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Angrenzungen

Heute bist die die Grenze, da du nach den ersten Sätzen entscheiden musst, ob du weiterliest. Noch baust du eine Brücke von einem Satz zum nächsten, weiter und weiter. Oder war ich das? Wo meine Gedanken aufhören, bilden sie eine Grenze – oder eine Ergänzung? – zu deinen. Habe ich Glück, wird die Grenze zwischen unseren Gedanken durchlässiger.

Vielleicht aber hat es mit Glück nichts zu tun.

Ich werde dich nicht mit Ausführungen langweilen, woher das Wort „Grenze“ kommt, welche Bedeutungen es hat. Eine Grenze ist eine gedachte Linie … Was soll‘s? Wichtiger wäre zu erfahren, wer sie denkt. Wer sie zieht, sobald sie gedacht ist. Wer sie beachten muss und wer sie immer wieder verschieben kann. Denn es spielt eine Rolle, wer sich auf welcher Seite der Grenze befindet. Natürlich tut es das. Glücklich, wer sich darüber nicht allzu viele Gedanken machen muss.

Eine Person steht an einer Küste im Sonnenuntergang und liest eine Tafel.

Oban, Schottland, August 2018

Ich soll philosophieren und beweisen, dass noch nicht alles über Grenzen gesagt worden ist, doch habe ich nur meine eigenen kleinen Angrenzungen in Kopf, meine Sprachen, Orte, Definitionen.

Fast hätte ich mich einen Text lang um die Frage gedreht, warum wir Grenzen immerzu negativ definieren. Positiv erscheinen sie uns nur, wenn sie sinnlos, geradezu lächerlich überflüssig sind. Wenn wir über sie hinwegsehen, wenn wir sie nicht einmal bemerken, manche von uns zumindest.

Wir verteidigen Grenzen, weil wir selbst Grenzen sind. Wir kennen es nicht anders. Schon als Embryo grenzen wir uns ab, grenzen uns irgendwann raus, grenzen uns ab mit der Zeit, noch weiter, noch ferner, grenzen an die Grenzen anderer. Wir sind Angrenzungen, stehen an fremden gedachten Linien, suchen Einlass, möchten eine Rolle spielen. Irgendeine. Ein Leben lang – und sei es nur für die Länge einer Begrüßung.

“Ich bemühe mich sehr darum, gesehen zu werden.” Nicole Krauss, Die Geschichte der Liebe, übers. v. Grete Osterwald

Hast du schon einmal versucht, internationale Politik zu verstehen, und bist den einfachen Weg gegangen? Hast Menschen, deren (vermeintliche) Heimat es ist, gefragt, ob sie es dir erklären können? Hat es dich weitergebracht? Hast du sie gefragt, ob sie sich fremd fühlen, dich gefragt, ob deine Frage sie zu Fremden macht?

Denkst du über andere auf diese Weise nach?

Ich notiere, dass Grenzen bloß Marker sind, Symptome für etwas anderes, aber mir fallen dann doch wieder nur die gleichen kleinen Alltagsgrenzen ein. Sie erschöpfen mich. An diesen Grenzen bin ich es, die angreift, die verteidigt und die in einem Moment, in dem niemand zusieht, hindurchschlüpfen möchte. Alles gleichzeitig, immerzu.

Ich wollte große Gedanken und gute Schlüsse, mir selbst beweisen, dass ich noch etwas über Grenzen denken kann, das ich nie zuvor gedacht habe. Doch ich habe zu oft über Grenzen geschrieben. Als es auf etwas ankam, hatte ich nichts mehr. Ein ganzer Essayband voll von Grenzen liegt hier in meiner Schublade (Opens in a new window)… Nein, ich kann nichts Neues darüber denken.

Selbst wenn mir ein guter Einfall gekommen wäre, wer weiß, ob du noch da bist. Ohne dich haben Gedanken wie Grenzen keine Bedeutung. Ich weiß nie, wie oft ich gescheitert bin. Mit dieser Ungewissheit muss ich leben.

Vielen Dank wenn du mitliest. Bis in zwei Wochen!

Kristina

Beischrift

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Topic Alltag & Politik

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