Harold Bloom
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Liebe Kunstfreundin, lieber Kunstfreund,
die ägyptische Königin Kleopatra starb wahrscheinlich im Jahr 30 v. Chr. durch Gift. Die von römischen Historikern erfundene Legende erzählt jedoch von einem dramatischen Selbstmord durch den Biss einer giftigen Aspisviper. Diese Geschichte war vom 15. bis ins 18. Jahrhundert ein beliebtes Motiv in der europäischen Malerei. Dabei wurde die Frau nackt dargestellt, um ihre Verletzlichkeit zu betonen.
Die Legende war in ihrer Zeit stark manipuliert und das Ergebnis einer politischen Kampagne gegen Kleopatra. Als Königin von Ägypten war Kleopatra eine mächtige Frau, die ihre Entscheidungen selbst traf, ohne die Hilfe eines Mannes. Um den Ruf von Marcus Antonius zu beschmutzen, verbreitete Octavian das Gerücht, sie sei eine Männerfresserin und Femme fatale.
Indem er der Frau die Rolle eines „Monsters” gab, stellte er Marcus Antonius als ihr schwaches und leicht zu manipulierendes Opfer dar. Das war eine Strategie, um sie zu diskreditieren, denn die Geschichte zeigt, dass sie genau das Gegenteil war: eine gute Königin, die sich für ihr Volk einsetzte. Mit ihrem Tod wurde Ägypten als weitere Provinz in das Römische Reich eingegliedert.
In dieser Ausgabe kannst du sehen, wie Gemälde die Legende über die Jahrhunderte hinweg nährten und wie sich ihre Ikonografie ab dem 19. Jahrhundert veränderte. Es war wichtiger, die Geschichte einer mächtigen, aber besiegten Frau auszulöschen und zu verändern, als die Wahrheit zu dokumentieren.
Nackt à l'italienne
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Jan van Scorel. Der Tod der Kleopatra, 1523, Rijksmuseum (Amsterdam).
Der Niederländer Jan van Scorel (1495–1584) malte diese nackte Kleopatra, nachdem er aus Italien zurückgekommen war, wo er die Werke von Michelangelo und Raffael kennengelernt hatte. Er brachte die Leidenschaft für Aktdarstellungen und das Schönheitsideal der Renaissance mit.
Man sagt, dass es sich um einen der ersten „italienischen” Akte in einem nordischen Land handelt. Das bedeutete, dass die dargestellte Person kein Schuldgefühl dafür zeigte, ihren Körper zu zeigen. Sie wollte dem Betrachter keine moralische Lektion erteilen, sondern ihn mit der Schönheit des Körpers faszinieren. Im Gegensatz zu nordischen Akten versuchte sie nicht, sich mit Tüchern zu bedecken oder Teile ihres Körpers zu verstecken.
Die ägyptische Königin liegt in einer Landschaft auf ihren reichen Gewändern. Sie hält die Schlange fest in der Hand, während das Tier sie genau in die Brustwarze beißt. Nur ihr Gesicht spiegelt die Angst des Augenblicks wider, während die Farben und der Rest der Szene friedlich wirken. Ihr Körper ist stark und monumental, sie wirkt nicht zerbrechlich.
Das Werk war zu seiner Zeit eine Provokation, da es eine Nackte ohne jegliche Schamgesten zeigte. Im Gegenteil, man sieht eine Frau, die von dem, was sie tut, zutiefst überzeugt ist.
Der Moment vor dem Biss
