskraft
Wenn wir im Alltag über Willen sprechen, meinen wir meistens Willenskraft. Also dieses Bild vom „sich zusammenreißen“, Zähne zusammenbeißen, Disziplin zeigen, für den Erfolg kämpfen. Ich greife zum Beispiel auf meine Willenskraft zurück, wenn ich ein Projekt fertig bringen möchte, obwohl ich schon erschöpft bin oder am liebsten Feierabend möchte. Wenn es sein muss, kann ich mich aber über meine Grenzen rüber pushen. Erfahrungen aus meiner Vergangenheit haben mir aber auch gezeigt, das geht mal, aber wenn ich das zu häufig tue, leidet meine eigene psychische Gesundheit darunter.
Viele Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung kennen Phasen, in denen sie sich mit purer Willenskraft versuchen, nüchtern zu halten. Zwei Wochen, drei Monate, manchmal länger. Diese Zeiten werden gerne als “Kampfnüchtern” bezeichnet.
Yalom unterscheidet in seinem Buch ganz klar zwischen Wille und Willenskraft. Wille ist mehr als nur Durchhalten. Wille ist die Brücke zwischen dem, was ich fühle und mir wünsche und dem, was ich dann tatsächlich tue. Er umfasst nicht nur Disziplin, sondern auch das Fühlen, das Wünschen, das Entscheiden. Wenn ich nur mit Willenskraft kämpfe, handle ich oft gegen mich selbst. Wenn ich mit Wille handle, bin ich in Kontakt mit mir: Ich spüre, was ich will, ich entscheide mich dafür und ich lasse mich darauf ein.
Und genau hier liegt auch ein entscheidender Punkt in der Suchttherapie: Wer nur auf Willenskraft setzt, bleibt im Kampf mit sich selbst gefangen. Wer Zugang zu seinem eigentlichen Willen findet, kann diesen Kampf verlassen und eine Entscheidung treffen, die tiefer trägt.
Wille im Kontext von Sucht
Sucht verändert den Zusammenhang zwischen Wünschen, Entscheidungen und Handlungen massiv. Die Wahl „konsumiere ich oder konsumiere ich nicht“ ist irgendwann nicht mehr frei im gleichen Sinn wie zuvor. Die biologischen, psychologischen und sozialen Prozesse der Sucht engen den Handlungsspielraum ein. Genau deshalb sprechen wir von einer Erkrankung.