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Beef mit der Polit-Chefin des Stern - Arroganz möglich

Miriam Hollstein (links) bei der Eröffnung des Jüdischen Filmfestivals Berlin & Brandenburg, 04.06.2016

Eine kurze Maulfechetrei. Die ich erzählenswert fand, weil sie unheimlich viel davon zeigt, was mit den großen Medien nicht stimmt.

Zwei Dinge vorweg:

Ich kritisiere weder alle Medien, noch alle Journalisten.
Ich kritisiere Nachrichten- und Agenturmedien. Und viele – nicht alle – Journalisten, die in dieser Branche tätig sind. Zu vielen Journalistinnen und Journalisten habe ich Kontakt oder führe konstruktive und anregende Diskussionen.

Zum zweiten halte ich wenig davon, Beef wiederzukäuen. Fast so wenig, wie von Reaction-Videos oder Daily Soaps. Es ist mühselig, dem geneigten Leser zu vermitteln, worum es geht. So, dass es auch noch Spaß und Sinn macht.

In diesem Fall werde ich das trotzdem nochmal tun.
Weil ich diesen Beef für symptomatisch halte, wie einige Journalisten bzw. Vertreter eben jener Medien mit Kritik oder auch nur dem Hinterfragen ihres sakrosankten Selbstbildes umgehen. Ich hatte ja schon einige solcher Begegnungen.

Dieser Fall war im Grunde fast schon so witzig entlarvend, dafür mache ich auch mal kurz Urlaubspause.

Der Preis ist scheiß

Am 05.12.2025 habe ich einen Beitrag zur Preisverleihung an die Korrespondentin Sophie von der Tann (Si apre in una nuova finestra) veröffentlicht, der auf Social Media einigermaßen rum gegangen ist.

https://steady.page/de/u-m/posts/8f4b2abb-afb8-48ed-9176-3292fcae3a6d (Si apre in una nuova finestra)

Darin habe ich von der Tann gar nicht groß persönlich angegriffen. Sondern die Hintergründe der Aufregung erklärt, warum die Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an sie in den Augen Vieler falsch ist. Für mich stellte und stellt von der Tann nur ein Symptom eines größeren Problems dar, weshalb sie persönlich mir ziemlich egal ist.

Ich habe erklärt, dass von der Tann – und andere – nicht zwangsläufig etwas „falsch“ berichtet haben. Was nötig ist zu erklären, da die Lobby dieser Journalisten ja immer wieder auf den Pressekodex abstellt, als wenn er die Lossagung von allen Sünden wäre. Sondern dass es bei der Kritik an ihr und der Preisverleihung um die Kommunikation geht, wie etwas berichtet wird. (Framing, Priming, Verantwortungsdiffusion, etc.)

Diesen Beitrag hatte ein Stammleser von mir auf seinem X-Account geteilt. Der Rechtsanwalt Wolf Reuter aus Berlin. Der auch schon persönlichen Kontakt mit Frau Hollstein hatte. Sicher nicht die schlechteste Adresse, sicher kein Reaction-Vlogger auf YouTube.

Darunter schrieb dann diese besagte Miriam Hollstein am nächsten Morgen:

„Na ja, schon reichlich bizarr, von der Tann vorzuwerfen, dass sie nicht im Gaza-Streifen unterwegs ist, wenn es Israel ist, das keine Journalisten reinlässt. Da scheint die Expertise der Analyse ja nicht so weit gereicht zu haben.“

Screenshot des Postings

Frau Hollstein ist die Chefin des Politik-Ressorts des Sterns.

Screenshot des Profils von Hollstein

Daraufhin habe ich geantwortet, dass es „preiswert“ sei, mir fehlende Kompetenz zu unterstellen.
(Ich bin recht sicher, Frau Hollstein hat bis heute weder meinen Beitrag gelesen, noch geprüft, mit wem sie sich da überhaupt eine Argumentation liefert.)

Ich habe gefragt, ob Journalisten und ihre Lobbys auch schon ebenso ausgiebig beklagt hätten, dass weder Russland noch die Ukraine Journalisten an die Front lassen. Und keine andere Streitkraft seit dem Vietnamkrieg Journalisten da rein lässt.

Daraufhin schrieb sie:

»Und was für ein Whataboutism, da mit der Ukraine um die Ecke zu kommen. Schon mal in Gaza gewesen? Nein? Im Westjordanland? Nein? Ach so.«

Screenshot des Postings

Zwei Argumente

Zum ersten, dass der Ukrainekrieg etwas völlig anderes sei. Und es sei Whataboutism, den ins Spiel zu bringen. Dabei ging es mir nicht um den Ukrainekrieg an sich. Sondern um die Perspektive, dass der Gazastreifen vollständig Kriegsgebiet ist, dass mehrfach in die Kampfzonen im Donbass passt. Und dass es dort völlig selbstverständlich ist, dass da keine Journalisten an der Front herumlaufen. Und Journalisten das dort auch nicht fordern.
Es geht um die Ungleichgewichtung.

Das zweite Argument, das ich bereits aus ähnlichen Maulfechtereien kenne: Ich sei ja noch nie im Gazastreifen und im Westjordanland gewesen.
Darin erkenne ich, dass von vielen Journalisten zutiefst nicht verstanden wird, was ich überhaupt mache. Denn ich berichte ja über den Krieg, betreibe Auswertung und Analysen, recherchiere und erkläre für Laien Hintergründe von Nachrichtenmeldungen. Ich verdiene mein Geld also exakt mit dem, was beispielsweise Frau von der Tann unterlässt.
Ich komme darauf zurück.

Geantwortet habe ich mit einem längeren Text. Der auch als Screenshot hier zu lang ist.
Ich versichere, dass ich – nicht nur für meine Verhältnisse – höflich war. Er ist auch nach wie vor online.

»Zunächst rege ich mich nicht darüber auf. Aber ich frage mich doch, warum die „Chefreporterin Politik beim Stern“ mich duzt. Was sie so glaubt, mit wem sie spricht.«
Zitat von mir.

Unter anderem habe ich erklärt, dass ich von der Tann ja gar nicht vorwerfe, dass sie nicht im Gazastreifen ist. Sondern dass ich ihr vorwerfe, was breit in dem verlinkten Beitrag erklärt ist. Um den es ja eigentlich ging. Das, was Marie von den Benken in ihrer gestrigen Kolumne auf ntv in anderem Kontext als »False-Balance-Festspiele von „Markus Lanz“« bezeichnet hat.

»Nochmals, ich werfe von der Tann nicht vor, dass sie in Tel Aviv sitzt. Von mir aus kann sie auch in Ennepetal sitzen.«
Zitat von mir.

Eskalatioooon

Heute Morgen dann, nach einem Monat (!), kam die Antwort von der Polit-Chefin des Stern.

»Meld dich wieder, wenn du Ahnung von der Lage vor Ort hast. Dann klappt‘s auch mit dem Sie.«

Screenshot des Postings

Nach einem Monat diesen Beef - den ich schon vergessen hatte - wieder aufzumachen, hat ein G’schmäkle. Entweder wird der Streit bewusst gesucht, oder Social Media wird so fahrlässig genutzt, dass gewisse Kommunikationsregeln hintenüberfallen.
Geschenkt.

Meine Antwort in ihrer epischen Schönheit:

»Ich könnte auf diese Steilvorlage, nach einem Monat Beantwortungszeit, eine rhetorisch ausgefeilte und geharnischte Replik in meinem üblichen Duktus raushauen.

Allerdings überwiegt bei mir doch tatsächlich die Neugier. Da ich versuche zu verstehen, in welcher Gedankenwelt Menschen wie Sie oder von der Tann sich bewegen.

Vielleicht haben Sie die Güte, mir meine kurzen Fragen zu beantworten. Aus ehrlichem Interesse gestellt.

+ Warum glauben Sie, dass ich keine „Ahnung von der Lage vor Ort“ habe? Welchen Zweck sollte es für mich haben, in den Gazastreifen zu gehen? Was soll ich dort konkret erfahren können, ohne dass meine Einschätzungen und Auswertungen falsch oder oberflächlich sind?

+ Was macht Sie persönlich so sicher, dass die Hamas so begeistert davon ist, wenn „westliche“ Journalisten im Gazastreifen herumlaufen? Wie wollten Sie für Ihre eigene Sicherheit sorgen, beispielsweise nicht selber zur Geisel zu werden? Vielen Dank vorab.«

Die Antwort hat mich dann doch etwas überrascht.

»Es reicht jetzt mit deinen Unterstellungen. Komm wieder, wenn du Ahnung von der Region hast. Bis dahin: tschüss.«

Screenshot des Postings

Welche „Unterstellungen“? …wir werden es nie erfahren.

Ok.
Kann man so machen.
Dann ist es aber scheiße.

Noch scheißerer wird es, weil ein Nutzer einen Screenshot der Antwort gespeichert hat, den Frau Hollstein vorher veröffentlicht hatte. Und sich dann wohl eines Besseren besonnen und ihn gelöscht hat.

»Es reicht mir jetzt, mit deinem ahnungslosen Getrolle, deinem Gehetze und deinen Unterstellungen. Tschüss, Troll.«

Sie sieht mich also als Troll. Der hetzt.
Warum auch immer. Spannend allemal.

Annähernd verehrte Frau Hollstein,

da Sie augenscheinlich keine Ahnung haben, mit wem Sie sprechen, werde ich Sie erhellen. Auch wenn ich es hasse, mit Vita hausieren zu gehen.

Ich bin ehemaliger Unteroffizier einer nachrichtendienstlichen Spezialeinheit, die u.a. die Russen aufgeklärt hat. Mein damaliger Teamleiter war u.a. als „Spion“ in St. Petersburg, mein Teampartner ist als Offizier und Analyst zum BND gegangen, ein Teamführer vor meiner Zeit ist in die Venusfalle gegangen und in die DDR übergelaufen.
Das habe ich zehn Jahre lang gemacht.

Pressebild: Mein damaliger Gruppenführer an einer Luftbildauswerteanlage in unserem Bunker.

So viel jünger als Sie bin ich nicht. Als Sie in Karlsruhe und Montreal Publizistikwissenschaften, Romanistik, Cinématographie und Politische Landeskunde studiert haben, war ich auf Ausbildungen, habe in einem Panzer gesessen, war bei der NATO in Belgien, habe in Briefings oder Lagebesprechungen gesessen, habe Schießen und Handgranaten und Panzerfaust gelernt, geholfen ein Waffenambargo durchzusetzen, russische Schiffe, Flugzeuge, Stützpunkte und Alphabet auswendig gelernt oder war im Einsatz. Ich hatte eine taktische Ausbildung, hab etwas Ahnung von Waffen, habe etwas mehr Ahnung von Waffensystemen und weiß, wie man schöner bombardiert.
Sie haben eine „Comicbiografie über Angela Merkel“ veröffentlicht. Auch nett.

Nochmal: Ich rege mich nicht auf. Aber ich frage mich dann doch schon, in welcher Position Sie glauben mir gegenüber zu sein, mich zu duzen.

Altes Foto von mir vor einem Leopard 2 mit einer Granate.
Meine erste Schultüte

Selbst wenn Sie es unterlassen haben, wenigstens mal zu schauen, wen Sie da als ahnungslosen Troll bezeichnen, warum überlassen wir es nicht den geneigten Leserinnen und Lesern zu beurteilen, wer mehr Ahnung „von der Lage“ vor Ort hat?
„Die Lage“ ist übrigens ein militärischer Begriff, der lediglich Einzug in die Gemeinsprache gefunden hat.

Irgendetwas sagt mir, dass Sie mit ihrer Kommunikation, die doch sehr den Eindruck von öffentlich zur Schau getragener Arroganz hinterlässt, gepflegt reingeschissen haben.

Das mediale Problem

Lassen Sie es mich so erklären, dass es Sie vielleicht erreicht, Frau Hollstein.

Sie sind Journalistin, die Ahnung von Publizistik hat und von vielem anderen irgendwie ein bisschen. Wie sehr viele Journalistinnen und Journalisten.
Das ist in Ordnung. So funktioniert das Geschäft nun einmal.
Ich gehöre zu den Leuten, die Menschen wie Sie dann wegen ihrer Expertise haben wollen. Die Sie interviewen oder in geübter Oberflächlichkeit fragen.

Das Problem daran - Ihres, nicht meines- ist, dass die Medienlandschaft sich radikal verändert.
Menschen mit einer gewissen Expertise können selber Öffentlichkeit herstellen. Und der Rezipient kann sich mit etwas Engagement direkt dort informieren, wo die Expertise sitzt.
Journalisten, die einfach nur etwas zusammenfassen, werden immer unnötiger.

Die Medienkompetenz der Menschen wächst. Und das wird in einigen Medienhäusern, vor allem aber von Journalistinnen wie Ihnen, scheinbar gar nicht verstanden.
Ich habe noch nie irgendeinen Beitrag von von der Tann oder im Stern gelesen oder gesehen, nach dem ich mich irgendwie besser informiert als davor gefühlt hätte. Gerade Frau von der Tann erzählt abends vor allem das in der Tagesschau, was schon seit Stunden oder Tagen weit detaillierter aus den gleichen Quellen und mit mehr Expertise auf Social Media herumgereicht wurde.
So sinnvoll wie die regelmäßigen, prominenten Meldungen über den Wintereinbruch. Als wenn keiner mit Schnee rechnen konnte. Wenn ich wissen will, wie das Wetter ist, mache ich das scheiß Fenster auf. Dafür brauche ich keine Medien. Komm, jeh fott.

Und genau diesen Kern haben Sie an meiner und anderer Kritik an der Preisverleihung an von der Tann offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Ich unterstelle Ihnen, dass es Ihnen nicht einmal die Zeit wert war, mit wenigen Klicks herauszufinden, wer ich bin, was ich mache und wie viele Menschen ich erreiche.

Waren Sie denn im Gazastreifen?

Im Gegensatz zu Ihrer Oberflächlichkeit war ich wirklich daran interessiert zu verstehen, warum Menschen wie Sie jedes Mal mit dem Argument kommen, ob ich schon einmal im Gazastreifen gewesen sei.
Was hätte ich denn vor dem Krieg dort erfahren sollen, was mir in meiner Tätigkeit und in Ihren Augen mehr „Ahnung von der Lage“ verschafft hätte? Ach was, nicht nur vom Gazastreifen, gleich von der ganzen Region.

Es ist völlig unerheblich für meine Kerntätigkeit, ob ich an einem Tisch des BND sitze, an einer Drohnenanlage des Militärs oder an einem Rechner in der Vordereifel. Es sei denn natürlich, Sie gehen davon aus, dass auch das Militär keine Ahnung „von der Lage“ hat. Dann wäre Ihr Argument verständlich.
Ich kann Ihnen versprechen, was heute OSINT liefert, davon hätten wir in den 90ern geträumt.

Und ich hätte gerne erfahren, was Sie und andere denn so glauben, ob die Hamas, der Dschihad, die PFLP und die Palästinenser insgesamt so begeistert davon wären, wenn Israel sein Go gibt und wirklich freie Journalisten durch den Gazastreifen laufen. Das konnte mir nämlich bisher auch noch kein Lobbyist erklären.

Bis zu Ihrem wirklich epischen, öffentlich-arroganten Reinschiss hätte ich gerne die Unterschiede zwischen einem Flächenbombardement und einer lasergesteuerten Paveway erklärt, warum die IDF Probleme haben Gelände zu halten oder was es tatsächlich mit dem angeblichen Luftschlag gegen das Al-Ahli-Krankenhaus auf sich hatte, bei dem die internationalen, kompetenzlosen und klickabhängigen Medien so grandios verkackt haben. Ich hätte auch das Gleiche bezüglich der Ukraine oder jetzt für des Iran tun können.

Aber Sie haben mich daran erinnert, warum ich absolut keinen Bock mehr habe, mit solchen Redaktionen überhaupt zu kommunizieren. Anfragen hatte ich. Alle abgelehnt.
Danke dafür. Und Dank für die recht aufwandslosen Klicks. Ich habe gelernt, man soll niemanden davon abhalten, sich öffentlich zum Deppen zu machen.

Sie haben sich selber ein Zeugnis ausgestellt.

Edit 03.01.2025:
Frau Hollstein hat mich gestern Abend per Mail kontaktiert. Das ist anständig und zu achten.
Sie hat emotionalisiert überreagiert und etwas falsch verstanden. (Meine Worte)
Witzigerweise hat ein naher Verwandter sie nach diesem Beitrag angerufen und aufgeklärt, da er „großer Fan“ von mir ist. (Gruß auch nochmal an dieser Stelle.)
Ich habe Frau Hollstein nochmals meine Perspektive dargelegt, ein Kommunikationsangebot gemacht und bin für Fragen offen. Beef bringt Klicks, aber konstruktiv kommt weiter.
Damit ist die Sache für mich gegessen.

Ich bitte alle Leserinnen und Leser von einem Shitstorm oder Kommentaren bei Frau Hollstein abzusehen. Es ist absolut nicht hilfreich. Und den Namen habe ich in zwei Tagen eh vergessen.
Danke.

https://steady.page/de/u-m/posts/391d162e-4fd8-4dc0-9f91-1743c2f33d84 (Si apre in una nuova finestra)
Argomento Medien und Politik

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