Seit Tagen hängen graue Wolken über Köln. Es regnet nicht, doch Menschen mit einem Auge auf die Wettervorhersage sagen, dass es noch passieren wird. Ich bin im Zug nach Berlin, in meinem Sechserabteil sitzen außer mir eine Mutter mit drei Kindern sowie eine alleinreisende Frau. Die Kinder spielen UNO, schauen Trickserien, streiten und vertragen sich wieder. Das älteste Kind lernt französische Verbkonjugationen und wird von seiner Mutter abgefragt. Es irritiert mich, denn die Familie spricht französisch. Lernen Kinder so etwas nicht automatisch, nebenbei, ohne Rücksicht auf Regeln zu nehmen? Dann höre ich bei der Mutter einen leichten Akzent heraus. Vielleicht (Opens in a new window).
Köln, August 2008 © Kristina Klecko
Ich schäme mich ein wenig, diese Zeilen aufzuschreiben. Fühle mich unwohl damit, den Alltag fremder Menschen zum Hintergrund des eigenen Umherirrens zu machen. Andererseits werden Schriftsteller*innen angewiesen, zu beobachten und das Beobachtete zu verschriftlichen.
“(…) notieren Sie Dinge, wenn sich die Gelegenheit bietet. Bilder, Geistesblitze, aufgeschnappte Wortwechsel, Adressen, Skizzen – alles, was irgendwann in einem Satz landen könnte.” Colum McCann, Briefe an junge Autoren, übers. v. Thomas Überhoff
Da ist keine Rede von Scham. (Im Übrigen ist es kein Hintergrund, sondern der Vordergrund dessen, was ich sagen möchte.)
Mir fällt ein, was ich vor Monaten auf Instagram gelesen habe. Eine Schriftstellerin sagte, dass sich Schreibende ihr Leben lang an zwei oder drei Themen abarbeiten. Es schien mir wenig – und langweilig. Sagte nicht die Autorin Nicole Krauss (Opens in a new window), wer schreibt, könne verschiedene Leben führen und viele Personen sein?
Das stimmt.
Autor*innen bauen sich eine Welt aus dem, was sie vorfinden und aus dem, was sie vorfinden möchten. Für die Dauer des Schreibens leben sie in dieser Welt. Früher oder später aber setzen sie den letzten Punkt und geben das Geschriebene weiter. Ab dann haben sie keinen Einfluss mehr darauf, was andere aus ihren Texten machen, wie sie diese verstehen und missverstehen.
“Mit den Reaktionen der Kritik und der Leser auf seinen Roman war Tolstoi in höchstem Maße unzufrieden. Mit Krieg und Frieden hatte er den Menschen seine Philosophie der Gewaltlosigkeit nahebringen und sie auf die wahren ewigen Werte des Lebens hinweisen wollen (…). Doch die Leser wollten keine Philosophie, sie wollten Liebes- und Gewaltszenen (…).” Wladimir Kaminer, Tolstois Bart und Tschechows Schuhe
Nach dem Schreiben werden Autor*innen aus dem Paradies, in dem Wunsch und Wirklichkeit übereinstimmen, vertrieben und stehen wieder in ihrem einzigen gewöhnlichen Leben. Es ist ihre Vorstellungskraft, die sie dahin bringt, wo sie sein wollen, aber wo sie sein müssen, entscheidet das Leben – und in diesem Leben suchen ihre zwei oder drei Themen sie immer wieder heim. Denn anders als Plots sind Themen nichts, wofür sich Autor*innen bewusst entscheiden, Themen werden ihnen vorgegeben.
Ich beobachte die alleinreisende Frau, die mir im Abteil gegenüber sitzt. Wir arbeiten uns doch alle ein Leben lang an zwei oder drei Themen ab. Was tun aber Menschen, wenn sie nicht darüber schreiben?
“Es gibt kein schlimmeres Leid, als eine unerzählte Geschichte in sich herumzutragen.” Zora Neale Hurston, zitiert von Colum McCann in Briefe an junge Autoren, übers. v. Thomas Überhoff
Ich ahne die Themen der Schriftsteller*innen, die ich bewundere, wenn ich ihre Bücher lese. Ich ahne meine Themen bis in die winzigste Notiz in meinem Ideenbüchlein (Opens in a new window). Ich ahne die Themen der Menschen, die bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein von ihrem Tag erzählen und sich über Umwege in alte Verletzungen und Enttäuschungen entfernen. Ihre Augen an eine Zeit vor mir geheftet. Ich, nur noch Hintergrund für ihr Umherirren.
Danke, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen.
Kristina
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.