
Ich beschäftige mich gerade mit einem neuen Buchprojekt, wo es unter anderem um die Kunst und die Anfänge des Schreibens geht. Dabei habe ich auch unterschiedliche alte Symboliken und Schrift- bzw. Kommunikationsarten recherchiert.
Hier einige Informationen zu den Anfängen der Kunst, Geschichten festzuhalten: die Höhlenmalerei.
Höhlenmalereien sind die ältesten bekannten Formen der Kunst. Sie wurden von Menschen in der Steinzeit geschaffen und erzählen oft Geschichten über die Jagd, Religion oder auch das Alltagsleben.
Die Höhlenmalerei, die vor allem in der Steinzeit entstand, diente den frühen Menschen für verschiedene Zwecke, deren genauer Sinn heute noch Gegenstand intensiver Forschung ist. Die dargestellten Inhalte und der Stil der Höhlenmalereien geben die besten Einblicke in die Gedankenwelt unserer Vorfahren.
Funktion und Bedeutung der Höhlenmalerei
Man geht davon aus, dass die Bilder nicht nur reine Dekoration waren, sondern eine wichtige kulturelle, spirituelle oder rituelle Funktion erfüllten:
Jagdmagie und Fruchtbarkeitsriten: Eine der ältesten Theorien besagt, dass die Malereien eine Form der sympathischen Magie darstellten. Durch das Abbilden der Tiere (oftmals Jagdbeute wie Bisons, Pferde, Hirsche oder Mammuts, aber auch gefährliche Raubtiere) sollte der Erfolg bei der Jagd gesichert oder die Vermehrung der Tierherden gefördert werden.
Schamanismus und spirituelle Welt: Viele Forscher sehen die Höhlen als heilige Orte oder Ritualzentren. Die Malereien könnten Darstellungen von Visionen sein, die Schamanen in Trance erlebten, oder Teil von Initiationsriten oder anderen Zeremonien, um mit der spirituellen Welt in Kontakt zu treten.
Informationsspeicher: Die Bilder könnten auch dazu gedient haben, Wissen über Tierarten, Jagdtechniken, Wanderrouten der Herden oder astronomische Beobachtungen (wie Sternkarten) an die nächste Generation weiterzugeben.
Künstlerischer Ausdruck und Erzählung: Ein Teil der Malereien kann auch als einfacher künstlerischer Ausdruck oder als Mittel zur Erzählung von Geschichten (zum Beispiel Jagderfolgen oder mythischen Begebenheiten) verstanden werden.
Die dargestellten Bilder (Motive)
Die Motive der Höhlenkunst lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: Tiere, menschliche Figuren und abstrakte Zeichen.
Tiere (Figürliche Darstellungen)
Tiere sind das bei Weitem häufigste Motiv und werden oft in erstaunlich naturalistischer und dynamischer Weise dargestellt.
Jagdtiere: Pferde, Bisons, Auerochsen, Hirsche, Rentiere.
Diese Tiere waren lebenswichtig für die Ernährung und wurden oft in Bewegung oder mit erstaunlicher Detailtreue (wie Felltexturen in der Höhle von Niaux) gemalt.
Gefährliche Tiere: Höhlenlöwen, Wollnashörner, Bären.
Diese Raubtiere wurden seltener dargestellt, aber wenn, dann oft sehr eindrucksvoll (z. B. in der Chauvet-Höhle, ca. 32.000 v. Chr.). Ihre Anwesenheit widerspricht der reinen Jagdmagie-Theorie, da sie keine Beute waren.
Besonderheiten:
In manchen Höhlen (z. B. Lascaux) wurden Tiere mit sogenannten "Lebenslinien" (Darstellungen innerer Organe) versehen, was auf eine tiefere, möglicherweise rituelle Bedeutung hindeutet.
Menschliche Figuren
Menschliche Darstellungen sind vergleichsweise selten und, im Gegensatz zu den realistischen Tierbildern, oft sehr schematisch oder als Mischwesen (anthropomorphe Darstellungen) ausgeführt:
Mischwesen (Schamanen): Am bemerkenswertesten sind teils aufrecht gehende Figuren, die menschliche Körper mit Tierköpfen (z. B. Vogelfedern, Bisonhörner) oder Tierhäuten kombinieren. Diese werden oft als Schamanen oder mythologische Wesen interpretiert, die eine Verbindung zur Geisterwelt herstellen sollten (z. B. der "Sorcier" in der Höhle Les Trois-Frères).
Handnegative und Handabdrücke: Diese Negativbilder (entstanden durch Aufsprühen von Farbe über die auf die Wand gelegte Hand) sind besonders häufig in älteren Phasen zu finden und werden oft als eine Art Signatur des Künstlers oder als Zeichen ritueller Teilnahme interpretiert.
Abstrakte Zeichen
Fast zwei Drittel aller Darstellungen bestehen aus abstrakten Zeichen – auch als "Non-Figurative Zeichen" oder "Signs" bezeichnet. Ihre Bedeutung ist bis heute rätselhaft:
Geometrische Formen: Dazu gehören Punkte, Rechtecke, Ovale, Gitter, Dreiecke und verschiedene Stab- oder Keulenformen.
Tiersymbole: Manche dieser Zeichen sind möglicherweise stilisierte Darstellungen von Tierfellen oder Körperteilen.
Symbolsprache: Die Tatsache, dass viele dieser Zeichen über Tausende von Jahren und weite Regionen hinweg konsistent verwendet wurden, deutet darauf hin, dass sie Teil eines gemeinsamen symbolischen oder kommunikativen Systems waren.
Herstellung der Höhlenmalerei
Die Höhlenkünstler der Steinzeit nutzten natürliche Materialien aus ihrer Umgebung und entwickelten erstaunliche Techniken:
Die Farben (Pigmente)
Die Palette war begrenzt, aber effektiv:
Rot- und Gelbtöne: Gewonnen aus Ocker, einem natürlichen Pigment, das Eisenoxide enthält. Brauntöne wurden oft aus Brauneisenerz gewonnen.
Schwarztöne: Hergestellt aus Holzkohle oder Manganoxiden (z. B. Mangandioxid), die als Mineralien vorkommen.
Das Bindemittel
Um die Pigmente an der Felswand zu fixieren, wurden sie mit verschiedenen Bindemitteln vermischt:
Wasser (meist das einfachste Bindemittel).
Tierische Fette (aus Knochenmark oder Talg).
Pflanzensäfte oder Harze.
Kalk (oft durch Sickerwasser in der Höhlenwand selbst konserviert, was die Dauerhaftigkeit extrem verbesserte).
Die Techniken und Werkzeuge
Auftragen: Die Farbe wurde mit den Fingerspitzen, einfachen Pinseln (aus Tierhaar, Moos oder zerfaserten Pflanzenstielen) oder Farbblöcken direkt auf den Fels aufgetragen.
Sprühen (Airbrush-Technik): Eine sehr ausgeklügelte Methode war das Blasen von Farbpulver (vermischt mit Speichel oder Wasser) durch hohle Knochen oder Pflanzenrohre auf die Wand. So entstanden oft die charakteristischen Handnegative (Schablonen der Hände).
Gravuren und Ritzzeichnungen: Mit scharfen Steinklingen (Feuerstein-Werkzeugen) wurden Linien in den Fels geritzt, um Konturen zu schaffen oder Bilder ganz als Gravur auszuführen.
Raumausnutzung: Die Künstler bezogen oft die natürlichen Konturen, Risse und Vorsprünge der Felswände in ihre Darstellungen ein, um eine dreidimensionale Wirkung und Plastizität zu erzielen.
Beleuchtung: Für die Arbeit in den tiefen, dunklen Höhlenbereichen nutzten sie steinerne Lampen, die mit tierischem Fett und Dochten aus Pflanzenfasern oder Moos betrieben wurden.
Regionale und zeitliche Unterschiede
Die europäische Höhlenkunst, die hauptsächlich im Zeitraum von etwa 40.000 bis 10.000 v. Chr. entstand, lässt sich in große geografische und stilistische Regionen einteilen.
Die wichtigste und bekannteste ist die Franco-Kantabrische Höhlenkunst.
Franco-Kantabrischer Kreis (West- und Südeuropa)
Diese Region umfasst Südfrankreich und die Iberische Halbinsel (insbesondere Nordspanien) und gilt als das Zentrum der paläolithischen Höhlenkunst.
Ältere Kunst (z. B. Chauvet, ca. 32.000 v. Chr.)
Sehr realistisch, dynamisch und dreidimensional wirkende Tierdarstellungen. Es dominieren Raubtiere (Löwen, Bären) und Wollnashörner. Die Malereien sind oft monochrom (hauptsächlich schwarz).
Mittlere Kunst (z. B. Lascaux, ca. 17.000 v. Chr.)
Beeindruckende, monumentale Darstellungen, oft in flächiger Füllmalerei (ohne viele Schattierungen). Die Tierdarstellungen sind lebendig und groß (z. B. der "Saal der Stiere").
Jüngere Kunst (z. B. Altamira, ca. 15.000 v. Chr.)
Höchste künstlerische Perfektion mit Polychromie (mehrere Farben) und meisterhafter Schattierung. Die Künstler nutzten die natürlichen Felswölbungen, um den Darstellungen von Bisons eine plastische, fast reliefartige Wirkung zu verleihen.
Unterschiede zu anderen Regionen
Außerhalb des franko-kantabrischen Raums gibt es zwar auch Funde (z. B. in Italien oder Russland), aber die stilistischen Entwicklungen und die Dichte der Kunstwerke sind dort anders:
Südafrika und Australien:
Hier gibt es Höhlenmalerei, die bis in die Gegenwart von indigenen Völkern praktiziert wurde. Die Motive und deren spirituelle Bedeutung weisen starke Unterschiede zur eiszeitlichen Kunst Europas auf.
Deutschland (Lonetal): Hier konzentrierte sich die Kunst in der Frühphase eher auf mobile Kleinkunst (Statuetten aus Elfenbein), wie die berühmte "Venus vom Hohle Fels" oder der "Löwenmensch", während die Höhlenmalerei in den tiefen Höhlen nicht so ausgeprägt war wie in Spanien oder Frankreich.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die prähistorischen Künstler eine hohe künstlerische Fähigkeit und eine erstaunliche Beherrschung von Techniken besaßen. Die regionalen Unterschiede zeigen, dass es zwar gemeinsame Motive gab, diese aber in verschiedenen Zeiträumen und Kulturen unterschiedlich akzentuiert und stilistisch umgesetzt wurden.
© Gemini, Überarbeitung: Gudrun Anders