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Kannst du doch

Collage, eine Buchseite, darüber der Umriss einer Person, auf braunem Hintergrund.
Collage Ausschnitt Juni 2026 © Kristina Klecko

Es ist Sonntag, du backst Kuchen. Mehl ist abgewogen und gesiebt, Zucker und Vanillezucker rieseln in die Schüssel, Flüssigkeit wird hinzugefügt. Mixen. Vielleicht rührst du Kakaopulver unter und beobachtest, wie aus sanftem Gelb schokobraune Masse wird. Kurz bevor du den Teig in einer Backform verteilen kannst, stürmt jemand in die Küche, reißt dir den Schneebesen aus der Hand und ruft: „Lass das, du bist kein*e Konditormeister*in!“

Die wenigsten Menschen haben beim Backen Angst, dieses Szenario zu erleben, aber nehmen wir einen Pinsel oder einen Kugelschreiber in die Hand, beginnen also mit einer künstlerischen Tätigkeit, fürchten wir plötzlich, aus der Küche geworfen zu werden.

Lass das, du kannst das nicht.

Der Satz ist keine Zustandsbeschreibung, keine Ermutigung, kein „noch“ kann sich zwischen die Wörter* drängen. Der Satz ist eine Warnung.

Wer im Museum steht und heimlich denkt, das kann ich auch, macht sich lächerlich. Kannst du nicht, sagen lustige Memes im Internet. Es stimmt. Du kannst etwas Vergleichbares versuchen und es wird nicht genau das werden, was du vor dir oder in dir siehst. Sehr wahrscheinlich wird das, was du schaffst, nicht so bald im Museum hängen. In dieser Lesart des Satzes stimmt es: Du kannst das nicht.

Nur: Irgendjemand hat es gekonnt. Mehrmals. Die Kunstgeschichte ist voll von der Widerlegung dieses Satzes.

Lass das, du kannst das nicht.

Als das Tagebuch und Briefeschreiben als (literarische) Ausdrucksform Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aufkam, war die offizielle Kritik skeptisch,

„(…) da sie sowohl einen Wertverlust als auch eine Verflachung des Erzählens durch laienhafte Literaturproduktion und -rezeption befürchtete.“

Kerstin Gebauer, Mensch sein, Frau sein. Autobiographische Selbstentwürfe russischer Frauen aus der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs um 1917

In ihrem Buch Body Work über das Erzählen persönlicher Geschichten, etwa in Memoiren, beschreibt Autorin Melissa Febos ihre Schwierigkeit, eigene Erlebnisse als Gegenstand von Literatur anzuerkennen. Sie könne nicht über sich schreiben, weil sie doch eine ernsthafte Autorin, eine Intellektuelle sei! Memoiren, so Febos, gelten auch deshalb als mindere Literatur, weil unsere Welt Literaturproduktion, und viele andere Dinge, entweder Emotionen oder Intellekt zuordnet und Emotionen dabei als weniger wertvoll, weil natürlich bewertet. Emotionen muss man nicht können, sie passieren.

„Mein Großvater Jakow hat (…) weder Tagebücher noch Erinnerungen hinterlassen. Er starb Anfang 1957, noch vor jener Epoche, in der einige seiner Zeitgenossen Memoiren zu schreiben begannen. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, dass mein Großvater, hätte er länger gelebt, seine Erinnerungen niedergeschrieben hätte. Er war ein sehr bescheidener Mensch, immer an sich selbst zweifelnd, und überdies nahm er Literatur und Text sehr ernst.“

Irina Scherbakowa, Die Hände meines Vaters. Eine russische Familiengeschichte, übers. v. Susanne Scholl

Sind Bücherregale voll von Memoiren unbescheidener Texter*innen, die nie an sich zweifeln und Literatur nicht ernst nehmen?

Oft bereuen wir, dass wir den Geschichten unserer Großeltern nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben, als wir jünger waren und sie diese noch erzählen konnten. Wir bereuen es, nicht mehr Fragen gestellt zu haben, selbst dann, wenn es noch möglich ist. Große Fragen sind für den kleinen Alltag manchmal zu überwältigend. Wie fragt man nach einem Leben?

Gleichzeitig kann jede Antwort, die zur Erzählung wird, eine Brücke sein. Als ich in Scherbakowas Buch von der Typhus-Epidemie in der Sowjetunion der 1920er Jahre las, fielen mir die Erzählungen meiner Urgroßmutter ein. Ich überschlug die Jahre, es könnte die gleiche Epidemie sein, über die Scherbakowa schrieb. Meine Urgroßmutter erzählte, dass die gesamte Familie an Typhus erkrankt war, erzählte wie durstig die Krankheit sie gemacht hatte, aber dass irgendwann kaum noch jemand aufstehen konnte, um Wasser zu holen. Damals klang es abstrakt, unheimlich, dunkel, ähnlich unvorstellbar wie die Beschreibung sogenannter „Wohnhöhlen“, in denen die Familie bis zur Nachkriegszeit lebte. Oder war das eine andere Geschichte?

Ich hätte mir gewünscht, meine Urgroßmutter hätte Memoiren hinterlassen!

Lass das, du kannst das nicht.

Die Kulturgeschichte ist voll von Erzählungen der Menschen, die ermahnt wurden, nicht an der Vergangenheit zu zerren, keine alten Wunden aufzukratzen, keine schlafenden Hunde zu wecken, die Büchse der Pandora nicht zu öffnen. Jenseits des Schweigens, des Vergessens und Verdrängens läge keine Wahrheit, sondern das Unheil, welches, einmal freigesetzt, alles niederreißt und vernichtet.

„Diejenigen, die von den Ungleichheiten unserer Gesellschaft profitieren, widersetzen sich den Erzählungen der Menschen, deren Leid zum großen Teil den Strukturen unserer Gesellschaft geschuldet ist.“

Melissa Febos, Body Work, eig. Übers.

Die Kulturgeschichte ist glücklicherweise trotzdem voll von Erzählungen der Menschen, die dennoch gezerrt, gekratzt, geweckt, geöffnet haben.

„Nach dem Abendbrot dachte ich darüber nach, dass es immer möglichst viele Zeugenberichte geben sollte, weil nur wenige Texte in die Zukunft vordringen. (…) Die eigenen Versuche sind der Einsatz, um die Chance aller zu verbessern.“

Daria Serenko, Mädchen und Institutionen. Geschichten aus dem Totalitarismus, übers. v. Christiane Körner

Du kannst das doch.

Der Satz ist eine Warnung.

Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen.

Viele Grüße

Kristina

*Im ersten Entwurf schlich sich ein Tippfehler ein und es hieß Wärter. Fasst passend.

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Topic Essays

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