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Wie hungrige Bestäuber Pflanzen zum Blühen zwingen

Hummeln knabbern im Gewächshaus Löcher in Blätter, fressen diese aber gar nicht auf und schleppen sie auch nicht weg. Was steckt dahinter? Forschende der ETH Zürich sind dem Rätsel nachgegangen und haben etwas ziemlich Unerwartetes herausgefunden.

An einem gewöhnlichen Arbeitstag in einem Gewächshaus der ETH Zürich fiel den Forschenden etwas Merkwürdiges auf. Die Blätter ihrer Versuchspflanzen trugen kleine halbmondförmige Löcher. Eigentlich untersuchte das Team, wie Hummeln auf Pflanzendüfte reagieren, und hatte die Tiere dafür ins Gewächshaus gesetzt. Nun knabberten diese Hummeln an den Blättern herum. Was ging hier vor sich?

Die naheliegende Vermutung lautete natürlich erst einmal: Die Insekten fressen die Blätter … also warum auch immer. Doch dafür blieben sie viel zu kurz an einer Stelle und schienen das Blattmaterial auch nicht herunterzuschlucken. Auch trugen sie kein Blattmaterial zurück in ihren Stock, um vielleicht das Nest zu verbessern oder ähnliches. Die Hummeln schnitten einfach nur die Löcher in die Blätter und flogen dann weiter, um in der nächsten Pflanze Löcher reinzuschneiden. Aus dieser zufälligen Beobachtung wurde eine Studie, die 2020 in der Fachzeitschrift Science erschien und zeigt: Hummeln verfügen über eine raffinierte Strategie, um sich aus einer Notlage zu befreien. Und sie verändern damit womöglich das Verhältnis zwischen Pflanze und Bestäuber, das wir bisher nur in eine Richtung dachten.

Eine Frage des richtigen Zeitpunkts

Um all das besser nachvollziehen zu können, lohnt ein kurzer Blick auf den Lebenszyklus der Hummel.

Den Winter verbringt die Königin allein und im Boden vergraben in der sogenannten Diapause. In dieser Kältestarre fährt sie ihren Stoffwechsel und ihre Entwicklung fast komplett herunter, um den Frost unbeschadet zu überstehen. Wenn sie im Frühjahr erwacht, gründet sie ein neues Volk. Im Gegensatz zu Bienenstöcken, die viele Jahre überdauern, fängt eine Hummelkolonie jedes Jahr wieder ganz von vorn an, und das ist auch ihr wunder Punkt. Ist die Königin nämlich zu früh dran, blüht noch fast nix. Ohne Nektar und den proteinreichen Pollen, von dem sich die Larven ernähren, fehlt ihr dann aber die Basis, um das Volk aufzubauen, die junge Kolonie kommt in dem Fall nicht in die Gänge. Die Wissenschaft nennt das Problem phänologische Asynchronie. Wenn der jahreszeitliche Rhythmus von Lebewesen – also etwa der Zeitpunkt der Blüte und des Schlüpfens der Tiere – nicht mehr im Takt und auf einander abgestimmt ist, passiert genau das: Das Insekt ist startklar, aber die Nahrungsquelle fehlt. Weil Pflanzen und Insekten unterschiedlich stark auf wärmere Temperaturen reagieren, bringt der Klimawandel ihre ehemals perfekten Zeitpläne immer weiter durcheinander. Wenn du im Frühling eine Hummel beobachtest, die suchend über noch kahle Beete brummt, erlebst du womöglich gerade mit, wie sie in genau dieser Notsituation steckt. Und das ist der Punkt, an dem das ungewöhnliche Verhalten ins Spiel kommt, das die Zürcher Forschungsgruppe beobachtet hat.

Um der Sache systematisch auf den Grund zu gehen, beobachteten die Forschenden im Labor Arbeiterinnen der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris), die hier in Europa sehr verbreitet ist. Mit Rüssel und Mandibeln – also mit ihren kräftigen Greif- und Beißwerkzeugen – schnitten die Hummeln gezielt diese kleinen Löcher in die Blätter noch blütenloser Pflanzen. Ein einzelner Schnitt dauerte dabei nur wenige Sekunden. Dann prüfte das Team die entscheidende Frage, die ihnen so langsam gekommen war: Beeinflusst diese Beschädigung vielleicht, wann die Pflanze blüht?

Topic Heimische Natur

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