Manche werden glauben, dass der Titel dieser Kolumne so etwas wie Clickbait ist. Dem muss ich gleich zu Beginn widersprechen, er ist genau so gemeint. Viele (Männer) werden mir des Titels wegen Männerhass unterstellen, wiederum einige (weiße Männer) sogar Rassismus gegen Weiße (Männer). All jene werden mit ihren Reaktionen beweisen, was es zu beweisen galt.
Menschen, die ob ihrer Privilegien Ignoranz, Empathiebefreitheit und mangelnden Lernwillen gegenüber meinen identitätsstiftenden Belastungen an den Tag legen, sind meine verbleibende Lebenszeit, Aufmerksamkeit, Fürsorge, meinen Sex und meine Bemühungen, an einer tragfähigen Partnerschaft zu arbeiten, nicht mehr wert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Privilegien in der Welt, in der wir leben, mit dem Cis-Mannsein und dem Weißsein korrelieren, ist stark erhöht.
Ja, diese Wahrscheinlichkeitsrechnung mag wiederum manch durch meinen Text verletzter Mensch (Mann) als anekdotische Evidenz abtun. Aber diese Anekdoten bilden nun einmal meinen Lebensweg, aus dem ich Lebenserfahrung und persönliche Konsequenzen ziehen muss.
Einen Satz habe ich auf meinem bisherigen Lebensweg von keinen Personen häufiger gehört als von weißen Männern, mit denen ich mich in einer intimen Beziehung befand: „Entspann dich doch mal!“. Von meiner Verbissenheit in Arbeitsdingen sollte ich mich entspannen, von meiner Sorge ums Geld, von meiner Wut über Mikroaggressionen wie sexistischen Kommentaren und Alltagsrassismus, von der Panik auf dem Nachhauseweg durch dunkle Gassen und von meinen Periodenbeschwerden.
Als ob ich als Frau, Person of Color, Tochter einer Alleinerziehenden die Wahl hätte, mich gegen übermenschliche Leistungsansprüche, gegen überhöhte Anpassungsanstrengungen, gegen Existenz- und Sicherheitsängste, gegen Diskriminierungswunden oder gegen körperliche Schmerzen entscheiden und einfach so den Fight- oder Flight-Modus ausknipsen könnte.
Wir schreiben das Jahr 2025 und laut aktueller Sonntagsfrage liegt die AfD bei 26,5 Prozent. Kürzlich, als ich in Berlin verzweifelt auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum war, riet mir (einer Afrodeutschen ohne Führerschein, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist) ein weißer Mann: „Zieh doch nach Brandenburg.“ Nein, eine sprechende Komfortzone ist kein hilfreicher Ratgeber, und auch Ratschläge können Schläge sein.
Bei meinem letzten Familienbesuch in Westafrika hatte ich mein erstes Blind Date. Eine Bekannte arrangierte ein Treffen mit einem Bekannten einer Bekannten, der ebenfalls als Teil der sierraleonischen Diaspora in Europa lebt und seine Familie besuchte. Auch wenn aus der vielversprechenden Begegnung kein Bund fürs Leben wurde, war sie eine Offenbarung. Für die Dauer von zwei Stunden musste ich weder mich noch die Welt, in der ich lebe, erklären, musste kein Misstrauen hegen, dass mein „exotisches“ Äußeres zu einer Bacardi-Reklame fetischisiert wird, ich bekam Fragen gestellt, die ich noch nie beantwortet hatte, und jemand hakte genau dann behutsam nach, wenn ich allzu schnell über schmerzliche Erfahrungen in meiner Biografie hinwegerzählte. Ich war entspannt.
Vielleicht ist der Titel dieser Kolumne doch Clickbait, denn ich möchte ihm ein Wort hinzufügen: vorerst. Ich glaube an die Utopie einer Welt ohne Patriarchat und schädliche -ismen, und ich arbeite hart, auch mit Kolumnen wie dieser, daran, sie zu erschaffen. Ob ich diese Welt noch miterleben und dann noch datingwillig sein werde, kann ich nicht vorhersehen. Bis dahin bin ich offen für Überraschungen und Begegnungen auf Augenhöhe, in denen ich nicht als unbezahlte Feminismus- und Antirassismus-Dozentin herhalten muss und mein Gegenüber eine Antwort auf die Frage weiß: Was trägst du zu meiner Entspannung bei, weißer Mann?
