Hallo!
es ist Frühling und Du liest den dazu passenden Newsletter. Ein Stück Musik fürs Gemüt schicke ich Dir weiter unten in dieser Mail.
Blogtext zu Lili Boulanger
Vorher möchte ich Dich kurz auf meinen neuesten Blogtext (Abre numa nova janela) aufmerksam machen: Er handelt von Lili Boulanger und ihrem kurzen Stück “D’un matin de Printemps”.
Das Stück strahlt Leichtigkeit und Kraft aus, bei aller Feinheit. In meinem Text gibt es ein Video zur Orchester- und eins zur Klaviertrioversion.
Musik fürs Gemüt von Claude Le Jeune
Als Zugabe zur Musik in meinem Blogtext habe ich schon vor längerer Zeit das “Revecy venir du Printans” des franko-flämischen Komponisten Claude Le Jeune ausgesucht. Das ist ein ganz bezauberndes mehrstimmiges Vokalwerk der französischen Spätrenaissance für und über den Frühling.
Es ist in einer Sammlung sogenannter Airs mesurés erschienen. Übermütig frei ins Deutsche übersetzt heißt das so viel wie Melodien wie Morsecode.

Le Jeune vertont in dieser Musik Verse, die sich an einem antikisierenden Versmaß orientieren, in dem nicht nach betonten und unbetonten, sondern nach langen und kurzen Silben unterschieden wird, vergleichbar eben dem Morsecode, dessen Zeichen auf der Kombination kurzer und langer (optischer oder akustischer) Signale basieren.
Während beim Morsen z. B. Buchstaben oder Ziffern in Morsecode übersetzt, codiert übermittelt und dann wieder decodiert werden, geht es beim oben genannten Versmaß zumindest vordergründig erst einmal nur darum, einen vorliegenden Text zu gliedern.
Man gliedert, indem man die Silben des Textes ihrer Länge nach misst (deswegen Airs mesurés, wörtlich übersetzt: gemessene Melodien – über gemessenen Versen). Auch das geht in beide Richtungen: Entweder man schreibt einen Text nach einem bestimmten Versmaß. Oder man rekonstruiert das Versmaß ausgehend von einem vorliegenden Text.
Die Bedeutung eines Textes ändert sich durch ein solches Versmaß zumindest dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass das Versmaß gar nichts weiter tut, als den Text der Silbenlänge nach zu gliedern.
Revecy venir du Printans - ohne Text
Der Text, den Claude Le Jeune in seinem Stück vertont hat, stammt von Jean-Antoine de Baïf, einem französischen Dichter, der seine Verse wie oben beschrieben gegliedert oder es zumindest versucht hat: nach Längen und Kürzen, in wechselnden Kombinationen, wie es die französische Sprache eben für ihn hergab.
In der Vertonung kann man die unterschiedlichen Silbenlängen auch dann besonders gut hören, wenn der Text fehlt, wie zum Beispiel in der Instrumentalversion gleich unten im Hörbeispiel. Die Gliederung in lange und kurze Silben ist nicht streng nach Schema. Es gibt zwischendurch Verzierungen, die das Ganze auflockern. Die Grundbewegung mit ihren auffälligen Längen und Kürzen zeichnet sich aber, denke ich, beim Hören deutlich ab:
https://www.youtube.com/watch?v=r3_a0mxFwLA&list=RDr3_a0mxFwLA&start_radio=1 (Abre numa nova janela)Wie sich die Musik aus unterschiedlichen Bausteinen zusammensetzt, kann man am vorigen Beispiel ebenfalls gut hören: Da ist der einfache, leichtfüßige, aber auch sehr einprägsame Rhythmus. Dazu kommt die schmiegsame Melodie in meist kleinen Tonschritten, jedenfalls in der Oberstimme. Nie in den Vordergrund drängt sich die Harmonie, die trotzdem eigene Akzente setzt und dem musikalischen Ganzen unkompliziert ein bisschen Fülle und Glanz verleiht.
Außerdem erkennbar ist, wenn Du genau hinhörst, im wiederkehrenden Refrain, mit dem das Stück auch gleich losgeht, eine Stimme, die sich nicht an den allgemeinen Rhythmus hält. Ihre Melodie ist wendiger, zügiger und schmuckvoller. In der Gesangspartitur ist es der Taille genannte Tenorpart.
In den Strophen hören wir unterschiedliche Besetzungen und eine noch freiere Gestaltung der Silbengliederung als im Refrain.
Außerdem interessant: Das Verhältnis von langen zu kurzen Notenwerten ist 2:1; dieses Verhältnis ist beim Morsen, soweit ich sehe, anders festgelegt.
Der Rhythmus gliedert diese Musik auch ohne den Text in so auffälliger Weise, dass er sich weit in den Vordergrund der Wahrnehmung schieben kann. Wer versucht, beim Hören Takte zu identifizieren, wird sich allerdings evtl. schwertun. Es sollte ja der Text sein, der die Gliederung nach Länge der Silben vorgibt. Von den Silben ausgehend ergeben sich dann größere Gliederungseinheiten, zum Beispiel Takte, wenn man so will, allerdings in unterschiedlicher Länge. Auch ohne den Text wirkt die Musik dadurch schon sprachähnlich.
Revecy venir du Printans - mit Text
Es mag sein, dass der Sinn des Stücks sich nur gemeinsam mit dem Text voll erschließt. Vielleicht muss man sogar, wie der Komponist, vom Text ausgehen.
Den Schwung aber, den einem der Frühling geben kann, stellt der raffinierte Rhythmus dieser Musik zusammen mit der eingängigen Melodik und der Harmonie, die nirgends stört, auf ganz selbständige Weise dar; er spricht mich einfach direkt und unmittelbar an. Der Text deutet und vereindeutigt, so gesehen, den rhythmischen Schwung, und er bringt ihn auf den Begriff:
https://www.youtube.com/watch?v=dw0prFSsOqA&list=RDdw0prFSsOqA&start_radio=1 (Abre numa nova janela)Der Text ist in einem sehr schönen, alten Französisch geschrieben, das ich zwar genießen kann. Aber vollständig übersetzen kann ich es nicht. Den französischen Text mit einer Übersetzung ins Englische gibt es hier (Abre numa nova janela). Eine Übersetzung ins Deutsche habe ich nicht gefunden. Und vom Englischen aus will ich nicht ins Deutsche übersetzen. Deswegen hier nur ein paar hoffentlich genügend genaue Anmerkungen, worum es im Text geht:
Der Text beginnt mit einem zweizeiligen Refrain (dem Rechant, wie es in einer neueren Partitur heißt). Auch formal stimmig heißt es dort, der Frühling ist wieder da, die verliebte und schöne Jahreszeit.
Zwischen den Wiederholungen des Refrains gibt es mehrere sieben- bzw. achtzeilige Strophen bzw. am Ende eine vierzeilige (den Chant).
In der ersten Strophe wird das klarer werdende Wasser auf dem Weg zu einem sich beruhigenden Meer beschrieben, dazu eine Ente, die sich im Wasser wäscht, und ein davonfliegender Kranich.
Die zweite Strophe schildert das Schattenspiel unter den Bewegungen einer Wolke. Von der Arbeit der Menschen ist die Rede, und von der wieder ergrünenden und erblühenden Landschaft.
In der dritten Strophe werden die Frühlingsgefühle besungen, die der Sohn der Venus in allen Kreaturen auslöst: Alle schmelzen nur so dahin...
In der vierzeiligen letzten Strophe heißt es: Die ganze Welt lache im Frühling vor Freude. "Lasst uns diese glückliche Jahreszeit feiern."
Weitere Aufnahmen, die schönste zum Schluss
Hier gibt es eine etwas anders arrangierte Aufnahme des Stücks:
https://www.youtube.com/watch?v=HUgV45Ht8A4&list=RDHUgV45Ht8A4&index=1 (Abre numa nova janela)Unter Leitung von Lili Boulangers Schwester Nadia findet sich ebenfalls eine Aufnahme. Achtung, sie ist vergleichsweise schwerfällig. Das muss man nicht mögen. Man hört ihr den Geschmack einer anderen Zeit an:
https://www.youtube.com/watch?v=YaKW6eRkOU8&list=PLbRb1zuerkyubq4A4L7x8sdHmgN_wwGsR&index=23. (Abre numa nova janela)Die stimmlich schönste Aufnahme ist für mich die folgende - die dezente Kameraarbeit hilft ein bisschen beim Hören der Einzelstimmen ohne Partitur:
https://www.youtube.com/watch?v=PNybWDjM6U0 (Abre numa nova janela)Viel Freude beim Hören!
Hier gibt es ein paar Einspielungen des Stücks auf Spotify (Abre numa nova janela).
Herzliche Grüße aus Bamberg 👋🏻
Michael ☕️
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