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Katowice hat schwer geschuftet

✶ Warum der Diamant (zu) den Arbeitern gehört ✶ Jobverlust und EU-Milliarden✶ Die “Früher-war-alles-besser”-Fraktion und ihr “Klimakrieg” ✶ Wie “Cheftechnikerinnen” den Wodka-Tsunami überlebten✶ Warum 10.000 Euro gerade mal für gar nichts reichen ✶

"Post-Mädchen" steht auf dem T-Shirt dieser früheren Bergwerks-Mitarbeiterin. Ihre Lebens- (und Arbeits-)Geschichte ist in einem Buch abgedruckt, das die Kulturwissenschaftlerin Monika Glosowitz 2024 herausgegeben hat - mehr dazu weiter unten im Beitrag / Foto (c) Katja Kullmann

DZIÉN DOBRY MAL WIEDER AUS KATOWICE!

Heute sind wir hier ein weiteres Mal monothematisch unterwegs, und zwar in Oberschlesien - demnächst wird es dann wieder einen bunt gemischten Kraut-und-Rüben-Newsletter mit sonstigen Neuigkeiten, Musik, Lektüretipps etc. geben.

Stammleserinnen und -Leser sind mit der polnischen (Ex-)Industriemetropole Katowice schon ein wenig vertraut. Sie hat mich während einer Reportagereise in diesem Frühjahr stark beeindruckt. Einiges dort erinnerte mich an den Strukturwandel im amerikanischen Detroit (über das ich 2012 dieses kleine Buch (Öffnet in neuem Fenster) schrieb).

TEIL 1 (Öffnet in neuem Fenster) meiner Katowice-Skizzen und TEIL 2 (Öffnet in neuem Fenster) sind bereits veröffentlicht (ausführliche essayistische Ausschweifungen inklusive).

Dieser TEIL 3 fällt nun sehr viel sachlicher aus und konzentriert sich ganz auf das proletarische Erbe der Region - darauf, wie die Generation der “Abgewickelten” heute über ihre Bergwerks-Vergangenheit denkt und spricht - und darauf, was manche sich nun von einer “grüneren Zukunft” erhoffen.

Mehr zum Hintergrund dieser Recherchereise steht im PS am Ende dieses Beitrags.

Und nun: Alle anschnallen bitte, es geht los!

DIAMANTENE LEGENDEN

Schaufensterauslage im Zentrum von Katowice im April 2026 / Foto (c) Katja Kullmann

Souvenirs aus den Boomtagen der Bergarbeiter-Ära finden sich überall in und um Katowice - Erinnerungsversatzstücke wie die beiden Gemälde auf dem obigen Foto, die im Frühjahr 2026 im Schaufenster eines Trödelladens im Zentrum von Katowice standen: die Porträts einer Arbeiterin und eines Arbeiters in “typisch schlesischer Bergleutetracht” des frühen 20. Jahrhunderts.

Fast 300 Jahre lang brummte der Kohlebergbau in Oberschlesien und ließ die dortigen Städte und Gemeinden prosperieren, ähnlich, wie es in vergleichbaren Gegenden in Sachsen oder Nordrhein-Westfalen geschah. Ein verlässliches Einkommen ließ sich mit der Arbeit unter Tage erzielen, eine selbstbewusste Arbeiterkultur mit eigenen Geschmäckern und Traditionen entwickelte sich in der Region. Noch bis in die 1970er Jahre hinein galt Oberschlesien als solider Wirtschaftsstandort - als “Ernährerin Polens”, wie ältere Zeitzeuginnen und -Zeugen (mit merklichem Stolz) erzählen.

“Bergleute waren in gewisser Weise eine Elite, das vergisst man heute leicht. Einen Arbeitsplatz im Bergbau zu ergattern, bedeutete vor 100 oder 120 Jahren einen gewaltigen sozialen Aufstieg”, sagt etwa eine um-die-70-jährige (Ex-)Bergarbeiterfrau aus der 40.000-Einwohner Gemeinde Czerwionka-Leszczyny (Öffnet in neuem Fenster), die 40 km südwestlich von der Regionalhauptstadt Katowice liegt.

Und weiter erzählt sie1:

Vorher hatten die Leute hier überwiegend von der Landwirtschaft gelebt, das waren meist bitterharte Existenzen voller Armut, ohne jede soziale Absicherung. Der Bergbau brachte mit einem Schlag deutlich bessere Wohnhäuser, endlich einen sicheren Lohn, eine Krankenfürsorge, eine Rente - einen wesentlich höheren Lebensstil für sehr viele Menschen. Und in kommunistischen Zeiten brachte so ein Job auch viele weitere alltägliche Vorteile: Konnte man sich als Bergmannsfamilie ausweisen, erhielt man Vorzüge beim Einkaufen und bekam besonders rare Waren unter der Ladentheke zugesteckt. Vor allem, wenn man in der Partei war natürlich, aber, ach, das ist ein eigenes Thema.

Der Diamant ist eines der wichtigsten Symbole für das tradierte Selbstbewusstsein der Bergleute - schließlich bestehe er aus nichts als hochkomprimierter Kohle. So erklärt es Wiesław Janiszewski, studierter Historiker und Bürgermeister von Czerwionka-Leszczyny.

Janieszewski gehört, wie der amtierende polnische Ministerpräsident Donald Tusk, der liberalkonservativen, proeuropäischen Partei “Bürgerkoalition” an. “Sein” Stätdchen sei verkehrstechnisch extrem gut an Europa angebunden, sagt er (“Dank der Autobahnen sind wir hier ein Fenster zur Welt!”), 13 weiterführende Schulen von hohem Niveau gebe es in der Gegend, viele alte Arbeitersiedlungen würden - auch dank EU-Geldern - nach modernsten Standards saniert, man setze auf den Zuzug junger Familien. Das Prunkstück seiner Gemeinde: ein Kultur- und Bildungszentrum, das sich mit der Kohlevergangenheit auseinandersetzt und in dem sowohl Folkore-, als auch Rock- und Popveranstaltungen stattfinden.

Zur Begrüßung des polnisch-deutschen Journalistentrupps verteilt der Bürgermeister Ansteckbuttons mit dem modernsierten Stadtlogo - prominent dabei: das Diamant-Symbol.

Ein Ansteckbutton mit dem Stadt-Logo von Czerwionka-Leszczyny, einer 40.000-Einwohner Gemeinde 40 km südwestlich von Katowice / Foto (c) Katja Kullmann

Auch in downtown Katowice blitzt der Diamant (symbolisch) an jeder zweiten Straßenecke auf, wie etwa hier, an diesem, nun ja, Schönheitssalon:

Katowice im April 2026 / Foto (c) Katja Kullmann

JOBABBAU, BEVÖLKERUNGSSCHWUND UND EIN HAUFEN EU-GELD

Mit dem “Franz Schacht” auf dem Gebiet der heutigen Stadt Ruda Śląska (Öffnet in neuem Fenster) (20 km nordwestlich von Katowice) nahm 1750 eine der ersten Steinkohlezechen in Oberschlesien den Betrieb auf. 1816 folgte mit der nahe gelegenen “Carlshütte” die erste Zinkhütte in der Region. Gut zwei Jahrhunderte lang florierte die Sache.

Doch spätestens ab den 1970er Jahren, als weltweite Energie- und Wirtschaftskrisen sich zuspitzten (und die Schwächen der sozialistisch-kommunistischen Planwirtschaft sich im gesamten Ostblockraum verschärften), kam auch Oberschlesien mit seiner Traditionsindustrie ins Trudeln. Und dann, in den 1990er Jahren, mit dem Ende der Sowjetunion, dem Einzug des Kapitalismus und den sich weltweit überschlagenden technologischen Fortschritten, beschleunigte sich der Niedergang nochmals. (Auch hier: siehe die sächsische Lausitz nach der “Wende” oder, schon Jahrzehnte vorher, das Ruhrgebiet.)

Ein paar Zahlen veranschaulichen den Niedergang der einstigen Boom-Region:

Die Bevölkerung im Großraum Katowice ist seit 1989 um knapp eine Million geschrumpft (auf heute rund 4,5 Mio. Menschen).

2015 waren noch rund 30 Kohlebergwerke in Oberschlesien in Betrieb - 2025 waren es nur noch 14 - und über die kommenden 20 Jahre sollen auch jene Werke final geschlossen werden. So wie es auch in anderen europäischen Ländern geplant ist: Der National Energy and Climate Plan (NECP) der EU sieht den sogenannten Kohleausstieg für alle Mitgliedsländer bis 2049 vor. Die gute Nachricht: Polen ist dabei schon recht weit gekommen, klimaoptimistische Beobachterinnen (etwa vom ThinkTank Forum Energii (Öffnet in neuem Fenster)) denken sogar, dass das Land den Ausstieg schon bis 2035 schaffen könnte. In der Tat ist der Anteil fossiler Rohstoffe am gesamtpolnischen Energiemix schon stark gesunken: 2015 lag er noch bei 82% - 2025 nur noch bei 52%.

Abriss, Umbau, Neubau, wohin man auch blickt - hier ein Projekt im Umland von Katowice, an dem die österreichische Strabag SE beteiligt ist / Foto (c) Katja Kullmann

Immerhin rund 400.000 Menschen waren in den 1990er Jahren noch in der oberschlesischen Bergbauindustrie beschäftigt, heute sind es nur rund 70.000 - und auch jene Arbeitsplätze werden also bald nicht mehr existieren. Im Grunde sind alle Beteiligten darauf vorbereitet, zumindest darüber informiert. Alle wissen, dass Kohlevorkommen vielerorts längst so gut wie erschöpft sind. Konzerne investieren nicht mehr in die veralteten Anlagen, Branchennachwuchs findet sich ohnehin kaum noch (nur vereinzelt werden entsprechende Facharbeiterausbildungen noch angeboten).

Der Bergbau ist quasi klinisch tot, in Oberschlesien wie in vielen anderen europäischen Regionen, seine Reste werden bloß noch künstlich am Leben gehalten. Fast alle verbliebenen Minen, Schächte, Werke seien inzwischen bis zu 100% staatlich subventioniert, heißt es etwa von Forum Energii, dem führenden polnischen ThinkTank zum Thema. Konkret bedeute dies, dass sich aktuell jeder polnische Haushalt mit umgerechnet 400 € im Jahr am Resterhalt eines aussichtslosen Industriezweigs beteilige - mit einer Menge Geld, das einiges bewirken könnte, würde es stattdessen direkt in die Infrastruktur der Zukunft gesteckt .

Nicht nur von polnischen Steuerzahlerinnen und -Zahlern, auch aus Brüssel fließen gewaltige Summen nach Oberschlesien - Gelder, die nach denselben Maßgaben auch in vergleichbare Regionen in Deutschland und anderen Ländern fließen: Mit dem Just Transition Fund (JTF), einem Fonds für “gerechten Strukturwandel”, will die EU die sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen abfedern, die mit der Abkehr von fossilen Energien einhergehen. NO ONE IS LEFT BEHIND, “Niemand soll auf der Strecke bleiben”, lautet die Idee dahinter. Von den 3,85 Mrd. €, die Polen insgesamt aus jenem EU-Topf (Öffnet in neuem Fenster) erhält, geht der Löwenanteil (gut 2 Mrd. €) heute direkt nach Śląsk/Schlesien.

“KLIMAKRIEG” AUCH IN POLEN

Vom “Coal Capital” soll die Region Katowice zu einem “Green Innovation Hub” werden: So lautet das Ziel, das 2018 in Katowice ausgegeben wurde, und zwar bei der COP24, der 24. Klimakonferenz der Vereinten Nationen, die in Katowice stattfand. Große Hoffnungen werden etwa auf eine erstarkende Recyclingindustie, auf die Batterieproduktion, auf Wasserkraft und Photovoltaik gesetzt.

Doch die gewaltigen Umbaupläne stoßen auf einigen Widerstand, haben einen regelrechten “Klimakrieg” ausgelöst, wie man ihn auch in Deutschland kennt.

Die einen, vor allem junge Menschen, hoffen inständig auf eine “grüne Zukunft” und darauf, dass das Land auch wirtschaftlich den Anschluss an den Rest der Welt nicht verschläft.

Während Leute aus der “Früher-war-alles-besser”-Fraktion in vergifteten Märchen von einer angeblich idyllischen Vergangenheit schwelgen.

Ähnlich wie in Deutschland, versuchen auch in Polen tendenziell rechte politische Käfte (etwa die PiS-Partei) aus den Frustrationen der vom Strukturwandel betroffenen Bevölkerung politisches Kapital zu schlagen. “Vergiftet” sind ihre Erzählungen oft im nahezu wörtlichen Sinne: Die Luft- und Wasserbelastung, die nachhaltige Verseuchung der Böden und die gesundheitlichen Folgen für die Bevölkerung der alten Industrien werden dabei geflissentlich ausgeblendet. Von massenhaften Bleivergiftungen durch die Bergbauindustrie in Oberschlesien erzählt aktuell etwa die halb-dokumentarische Netflix-Serie DIE BLEIKINDER (Öffnet in neuem Fenster), von rußgeschwärzter Wäsche, Lungenkrankheiten, Krebshäufungen berichtet fast jeder Anwohner über 50.

Vor allem aus dem “klimaskeptischen” Lager wird auch in Polen leidenschaftlich für die Atomkraft lobbyiert - was schon insofern verwundern kann, als Polen 1986 von der Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl qua geografischer Nähe sehr viel stärker betroffen war als beispielsweise Deutschland. Bislang verfügt Polen über kein einziges Atomkraftwerk. Die (frühere) PiS-Regierung hat allerdings dafür gesorgt, dass mittlerweile der erste polnische Reaktor im Norden des Landes errichtet wird, in Choczewo an der Ostseeküste, rund 250 km von der deutschen Grenze entfernt. 2036 soll das Ding fertig sein und an den Start gehen.

“Die Leute werden betrogen, wenn man ihnen verspricht, dass es mit der Kohle weitergehen könne oder dass jedermann künftig in der Atomindustrie einen Job finden werde”, heißt es vom Forum-Energii-ThinkTank, der auch die aktuelle polnische Regierung unter Donald Tusk berät. “Erstens dauert es nach Baubeginn 10 bis 20 Jahre, bis so ein Reaktor überhaupt mal betriebsfähig ist, zweitens wird es dort vergleichsweise wenige Arbeitsplätze geben, und das sowieso nur für sehr gut ausgebildete Menschen”, sagt die Forum-Energii-Referentin Konstancja Ziółkowska.

Hier, beispielhaft, ein AfD-Facebook-Posting zum Thema (Öffnet in neuem Fenster) (Juni 2026): “Es gibt keine Klimakrise! (…) Die ganze Hysterie dient doch nur dazu, die Menschen zu kontrollieren, die Industrie und die Wirtschaft kaputt zu machen” usw., usf.

Gegen neue Energie- und Heizvarianten wie etwa die Wärmepumpe wird auch in Polen heftig agitiert, vor allem auf rechtspopulistischen Kanälen und in der Boulvardpresse. “Es gibt allerdings auch ein Kommunikationsproblem seitens der Regierung”, räumt Ziółkowska ein, “bisher werden die Leute mit dieser neuen Technik weitgehend alleingelassen, sie wissen nicht, wie sie eine Wärmepumpe am besten betreiben, fürchten sie vor den Kosten, verstehen immer noch nicht, dass fossile Energie künftig erst recht immer teurer werden wird.”

Solarzellen auf Hausdächern oder privaten Grundstücken seien inzwischen aber zunehmend beliebt, und dabei dürfte der Autonomie-Aspekt, die Unabhängigkeit von fremden Energiequellen eine große Rolle spielen. “Früher haben die Leute ihr eigenes Gemüse und ihre eigenen Hühner in ihren Gärten gezüchtet, jetzt ist die kleine Solaranlage so etwas wie der private Hühnerstall von früher”, sagt Ziółkowska.

“GEH’ MIT GOTT, MEIN SOHN”: WAS (Ex-)BERGFRAUEN SAGEN

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Eine schlesische Bergbaumutter mit ihren beiden Bergbausöhnen in den 1980er Jahren - Abbildung aus dem Buch "Opowieści kobiet z rodzin górniczych”, 2024 herausgegeben von Monika Glosowitz (Ein Klick aufs Bild führt direkt zum Buch)

Wie es alteingesessenen Familien in und um Katowice zur Blütezeit des Bergbaus erging - und jetzt, in den rauen Abstiegs- und Umbaujahren ergeht -, davon erzählen rund 20 (ehemalige) Bergarbeiterinnen im Buch “Erinnerungen von Frauen aus Bergbaufamilien” (Öffnet in neuem Fenster)(“Opowieści kobiet z rodzin górniczych”, das die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Monika Glosowitz (Öffnet in neuem Fenster) (*1986) 2024 herausgegeben hat.

Vor allem bekräftigen diese Geschichten die Stärke, die Handlungsfähigkeit und die Solidarität der Frauen angesichts wirtschaftlicher, sozialer, nationaler und ethnischer Tragödien, Zusammenbrüche und Konflikte

… sagt Glosowitz. Das Buch wurde zu einem Sachbuchbestseller in Polen, die Zeitzeuginnen werden immer wieder in Talkshows eingeladen, und auch jetzt, bei dieser Recherchereise, geben die Frauen vor polnischen und deutschen Journalistinnen und Journalisten gern Auskunft über ihr früheres Leben.

Die Autorin Monika Glosowitz (4. von rechts) und einige der Bergarbeiterinnen, deren Geschichten sie in einem Buch gesammelt hat - ganz rechts: die ehemalige Bergwerks-"Cheftechnikerin" Josefa Schubert / Foto (c) Katja Kullmann

Der Bergbau war keineswegs “reine Männersache”, rund 10 % der Belegschaften waren weiblich, mindestens 56 Steigerinnen (mit Führungsverantwortung für ganze Minenabschnitte und die dazugehörigen männlichen Arbeiter) sind in den Archiven verzeichnet.

Überwiegend waren die weiblichen Bergbaukräfte aber in der Verwaltung oder in den Steuerungsräumen der Minen beschäftigt, als Ingenieurinnen wachten sie zum Beispiel an ersten Computern und anderen Messgeräten über das Geschehen unter Tage.

Aller sozialistischer Gleichstellungssmaximen zum Trotz, dominierte in der schlesischen Bergbaubranche letztlich also doch eine relativ klare Geschlechtertrennung - was einerseits an unterschiedlichen körperlichen Möglichkeiten von Frauen und Männern lag, andererseits aber auch am katholisch geprägten Geschlechterverständnis und an dem, was manche der älteren Frauen heute als “patriarchale Rollenverteilung” bezeichnet.

Die berühmte “zweite Schicht” kennen viele Polinnen genauso gut wie viele fühere DDR-Bürgerinnen: “60 Jahre doppelte Arbeit liegen hinter uns”, sagt etwa Josefa Schubert, die jahrzehntelang als “Cheftechnikerin” in der hochtechnisierten Schaltzentrale einer Zeche saß und “nebenbei” ihren ebenfalls in Vollzeit arbeitenden Ehemann und ihre Kinder versorgte. Heute ist sie Mitte 70 und bildet sich an der “Senioren-Universität” weiter (u.a. in Kunstgeschichte, wenn meine Aufzeichungen mich nicht täuschen).

“Mit der Emanzipation im Sozialismus ist das so eine Sache”, sagt Josefa Schubert dazu, “die gesamte Hausarbeit blieb trotz unserer Jobs an uns Frauen hängen, da darf man sich um Himmels Willen nichts vormachen.”

Die Bergbaumänner galten (und gelten) als Helden, die tagein, tagaus ihr Leben riskier(t)en. “Es ist wieder was passiert”: Alle paar Wochen sei dieser Satz durch die Straßen gegeistert, und dann hätten wieder alle den Atem angehalten - wo, wie genau und wie viele hat es diesmal getroffen? Hat der Ehemann, Vater, Sohn, Onkel, Bruder überlebt? So erzählt es eine Frau, die in der Verwaltung eines örtlichen Bergwerks tätig war und deren Mann, ein Messtechniker unter Tage, bei einem Grubenunglück einmal stundenlang verschüttet war.

Mit sogenannten Schlagwetterexplosionen muss(te) jederzeit gerechnet werden. Zuletzt verloren 2022 sechzehn Menschen bei einem Grubenunglück in der Zeche Pniówek rund 60 km südlich von Katowice ihr Leben.

Gedenken an die 16 tödlich verunglückten und rund 30 schwer verletzten Kumpel vom Grubenunfall in Pniówek 2022 - Aufnahme vom vierten Jahrestag der Katastrophe (April 2026), ausgeliehen von einem öffentlichen facebook-Post des Grubenkonzerns JSW

Vaya con dios - geh’ mit Gott: Mit diesem Gedanken verabschiedeten Bergarbeiterfrauen ihre männlichen Familienmitglieder jeden Morgen in den Arbeitstag in der Grube, sagt eine der Zeitzeuginnen: “Es herrscht auch heute noch Lebensgefahr bei diesem Job, das wird von vielen Menschen nicht bedacht.” Von konstanten Sorgen, aber auch großer Solidarität in den Bergbaugemeinden sprechen die Frauen. Hatte eine ihren Ehemann (und meist auch Haupternährer) verloren, sei der Beistand aus anderen Bergleutefamilien groß gewesen: “Die ständige Todesgefahr hat uns zusammengeschweißt, so eng und aufrichtig, wie man es sich heute oder in anderen Branchen kaum vorstellen kann.”

Allerdings hätte der lebensbedrohliche Arbeiteralltag auch dazu geführt, dass sich die Männer nach Feierabend oft herrisch aufgeführt hätten, ergänzt eine andere: “Alle, die Frauen, die Kinder, die Alten, waren nervös, ob er heil aus der Grube zurückkehrt, und wenn er dann abends wieder da war, mussten alle mucksmäuschenstill sein und wie auf Eierschalen gehen, damit er sich erholen konnte.”

Vom “Respekt” gegenüber Älteren schwärmt eine der Frauen aus den alteingesessenen Bergbaufamilien, von “Traditionen” und “strenger Erziehung”.

Eine andere fügt hinzu, dass nach 1989 eine Art “Zwangsemanzipation” eingesetzt habe: Je mehr Männer ihre Grubenjobs verloren, desto mehr mussten die Ehefrauen dazu verdienen, was allerdings nicht leicht war, die Servicejobs, die in den turbulenten Umbruchsjahren der 1990er neu entstanden, seien allesamt aufs Mieseste bezahlt gewesen.

In etlichen Ehen habe es dann stark geknirscht. Mit ihrem Job- und Bedeutungsverlust und dem neuen Machtgefüge zu Hause (Sie schafft jetzt den Großteil des Geldes ran, Er sitzt untätig herum) kamen viele Ex-Bergmänner kaum zurecht - ein Phänomen, das auch in anderen Industrieländern, etwa Deutschland und den USA, zu beobachten war und ist2.

(Öffnet in neuem Fenster)
So zitierte im Mai 2026 das Magazin DER SPIEGEL in den Social Media den britischen Musiker Sting, der zuvor der britischen Zeitung THE GUARDIAN ein Interview zum Thema "toxische Männlichkeit" gegeben hatte. Ein Klick aufs Bild führt zum englischen Original-Beitrag.

Ein regelrechter Wodka-Tsunami sei durch Schlesien geschwappt, sagt eine, und ein paar andere Frauen lachen bitter, mit wissender Miene. Dass eine Menge Ex-Bergmänner ihren Kummer in den Nachwendejahren in Alkohol zu ertränken versuchten, sei keienswegs nur ein Gerücht, betonen die Frauen. Dass der rasend schnell um sich greifende Hardcore-Alkoholismus auch zu einer Menge Gewalt - auch bzw. gerade gegenüber Frauen - führte: Auch dazu habe praktisch jede Familie in der Region so ihre Geschichten auf Lager.

Und wie sieht es jetzt, dreißig Jahre nach dem Strukturwandelschock der 1990er, aus?

Viele von ihnen seien inzwischen verwitwet, erzählen die Bergbau-Veteraninnen, die jahrelange harte körperliche Arbeit und die Frustration der Nach-”Wende”-Zeit hätten die Ehemänner vorzeitig unter die Erde gebracht.

“Mir persönlich geht es prächtig”, sagt die Älteste in der Gruppe, eine 94-Jährige, auf fehlerfreiem Deutsch mit schlesischem Akzent (zum deutschsprachigen Erbe in Schlesien in der nächsten Folge noch ein paar Schnipsel). Einer ihrer Söhne lebe in Hamburg, ein anderer habe in Großbritannien eine Familie gegründet. “Eine gute Schulbildung ist das Wichtigste, man muss fleißig sein, darauf haben wir immer Wert gelegt”, sagt sie. Ihre Söhne schufteten sich jetzt nicht mehr die Körper kaputt, sondern arbeiteten in schicken Büros. “Da ich sie manchmal in Hamburg oder England besuche oder sie mich zum Urlaub nach Spanien einladen, komme ich auf meine alten Tage ganz schön rum, das finde ich toll”, sagt die 94-Jährige und strahlt.

“DER 16. DEZEMBER 2016 WAR UNSER DOOMSDAY”: WAS EIN (Ex-)BERGMANN SAGT

 

Der Ex-Bergmann, Gewerkschafter und EU-Aktivist Andrzej Chwiluk / Fotomontage gesehen beim polnischen Online-Magazin Slazag

Andrzej Chwiluk (Öffnet in neuem Fenster) (*1962) war die längste Zeit seines Lebens ein echter Malocher - doch mittlerweile hat auf engagierte Art die Seiten gewechselt: Der Ex-Bergmann und ehemalige Gewerkschaftsführer3 macht sich heute auf europäischer Ebene nicht nur für die sozialen Belange abgewickelter Kohleregionen stark, sondern vor allem auch für den Klimaschutz.

1979, im Alter von 17, trat er in das Steinkohlebergwerk Makoszowy ein, das in Zabrze, knapp 20 km westlich von Katowice, liegt. Nach und nach arbeitete Chwiluk sich dort hoch und wurde zu einem führenden Gewerkschaftsmitglied. “Bis zum Lebensende” hätte er dort weiterarbeiten wollen, sagt Chwiluk heute, und dass er “jederzeit dorthin zurückkehren würde”. Auch er betont die ständige Lebensgefahr unter Tage und die Solidarität, die sich in den Belegschaften und Begbaugemeinden daraus ergeben habe: “Wir haben gelernt, jederzeit Verantwortung für andere übernehmen zu müssen, das ist charakterprägend, das bekommt man nicht mehr weg.”

Den 16. Dezember 2016 bezeichnet er als doomsday, “Tag des Untergangs”: Dass ringsum ein Bergwerk nach dem anderen bereits dicht gemacht hatte und dass es auch seine Zeche in Zabrze eines Tages treffen würde, sei ihm und den Kumpels natürlich bewusst gewesen. “Aber dann ging es Knall auf Fall”, sagt Chwiluk: “Kurz vor Weihnachten teilten sie uns ohne jede Vorbereitung mit, dass demnächst Schluss sei, zack. Sie gaben uns 14 Tage, uns bis zum Beginn des neuen Jahres zu überlegen, was wir nun wollten: die Abfindung einstecken, eine Umschulung machen oder an einen anderen Ort umziehen und dort noch ein paar Jahre - wer weiß, wie lange oder kurz - in einer anderen Zeche weiterzumachen.”

Die Art, wie man der Belegschaft das Werks-Aus mitgeteilt habe, bezeichnet Chwiluk als “die mieseste Kommunikation, die man sich für einen solchen Fall nur vorstellen kann.” Ähnlich sei es schon in den 1990er Jahren bei der Abwicklung der landwirtschaftlichen LPGS gelaufen. Doch auch ein Vierteljahrhundert später habe niemand aus den damaligen bitteren Erfahrungen gelernt. Alle möglichen Zahlen und Rechenspiele habe es gegeben, “aber keinen konkreten Plan für die betroffenen Menschen, keine Auffanggesellschaften für zivilisierte Lösungen, einfach gar nichts.”

Umgerechnet 10.000 € gab es als Ausstiegsprämie für diejenigen, die nach dem “Schockmoment” bereit waren, ihren Arbeitsplatz aufzugeben. “Es hat erst mal nach einer Menge Geld geklungen, in den Ohren vieler, aber: Es ist natürlich so gut wie nichts! Was kann man mit 10.000 € anfangen? Ein gebrauchtes Auto kaufen, ein paar neue Möbel, vielleicht ein kleiner Urlaub am Mittelmeer … - viele haben das so gemacht. Und dann: kein Lohn mehr, keine Rentenbeiträge, und bis auf Weiteres keine neuen Jobs in Aussicht.” Von Depressionen, Suiziden und - auch hier wieder - Alkohol- und anderen Suchtkatastrophen erzählt Chwiluk.

Was ihm und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern inzwischen gelungen ist: Heute sind Zechenbetreiber dazu verpflichtet, ihre Belegschaften mindestens zehn Monate vor einer geplanten Schließung darüber zu informieren und Auffanggesellschaften oder ähnliche Übergangsmodelle anzubieten.

Weiterhin setzt Andrzej Chwiluk sich also für die Belange der (Ex-)Bergleute ein, mittlerweile aber nicht mehr im Verbund mit den traditionellen Gewerkschaften, sondern an der Seite grüner Politikerinnen und Politiker - ausgerechnet mit Leuten also, die von manchen als die natürlichen Feinde der Bergleute betrachtet werden.

Wie kam es denn zu diesem markanten Seitenwechsel?

Zum einen habe dies ökonomische Gründe, sagt Chwiluk. Es sei vor allem “grüne” Politik, die sich europaweit für künftige lukrative Arbeitsplätze stark machte:

Wo werden Arbeiter- und Facharbeiterfamilien in den kommenden Jahren und Jahrzehnten denn Jobs finden? Sicher nicht mehr auf einem sinkenden Dampfer wie der Kohleindustrie, sondern in modernen Wasser- und Solarkraftwerken, in klimafreundlichen Müllverbrennungsanlagen und Recyclingfirmen und in den dazugehörigen Maschinenbau- und Logistikfeldern - in Branchen, bei denen längst ein globaler Entwicklungswettbewerb eingesetzt hat und für deren Förderung und Zukunft sich niemand so vehement einsetzt wie nun mal die Grünen.

Zum anderen gebe es auch politische Gründe für seinen Seitenwechsel weg von den (alten) Gewerkschaften, hin zu einer ökologischeren Sozialpolitik. Den alten Gewerkschaftsapparat, in Polen vor allem die Solidarność (einst die erfolgreichste unabhängige Gewerkschaft des gesamten Ostblocks), könne man “komplett vergessen”, sagt Chwiluk - und weiter:

Zwei Instutionen in Polen haben sich 1989 keinen Millimeter bewegt oder verändert: die Kirchen - und die Solidarność. Es ist ein einziger Filz, da geht es vor allem um Machterhalt, die Funktionäre schieben Fördergelder wie Gutsherren zwischen sich hin und her. Und mittlerweile ist die Solidarność auch von konservativen Kräften wie dem ,Forum’, dem ,Bauernverband’ und der PiS unterwandert. Da wird dann gern behauptet, die Zechen könnten noch 100 Jahre lang erhalten werden - was eine dreiste Lüge ist, eine Verarschung der Menschen, die Flöze sind schlicht nicht mehr rentabel, der technische Fortschritt sowieso viel weiter, die Welt setzt längst auf andere Energiequellen. Nur noch um einige lohnende Funktionärsposten auf nationaler Ebene wird da gekämpft, um die letzten Kuchenkrümel in einem sterbenden System - mit null Vision für die Zukunft.

Und “natürlich”, ergänzt Chwiluk, “machen diese Kräfte, insbesondere die PiS, gerade hier in Katowice auch mächtig mit schlesischer Folklore herum. Nationalstolz, Lokalstolz, Identitätsgefühle: Das nutzen die alles schamlos für ihre rückwärtsgewandten, eigennützigen Zwecke.”

“Glaube an den Herrn Jesus, und du und deine Familie werdet gerettet werden”

Bibelverse wie diesen liest man häufig in Oberschlesien, in Geschäften, Gaststätten oder - wie hier - auf einem Schild an einem Verkehrskreisel in Czerwionka-Leszczyny:

Schild am Ortsrand von Czerwionka-Leszczyny, aufgenommen im April 2026 / Foto (c) Katja Kullmann

FORTSETZUNG FOLGT …

… und zwar irgendwann in den kommenden Wochen. Dann werden wir uns u. a. ansehen, wie die Kunst sich zu den schlesischen Industriebrachen verhält - etwa die international hoch gehandelte polnische Künstlerin Alicja Kwade (Öffnet in neuem Fenster) (1979 in Katowice geboren) und der deutsche Maler Robert Schneider (Öffnet in neuem Fenster)(1944-2021).

Vorher wird es aber, wie erwähnt, erst wieder ein oder zwei Newsletter mit sonstigen Neuigkeiten, Musik, Lektüretipps etc. aus dem Kullmann’schen Privatfeuilleton geben.

Immer was los hier, kann man nicht anders sagen, nicht wahr?

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So oder so verbleibe ich auch diesmal wieder mit freundlichen Grüßen, immer die Ihre: KK

P.S: Die hier beschriebene Recherchereise nach Katowice fand im Rahmen eines polnisch-deutschen journalistischen Austauschprogramms statt. Organisiert war das Programm vom Institut für Reportage in Warschau (Öffnet in neuem Fenster) und dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) (Öffnet in neuem Fenster). 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus beiden Ländern waren eingeladen, die meisten mit journalistischem Schwerpunkt in den Sparten Print, TV, Radio, aber auch drei, vier Buchautoren und Schriftstellerinnen waren dabei. Großzügig finanziert war dieses binationale Projekt von der Körber Stiftung (Öffnet in neuem Fenster), entwickelt und vor Ort geleitet hat es der TV-Journalist Peter Frey, ehemaliger Chefredakteur des ZDF (2010 -2022).

  1. Alle Gesprächszitate in diesem Beitrag habe ich mit Hilfe eines menschlichen Simultanübersetzers live bei Begegnungen in und um Katowice mitgeschrieben und hier nun nach bestem Wissen und Gewissen paraphrasiert.

  2. Siehe dazu z.B.: Cornelia Koppetsch und Sarah Speck: “Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist - Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten”, Suhrkamp, Berlin 2015 - sowie: Hanna Rosin: “Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen”, Berlin Verlag, Berlin 2013

  3. Chwiluk wurde 2008 zum Vizepräsidenten der Europäischen Föderation der Bergarbeiter-, Chemie- und Energiegewerkschaften (EMCEF) gewählt und vertrat 2018 die Interessen polnischer Bergleute bei der UN-Klimakonferenz COP24 in Katowice

Kategorie Irrtum & Erkenntnis

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